In der Zeitschrift "Stern" 10/2011 vom 03.03.11 gibt es Extraseiten zu 125. Jahren des Automobils. Es gibt ein Zitat eines autovernarrten deutschen Kanzlers, der die Motorisierung als "eine der entscheidensten Umwälzungen" "seit Beginn des menschlichen Kulturlebens" lobpreist. Den Autokonzernen würde ich den Abdruck in Werbeprospekten abraten, das Zitat ist aus dem Jahr 1936.
Der Daimler-Chef Dieter Zetsche sagt im Interview auf den Seiten 82-83, die schnell wachsenden Megastädte seien problematisch, dort müsse der öffentliche Verkehr gestärkt werden. Es müsse nachgedacht werden, ob jeder, der ein Auto nutze, dieses auch besitzen müsse (in einer Zeitung las ich kürzlich, dass Autokonzerne demnächst stark in Car-Sharing einsteigen wollen). In einigen Städten wie Tokio verliere das Auto die Rolle als Statussymbol. Die Stadtentwicklung müsse versuchen, weniger Verkehr zu erzeugen, indem das Leben und Arbeiten "wieder näher zusammenrücken".
Zetsche bemerkt, dass die Grünen vor 20 Jahren grundsätzlich gegen das Auto waren, heute seien sie gegen Emissionen und verstopfte Straßen, was sie nicht mehr von ihm unterscheide. Ihm als Ingenieur muss klar sein, dass ein System, in dem jedes Fahrzeug mit 1,1 Personen belegt ist und Sicherheitsabstände behalten muss das Mehrfache des Platzbedarfs effizienterer Verkehrssysteme benötigt. In Megastädten (dem kommt Berlin in Deutschland am nächsten) bringt der Autoverkehr keine Lösung des Stauproblems, technisch völlig unmöglich. Wenn es so ist, sollte man am besten gleich auf sämtliche Straßenausbaupläne in den Ballungsgebieten verzichten, darunter meine ich auch die A100. Nicht einmal für die Reparaturen bestehender Straßen gibt es noch genug Geld.
Da wäre es besser den Ausbau zu unterlassen und zu versuchen die Verkehrsströme entweder zu verlagern oder umzulenken, was aber natürlich auch nicht ganz einfach ist, denn nichts ist so unvorhersehbar wie eine Horde von Individuen.
Im ÖPNV fahren die Pendler nicht strikt nach Befehl, das System bietet nicht weniger Individualität als das Autofahren, dafür mehr Kapazität bei vergleichbarer Beanspruchung der Ressourcen. In London ist das Umlenken auf betriebswirtschaftlich korrekte Weise gelungen. (Zum 04.01.11 wurde die City-Maut erhöht.) Warum verzichtet die klamme Stadt Berlin auf diese Einnahmenquelle? Im Konzept der EU Single European Transport Area ist genauso von den City-Maut-Einführungen die Rede wie auch von der Verlagerung der Hälfte des Autoverkehrs auf den ÖV bis 2050.