Hier einmal ein paar Impressionen, wie es derzeit vor Ort aussieht.
Zunächst der nach dem Großbrand sanierte Ostflügel vom "Platz Werdener Feintuchwerke" aus gesehen [Bild 1]:

Quelle: eigenes Bild
Ansicht von Nordosten [Bild 2]:

Quelle: eigenes Bild
Giebelrelief mit Inschrift [Bild 3]:

Quelle: eigenes Bild
Ich möchte Euch an dieser Stelle ein paar Stichworte zur Baugeschichte dieser spätbarocken Klosteranlage nennen:
West- und Südflügel wurden 1750 von Abt Benedikt von Geismar (1728 - 1757) begonnen, die Inschrft nennt keine Jahreszahl der Vollendung. Der Nordflügel enstand während der Regierungszeit von Abt Anselm Sonius (1757 - 1774) und wurde 1764 vollendet. Erst der übernächste Abt, Bernhard Bierbaum (1780 - 1798), hat den Ostflügel errichten lassen. Die Inschrift im Giebel [Bild 3] lautet aus dem Lateinischen übersetzt: Der Abt Bernhard, welcher vom Himmel begünstigt [diesen Bau] glücklich von den Fundamenten aus [1783] begonnen hat, der hat ihn auch [im Jahre 1785] glücklich vollendet.
Die Abtei wurde 1802 säkularisiert - der letzte Abt ging nach Düsseldorf ins Exil - und wurde nach einer kurzen Zugehörigkeit zum französischen Großherzogtum Berg 1816 preußisch.
Die Konventsgebäude waren überflüssig geworden, ca. 1811, so schreibt der letzte Konventuale der Abtei Werden "...zerfiel von allen Seiten das prächtige Abteigebäude. Dasselbe, nicht ohne große Kosten, zwecklos zu unterhalten, war ebenso unverantwortlich, als es ohne Noth einstürzen zu lassen. Demnach wurde nach einer von dem Minister Herr[n] Graf Nesselrode [Napoleons Minister im damaligen Großherzogtum Berg] und dem General Damas vorgenommenen Besichtigung der Plan genehmigt, das kolossale feste Gebäude in eine Zuchtanstalt umzuwandeln."
Zuchthaus blieben die Gebäude ca. 120 Jahre lang. Im Zuge dieser Nutzung wurden einige Gebäude hinzugefügt (die sogen. Preußenflügel, der Nordflügel ist erhalten, der Südflügel wurde 1969 niedergelegt), der Abteihof durch eine hohe Gefängnismauer zerteilt und u.a. der Ostflügel um ein Stockwerk aus Backstein aufgestockt, die Fenster verkleinert und vergittert, etc.
Der Giebelstein mit der Widmung musste weichen, er stand 1969 noch im Innenhof der Folkwangschule am Turm des südlichen Preußenflügels [Bild 4], wurde später in die rechte Seitenwand des Torgebäudes eingemauert und im Zuge der Errichtung der Werdener Schatzkammer bzw. Restaurierung des Ostflügels - Abtragung des oberen Stockwerks und Rekonstruktion des ursprünglichen Daches - gegen Ende der 1970er Jahre wieder an seine ursprüngliche Stelle verbracht. Dass der Bau 100 Jahre lang wirklich wie ein Gefängnis und nicht wie die repräsentative Residenz einer der ehemals reichsten und bedeutendsten deutschen (Benediktiner-)Abteien aussah, ahnt heute niemand mehr.
Abteihof in den 50er/60er Jahren mit dem Giebelrelief des Ostflügels am südlichen Preußenflügel [Bild 4]:
Abteihof
Quelle: WN - Werdener Nachrichten Nr. 21 vom 28. Mai 2010. Dort keine weitere Quellenangabe, vermutlich eigenes Fotoarchiv.
Hier noch ein Blick von der südlichen Ecke des Ostflügels auf den ebenfalls frisch restaurierten Südflügel [Bild 5]:

Quelle: eigenes Bild
Die Fundamente und Teile des Kellergeschosses des 1969 niedergelegten südlichen Preußenflügels (s.o.) sind jetzt bei den Aushubarbeiten für die neue Bibliothek gefunden worden. Die Arbeiten ruhen bis auf Weiteres, Archäologen erkunden das Terrain. Was mit diesen Resten geschieht und wann es mit den Bauarbeiten weiter geht, steht noch nicht fest, wie mir KlePeter (der uns aus Posting #14 in diesem Thread bekannt ist) mitteilte. Vielleicht weiß er ja Neues zu berichten bzw. hält uns auf dem Laufenden.
Das gerade auf dem Areal der Folkwanghochschule immer wieder archäologisch bedeutende Funde gemacht werden, ist wenig überraschend: schließlich befand sich hier über 1100 Jahre lang ein Kloster.
Was mich ein wenig überrascht hat, ist, wie "klein" die Baugrube eigentlich ist. Ich hatte mir den Bibliotheksneubau deutlich größer vorgestellt, was natürlich nicht sein kann, da der Raum auf dem Areal einfach nicht vorhanden ist. Auf den Renderings wirkt sie allerdings sehr viel größer.
Archäologische Grabungssituation in der Baugrube der neuen Bibliothek [Bilder 6 – 8]:

Quelle: eigenes Bild

Quelle: eigenes Bild

Quelle: eigenes Bild
Anmerkung zu Bild 1 und 2: Im Vordergrund sind Teile des Hortulus Werdinensis zu erkennen, ein 2006 eröffneter Kräutergarten, der frühmittelalterlichen Vorbildern nachempfunden wurde. Die hier angebauten (und vom nahe gelegenen Altenheim auch genutzten!) Pflanzen und Kräuter wurden schon zur Zeit der karolingischen Könige und Kaiser kultiviert. Zum Plan eines jeden Klosters gehörte ein Kräuter- und Heilpflanzengarten, wie er durch den Abt des Klosters Reichenau, Walahfrid Strabo (808 - 849), überliefert ist.
Walahfrid entwarf einen als geschlossenes Gärtchen angelegten Klostergarten hortulus conclusus mit 24 wichtigen Heilkräutern und Pflanzen, die in der Klostermedizin zur Anwendung kamen. Karl der Große hat in seiner Landgüterordnung capitulare de villis angeordnet, in jedem Hofgut und jedem Kloster ein solches Apothekergärtchen mit bestimmten Pflanzen anzulegen.
Da Abt Walahfrid zur Errichtung der Werdener Stephanuskirche* an der Südseite der Abteikirche eigens ein Weihegedicht verfasst hat und er auch am Hofe Karls des Großen als Berater tätig war, wird der erste Kräutergarten des Werdener Klosters dem frühen Standardplan Walahfrids entsprochen haben.
*St.Stephanus. Eine der wenigen Dreiapsidenanlagen auf deutschem Boden. Vermutlich Anfang des 9. Jh. an der Nordostecke des Kreuzganges errichtet, um die Gebeine des hl. Ludgerus für die Dauer von Bauarbeiten an der Krypta der Abteikirche aufzunehmen. Ende des 18. Jh. niedergelegt, um Platz für die Erweiterung und Neuerrichtung der oben erwähnten Konventsgebäude zu schaffen. Die Lage des Kirchleins ist südlich der Abteikirche im sogen. Stephanskirchhof im Pflaster markiert - Zugang nur vom Kreuzgang der Hochschule aus (Pförtner fragen).