... und (u.a.) Berlin reagiert: mit stärkerer Internationalisierung und Innovationsagenda
Denn es ist eine Sache, ein Dilemma oder eben Ungerechtigkeiten in der globalen Machtordnung zu beschreiben. Die weit schwierigere Sache bleibt es, anschließend klug die nächsten Schritte zu planen und vor allem entschlossen zu gehen. Kürzlich erst hat die EU^dagegen ja grünes Licht für das (ebenfalls erpresste) Zoll"abkommen" gegeben, da man dies eben als das kleinere Übel ansieht. Und da auch die Berliner Wirtschaft viel in die USA exportiert, wird dies einerseits absehbar geregelten Handel ermöglichen und andererseits direkte (negative) Auswirkungen auf Margen haben.
Parallel arbeitet man ja aber inzwischen doch deutlicher daran, die eigene Handlungsfähigkeit und Unabhängigkeit zu erhöhen (die Aktivitäten des Schwarz-Konzerns hatten wir ja bereits exemplarisch hierfür betrachtet). Und nicht zu vergessen: Neue Partnerschaften zu etablieren. Meinen Eindrücken nach spürt man hierbei u.a. hier bei uns in der Hauptstadt eine ganz neue Dringlichkeit, die aber auch wechselseitig arbeitet und somit Potentiale für stärkere Verflechtungen bietet. Und während man zumindest die Verluste zuletzt noch mit steigenden Absätzen im EU-Markt kompensieren konnte, wandert der Blick für mehr Wachstum immer mehr Richtung globaler Süden sowie allgemein alternativer Zentren. Hierzu ein paar ganz aktuelle Beispiele:
1) Berlin kooperiert mit Brasilianischen Megastädten Rio und Sao Paulo
Eine Delegation um Frau Giffey hat kürzlich auf Bestreben der IHK Rio und Sao Paolo besucht und in dem Rahmen wurden eine ganze Reihe spannender Informationen publik. Nicht nur wird Berlin eine aktive Rolle beim Rio Web Summit 2026 spielen und ein Memorandum of Understanding mit Sao Paolo implementieren. Es wurden auch diverse Kontakte geknüpft und teils direkt Nägel mit Köpfen gemacht. Die Brasilianer haben Berliner Startups eingeladen bzw. regelrecht dazu aufgefordert, nach Brasilien zu kommen und bei Zukunftsthemen zu helfen.
Umgekehrt wird u.a. der große Startup-Hub in der ehemaligen Zigarettenfabrik Reemtsma nach einem indischen Desk auch einen Brasilianischen Desk für die Koordination entsprechender Ansiedlungen erhalten. Und ähnlich wie der kürzlich behandelte israelische Konzern sind auch einige Startups und Unternehmen der Brasilianer führend in ihren entsprechenden technologischen Feldern (die teils auch gut zum Berliner Profil passen). Es gab aber auch Forschungsabkommen, um künftig gemeinsam in relevanten Feldern voranzukommen.
Noch sind die Bande zwischen Berlin und Brasilien etwa im Vergleich zu denen in die USA oder eben inzwischen auch nach Indien eher dünn. Das soll sich nun aber in beidseitigem Interesse sehr schnell ändern. Das (ebenfalls durch die globalen Spannungen deutlich forcierte) Mercosur-Abkommen zwischen EU und Südamerika wird dabei auch eine wichtige Rolle spielen und könnte neben dem Schwergewicht Brasilien natürlich auch noch weitere interessante Potentiale und Märkte öffnen.
Übrigens wird im Umfeld der Reise auch über eine mögliche Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Sao Paulo spekuliert, was aber zumindest vorerst noch nicht spruchreif zu sein scheint. Konkreter dagegen scheinen die Bemühungen, auch wieder gut ausgebildete brasilianische Pflegekräfte nach Berlin zu lotsen (auch die Charité war in der Delegation vertreten). Brasilien hatte ein entsprechendes Abkommen mit Deutschland zeitweise ausgesetzt, weil wohl die Sorge aufkam, dass trotz aktuellem Überschuss perspektivisch zu viele gehen könnten. Nicht ganz unwichtig in dem Zusammenhang ist natürlich, dass Berlin auch umgekehrt in verschiedenen Bereichen beim Ausbilden unterstützen will, sodass es keine Einbahnstraße sein muss.
Die Quellen liegen leider oft hinter Paywalls, speziell die wirklich interessanteren und substanzielleren (u.a. die MoPo mit gleich mehreren wirklich gut recherchierten Artikeln und viel O-Ton der Teilnehmer),
daher hier leider nur exemplarisch der Tagesspiegel sowie eine offizielle PM des Senats
2) Berlin sucht Fachkräfte künftig auch u.a. in Namibia
In einem der erwähnten MoPo-Artikel wurde auch kurz berichtet, dass man neben Indien und Südamerika auch Afrika für neue Kooperationen auf dem Schirm habe. Dazu habe ich bisher noch sehr wenig konkretes gehört und die dortigen Märkte sind teils sicher schwierig (oft nicht so wirtschaftsstark und/oder u.a. die Chinesen sind bereits stark etabliert - was zwar alles kein Ausschlusskriterium ist aber vielleicht doch zumindest auch nicht zu einer Position ganz oben auf der Prioritätenliste führt).
Allerdings kam kürzlich tatsächlich ein Bericht, laut dem Berlin (ebenfalls unter maßgeblicher Beteiligung der IHK) in Namibia nach Fachkräften sucht und nun wie eben auch bereits mit Indien und Brasilien ein entsprechendes Abkommen geschlossen hat. Neben Deutschkursen wird dabei auch gezielt nach Bedarf vor Ort ausgebildet (u.a. Elektriker, Verkäufer und Gastronomiefachkräfte). Allerdings bleibt es mit aktuell 100 Teilnehmern erstmal überschaubar. Insgesamt sollen dann mal bis zu 3.000 Fachkräfte für Mangelberufe ausgebildet werden.
Man geht übrigens davon aus, dass nicht alle letztlich auch in Deutschland landen werden, sodass auch Namibia profitieren darf. Generell finde ich ja die Wahl etwas spannend, nachdem man in Südamerika und Asien ja auf absolute Schwergewichte zu setzen scheint. Das im Vergleich zu Äthiopien, Ägypten oder Nigeria eher kleine Namibia gilt mW dafür aber als eins der politisch stabilsten Länder des Kontinents und hat dazu (trotz der belasteten Geschichte) traditionell enge Verbindungen nach Deutschland, sodass es wiederum auch eine gute Brücke zu anderen, größeren und potentiell interessanten Nationen werden könnte.
3) Berliner Hochschule der Wirtschaftselite "ESMT" expandiert nach Katar
Nachdem Berlin von einem europäischen Ableger der Dubaier Leitmesse GITEX profitiert, eröffnet die European School of Management and Technologie nun in umgekehrter Richtung einen Ableger in Doha, das sich neben Dubai zu einem weiteren Kraftzentrum entwickeln möchte. Schwerpunkte sollen KI, Gesundheit sowie Landwirtschaft und Ernährung sein. Zunächst 3 Jahre lang sollen jährlich je 20 Startups aus jedem dieser 3 Bereiche gefördert werden. Auch wenn dadurch in erster Linie vor allem Doha/ Katar selbst profitiert, verbessert es zugleich doch erheblich den Ruf und die Vernetzung der Hauptstadt.
morgenpost.de
tagesspiegel.de
Zu guter Letzt fragt sich da natürlich noch, was Berlin eigentlich hier vor Ort unternimmt. Hierzu gab es auch wieder eine Meldung;
Berlin beschließt "Deep Tech Agenda"
Ziel ist es, dass die in vielen Bereichen exzellente Berliner Wissenschafts- und Forschungslandschaft noch deutlich stärker in Form von regionaler Wertschöpfung und Wirtschaftsleistung sichtbar wird. Also genau dem Bereich, wofür auch die gerade angeführte ESMT gegründet wurde. Laut dem niederländischen "Global Tech Ecosystem Index" liegt Berlin in diesem Bereich aktuell auf Platz 4 in Europa (nach London, Paris und Stockholm) sowie auf Platz 22 weltweit.
Inhaltlich will man sich u.a. auf KI, Biotech und Materialforschung sowie Mikroelektronik, Photonik und Quanten konzentrieren. Übrigens: Während Berlin angeblich das erste Bundesland mit einer solchen Agenda sein soll, orientiert man sich stark an der Hightech-Agenda der Bundesregierung, was auch u.a. beim Gewinnen von Fördergeldern helfen soll.
morgenpost.de