Eine Kolossalordnung ist die Strukturierung der Außenfassade, die über ein Geschoss hinausgeht. Natürlich hat jeder Architekt seine Vorlieben und Markenzeichen, aber "Schlütersche Kolossalordnung" habe ich als feststehenden Fachbegriff noch nicht gehört, ist aber als solcher im Artikel wohl auch nicht gemeint.
Beiträge von Vertigo
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Auch wenn es etwas off-topic wird: Hier werden Dinge vermischt, die man differenziert betrachten sollte:a) Hexenverfolgung war ein typisch (wenn auch nicht ausschließlich) mitteleuropäisches Phänomen der frühen Neuzeit, das eher soziologisch zu deuten ist, es ging um Abgrenzung und Identitätstiftung (und manchmal um Rache und Bereicherung), sie kam in katholischen wie protestantischen Gegenden vor, besonders aber in Grenzgebieten der Konfessionen - unabhängig von Toleranzedikten (welche sind damit überhaupt gemeint?). In rein katholischen Ländern wie Irland oder Spanien gab es so gut wie keine Hexenverfolgung, die spanische Inquisition war zwar nicht zimperlich, hat aber jede Art von Hexenverfolgung unterbunden. Dass Exorzismus lebensgefährlicher, unverantwortlicher Unsinn ist, steht außer Frage, es ist aber weder Mord noch Hexenverfolgung.
Dass "preußisch geprägte Landstriche" im Gegensatz zu "katholisch geprägten Fleckchen" nach wie vor als Vorbild der Aufklärung dienen können, halte ich für eine sehr kühne These. Mal davon abgesehen, was mit ehemaligen preußischen katholischen Gegenden ist, habe ich in vielen Dörfern Brandenburgs - preußisches Kernland, garantiert frei vom Einfluss der kath. Kirche - oft ein Ausmaß an kleingeistigem Denken, Fremdenfeindlichkeit, reaktionärem Geist und Rückständigkeit erlebt, das Dörfer im Westen der Republik um Längen schlägt (ich will hier aber nicht pauschalisieren, ich kenne auch sehr nette, aufgeschlossene Brandenburger).b) Die Farben der Märzrevolution symbolisieren die Befreiungskriege gegen Napoleon. Die Aufstände richteten sich gegen Fürstenherrschaft allgemein, innerhalb Preußens aber auch speziell gegen die preußische Herrschaft, die von manchen als Fremdherrschaft empfunden wurde. Insgesamt ist die Märzrevolution aber keine dezidiert antipreußische Veranstaltung gewesen, zumal sich König Friedrich Wilhelm IV. an die Spitze der Bewegung setzte, sich vor den Gefallenen verneigte und sich öffentlich mit den schwarz-rot-goldenen Farben schmückte. Es gab auch viele politische Zugeständnisse - allerdings war das alles nur ein politischer Schachzug, Heuchelei, um eine Abschaffung der Monarchie zu verhindern.
c) Natürlich war es nach dem 2. Weltkrieg leicht, alle Verfehlungen der dt. Geschichte auf Preußen zu schieben, das gab es ja nicht mehr. Das Revival Preußens begann schon in den 80er Jahren in der DDR und setzte sich nach der Wiedervereinigung mehr und mehr fort. Sicherlich war Preußen ein moderner, fortschrittlicher Staat, aber selbstverständlich war Preußen auch ein militaristischer Staat - und das obwohl andere europäische Großmächte höhere Militärausgaben, ein größeres Heer und häufigere Kriegsteilnahmen hatten. Dass das Militär militärisch ist, versteht sich von selbst, von Militarismus spricht man, wenn auch im Zivilleben das Militär maßgeblich ist - und im preußischen Alltagsleben war eben das Militär das Maß aller Dinge, der Reserveoffizier besonders angesehen. Mir wäre auch neu, dass die preußische Armee ganz neue militärische Tugenden erfunden hat, die es vorher nicht gab.
d) In der Weimarer Republik war das Land Preußen bis zum "Preußenschlag" die letzte Bastion gegen die um sich greifende NS-Herrschaft. Gerade im roten Berlin hatte die NSDAP Schwierigkeiten - München hingegen wurde vollkommen zu recht als "Hauptstadt der Bewegung" bezeichnet.
Aber das heutige Deutschland als reine Fortführung Preußens zu sehen, ist doch sehr verkürzt, weil man so den massiven Einfluss des rheinischen Katholizismus (auch wenn das Rheinland formal preußisch war), mit dem Adenauer Westdeutschland seinen Stempel aufdrückte, ausblendet. Allein die geringe Rolle, die das Militär in Deutschland spielt, zeigt den unpreußischen Geist. Die alte Bundesrepublik war (rein kulturell) westlicher, südlicher, katholischer, ziviler und barocker als es ein preußischer Staat je hätte sein können. Und das wiedervereinigte Deutschland ist nicht in dem Maße protestantischer, nördlicher und östlicher (sprich preußischer) geworden, wie es prophezeit wurde.Zurück zum Thema:
In der FAZ wird auf die hohe Bedeutung der Schlossrekonstruktion hingewiesen, die Vorgaben für den Architektenwettbewerb werden als unkonkret und mutlos gegeißelt:
http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154…n~Scontent.html -
Mit Rossi hat das aber auch so gar nichts mehr gemein. Und ein Vier-Sterne-Hotel ist auch nicht gerade das, was Berlin unbedingt noch gefehlt hat, vom Standort mal ganz abgesehen. Aber wenn das so gebaut wird, hat der Filmschauplatz Berlin wieder ein Argument mehr, Moskau zu doubeln...
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Ja, aber gefragt wurde nicht nach der Volksrepublik China, sondern der Republik China, sprich Taiwan.
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Da Deutschland mit Taiwan keine diplomatischen Beziehungen unterhält, gibt es im strengen Sinne keine Botschaft, allerdings drei "Taipeh-Vertretungen" in Berlin, Hamburg und München. Die Berliner findest du in der Markgrafenstraße 35, genaue Informationen findest du hier: http://www.roc-taiwan.org/de/mp.asp?mp=107
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Aber dafür haben die Erläuterungen, warum die Häuser nach europäischen Hauptstädten (wenn man Barcelona mal als katalanische Hauptstadt gelten lässt) heißen, unfreiwillig einen hohen Unterhaltungswert...
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AeG, deine leidenschaftlichen Ausführungen suggerieren, dass deiner Meinung nach mehr und mehr ein in jeder Beziehung ungebildeter Mob die Meinungsführerschaft rücksichtlos an sich reißt und sich die letzten Gralshüter echter Baukunst massiv dagegen stemmen müssen, um das Wahre und Gute zu verteidigen.
Selbst wenn es diese Tendenzen gibt, so sind sie doch verständlich - weil eben jene Gralshüter in den letzten Jahrzehnten nicht so überzeugen konnten. Die Meinungsführerschaft der Architekten und besonders der Architekturkritiker in Universitäten, Feuilletons und Ausschüssen war doch von den 50er bis in die 80er Jahre nahezu einhellig auf einen Stil eingeschworen, mehr als das, man kann geradezu von Ideologie und Dogmatismus reden, was auch schon der Umgang mit Kritikern zeigt. Wolf Jobst Siedler sollte z.B. für sein wunderbares Buch "Die gemordete Stadt" (leider vergriffen), das 1961 einfach Fotos historisierender Berliner Bauten modernen gegenüberstellte, aus der Akademie der Künste ausgeschlossen werden. Mit wie viel Häme wurde etwa Münster übergossen, weil es den Prinzipalmarkt historisierend wieder aufgebaut hatte?
Wie viel im Krieg unzerstörte Bausubstanz ist abgerissen worden, weil sie nicht dem Zeitgeist entsprach? Wie viele der in Deutschland stehenden Häuser wurden erst seit den 1950er Jahren neu gebaut, wie viele in den Jahrhunderten davor (kennt jemand die Prozentzahl? Ich hatte sie mal gelesen, kenne aber die Quelle nicht mehr)? Was im Geist der "Charta von Athen" angerichtet wurde, um in den 1960er Jahren die autogerechte Stadt zu entwerfen, ist verdammt bitter, weil es eben diese Bauten sind, die die Geschichte des Ortes vollkommen ignoriert haben, die zur Umweltzerstörung massiv beigetragen und soziale Strukturen zerschlagen haben. Warum du das pseudohistorischen Bauten vorwirfst, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Es fordert wohl kaum einer, ausnahmslos alle Neubauten mit Putten und Säulenkolonaden zu überziehen. Wenn man aber z.B. einen pseudohistorischen Neubau wie das Kronenpalais nimmt - warum sollte es weniger umweltgerecht sein als eine reine Glasfassade? Muss dafür zwangsläufig Kinderarbeit in Indien geleistet werden? Dieses Haus war schon vor seiner Fertigstellung komplett vermietet - das Oldtimerargument (bewundert, aber ohne Marktchance) greift also nicht.
Ich bin ein großer Freund moderner Architektur, was aber, gefordert und vollmundig abgesegnet von besagten Gralshütern, in Deutschland nach dem Krieg gebaut wurde, ist in meinen Augen zu 95% architektonisch minderwertig und geradezu ein Verbrechen, wenn dafür noch intakte historische Bausubstanz geopfert wurde. Es ist ohnehin ein Unding, wenn in einer pluralen Gesellschaft in einem derart prägenden Bereich nur Einheitsdenken vorherrscht. Wenn seit den 1980er Jahren diese Ideologie langsam aufgebrochen wird, ist das nur zu begrüßen - ich kann nicht nachvollziehen, warum du dadurch persönlich eingeschränkt wirst. Wenn es in weiten Teilen der Bevölkerung eine Sehnsucht nach historisierenden Bauten gibt, dann muss dass nicht nur an einem unterentwickelten ästhetischem Empfinden der Bevölkerung liegen, sondern vielleicht auch daran, das die moderne Architektur und Stadtplanung einfach nicht überzeugen konnte. Auch in Berlin sind die meisten Neubauten doch langweilig und gesichtslos, was sicherlich auch an den meiner Meinung nach zu rigiden Auflagen Stimmanns und den ebenso gesichtslosen Immobilienkonzernen liegt, denen es nicht um architektonisch qualitativ hochwertige Visitenkarten, nicht um einen kulturellen Beitrag zur Stadt geht, sondern nur um Abschreibungsmasse. Es sind auch nicht nur die kulturell und ästhetisch ungebildeten Spießer, die lieber in den wenigen verbliebenen Gründerzeitvierteln der Großstädte als in den Nachkriegsvierteln leben....Um zurück zum Thema zu kommen: Den Patzschke-Entwurf lehne ich ab, ich halte es aber nicht für legitim, ihn als geschichtslos, unwahrhaftig, nicht zeitgemäß, zwar als Abbild der (desaströsen) gesellschaftlichen Verfassung, nicht aber der Schaffenskraft abzuqualifizieren. Das 1930 fertiggestellte Pergamonmuseum hat eine andere Architektursprache als der deutsche Pavillon Mies van der Rohes für die Weltausstellung in Barcelona 1929. Ist er deswegen weniger wahrhaftig, weil er eine längst vergangene Epoche zitiert? Architektur ist doch keine Einbahnstraße, die immer minimalistischer wird, sondern schon immer in Bewegung gewesen. Vielleicht ist es gerade - aus den oben genannten Gründen - Ausdruck der Zeit, wieder auch leicht historisierend zu bauen. Das alle Architekten deswegen gleich arbeitslos werden, die sich dem Internationalen Stil u.a. verschrieben haben, glaube ich nicht....
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Schön, dass auch ein Star-Architekt wie Chipperfield Einsicht zeigt, sein neuer Entwurf ist um Klassen besser. Die Kritik hielt ich nicht nur für berechtigt, sie hat offenbar sogar Chipperfield bekehrt.
Auch wenn seine klobigen Glascontainer im Nachhineien als bloßer Entwurf, als unverbindliche Machbarkeitsstudie heruntergespielt wurden - für diesen angeblich "Entwurf" wurden überraschenderweise sehr plötzlich (ursprünglich sollte erst 2020 gebaut werden) ganz konkrete 73 Mio € öffentliche Gelder bewilligt.
Perfekt ist der Entwurf noch nicht, ich wüsste auch gerne, wie (und wofür) die Räume im Sockelbereich geplant sind - aber ich kann jetzt wieder etwas ruhiger schlafen... -
In der ursprünglichen Planung gab es diesen Sicherheitsabstand noch nicht, die Botschaft schloss bündig an die beiden Nachbargebäude an, das sah wesentlich stimmiger und harmonischer aus, auch war die Südwest-Ecke einladender.
Ich kann leider keine Abbuildung einscannen, aber man kann z.B. in den Buch "Philipp Meuser: Vom Plan zum Bauwerk. Bauten in der Berliner Innenstadt nach 2000, Verlagshaus Braun 2002" den ersten Entwurf sehen. -
Mich regt so etwas auch immer auf, in den ersten Planungen war der Anschluss meines Wissens auch noch bündig - vermutlich sollten so ein paar Zentimeter Sicherheitsabstand mehr herausgeholt werden...
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Da gibt es einige Möglichkeiten:
a) Man nimmt den Wettbewerbsentwurf von Kleihues, der alles unterirdisch angelegt hätte.
b) Man rekonstruiert die Außenmauern des Packhofs. Passt stilistisch perfekt, da sich das Neue Museum an ihm orientiert hat. Die Neuplanung des (verkleinerten) Eingangsbaus soll ohnehin an genau dieser Stelle errichtet werden.
c) Unterirdische Promenade bis zur Schlossrekonstruktion verlängern und diesen Bau dann als zentrales Eingangsgebäude nutzen. -
Manuel:
Ich bin immer wieder fasziniert, was du so alles weißt. Du kannst ganz immer genau sagen, was alle Berliner (bzw. der Berliner an sich) nicht wollen, wie der genaue Stand der Schlossplanung ist und weswegen alle Touristen kommen. Meine persönliche Vermutung: Es ist das 20er Jahre Flair, das die meisten noch mit Berlin in Verbindung bringen und nach dessen Spuren sie suchen. Wenn die böse, böse wilhelminische Architektur "natürlich" nicht interessiert, warum wollen dann so viele im Prenzlauer Berg wohnen? Warum pilgern dort die Touristen hin - und nicht etwa in Plattenbauviertel? Warum ist der Prenzlauer Berg so angesagt, der Weddding gleich nebenan aber nicht? Ob das an der relativ intakten Architektur aus dem Kaiserreich liegen könnte? Warum sind so viele Touristen am rekonstruierrten Gendarmenmarkt (auf dem ein Schauspielhaus zum Konzertsaal a la Schinkel umgepresst wurde) und nicht etwa auf dem Mehringplatz? Warum ist die Museumsinsel tausendfach präsenter und bekannter als das Kulturforum?
Es kommt mir so vor als wäre "Das ist bestimmt total modern und avantgardistisch und lockt ganz viele ausländische Touristen an" für einige das Hauptkriterium. Nur komisch wenn etwa in Paris im neusten Museum die Touristen scharenweise das sehen wollen, was hier im Forum gern mal als "Buschmuseum" oder "Kuriositätensammlung" diffamiert wird... Aber wenn "die Menschen" eine moderne Austellungshalle für moderne Kunst sehen wollen und ihnen historische Bauten egal sind, dann können sie ja auch ebenso gut nach Wolfsburg, Schweinfurt, Emden oder Herford fahren. -
Wer wie recht hatte ist damit noch nicht geklärt - da wäre ein Quellenbeleg etwas aussagekräftiger. Obwohl Schinkels Stadtplanung das Gegenteil des Barocks war, hätte er sich mit Sicherheit nicht so brüsk abwertend über die Residenz seiner finanzstärksten Auftraggeber geäußert, an der er zudem selbst mitgearbeitet hat.
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Wenn hier aneinander vorbei geredet wird, liegt das vermutlich auch an unterschiedlichen Prioritäten. Die einen sehen im Schloss eher einen langweiligen Kasten, der auf den ersten Blick nicht so anmutig wirkt wie etwa das Charlottenburger Schloss. Etwas vereinfacht geht es in den Beiträgen dann oft um Wahrzeichen, Sehenswürdigkeiten, Solitäre, spektakuläre Architektur, und die Frage, was wohl die meisten Touristen anziehen würde.
Eine Stadt braucht aber mehr als einzelne (austauschbare) Schmuckstücke, sie braucht etwas wie Geschichte, Identität, Profil, Erinnerung, Ausrichtung. Und da scheint mir das Schloss für Berlin eben unerlässlich, mein Traum wäre natürlich eine Totalrekonstruktion, ein guter Kompromiss wären zumindest die alten Raumfluchten, so dass man nach und nach einzelne Räume rekonstruieren könnte.
Natürlich wandelt sich die Bedeutung eines Bauwerks - aber das ist doch keine Einbahnstraße. 1950 hielt die DDR-Regierung das Schloss für überflüssig, im Westen gab es ähnliche Bestrebungen - so wollte man z.B. in Braunschweig lieber einen Horten-Neubau als das Schloss. Jetzt denkt man anders und beides soll rekonstruiert werden (ganz abgesehen von den heiklen Umsetzungskompromissen). In Hildesheim hatte man nach dem Krieg keinen Sinn für das Knochenhaueramtshaus. Vor wenigen Jahren hat man das 50er-Jahre -Hotel "Rose" abgerissen und das Knochenhaueramtshaus rekonstruiert. Ob man bald auch wieder den PdR rekonstruiert? Hoffentlich nicht, aber man sollte wichtige Bauten eben nicht vorschnell abschreiben.
Ganz unabhängig von den subjektiven Eindrücken hier im Forum ist aber die Bedutung des Schlosses in der Fachwelt nun wirklich unbestritten. Und gerade weil in Berlin schon immer schnell abgerissen wurde, sollte man hier an dieser Stelle der Stadt ihr altes Herz zurückgeben (entschuldigt das Pathos). -
Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Die prägende Bedeutung des Schlosses für Stadt ist doch nur wirklich ein alter Topos!
Sicherlich ist der Eiffelturm das Wahrzeichen für Paris und Frankreich schlechthin, und er wäre auch ein bekannteres, besseres und auffälligeres Wahrzeichen als das Berliner Schloss, egal ob es noch oder wieder stehen würde.
Aber davon rede ich auch gar nicht. Der Eiffelturm wurde an den Rand einer "fertigen" Stadt gesetzt, er hat dadurch die weitere Entwicklung der Stadt nicht sehr beeinflusst. Berlin ist aber quasi um das Schloss herumgewachsen, daher die zentrale Bedeutung für die Stadtentwicklung zumindest für 350 Jahre. Wer sich aber auch nur ein wenig mit der Geschichte Berlins oder dem Schloss befasst hat, wird das schon mehrfach gelesen haben. -
Wir sollten die kunsthistorische wie städtebauliche Bedeutung des Berliner Schlosses den (Kunst-)Historikern überlassen, nicht nur retrospektiv, sondern im Rahem der Zeitgeschichte - dann dürfte das Urteil um einiges sachlicher ausfallen.
Berlin hat keinen Charakter und würde nur noch an Gründerzeithäusern erkannt werden. So ein totaler Unsinn! Potsdamer Platz, Hauptbahnhof, Kanzleramt, ICC, Fernsehturm und und und. Das alles stammt nicht aus der Gründerzeit. Zeig den Leuten mal ein Gründerzeithaus und das ICC. Letzteres werden sie zweifelsfrei Berlin zuordnen können.
Das Problem ist, daß Dir der Charakter nicht gefällt. Und da argumentierst Du dann, es gäbe schlicht keinen.Berlin ist riesengroß - 883 qkm! Es hat eben viele Zentren, lange Straßenzüge und nur wenige prägnante Wahrzeichen bzw. Sehenswürdigkeiten. Und gerade diese normale Bebauung macht den Charakter einer Stadt aus, gerade in Berlin. Ja, viele werden das ICC als Berliner Bauwerk erkennen, aber einzelne Bauwerke gehören zwar auch zum Bild einer Stadt, sind aber nicht das Stadtbild. Wie oft siehst du denn diese Einzelgebäude? Ich bin mir sicher, dass du als Berliner ein Berliner Gründerzeithaus schnell erkennst, aber die vielen Straßenzüge, in denen oft grundlos die historische Bebauung und die historische Struktur den einfallslosen Allerwelts-60er-und-70er-Jahre-Kästen geopfert wurde, könnte auch kein Berliner (wenn er sie nicht vorher kannte) von der Bebauung dieser Zeit in anderen westdeutschen Städten unterscheiden (höchstens an Details wie Bürgersteigplatten und Straßenschildern). Diese zerstörte Identität, diese Gesichtslosigkeit meine ich mit fehlenden spezifischen Berliner (!) Charakter. Das ich Verbrechen von Werner Düttmann und Co. oder die Platte im Osten obendrein auch noch häßlich finde, stimmt natürlich. Die Pariser Wohnhäuser Haussmanns erkennt man weltweit sofort (auch ohne Eiffelturm). Die normale Berliner Mischung aus Gründerzeit mit Kratzputzfassade und gepfelgter 60er-Jahre-Langweile könnte überall stehen. Deshalb bin ich dafür, in Berlin jede sinnvolle Möglichkeit für eine möglichst originalgetreue Rekonstruktion des Vorkriegsstadiums zu nutzen.
Mich hier der Lüge zu bezichtigen finde ich ziemlich unangemessen. Ich habe behauptet, dass das Berliner Schloss für die Stadt wichtiger und prägender war als irgendein anderes Gebäude einer europäischen Hauptstadt - du kannst mich durch ein Gegenbeispiel gern überzeugen. Dass sich das Märkische Viertel nicht am Schloss orientierte ist mir klar, aber seine heutigen Ausmaße hat Berlin erst seit 1920, bis in das 19. Jhd. war das Schloss nicht nur geographisch ungefähr der Mittelpunkt der (überschaubaren Stadt).
Verstehe ich dich richtig? Dich stört (nur?) die Teilrekonstruktion des Schlosses? Willst du auch eine Vollrekonstruktion?
Ich verstehe die Domkuppelanspielung nicht: Was spräche dagegen, die fünf Laternen wieder auf die Kuppeln zu setzen, damit die Verhältnisse wieder stimmen - so wirkt der Dom viel zu breit und nackt. Gibt es da technische Probleme?
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Das Schloss war in seinen 500 Jahren Dreh- und Angelpunkt der Berliner Stadtplanung, alle Gebäude in seinem Umkreis waren auf das Schloss ausgerichtet - schließlich ist Berlin eine sehr junge Stadt. Paris war 1890 auch ohne Eiffelturm eine grandiose Metropole. Danach gab es einfach am Stadtrand ein Highlight mehr, dass nach zunächst großer Ablehung zum Wahrzeichen wurde.
Nenn' mir doch einfach ein Gegenbeispiel, wenn du dieses Argument für falsch hälst.Auch meinen zweiten Punkt finde ich nicht fadenscheinig: Wenn nun wirklich die Halle kommen sollte, woher kommt dann die Kunst, die sie zur Kunsthalle adelt? Und was hat sie, was die bewährten Ausstellungsorte nicht haben?
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Natürlich hast du Recht, Manuel: Berlin ist auch ohne Schloss Berlin. Paris wäre auch ohne Eiffelturm Paris und Rom ohne Petersdom Rom, selbst Königsberg ist auch ohne Königsberg immer noch Kaliningrad.
Trotzdem: Kein Gebäude war für eine europäische Hauptstadt so prägend wie das Schloss für Berlin.
Wie die 3,4 Mio. Berliner zum Schloss stehen, weiss ich nicht. Ich weiss nur, was in Berlin in den letzen 60 Jahren mit historischer Architektur gemacht wurde - und auch schon vor dem Krieg: Im Abreißen und im Ignorieren von historischen Strukturen und Identitäten war Berlin (in Ost und West) schon immer führend, die Argumente waren immer die gleichen (jede Zeit braucht ihre Ausdrucksform, neue Häuser für neue Menschen, Rekonstruktion leugnet Krieg, zu teuer, rückwärtsgewand, Verherrlichung dunkler Zeiten, spießig, unpraktisch, etc.). Und genau deswegen unterscheidet sich Berlin heute in weiten Teilen eben nicht von Leverkusen, Dortmund oder Frankfurt/Oder. Es heißt zwar immer noch Berlin, es aber schon in zu vielen Gegenden kein Profil, keine Identität und keinen typischen Charakter mehr. Bei jedem Gründerzeitmietshaus erkennt man dagegen meist sofort ob es in Berlin, Hamburg oder München steht.Ich habe nichts gegen eine temporäre Kunsthalle. Aber wer braucht die? Welche spektakulären Ausstellungen sollen dort denn zu sehen sein? Kunst wird nur noch selten verliehen, und auch nur dann, wenn es langjährige Kooperationen zwischen Museen gibt, die sich gegenseitig ihre Schätze ausleihen. Welche Schätze wollen denn die Kunsthallenbauer im Gegenzug den großen Museen anbieten?
Austellungen sind Vertrauenssache, trotzdem passiert auch den renommierten Museen immer mal ein Missgeschick: So ist im Alten Museum ein antiker Fries aus Wien zersbrochen, im Centre Pompidou wurden letztes Jahr versehentlich zwei moderne Austellungsleihgaben aus Los Angeles zerstört. Und jetzt kommen Leute, ziehen für eine begrenzte Zeit ziemlich billig eine Kunsthalle hoch, und sofort werden die großen Sammler, Galerien und Museen rufen: Super! Warum immer nur Neue Nationalgalerie, Museumsinsel oder Gropiusbau, die langjährige Erfahrung haben? Stellen wir unsere superempfindlichen Kostbarkeiten doch zur Abwechslung mal in ein Provisorium ... -
Wie, das ist alles schon fertig und ganz in echt? Noch schlimmer - ich hatte zumindest das linke Bild tatsächlich für eine Montage gehalten... Dazu dieser Kontrast aus Holz und weißer Plastikfront... schauderhaft.
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Manuel
Natürlich bezieht sich meine Aussage nicht auf das Rendering von Jo-King, sondern auf die beiden von dir geposteten Bilder - und da sind im linken Bild Dunkin' Donuts und Löwenbräu klar zu sehen. Ich frage mich nur ob die beiden tatsächlich schon als Mieter feststehen oder man bei diesem Rendering (ein Foto ist es ja wohl noch nicht) einfach nach Platzhaltern suchte, die dem Ort besonders angemessen erschienen...Den Wohnblock finde ich - bei edeln Materialien - durchaus gelungen, er wirkt unauffällig, edel und greift in seiner Formensprache das Stelenfeld auf. Ob aber auch dieser schon sehr alte Entwurf auch gebaut wird? Ich bin da eher skeptisch...