Frankfurts Hochhausbau: Wir müssen reden.
@Moderation: Sollte dies das falsche Thema sein, bitte einfach verschieben, danke.
Vorweg: Es tut mir leid, dass dieser Beitrag etwas länger wird. Das Thema beschäftigt mich allerdings schon seit geraumer Zeit, und ich halte es für zu wichtig, um es mit zwei allgemeinen Sätzen über die schwierige Immobilienlage abzuhaken.
So still wie derzeit war es rund um den Frankfurter Hochhausbau nach meiner Erinnerung noch nie. Damit meine ich keinen kurzen Durchhänger zwischen zwei Projektwellen. Ich meine einen Stillstand, der inzwischen fast alle Ebenen gleichzeitig erfasst: keine neuen Ankündigungen, keine überraschenden Wettbewerbe, kaum belastbare Zeitpläne und bei vielen längst bekannten Vorhaben nicht einmal sichtbar erkennbare Bewegung.Vielleicht wird hinter den Kulissen gerechnet, verhandelt und um Nutzer gerungen. Möglich. Nach außen dringt davon allerdings praktisch nichts.
Besonders auffällig ist die Lage bei Gloria und GA8. Beide Projekte wurden mit großem Aufwand vorgestellt, beide haben anspruchsvolle Wettbewerbsentwürfe hervorgebracht, und beide gehören zu den wichtigsten möglichen Ergänzungen der innerstädtischen Skyline. Trotzdem hört man kaum etwas über Ankermieter, Finanzierung, konkrete Genehmigungsschritte oder einen realistischen Baustart. Die einmal genannten Fertigstellungstermine wirken unter diesen Voraussetzungen inzwischen eher wie politische Wunschdaten als wie belastbare Projekttermine.Beim Gloria kommt noch ein Detail hinzu, das ich zumindest bemerkenswert finde. Der Wettbewerb wurde bereits im Februar 2025 entschieden, Sieger ist mit Henning Larsen eines der international bekanntesten Architekturbüros überhaupt. Trotzdem findet sich bis heute auf der offiziellen Projektseite des Büros kein eigener Eintrag zum Gloria.
Natürlich beweist eine fehlende Projektseite allein noch gar nichts. Aber ein ca. 195 m hohes Hochhaus in Frankfurt, dazu ein gewonnener internationaler Wettbewerb, wäre normalerweise ein Projekt, das ein Büro offensiv präsentiert. Dass selbst dort seit über einem Jahr nichts zu finden ist, passt leider ziemlich genau zum übrigen Bild: Wettbewerb entschieden, Renderings veröffentlicht, anschließend weitgehend Schweigen. Und es betrifft keineswegs nur Gloria und GA8. THE ADAM wird seit Jahren mit Visualisierungen, Dachgarten, Sky-Lounge und den üblichen Nachhaltigkeitsversprechen vermarktet. Was man bislang vor allem sieht, sind Renderings. Viel Papier, viele große Ankündigungen, wenig sichtbarer Fortschritt. Bei KAIA sieht es kaum besser aus. Groß & Partner präsentierte bereits vor Jahren die umfassende Revitalisierung des früheren Union-Investment-Hochhauses am Untermainkai. Ein interessantes und durchaus vielversprechendes Projekt. Nur passiert öffentlich erkennbar nichts.
Noch deutlicher ist es beim NION. Das Projekt wurde mit großen Bildern und noch größeren Ambitionen, nach dem Porsche Design Tower Fiasko, vorgestellt, ein Baustart schien zeitweise unmittelbar bevorzustehen. Heute ist davon nichts mehr zu spüren. Wenn selbst ein Entwickler wie Groß & Partner, der mit dem FOUR bewiesen hat, dass er sehr große und komplexe Projekte tatsächlich realisieren kann, weder KAIA noch NION sichtbar voranbringt, kann man die Situation kaum noch als gewöhnliche Verzögerung abtun.
Schwerer wiegt für mich inzwischen das Millennium-Areal. CA Immo hatte dort 2021 ein Ensemble mit einem knapp 300 Meter hohen Hauptturm und einem zweiten, 157 Meter hohen Wohnturm vorgestellt. Der Baustart sollte seinerzeit nicht vor 2025 oder 2026 erfolgen und wurde schon damals von Genehmigungen, Nutzungsmischung, Marktnachfrage und Vorvermietung abhängig gemacht.
Nun haben wir 2026. Einen belastbaren Zeitplan gibt es weiterhin nicht, und nach außen ist seit Jahren praktisch keine konkrete Entwicklung erkennbar.Fast entsteht der Eindruck, dass selbst CA Immo nicht mehr recht an die eigenen Frankfurter Hochhausstandorte glaubt. Beim Campanile am Hauptbahnhof wurde nicht länger gewartet oder neu geplant, sondern der Standort mitsamt Fernbusbahnhof und Parkhaus verkauft. Damit ist das Campanile-Projekt zumindest für CA Immo endgültig beendet. Ein perfekter Hochhausstandort, über den Frankfurt seit den 1980er-Jahren diskutiert hat, wird nach Jahrzehnten aufgegeben, ohne dass dort jemals ein Turm entstanden ist. Das muss man sich einmal vor Augen führen.
Und nun wird ausgerechnet das Millennium-Areal als möglicher neuer Standort der Bundesbank gehandelt. Ein konkreter Erwerb oder gar ein fertiges Konzept ist bisher nicht bestätigt. Sollte die Bundesbank dort allerdings einen auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Büroturm mit vielleicht rund 200 Metern Höhe errichten und dafür der geplante Millennium Tower aufgegeben werden, wäre das für Frankfurt ein äußerst zweischneidiges Ergebnis.Die Stadt bekäme zwar eine bedeutende Institution und wahrscheinlich auch ein hochwertiges neues Hochhaus. Gleichzeitig würde aber der einzige derzeit halbwegs konkrete Standort für einen annähernd 300 Meter hohen Turm auf Jahrzehnte verbaut und die 200 m Wand, genannt Frankfurts Skyline zementiert.
Gerade dieser Turm wäre für die Frankfurter Silhouette enorm wichtig. Die Skyline braucht nach all den Projekten zwischen 160 und 200 Metern endlich wieder eine klare vertikale Spitze, die den Commerzbank-Tower sichtbar überragt und dem westlichen Cluster ein neues Gewicht gibt. Ein weiterer 200-Meter-Turm wäre ordentlich. Mehr aber auch nicht.
Der Millennium Tower hätte mit seinen knappen 300 Metern die Skyline tatsächlich neu geordnet und Frankfurt erstmals seit Jahrzehnten wieder einen echten Höhenrekord verschafft. Er wäre keine bloße Ergänzung gewesen, sondern ein neuer Bezugspunkt für die gesamte Stadtsilhouette. Wird diese Chance gegen einen niedrigeren Bundesbank-Turm eingetauscht, dürfte das Thema 300 Meter in Frankfurt auf sehr lange Zeit erledigt sein. Einen zweiten entsprechend ausgewiesenen, planerisch vorbereiteten und zugleich städtebaulich geeigneten Standort gibt es praktisch nicht. Und angesichts des restriktiven politischen Klimas muss niemand ernsthaft darauf hoffen, dass das Planungsdezernat in fünf Jahren plötzlich irgendwo einen neuen 300-Meter-Standort aus dem Hut zaubert.
An fehlenden Interessenten für moderne und große Büroflächen allein kann es jedenfalls nicht liegen. Die Deutsche Bundesbank sucht für mehrere Tausend Beschäftigte einen neuen Standort in Frankfurt. Eine solche Institution wäre für jedes Hochhausprojekt ein außergewöhnlich verlässlicher Nutzer oder Käufer. Gerade deshalb müsste die Stadt alles daransetzen, ein passendes Projekt möglich zu machen. Beim GA8 zeigt sich jedoch, wie widersprüchlich die Frankfurter Hochhauspolitik inzwischen geworden ist. Das Ensemble soll ausdrücklich als Mixed-Use-Projekt entstehen. Nur etwa 60 Prozent der Flächen sind für Büros vorgesehen, der Rest entfällt unter anderem auf Hotel, Wohnen, Kultur, Gastronomie und öffentlich zugängliche Bereiche. Sollte die Bundesbank ernsthaftes Interesse am GA8 entwickeln, könnte genau diese Nutzungsmischung zum Problem werden. Für den gesamten Flächenbedarf der Bank würden die vorgesehenen Büroflächen schlicht nicht ausreichen. Dann müsste man das Projekt nachjustieren. Man könnte den Büroanteil erhöhen, einzelne Nutzungen anders verteilen oder den Büroturm um einige Geschosse anheben. Das wäre keine Niederlage der Stadtplanung, sondern eine vernünftige Reaktion auf einen konkreten Großnutzer.
Eigentlich ein Glücksfall.
Ein finanzstarker Interessent wäre vorhanden, der Standort würde angenommen, und ein seit Jahren diskutiertes Projekt könnte endlich eine realistische Perspektive erhalten. Dafür müsste das Planungsdezernat unter Marcus Gwechenberger jedoch beweglich reagieren. Genau diese Beweglichkeit sehe ich bislang nicht. Seine bisherigen Äußerungen zu Gebäudehöhen, Nutzungsmischungen und den Vorgaben des Hochhausentwicklungsplans vermitteln eher den Eindruck, dass die einmal festgelegten Rahmenbedingungen möglichst strikt durchgesetzt werden sollen. Ich halte es deshalb keineswegs für ausgeschlossen, dass man selbst bei einem Interessenten wie der Bundesbank auf der vorgesehenen Höhe und Flächenverteilung beharren würde.
Im schlimmsten Fall würde Frankfurt damit einen tatsächlichen Hochhausbau verhindern, weil das Projekt auf dem Papier exakt den politischen Vorstellungen entsprechen soll. Das wäre schon ziemlich absurd: Man sucht jahrelang nach Investoren und Nutzern, bekommt möglicherweise die Bundesbank angeboten und lässt das Vorhaben dann an einigen zusätzlichen Geschossen oder einer veränderten Nutzungsquote scheitern. Natürlich liegen die wirtschaftlichen Gründe für den allgemeinen Stillstand auf der Hand. Die Baukosten sind weiterhin hoch, Finanzierungen wesentlich teurer als während der Nullzinsphase, Banken vorsichtig und Investoren zurückhaltend. Gleichzeitig steht viel Bürofläche leer. Neue Projekte müssen daher einen hohen energetischen und technischen Standard bieten, während Entwickler ohne Ankermieter kaum noch eine Finanzierung erhalten. Es entsteht der bekannte Kreislauf: Ohne Vorvermietung kein Baustart. Ohne gesicherten Baustart zögern viele Mieter mit einer verbindlichen Zusage. Und wer einen Nutzer gefunden hat, muss anschließend noch jahrelange Planungs- und Genehmigungsverfahren überstehen.