Ich sehe für eine Stadtbahn in Hamburg durchaus großes verkehrliches Potenzial. Gleiches gillt für viele anvisierte U- und S-Bahn-Verlängerungen.
Letztere sehe ich insbesondere dort, wo Bevölkerungsschwerpunkte liegen, die derzeit durch den SPNV chronisch untererschlossen sind oder dort, wo parallele Schnellbahnverbindungen an ihre Leistungsgrenze geraten.
Die U5 wird jetzt gebaut und da sollte auch nicht weiter dran gerüttelt werden, das passiert jetzt und ist in vergleichsweise absehbarer Zeit fertiggestellt. Insbesondere der Westabschnitt erfüllt beide Kriterien. Gleiches gilt im übrigen für Wilhelmsburg: Hier besteht eine erhebliche (künftige) Siedlungsdichte. Eine U4-Verlängerung ergibt hier nur Sinn, da eine schnelle attraktive Anbindung ans Zentrum geschaffen wird und gleichzeitig ein erheblicher Druck von der S-Bahn genommen wird. Eine Stadtbahn würde dieses Ziel nur partiell erfüllen.
Sinn ergeben tut die Stadtbahn in dünner besiedelten Stadtteilen, als Zubringer zur Schnellbahn und gegebenenfalls als Tangentialverbindung. Der Streckenkilometer ist hier wesentlich günstiger zu bauen und daher auch auf längeren Strecken wirtschaftlicher zu realisieren. So könnte in Harburg beispielweise ein Netz mit mehreren Strecken entstehen, Bergedorf-Wentorf/ -Lohbrüge-Billstedt könnte Sinn ergeben, Rothenburgsort gehört deutlich besser erschlossen und insbesondere der Hamburger Westen hat hier großes Potenzial. Die geplante S6 kratzt an der unteren Wirtschaftlichkeitsgrenze, da sie bei wahnsinnigen Baukosten viele Erschließungspotenziale einfach auslässt (z.B. das EEZ in Osdorf). Eine Stadtbahn könnte Osdorf, Lurup, Schenefeld, Bahrenfeld, die Science City, Ottensen mit Altona und darüber hinaus verknüpfen. Der Siedlungsschwerpunkt am Osdorfer Born könnte alternativ über eine kurze Verlängerung der U5 wesentlich effizienter ans Schnellbahnnetz angebunden werden. Eine Verknüpfung der Strecken wäre sicherlich sinnvoll, um Fahrzeuge flexibel einsetzen zu können und Betriebsinfrastruktur effizient zu nutzen. Hier bieten sich Tangentialverbindung im Bereich des Ring 2 / Ring 3 an.
Kopenhagen beispielweise baut im Zentrum ein Metronetz und am Stadtrand parallel zu einer Straßentangente eine Stadtbahn. Paris Baut mit dem Grand-Paris-Express beispielsweise einen großen Metroring, gleichzeitig aber ein recht fragmentiertes Straßenbahnnetz in urbanen und periphären Stadtteilen. München plant eine neue U- und S-Bahn-Stammstrecke bei gleichzeitig geplanten Tram-Verlängerungen. Ich möchte damit dafür plädieren, dass einmal ernsthaft und ideologiefrei für den jeweiligen Anwendungsfall die Systeme miteinander verglichen werden und je dort implementiert werden, wo es Sinn ergibt. Es wäre jetzt wirklich wahnsinnig bitter, wenn man Wilhelmsburg aus Geldmangel und realpolitischem Zwang eine hochwirtschaftliche U-Bahn-Anbindung zugunsten einer unvorteilhafteren Straßenbahn vorenthält, während man im Hamburger Westen Einfamilienhäuser per neuem S-Bahn-Tunnnel erschließt. Immerhin werden jetzt einmal ernsthaft Alternativen geprüft, so hat man wenigstens eine datenbasierte Entscheidungsgrundlage.