Ist die Politik zum Großteil dafür verantwortlich dass aktuell keine Hochhäuser gebaut werden: Ja wahrscheinlich schon.
Das stimmt natürlich dahingehend, als dass städtebauliche Strategien politisch festgelegt werden. Allerdings ist es ein bisschen unscharf, das Ausbleiben neuer Hochhausprojekte allein der Politik zuzuschreiben. Für mich ist es nämlich im Mindset begründet. Die Deutschen sind eher eine passive und stehenbleibende Gesellschaft, die sich notorisch auf's "Contra" eingeschossen hat. Gegenargumente genießen hierzulande großes Ansehen –zu großes, wenn ihr mich fragt– und sie gehören tatsächlich zum guten Ton. In allen Gesellschaftsschichten.
Wenn wir von Diskursen oder Diskussionen lesen, geht es in erster Linie ums Contra. Dinge werden verhindert, weil jmd dagegen war. Dinge werden aber nicht umgesetzt, weil jemand dafür war.
Es gibt eine handvoll Themen zwischen X und Y zu denen wahnsinnig viele Menschen tatsächlich gleicher Meinung sind.
Und Hochhäuser fallen grundsätzlich immer darunter, werden sie doch fortwährend durch die Contra-Brille besprochen. Schatten, Baukosten, Emissionen, Dimensionen - all das wird üblicherweise in Lokalpresse, Social Media, überregionalen und nationalen Medien in den Mittelpunkt gerückt und daher glauben auch die meisten Leute, dass ihre Skepsis oder Diskrepanz ggü. Hochhäusern eine fundierte Meinung sei. Man schaut hierzulande halt einfach zu oft nur auf die Probleme, seltenst aber auf Lösungen und Vorteile.
Allerdings muss ich eines auch eingestehen: Deutsche Gegenwartsarchitektur ist idR gestalterisch eher uninteressant bzw. langweilig. So begeistert man halt nur schwer.
Lange Rede kurzer Sinn: Eine hochhausfreundliche Politik würde also binnen kürzester Zeit madig gemacht und definitiv nicht hochgelebt werden, auch wenn nahezu jede deutsche Großstadt von mehr Hochhäusern profitieren würde. Von allen Seiten und auf allen Kanälen. Weil die Deutschen glauben, sie hätten es alles gerafft. 12 Jahre Schule, Ausbildung, Studium, sachliche, freie Medien. Perfekte Grundlage für eine aufgeklärte, liberale Gesellschaft. Doch der Schein trügt. Haben sie sich einmal eine Meinung zu etwas gebildet, legen sie sie nicht einfach so wieder ab. Ganz egal, ob man bessere Argumente präsentiert oder nicht. Was richtig und was falsch ist, meinen zu viele hier klar benennen zu können. Allerdings oft ausgehend von recht einseitiger Beleuchtung eines Themas.
Städtebaulich bräuchte Frankfurt jetzt eigentlich eine Zwischengeneration an Hochhäusern. Und zwar Mid-Rise mit überwiegender Wohnnutzung. 10 - 20 Projekte in gut angebundenen und / oder zentralen Lagen zwischen vllt. 40 bis 80 Metern Höhe. Nichts bahnbrechendes, nichts einzigartiges, nichts neues. Einfach nur taugliche Wohnungen, die vielen Menschen ein gutes Leben und bequemes Arbeiten in der Stadt ermöglichen.
Gute Neubauviertel mit adäquater Wohndichte finden sich aktuell zB in:
Carlsberg Byen, Kopenhagen, DK
Aarhus Hafen, Aarhus, DK
Cascina Merlata, Mailand, IT
Olympisches Dorf, Paris, FR
La Confluence, Lyon, FR
angekündigt in:
Nuevo Norte, Madrid, ES
Bubny-Zàtory, Prag, CZ