von Klarenbach: Also der geistige Vater einer autofreien Straße Unter den Linden ist Wilhelm von Boddien. Der drängt schon seit Jahren auf eine Herausnahme des Autoverkehrs aus diesem Bereich, damit das Humboldt Forum wieder einen direkten Bezug zum Lustgarten bekommt.
Das stimmt so nicht. Boddien hat sich zwar immer für eine Schließung des Bereichs zwischen Schloss und Lustgarten stark gemacht, so weit richtig, aber bei gleichzeitiger Führung des Verkehrs von den Linden kommend über Schlossfreiheit und Schlossplatz. Von einer Stilllegung der kompletten Linden hat Boddien NIE gesprochen.
Im Übrigen halte ich das ganze für eine echte Schnapsidee. So wie der Quatsch vom Freibad am Schloss, selbes Horn in das da gestoßen wird: Man versucht in antibürgerlicher Tradition verkrampft Volkstümlich-proletarisches, also rumlatschen in der Füßgängerzone oder den Wanst auf der Liegewiese in die Sonne strecken (mach ich auch gern, aber sicher nicht hier!!) in das repräsentative Herz der Stadt auf Teufel komm raus zu zwingen. Das ist so als zwänge man den Opernbesucher in Unterhemd und Turnschuhen zu kommen. Im Augenblick darf er es wie er will, kann aber auch im Smoking kommen wenn es ihm beliebt. Und das ist m.E. auch gut so. Eine Stilllegungsidee der Linden ist mir viel zu radikal. Persönliche Meinung, muss keiner zustimmen.
ElleDeBe oder Ben, um nur einige zu nennen haben hingegen ganz objektiv dargelegt, warum die Idee wirklich blöd ist: Dass der Verkehr erst recht auf die Leipziger flösse und damit die Grunerstraße betrifft dürfte doch klar sein. Ebenso dass die Linden schon längst eine Flaniermeile SIND. Nicht zum Schaufenster gucken, sondern einfach nur lustzuwandeln, den Blick aufs Tor oder aufs Schloss gerichtet, wie es einfach immer war, es gibt sogar schon schöne Kleihues-Kioske für Wurst und Bier. Reicht das nicht? Die beiden Blicke auf Tor und Schloss hat man ohnehin nur auf dem dafür vorgesehen Spazierweg in der Mitte, nicht etwa von den Fahrspuren! Viele haben glaube ich den Lindengesäumten Sandreitweg mit den Parkbänken völlig vergessen, weil da ja auch seit gefühlten 100 Jahren die Kanzler-U-Bahn gebaut wird...
Zumindest die Doppeldecker und Taxen sollten noch fahren dürfen, warum nicht auch Privat-PKW und Fahrräder - die Linden sind das Zentrum einer Millionenmetropole, da gehört genau hier auch Verkehr dazu, schon stadtmythologisch...siehe die geilen Regenfotos aus den Zwanzigern mit den sich spiegelnden Scheinwerfern! Muss ja nicht immer so schwarz-weiß gesehen werden. Ne Autobahn sind die Linden im Augenblick genauso wenig, wie dass sie radikal zu einer reinen Latschmeile werden müssten!
Es gibt wirklich keine guten Argumente, HIER, ich betone HIER eine reine F-Zone einzurichten. Noch dazu wenn die Läden erst her müssten ist es in sich sinnlos. Andere F-Zonen waren wenigstens vorher schon Einkaufsmeilen. Die despektierliche Schreibweise ist pure Absicht und dürfte meine Haltung zu derlei "Fortschritt" an dieser Stelle widerspiegeln
Woanders wie in der Wilmersdorfer mag das funktionieren. Aber das ist auch eine gewöhnliche Einkaufsstraße. So wie JEDE F-Zone in der gesamten Republik eine gewöhnliche Einkaufsstraße ist. Inklusive des Miet-Spitzenreiters Kaufingerstraße in München, auch sie wurde zu einer solchen Einkaufsstraße "degradiert" (gut, war 1972 Republikweit die erste, da wusste man's noch nicht genau)!
Ich geh (mangels Penunze theoretisch) lieber in die Maximilianstraße. So blöd das klingen mag, aber auch die Autos auf der Straße "flanieren" hier gewissermaßen. Auch wenn ich keinen Porsche fahre, soll ich das nun aus lauter Neid und Humorlosigkeit verbieten? Bei den Linden wäre hier sicher weniger der Porsche das Motiv (die fahren eher von hübschen Russinnen gelenkt auf dem Ku'Damm), sondern ein stets pubertär anmutender Hass auf alles Bürgerliche (was die hübsche Porsche-Russin womöglich weniger repräsentiert als etwa ich selbst). Ein Bürgertum, welches in den Linden nun mal "seine" Straße sieht - als Refugium ohne H&M, Pimkie, C&A, McDoof und sonstigem Zauber aus den Einkaufsstraßen der Republik. Einen Ort zum gerne Zeigen und Identifizieren.
Die Linden funktionieren so (noch besser als das Tor wirklich noch "offen war):
In der Mitte flaniere ich, auf der Straße "führe" ich entspannt mein Gefährt gen Schloss oder Tor in einem angenehmen Zug. Gewissermaßen ein "Transitraum", aber so wie der 17. Juni oder die Stalinallee ein edler und schöner, mit Vergnügen zu durchfahren. Für einen Ladenbesuch hält bei solchen Achsen heute kein Mensch im Auto an. Nur Fußvolk geht in die Läden. Dieses edle und schöne Fahr-Erlebnis für den sowohl befahrradeten als auch motorisierten Berliner himself würde zugunsten von mehr Touri-Latschfläche geopfert werden. Tot. Verramscht. Verschwendet.
Eine F-Zonen-Degradierung ist für mich, da man solches scheinbar nicht bedenkt, eine klare Ablehnung von Berlinern selbst aus Neid, Komplexen, Intoleranz, Plumpheit oder Humorlosigkeit. Kaschiert natürlich mit besonders humorigen, lockeren hey party people Ideen wie etwa dem besagten Freibad und jetzt eine Latschmeile. RRG in Berlin heißt wirklich superlinks, das muss man auch wissen, soz. "Kretschmann-Antipoden", trotz verhältnismäßig maßvoller aber kraftloser SPD. Sog. "Superlinken" Berliner Prägung fehlt ganz oft Humor, Kompromissfähigkeit und vor allem ein Gefühl für Großzügigkeit(!), auch hier muss keiner zustimmen - meine alleinige subjektive Erfahrung, simple Rechnung. Berlin nun freue Dich!
Wäre also ein super Einstand, wenn DAS das erste von RRG würde....dann bitte auch einen Spielplatz mitten in den Lustgarten, einen Streichelzoo anstelle der Bauakademie und bitte bitte Ramsch-Nippes-Fress-Container ähnlich würdig wie am Holocoust-Mahnmal. Klingt verrückt? Polemisiere ich? Wie weit ist ein Freibad von einem Spielplatz oder einem Streichelzoo entfernt? Und das Bad wurde ernsthaft diskutiert! Die Buden gibt es und sie müssen bald weg - das Schlossumfeld erscheint mir fast weniger heikel dafür als am Mahnmal. Also 99% anstatt 100% daneben.
Fazit: Müller sollte ganz schnell staatsmännisch solchen Schwachsinn vom Tisch wischen, wenn man ihn wieder wählen soll. Kinder an die Macht ist ein nettes Liedchen, sollte aber Fiktion bleiben...