Naja, das 'dicke Vollziegelmauerwerk' hat eher mentale als praktische Vorteile. Wenn es heute nicht mehr angewendet wird, liegt das auch weniger an dessen noch immer zeitgemäßen Eigenschaften, als an der mangelnden Wirtschaftlichkeit. Die hohen Räume waren gerade in den Anfangsjahren vor allem der Belle Etage des Vorderhauses vorbehalten und hatten rein repräsentativen Charakter. Dass sie später auch auf andere Geschosse ausgeweitet wurden, bedingt sich - genau wie die hohen Fenster - aus den bei der üblichen Überbelegung erforderlichen hygienischen Mindestanforderungen an Belichtung und Belüftung. Damals gab es noch allerhand verheerende Zivilisationskrankheiten, die durch die Luft übertragen wurden. Kaum ein gründerzeitlicher Bauherr hat aus anthroposophsichen Gründen besonders hohe Decken errichten lassen.
Abgesehen davon sprach ich von den damaligen Mängeln. Du erwidert das mit der Beschreibung der späteren Situation. Mangelnde sanitäre Einrichtungen oder Öfen waren damals keine Probleme. Die lagen eher in der ungenügenden Beherrschbarkeit der Wohnraumversorgung mit dem Gründerzeitmodell, in den teils unwürdigen Verhältnissen, die das Wohnen und Arbeiten auf engstem Raum generierten (nix mit PC im Arbeitszimmer), in der oft mangelnden Erhaltung der Häuser, die aus überzogenem Profitstreben damaliger Eigentümerverhälnisse resultierte, im erhöhten Verschleiß, der vor allem der Überbelegung und der vielfältigen gleichzeitigen Nutzungsarten geschuldet war und in der Weise, wie Arbeitskraft von Menschen (und Tieren) ausgebeutet wurde. Ich weise in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Häuser üblicherweise ein Jahr lang extrem TBC-gefährdend trockengewohnt wurden und dass viele Wohnungen anfangs nicht einmal abgeschlossen waren. Häufig teilten sich mehrere Familien einen Flur, nach vorne raus die Stuben, nach hinten die Küchen. Das gilt im Besonderen für Gegenden wie den Prenzlauer Berg. Dass die Verhältnisse in z. B. Charlottenburg von Anfang an größtenteils andere waren, ist auch nicht weiter verwunderlich, hier residierten eben häufig die Leute in ihren vornehmen Häusern, die die Verhältnisse andernorts zwar zu verantworten hatten, aber selbst nicht ertragen wollten. Nicht zufällig geht die relativ späte Blütezeit der vornehmen Viertel mit der Aufgabe des Eigentümer-/Belle-Etage-Bewohner -Modells einher. Dazu findet sich hier auch einiges: http://www.deutsches-architektur-forum.de/forum/showthread.php?t=7513
Ich will die heutigen Vorteile, die die sanierten, entkernten, äußerlich dauerhaft konservierten und in der Nutzung und Zielgruppe stark gewandelten Bauten jener Zeit bieten, nicht in Abrede stellen! Ich genieße sie derzeit selbst. Mir leuchtet aber nicht ein, warum immer wieder Leute auf den Plan treten, die sich aus der heutigen Wertschätzung heraus bemüßigt fühlen, die Geschichte zu ignorieren oder gar meinen sie verfälschen zu müssen.
Aber ich verstehe, ein etwas realistischerer Blick hat so seine Tücken, vor allem, was die Forderung nach Reproduktion derartiger Bauten angeht.
Was Du in Sachen 'mündiger Bürger' schätzt, Chandler, ist ziemlich unerheblich. Was verlangst Du? Sollen sich Behörden um die Befriedigung Deines Anspruches an Attraktivität und Repräsentation kümmern? Fantasie und Gefühl sind natürlich nicht die Haupteigenschaften eines Bauherren. Das ist zwar schade, galt aber auch schon vor 120 Jahren. Oder was ist an der beliebigen Kombination bekannter Stilelemente besonders gefühlvoll? Dass sie den niederen Willen zu Verklärung befriedigen? Wirklich interessante Entwicklungen à la Jugendstil blieben unter dem bauenden Pöbel auch die Ausnahme, vorrangig auch aus Kostengründen! Wenn der Wert der Arbeitskraft heute in einem völlig anderen Verhältnis zu den Baukosten als früher steht - was vor allem soziale Gründe hat - dann fällt es eben erst recht schwer, 'Schönheit' behördlich zu diktieren. Und da ich ja augenscheinlich schon eine andere Meinung zu dieser Schöbnheit besitze ist es fraglich, ob irgend ein Amtsstuben-Wärmer mit Deinen ästhetischen Ansichten 100-prozentig konform geht ;). Kannst Du Dir vorstellen, dass anonyme Bauherren heute oft Quadratmeterpreis-Obergrenzen für die Fassade ihrer energetisch tollen Kuben veranschlagen? Leider! Mit Fantasie dürfte dem nur schlecht beizukommen sein.