Ich sehe das alles etwas anders und dies möchte ich, in einem etwas längerem Beitrag, gerne erläutern:
Der nun bekannt gewordene Verkauf des Campanile-Grundstücks durch CA Immo ist aus meiner Sicht ein herber Rückschlag für die städtebauliche Entwicklung rund um den Frankfurter Hauptbahnhof. Nicht, weil damit kurzfristig ein konkretes Hochhausprojekt verloren geht (das war unter den aktuellen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ohnehin schwierig), sondern weil an dieser Stelle eine der wenigen wirklich schlüssigen Hochhaussetzungen Frankfurts seit Jahrzehnten erneut infrage gestellt wird.
Der Campanile ist kein beliebiger Hochhausstandort. Er ist städtebaulich außergewöhnlich wichtig.
Wie bekannt war bereits Ende der 1980er an dieser Stelle ein rund 270 Meter hoher Turm in der Form eines modernen Campaniles geplant, mit Antenne sogar nahe der 300-Meter-Marke. Dieses Projekt ist bekanntlich gescheitert. Dennoch ist die Grundidee nie verschwunden, und das aus gutem Grund: Ein Hochhaus an dieser Stelle wäre nicht einfach nur ein weiterer Büroturm, sondern ein städtebaulicher Schlussstein am Hauptbahnhof. Eine Ergänzung zur sehr großen Halle des Hauptbahnhofs.
Der Begriff "Campanile“ ist dabei nicht zufällig gewählt. Wie ein italienischer Glockenturm würde ein hoher, schlanker Turm an dieser Stelle den Hauptbahnhof nicht bedrängen, sondern ergänzen. Der Frankfurter Hauptbahnhof besitzt eine enorme architektonische Präsenz, aber seine Umgebung wird diesem Anspruch bis heute nicht gerecht. Gerade ein sorgfältig entworfener Turm könnte hier als vertikaler Gegenpol wirken und den Bahnhof räumlich fassen, statt ihn in der heutigen Gemengelage aus Verkehr, Parkhaus, Zwischenräumen, Zweckbauten und Restflächen stehenzulassen.
Dass manche diese Ecke als "schäbig“ bezeichnen, ist für mich kein Argument gegen Bebauung, im Gegenteil. Die Ecke wirkt doch gerade deshalb problematisch, weil dort heute ein banales Parkhaus steht, das keinerlei städtebauliche Qualität erzeugt. Solche Strukturen schaffen Rückseiten, dunkle Bereiche, Versteckmöglichkeiten und eine Atmosphäre, die man dann anschließend als Argument gegen Entwicklung verwendet. Das ist aber ein Zirkelschluss: Man lässt eine schwache Nutzung bestehen, beklagt die schwache Wirkung des Ortes und folgert daraus, dass dort kein anspruchsvolles Projekt entstehen sollte.
Genau hier müsste man ansetzen.
Ein hochwertiges Hochhaus mit öffentlicher Erdgeschosszone, Hotelnutzung, Gastronomie, vielleicht ergänzenden Wohnungen in den oberen Etagen und einer überzeugenden architektonischen Gestaltung könnte diesen Ort massiv aufwerten. Es würde nicht nur Fläche schaffen, sondern auch Präsenz, Orientierung und Sicherheit. Gerade rund um den Hauptbahnhof braucht Frankfurt keine weiteren Provisorien, sondern klare städtebauliche Setzungen.
Das eigentliche Problem scheint mir weniger der Standort zu sein, sondern die Nutzungsvorgabe. Wenn ein Projekt an dieser Stelle fast ausschließlich als Bürohaus gedacht wird, ist es unter den aktuellen Marktbedingungen und der Lage natürlich schwerer darstellbar. Aber daraus zu schließen, der Standort sei grundsätzlich falsch, halte ich für kurzsichtig. Viel sinnvoller wäre es, den Bebauungsplan beziehungsweise die planungsrechtlichen Rahmenbedingungen so anzupassen, dass eine gemischte Nutzung möglich wird: Hotel, Wohnen, vielleicht Serviced Apartments, ergänzende Büroflächen, öffentlich zugängliche Nutzungen im Sockel. Ein klassisches Mixed Use Projekt, was ja der neue (und durchaus sinnvolle) Frankfurter Weg sein soll.
Dann sähe die Rechnung anders aus.
Ein 160 bis 200 Meter hoher Turm an dieser Stelle wäre absolut angemessen. Er wäre kein beliebiger weiterer Hochpunkt, sondern ein bewusst gesetzter städtebaulicher Akzent, der die Hochhausstruktur Frankfurts an einer entscheidenden Stelle ergänzt. Gerade weil der Standort am Hauptbahnhof liegt, besitzt er eine Bedeutung, die über reine Grundstücksverwertung hinausgeht. Hier geht es nicht nur um Quadratmeter, sondern um die Frage, welches Gesicht Frankfurt einem seiner wichtigsten Stadträume in Zukunft geben will.
Natürlich kann man sagen: Der Markt ist schwierig. Natürlich kann man sagen: Büroflächen sind derzeit problematisch. Natürlich kann man auch sagen: Es gibt andere Hochhausstandorte, die kurzfristig leichter entwickelbar sind. Das alles mag stimmen. Aber es beantwortet nicht die städtebauliche Frage.
Und städtebaulich ist der Campanile-Standort aus meiner Sicht einer der wichtigsten überhaupt.
Frankfurt sollte nicht den Fehler machen, aus einer temporär schwierigen Marktlage eine dauerhafte städtebauliche Kapitulation abzuleiten. Der Verkauf durch CA Immo bedeutet nicht, dass die Idee falsch ist. Er zeigt eher, dass die bisherigen Rahmenbedingungen nicht ausreichend flexibel waren. Gerade deshalb sollte die Stadt an diesem Standort festhalten und ihn nicht wieder in die Beliebigkeit zurückfallen lassen.
Ein Campanile am Hauptbahnhof wäre kein Luxusprojekt. Er wäre eine Chance, einen der wichtigsten Orte der Stadt endlich seiner Bedeutung entsprechend zu fassen. Nicht als rein spekulativer Büroturm, sondern als gemischt genutztes, architektonisch anspruchsvolles Hochhaus, das Bahnhof, Skyline und Stadtraum miteinander verbindet.
Wer heute sagt, diese Ecke sei zu schäbig für ein solches Projekt, verwechselt Ursache und Wirkung. Gerade weil diese Ecke heute unbefriedigend ist, braucht sie eine starke städtebauliche Antwort.
Und der Campanile wäre genau diese Antwort.