Hochhausdebatte im obersten Stock
Das Literaturhaus ist ein beeindruckender Bau, dessen Schönheit sich dem Besucher erst so richtig erschließt, wenn er die vier hohen Stockwerke zu Fuß bewältigt. Man kann bei dieser Gelegenheit nicht nur seine Fitness stählen, sondern lernt viele bedeutende Dichter kennen, die dort als Fotos an den Wänden hängen: von Michel Houellebecq bis Tilman Spengler, alle haben sie hier gelesen, alle schauen sie den schnaufenden Besucher freundlich an.
Wer den Trip am vergangenen Dienstag um kurz vor halb acht unternahm, der begegnete nicht nur Schriftstellern, sondern einer ganzen Menge von normalen Besuchern, die schon wieder auf dem Rückweg waren. Dabei hatte die Diskussion des Stadtforums zum Thema Hochhäuser in München noch gar nicht angefangen. Aber der Saal war so gnadenlos überfüllt, das Interesse so unerwartet groß, dass sich viele Leute im Foyer auf den Boden setzten und der Übertragung aus dem Lautsprecher lauschen mussten. Andere, denen es zu eng war, drehten gleich wieder um.
Sie verpassten einerseits eine fachkundige Diskussion über die Frage, wie viele Hochhäuser die Stadt verträgt, in erster LInie aber eine teils kabarettreife Stichelei zwischen dem ehemaligen und dem amtierenden Oberbürgermeister. Was für ein Spaß, mitanzusehen, wie es Christian Ude geradezu schaudert, wie er zusammenzuckt, wenn Georg Kronawitter pathetisch gegen die verhassten "Vierkantbolzen" wettert. Auf der anderen Seite der Alt-OB: Legt leidend den Kopf schief, verzieht den Mund, raschelt unwirsch mit seinen Papieren, während ihn Ude als vorgestrigen Provinzler hinstellt, der München zum Rothenburg-ob-der-Tauber-Idyll zurückentwickeln will.
Die Hochhaus-Frage wurde bei der Diskussion zwar nicht abschließend beantwortet. Aber 700 Bürger dieser Stadt erlebten zwei Kommunalpolitiker einmal so richtig temperamentvoll, streitlustig, ungekünstelt. Dafür quält man sich doch gerne vier Stockwerke hoch.
Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr. 53 von Donnerstag, dem 4. März 2004, Verfasser: Arno Makowsky