2) Was ist nun aber mit der Wahrnehmung?
Hier wird es mE wirklich komplex. Zum einen steht Berlin ja tatsächlich auch stark für das, was aktuell gerade auch aber nicht ausschließlich von der AfD massiv medial ins Feld geführt wird (aber auch u.a. vom Bundeskanzler). Spannend finde ich hierbei wie die Allensbach-Umfrage selbst aufgemacht ist. Sie fragt mE zu etwas, was sie in den Fragestellungen bereits unterschwellig selbst impliziert.
- Die Leitfrage ("faszinierende Metropole mit echtem Glanz": 31% vs. "keine Hauptstadt mit Ausstrahlung": 36%) ist ist weit gespreizt ohne Abstufungen. Das erklärt mE potentiell die vielen Enthaltungen (33%) und in Zeiten vieler Krisen und ohnehin schon global recht negativ geprägter Wahrnehmung die entsprechende Tendenz zur negativeren Sichtweise.
Ungünstig finde ich, dass man dabei zwei gerade für die nationale Perspektive nicht deckungsgleiche Bezeichnungen wie "Metropole" und "Hauptstadt" wählt statt sich für eins zu entscheiden oder ggf. zu beiden separat zu fragen. Zwar auch schon 2007 so...
- ...aber diesmal wird in der selben Umfrage auch gefragt, wie gerne man "viel Geld" für "Berlin als Hauptstadt" zahlt. Zitat: "Berlin erhält viel Geld von den anderen Bundesländern. Finden Sie das in Ordnung, weil Berlin als Hauptstadt eine besondere Stellung und besondere Kosten hat, oder finden Sie das nicht in Ordnung, weil Berlin als größte Stadt des Landes sich selbst finanzieren können sollte?". Für mich eine klare Suggestivfrage und eben potentiell lenkend für andere Fragen.
- Auch wurde je mit Auflistungen gefragt, was die größten Probleme und Stärken der Stadt sind.
Problem-Items:
"Kriminalität" (69% Zustimmung), "Drogen im öffentlichen Raum" (64), "manche Stadtviertel sind heruntergekommen" (59), "Armut, Obdachlosigkeit" (53) und "größer werdender Einfluss des Islam" (52) sowie weitere wie "Langsamkeit der Behörden", die seltener ausgewählt und nicht im Übersichtsdiagramm dargestellt wurden.
Stärken-Items:
"Vielfalt von Geschäften und Restaurants" (60%), "reiches Kulturleben" (59), "Geschichte, die man in Berlin überall erleben kann" (51), "Seen am Stadtrand und in der Umgebung", "viele Kulturdenkmäler", "pulsierende Metropole" (je 40-50), "besonderes Lebensgefühl" (35), "Weltoffenheit der Bewohner", "enorme Entwicklung seit der Wiedervereinigung", und "Architektur" (je 30-33%).
Ich finde, die gewählten Probleme wirken greifbarer und relevanter als die Stärken und zudem gehen die Probleme auch stark in eine bestimmte Richtung.
Auch spannend: Im Artikel werden die Stärken anders als die Probleme weder sichtbar als Diagramm hervorgehoben noch ebenso genau mit Prozenten belegt. Man weiß so z.B. nicht, ob "pulsierende Metropole" nun von 40, 45 oder 50% ausgewählt wurde. Aber so oder so sind es hier deutlich mehr als bei der Leitfrage, wo man Metropolfunktion gegen Hauptstadtfunktion abwägen muss. Anders gesagt empfindet man die Stadt wohl deutlich eher als Metropole, wenn man sich keine Gedanken um ihre Hauptstadtfunktion oder gar deren Finanzierung machen muss.
- Ebenfalls interessant: Wenn man die Stadt in einer Skala von -5 bis +5 einordnen sollte, gaben 1994(!) 58% ein eher positives Zeugnis von +1 Punkten aufwärts und 9% ein negatives Bild von -1 Punkten abwärts an. In 2026 liegt der positive Wert mit 52% mit mindestens 1 nur leicht niedriger, der negative mit 26% von -1 abwärts aber deutlich höher. Aber auch hier müsste man ja objektiv feststellen, dass trotz rückläufigem Trend noch immer doppelt so viele Menschen eher positiv urteilen wie negativ (wiederum Kontrast zur Leitfrage), während die Mittelposition schrumpft. Betont wird im Artikel nur der Anstieg des Negativanteils.
- Gefragt wurde übrigens auch
a) wie reizvoll man verschiedene deutsche Großstädte allgemein findet (1. HH: 48%, 2. München: 47%, 3. Berlin: 34%, 4. Dresden: 30%, keine weiteren Erwähnungen)
b) wie gerne man dort leben würde (1. München: 24%, 2. HH: 23%, 3. Berlin: 13%, 4. Leipzig/Dresden: 10%, 6. Köln: 8%, 7. Stuttgart/Düsseldorf: 7%, 9. Frankfurt: 4%)
c) wo man umgekehrt explizit nicht leben will (1. Berlin/ Frankfurt: 46%, 3. Leipzig: 29%, 4. Stuttgart: 28%, 5. Dresden: 27%, 6. Köln: 26%, 7. Düsseldorf: 25%, 8. München: 18%, 9. Hamburg: 13%).
Ein Geschmäckle hat das Ganze für mich, weil die Umfrage inklusive der mE an mehreren Stellen mindestens subtil implizierten Bias von der FAZ beauftragt wurde, die ja eine lange Tradition von berlinkritischer bis mindestens latent berlinfeindlicher Berichterstattung auszeichnet und dann auch den Artikel so aufmacht.
Dass Frankfurt im Vergleich der größten deutschen Städten ja noch schlechter abschneidet (weniger globale Attraktivität oder Positivpotential als Wohnort bei umgekehrt identischer Ablehnung als Wohnort s.o.), wird ausgerechnet in einem Frankfurter Medium nicht zum Thema. Betont wird, wo Hamburg oder München weiter vorne liegen oder wo Leipzig und Dresden nah dran sind.
Ausgiebig thematisiert man, wie kritisch Berlin gerade auch im eigenem Umland erlebt werde und dass die meisten Befragten in jüngerer Zeit in Berlin waren. Somit entstehe die Ablehnung explizit nicht durch medial geprägte Vorurteile, sondern durch reales Erleben. Wobei ich mich direkt frage, inwiefern 69% problematische Kriminalität live erlebt haben könnten. Kommt mir anhand von Statistiken und eigenem Erleben nicht so wahrscheinlich vor. Wenn es um reale Erlebnisse ginge, müssten mE Armut/Obdachlosigkeit und Müll deutlich(!) über Kriminalität oder gar dem Einfluss des Islam rangieren. Letzteres überhaupt ein sehr diffuses Item, das mE latent in der selben braunen Suppe köchelt wie Merz (Migranten = "Probleme im Stadtbild", "kleine Paschas") und AfD ("Messermänner und Kopftuchmädchen").
- Sogar ein Zitat von Fontane hat man ausgegraben, um sein Negativurteil zu belegen: "Je berlinischer man ist, je mehr schimpft man und spöttelt man auf Berlin. Dass dem so ist, liegt nun aber nicht bloß an dem Schimpfer und Spötter, es liegt leider wirklich auch an dem Gegenstande, also an unsrem guten Berlin selbst."
Zur Erinnerung: Fontane lebte in einer völlig anderen (heute ironischerweise gerne verklärten und zur positiven Vergleichsfolie stilisierten) Zeit und erlebte entsprechend ein Berlin in einem nie dagewesenen Wandel. Er fremdelte u.a. mit den individuellen Folgen der rasenden Industrialisierung (prekäre Verhältnisse im Arbeitermilieu, auf welche er oft mehr oder minder versteckt anspielt) wie auch mit den noch zu den existenziellen Sorgen hinzu kommenden gesellschaftlichen Spannungen und Widersprüchen (speziell überkommene Normen und Moralvorstellungen eines starren Standessystems, welche zunehmend nicht mehr zu den Bedingungen passten).
Wenn der Artikel hier eine Art Kontinuität im Erleben der Stadt suggeriert oder vielmehr bemüht, merkt man wie oberflächlich und einseitig man sich bei der FAZ tatsächlich mit Berlin beschäftigt. In der Philosophie sagt man (konkret Heraklit) ja bekanntlich schon, man könne nicht zwei mal in den selben Fluss steigen, weil es beim zweiten Mal nicht der gleiche Fluss sei und man sich auch selbst verändert habe.
Fazit: Milde ausgedrückt arbeiten im Berlin-Ressort der FAZ keine großen Philosophen. So sind mE auch gleich beide Befunde der Titelzeile "nicht mehr arm und nicht mehr sexy" so pauschal falsch oder klar zugespitzt (selbst wenn man nur das eigene Datenmaterial zu Grunde legt - aber eben ganzheitlich und differenziert liest). Passender wäre dann schon "weniger arm aber auch weniger sexy".
Ungleich spannender und erhellender wäre mE ohnehin die Frage vom Zusammenhang aus Preisniveau und Attraktivität bzw. ob man sich Berlin auch gerade aufgrund der stark gestiegenen Preise nicht mehr ganz so sehr gönnen/leisten möchte oder kann. Oder aber ob die Veränderungen, welche die Stadt teurer gemacht haben, sie zugleich auch weniger attraktiv erscheinen lassen. Interessanterweise fragt die FAZ via Allensbach aber null in diese Richtung ("nicht mehr erschwinglich", "zu bieder und steril geworden" etc).