Um die vor einigen Seiten noch tobende Debatte aufzugreifen, woran es Stuttgart denn mangele, wieso ihr Ruf schlechter sei, als jener vieler anderen Landeshauptstädte.
Der Grund dafür ist traurig wie banal. Ich weiß nicht, weshalb das überhaupt zur Debatte steht. Die Stuttgarter Innenstadt ist - schlicht und einfach - die vielleicht hässlichste in Deutschland. Nachkriegstristesse der übelsten Sorte. Stuttgart hat keine Bausünden, Stuttgart *ist* die Bausünde, zumindest Stuttgart-Mitte. Wer mich der Polemik beschuldigen mag: wie viele Orte in der Stuttgarter Innenstadt gibt es denn, an welchen man sich aufzuhalten vermag, ohne zumindest von einer Seite von brutalster Hässlichkeit erschlagen zu werden? Mir fällt spontan nur die Ecke zwischen Schlossplatz und Königsstraße ein, wobei die Königsstraße eigentlich nur an einem Abschnitt ansehnlich ist und im späteren Verlauf dann ebenfalls trostlos wird. Die Gegend um die Stiftskirche macht ebenfalls etwas her. Das war es aber auch schon, falls mich die Erinnerung nicht trügt.
Wichtig: Stuttgart ist von der Bausubstanz und Anziehungskraft insgesamt ja sogar überdurchschnittlich für eine Stadt dieser Größe. Sie ist mir auch keineswegs gleichgültig geblieben bei meinem Besuch, sonst würde ich keinen so langen Beitrag zu ihr verfassen.
Stuttgart hat doch auffällig viele schöne Einfamilienhäuser, Anwesen und erhaltene Gründerzeitviertel vorzuweisen. Besonders auf Stadtpanoramen wird sichtbar, wie schön die Hanglagen Stuttgarts teils sind (siehe obere Häuserreihen auf dem angehängten Bild). Auch die Landschaft ist durch die Tallage für eine größere Stadt einzigartig, man hat immer wieder sehr weitreichende Ausblicke auf andere Stadteile, welche sich durch Höhenunterschiede ergeben. Der ÖPNV ist für eine Stadt dieser Größe vorbildlich. Stuttgart ist die Stadt, welcher die Welt das Automobil verdankt, was sich auch in einem wirklich guten Museen (Benz Museum) widerspiegelt. Die Umgebung Stuttgarts ist wundervoll, zahllose schönen Kleinstädte & Dörfer, mit glücklicherweise heilen Stadtkernen, von denen manche bereits administrativ in der Stadt aufgegangen sind. Die unter Kennern bekannte Werkbundsiedlung, wirklich von Weltrang.
Aber um all diese Vorzüge zu entdecken, bedarf dafür eben eines Erkundungswillens, welcher sich nicht entwickelt, wenn das "Gesicht" Stuttgarts so scheußlich ist, wie die heutige Mitte. Als Nicht-Stuttgarter lernt man eine Stadt eben vorrangig über diese kennen und wagt sich erst später - wenn überhaupt - dann tiefer in die Stadt. So weit kommt es aber bei vielen nach Bekanntschaft mit eben jener grauen, gesichtslosen bis grauenvollen Innenstadt. Stuttgart ist der sehr seltene Fall, wo eine Stadt umso weniger attraktiv wird, je mehr man sich dem Stadtkern nähert.
Es gibt einzelne Maßnähmchen zur Aufhübschung des Stadtbildes, aber leider ein viel zu zaghaftes Flickenwerk und ohne die nötige Radikalität . Dass der Rathausplatz (häufig die Trumpf- und Visitenkarte europäischer Städte) selbst nach seiner "Aufwertung" voraussichtlich weiter keinen einzigen Anziehungspunkt haben und nur ein wenig weniger unerträglich hässlich sein wird, ist leider nur allzu symptomatisch für den fehlenden Willen, Stuttgart eine Innenstadt zu geben, welche den Namen wirklich verdient.
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