Nach der modernen Architektur rund um den Hauptbahnhof führt der Streifzug nun in eine völlig andere Epoche: zur Mannheimer Jesuitenkirche St. Ignatius und Franz Xaver. Für mich gehört sie mit zu den schönsten Barockkirchen Süddeutschlands. Sie ist aber weit mehr als nur ein prachtvoller Sakralbau, denn als ehemalige Hofkirche der Kurfürsten zählt sie zu den bedeutendsten Bauwerken der einstigen kurpfälzischen Residenz. Nach Plänen von Alessandro Galli da Bibiena ab 1733 errichtet und 1760 vollendet, beeindruckt sie bis heute durch ihre mächtige Doppelturmfassade und ihre fast theatralische Wirkung.
Schon von außen ist die Kirche ein Erlebnis. Fotografisch macht sie es einem allerdings nicht leicht: Die dichte Bebauung, der hohe Baumbestand und die wenigen geeigneten Standpunkte erschweren eine ausgewogene Gesamtansicht erheblich. Auch das Licht wechselte an diesem Tag ständig zwischen hartem Gegenlicht, tiefen Schatten und vorbeiziehenden Wolken. Zunächst also einige Außenaufnahmen, bevor es in den noch überwältigenderen Innenraum geht.

Bild links: Beim Blick durch die enge Straßenflucht erscheint die Kirche beinahe unvermittelt zwischen der umgebenden Bebauung. Gerade diese dichte Einbindung verstärkt ihre monumentale Wirkung.
Bild rechts: Eine weitere Annäherung aus dem Stadtteil: Über den niedrigeren Häusern erhebt sich die reich gegliederte Doppelturmfassade, während Fahrräder, Autos und Grünflächen, den heutigen, teilweise visuell chaotischen, städtischen Alltag zeigen.
Vom Schillerplatz aus lässt sich der gesamte Baukörper besonders gut erfassen. Zwischen den hohen Bäumen werden neben der Hauptfassade auch die große Kuppel und die ungewöhnlich komplexe Dachlandschaft sichtbar.

Bild links: Die steile Nahansicht betont die enorme Höhe und Plastizität der Fassade und verleiht der Kirche dabei eine besondere Dramatik
Bild rechts: Zum Schluss ein genauerer Blick auf die barocke Schaufassade. Figuren, kräftige Gesimse, Säulen und der rötliche Sandstein zeigen, wie reich und fast bühnenhaft der Bau gestaltet wurde.
Bevor wir die Jesuitenkirche betreten, lohnt sich ein kurzer Blick auf eine Kunstform, die den Barock wesentlich prägte: die Scheinarchitektur, eine Form des Trompe-l’œil, also der bewussten Täuschung des Auges. Sie kam sowohl im Inneren von Kirchen und Schlössern als auch an deren Fassaden zum Einsatz. Gemalte Säulen, Gesimse, Steinquader, Nischen, Figuren und Marmorflächen täuschen plastische Bauteile oder kostbare Materialien vor. Das war keineswegs nur eine Sparmaßnahme. Malerei, Stuck, Skulptur und echte Architektur sollten vielmehr so ineinandergreifen, dass Räume und Fassaden größer, reicher und bewegter erscheinen, als sie tatsächlich sind.
Auch in der Mannheimer Jesuitenkirche begegnet uns diese barocke Lust an der Illusion, man könnte auch sagen Freude an der Täuschung. Stuckmarmor, Vergoldungen, Malerei und reale Architektur sind teilweise kaum voneinander zu unterscheiden. Ursprünglich muss dieser Eindruck noch überwältigender gewesen sein, denn die großen Fresken von Egid Quirin Asam bezogen Langhaus und Kuppel in eine scheinbar grenzenlose Himmelsarchitektur ein. Sie wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört und später nicht rekonstruiert.
Um diese Kunstform vor dem Eintritt in den Kirchenraum etwas anschaulicher zu machen, möchte ich zunächst vier Bilder des Schlosses Bruchsal zeigen. Bruchsal gehörte zwar nicht zur Kurpfalz, sondern war Residenz der Fürstbischöfe von Speyer, steht aber für dieselbe barocke Hofkunst im südwestdeutschen Raum. Dort täuschen Fassadenmalereien plastische Steinrahmungen, Ornamente, Figurenfelder und sogar Mauerwerk vor. Vieles, was wie aufwendig gemeißelt oder aus verschiedenfarbigem Stein zusammengesetzt wirkt, wurde tatsächlich nur auf die weitgehend ebene Fassade gemalt.
Wie weit diese Täuschung reicht, zeigen die beiden Vergleichsbilder eines Ausschnitts der Erdgeschosszone. In der bearbeiteten Version habe ich alle aufgemalten architektonischen und dekorativen Elemente entfernt. Übrig bleibt eine beinahe kahle Wand mit den echten Fenstern und wenigen realen Gliederungen. Erst im direkten Vergleich erkennt man, welche erstaunliche räumliche Tiefe allein durch Farbe, Licht, Schatten und Perspektive erzeugt wurde.
Schloss Bruchsal: Die reich wirkende Fassadengliederung besteht zu einem beträchtlichen Teil aus illusionistischer Malerei:

Im näheren Blick wird sichtbar, wie geschickt gemalte Architektur, Licht und Schatten plastische Bauteile vortäuschen:

Bild links: Originalansicht des Fassadenausschnitts.
Bild rechts: Aufgemalte Elemente der Parterrefassade entfernt. Übrig bleiben die real ausgeführten Bauteile.
Kommen wir nun zum Innenraum dieses barocken Meisterwerks. Schon beim ersten Blick in das Langhaus entfaltet sich eine Grandeur, die man von außen kaum erahnt. Das hohe Mittelschiff, die nur angedeuteten Querhausarme, die mächtige Vierungskuppel und der kurze Chor steigern sich Schritt für Schritt bis zum goldglänzenden Hochaltar. Weißer Stuck, grüne und rötliche Marmorierungen, große Fensterflächen und reich gesetzte Vergoldungen erzeugen einen ungewöhnlichen, beinahe theatralischen Raum.
Die Kirche ist als Wandpfeilerbasilika angelegt. Das Langhaus führt direkt zur Vierung unter der Tambourkuppel und weiter in den halbrund geschlossenen Chor. Trotz der schweren Kriegsverluste, vor allem der zerstörten Fresken Egid Quirin Asams, ist die Wirkung noch immer überwältigend. Der rekonstruierte Hochaltar gibt dem Raum seinen eigentlichen Zielpunkt zurück.
Zunächst der klassische Blick vom Eingangsbereich durch das Mittelschiff. Die Bankreihen und der Mittelgang führen direkt zur Vierung, zum dahinterliegenden Chor und schließlich zum Hochaltar. Durch das kurze Langhaus beginnt die räumliche Steigerung sehr früh: Schnell zieht die Kuppel den Blick nach oben, während der goldene Altar den klaren Zielpunkt in der Tiefe bildet.

Aus einer der seitlichen Abseiten öffnet sich der Blick durch einen mächtigen Bogen schräg in das Langhaus. Die angeschnittenen Säulen im Vordergrund wirken fast wie ein Bühnenportal. Dahinter folgen die Wandpfeiler, die Vierung und der Chor mit dem Hochaltar:

Nun ein weiter Blick aus dem Bereich des angedeuteten Querhauses. Erfasst werden die Vierung, Teile der Kuppel, der Chor und der Hochaltar; links ist zugleich die seitlich aufgestellte Chororgel zu sehen. Aus dieser Perspektive zeigt sich besonders gut, wie Architektur, Stuck, gemalte Marmorierung und Gold zu einer einzigen barocken Inszenierung verschmelzen.

Im Mittelpunkt steht nun der knapp 20 Meter hohe Hochaltar. Der nach vorne geöffnete, sechssäulige Aufbau umschließt die Altarmensa monumental. Die Figurengruppe zeigt Ignatius von Loyola, der Franz Xaver zur Mission nach Indien entsendet; darüber erscheint der Heilige Geist in einer goldenen Gloriole aus Engeln, Putten und Strahlen. Der im Krieg zerstörte Hochaltar wurde zwischen 1986 und 1997 rekonstruiert:

Das steile Hochformat verbindet den Hochaltar mit der gesamten darüberliegenden Raumfolge. Über dem Altar erhebt sich der halbrund geschlossene Chor mit seinen großen Fenstern, darüber schwebt das goldene IHS-Monogramm. Noch höher folgt die Vierungskuppel. Altar, Chor und Kuppel erscheinen hier fast wie ein einziger vertikaler Aufbau:

Folgende Aufnahme folgt der Deckenachse über nahezu den gesamten Kirchenraum. Zu sehen sind das Gewölbe des Langhauses, die runde Vierungskuppel und das Chorgewölbe mit dem IHS-Strahlenkranz. Das Bild macht den architektonischen Aufbau besonders gut nachvollziehbar und zeigt zugleich, wie schnell sich das kurze Langhaus zur Kuppel und zum Chor steigert:

Eine bewusst schräge und dynamische Ansicht unterhalb der Vierung. Fenster, Emporen und Gesimse laufen aus verschiedenen Richtungen zusammen, während der Hochaltar am unteren Bildrand auftaucht. Die strenge Ordnung des Grundrisses verwandelt sich aus diesem Blickwinkel in eine beinahe schwebende Raumkulisse:

Noch einmal die Vierung, nun aus einem anderen seitlichen Winkel. Das Auge wandert vom Hochaltar über den IHS-Strahlenkranz bis in die Kuppel. Die stark gekippte Perspektive betont weniger die Symmetrie als die Bewegung, die dieser Architektur innewohnt:

Hier ist der Übergang von der Vierung in den Chor genauer zu erkennen. Oben erscheint der Tambour (Ein Tambour ist das walzenförmige Bauteil, auf dem eine Kuppel thront. Er funktioniert wie ein architektonischer Kragen oder ein Zwischenring, der die Kuppel weiter in die Höhe hebt) der Kuppel, darunter liegen zwei der erhaltenen Gemälde in den Kuppelzwickeln (Ein Kuppelzwickel ist das dreieckige, gewölbte Verbindungsstück, das den Übergang zwischen einem eckigen Raum und einer runden Kuppel schafft). Der große IHS-Strahlenkranz markiert schließlich das Chorgewölbe und leitet den Blick zum Hochaltar hinunter:

Alle Bilder und Texte: © Adama




























































































































