Beiträge von Vertigo

    Wolkenkratzer sind immer Machtdemonstrationen (das macht sie mir nicht gerade sympathisch) - unabhängig von der Wirtschaftsform. Zwar wurden bisher nur in kapitalistischen Staaten Wolkenkratzer von privaten Bauträgern errichtet, aber auch die Nazis hatten für Hamburg einen Wolkenkratzer geplant (Gauhaus Altona mit 250 m), in der Stalinzeit entstanden die "Sieben Schwestern" in Moskau oder der Kulturpalast in Warschau (231 m).
    Ich habe nichts gegen ein architektonisch wertvolles Hochhausviertel am Alexanderplatz, weil diese historische Mitte ohnehin verloren ist, anspruchsvolle Architektur in Traufhöhe finde ich aber weitaus wichtiger - da wurde mir zu viel 08/15 erbaut.
    Ich verstehe auch den Zusammenhang zwischen Kultur und Hochhäusern nicht (im Gegenteil, ein HH rentiert sich nur bei hohen Mieten, hohe Mieten schrecken wiederum Künstler und junge Kreative ab), ich glaube auch nicht, dass ein paar Hochhäuser (wenn sie nicht die Aura des Empire State oder des Chrysler Buildings haben) Touristen anziehen. Ein Amerikaner wird nicht Paris besuchen, weil ihn La Defense so beeindruckt. Er wird auch in Venedig oder Florenz keine Hochhäuser vermissen. Langweilige Fassaden Berliner Neubauten lassen sich nicht durch Klotzerei langweiliger Hochhäuser kompensieren.
    Kann es sein, dass sich in erster Linie junge Männer für Wolkenkratzer begeistern?

    Ich kann euch nicht folgen: Je mehr Wolkenkratzer, desto erfolgreicher und toller ist eine Stadt? Berlin hat sich Wolkenkratzer "verdient"? Wodurch denn? Wolkenkratzer sorgen für ein "gutes Image"? Ist Barcelona erst durch den Torre Agbar zu einer lebenswerten, beliebten Stadt geworden? Die Armen mussten bis 2001 schließlich ohne Hochhaus leben! Ist Atlanta jetzt beliebter und erfolgreicher als z.B. Zürich, weil es dort mehr Hochhäuser gibt? Wolkenkratzer sind demokratisch? Dann müssen Dubai und Shanghai die Mutterländer der Demokratie sein!
    Ich verstehe diese Begeisterung für Wolkenkratzer einfach nicht. Sicher, Manhattan ist schon eindrucksvoll, aber die klassische europäische Stadt gefällt mir immer noch am besten - selbst wenn sie keinen Wolkenkratzer haben sollte. Da mittlerweile jede größere Metropole eines Entwicklungslandes mit Wolkenkratzern aufwarten kann, ist das auch nicht so exklusiv wie vor 50 Jahren. Ich sehe eigentlich keinen Grund - weder wirtschaftlich, ökologisch, soziologisch oder ästhetisch - der für Wolkenkratzer spricht. Bei extrem hohen Mieten mag sich das rechnen, aber da sehe ich in Berlin bei dem geringen Wirtschaftspotential und den riesigen Freiflächen nun wirklich keinen Bedarf, schon gar nicht angesichts der Wirtschaftskrise.
    Ich habe grundsätzlich nichts gegen Hochhäuser, aber ob man durch sie die Silhouette einer Jahrhunderte alten Stadt verschandeln bzw. verändern möchte, will gut überlegt sein.

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    Wenn die Mehrzahl der gebildeten Bürger einer Stadt ein untergegangenes oder teiluntergegangenes Gebäude für identitätsstiftend halten, dann ist eine Rekonstruktion grundsätzlich gerechtfertigt. Das gebietet bereits der Grundgedanke der Demokratie.

    Ab wann ist denn ein Bürger gebildet? Und wie soll ein Meinungsbild ermittelt werden - durch Abstimmung oder Umfrage? Zeigt nicht gerade das Schloss, wie wankelmütig die öffentliche Meinung sein kann? Nach der Wende galt man als Befürworter einer Rekonstruktion noch als reaktionärer Spinner... Sollen nur die Bürger der jeweiligen Stadt entscheiden? Ich vermute mal dass die Berliner mehrheitlich eine Schlossrekonstruktion deutlich stärker ablehnen als der Bundesdurchschnitt. Und seit wann werden Kulturentscheidungen demokratisch gefällt? Wenn jede Kulturausgabe erst durch den Mehrheitswillen der Bevölkerung abgesegnet werden müsste, dann sähe es für die Kultur finster aus....

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    Es gab übrigens in der jüngeren Vergangenheit einen Wettbewerb in Berlin, bei dem jemand einen hier populären Entwurf nicht zum Sieg führen konnte, was unter anderem mit der mangelnden Einhaltung der Vorgaben begründet wurde: Hans Kollhoffs "Tempel" für den Neubau der James-Simon-Galerie!


    Auch wenn es nicht zum Threadthema passt: AeG, verwechselst du den Galeriebau von Heiner Bastian (Am Kupfergraben 10) mit der James-Simon-Galerie, oder gibt es einen Entwurf, den ich nicht kenne, der mich aber brennend interessieren würde?

    @Theseus532
    Das wird wieder eine diese ergebnislosen, ausufernden Diskussionen - aber ich kann mich nicht zurückhalten (habe es aber versucht):
    Moderne Architektur sei als Kontrast unerlässlich um Spannung zu erzeugen, die man im Kampf um Touristen dringend braucht? Über die Dresdner Frauenkirche wird niemand ein Wort verlieren? Ohne die Glaspyramide wäre der Louvre sanft entschlafen? Die Debatte um den Chipperfield-Entwurf hatte erst zur Beachtung der Museumsinsel geführt?
    Diese Aussagen halte ich einfach nur für absurd! Ich bin sicher, dass viele Deutsche zwar die Museumsinsel kennen, aber bestimmt 97% nicht den Chipperfield-Entwurf. Der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche war ein nationales Ereignis, eben weil er historisch möglichst genau war - eine moderne Ergänzung hätten die meisten nicht mitgetragen und den Charakter des Gebäudes sowie der Wiederherstellung geschadet.
    Sicher, die Gedächtniskirche war das Wahrzeichen von West-Berlin - aber auch nur, weil es keine Alternativen gab. Gedächtniskirche, Schloss Charlottenburg, Siegessäule - das war es auch schon an bekannten Sehenswürdigkeiten... da bekam dann selbst die "Hungerharke" Wahrzeichenstatus.
    Eine Stadt ist kein Freiluftmuseum, moderne Ergänzungen halte ich für legitim und sinnvoll - aber nicht wegen eines plumpen Effektes. Historische Gebäude sollten ihren historischen Kontext behalten. Das beeindruckt mich an Barcelona immer wieder: Die Stadt ist architektonisch unglaublich spannend und vielfältig, aber die einzelnen Teile (Altstadt, Eixample) in sich wieder sehr geschlossen und stimmig - und das ist alles andere als langweilig oder uninteressant, schließlich werden Bauten anders als Gemälde, Skulpturen oder Lieder für einen städtebaulichen Kontext geschaffen. Man kann auch die Frauenkirche nicht mit der "Mona Lisa" vergleichen - beim Gemälde oder einer Skulptur zählt die Handschrift eines individuellen Künstlers, bei Gebäuden ist der Entwurf das geniale, aber die handwerkliche Ausführung wird von vielen unbekannt bleibenden Arbeitern ausgeführt, ganz davon abgesehen dass an Gebäuden im Lauf der Zeit immer wieder Erneuerungen durchgeführt werden müssen.

    Aber dein Tipp mit den modernen Ergänzungen wird den Welttourismus sicherlich verändern. Langweilige Städte, in denen einfach nur Häuser aus alten Zeiten ohne jede Spannung herumstehen, müssen diesen Eindruck nur durch kontrastreiche moderne Architektur brechen, und plötzlich werden sie auch für Touristen interessant - endlich eine Chance für bisher unbekannte Orte wie Florenz, Venedig, Rom, Heidelberg oder Rothenburg. Eine Glaskuppel auf die Frauenkirche, einen Betonriegel vor Schloss Neuschwanstein, dann werden selbst diese entlegenen Orte plötzlich von dem ein oder anderen Touristen aufgesucht.

    Wenn für eine bestimmte Höhe eine Baugenehmigung erteilt wurde, dann ist der Bauherr nicht an den ursprünglichen Entwurf gebunden. D.h. z.B., dass statt des Entwurfs von Richard Rogers für das Zoofenster, der für seine Leichtigkeit gelobt wurde, auch in gleicher Höhe der langweiligere spätere Entwurf von Mäckler oder sonstetwas gebaut werden kann.

    Danke für die Fotos! Einfach toll, eine unglaubliche Aufwertung! Beeindruckend, wie die normale Fassadenbreite aufgegriffen wird und dass man sogar die Raumhöhe der Nachbarbauten übernimmt - einer der gelungensten Lückenfüller, mehr davon!

    @ Kent,
    warum bringst du ständig Zitate, wie hässlich London durch die Kriegszerstörungen (die geschmackloserweise in Berlin beschlossen worden sind) und den Neuaufbau der zerstörten Viertel geworden sei? Warum soll ausgerechnet das für Berlin sprechen?

    Berlin ist doch viel stärker zerstört worden als London, der Neuaufbau war noch viel radikaler, geschichtsvergessener und im Durchschnitt qualitativ minderwertiger. Mir fällt kein einziges wichtiges Londoner Bauwerk ein, das nach Kriegszerstörungen nicht möglichst originalgetreu wiederhergestellt worden wäre. In Berlin fehlen dagegen nicht nur das größte und drittgrößte Schloss, sondern auch zahlreiche Kirchen, Museumsbauten, Hochschulgebäude, Ministerien, etc.
    Eine Auflistung der wichtigsten Kriegsverluste findest du in
    "Schicksale deutscher Baudenkmale im Zweiten Weltkrieg, Bd. I" (für Ost-Berlin)
    "Kriegsschicksale deutscher Architektur, Bd. I" (für West-Berlin)
    beide gibt es immer mal wieder sehr günstig.
    Der Klassiker, wie Berlin (exemplarisch für andere Städte) nach dem Krieg architektonisch und stadtplanerisch verhunzt wurde, ist nach wie vor "Die gemordete Stadt" von Wolf Jobst Siedler.

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    Aus der Sicht zahlreicher Touristen gilt ersteres meist auch - selbst wenn sie aus Paris oder Prag kommen. Das weiß ich aus eigenen Erfahrung. Allerdings meist eher aus solchen Gründen wie dem üppigen Kulturangebot, der relativen Ruhe und dem zahlreichen Grün, den vielen Brüchen und Kontrasten sowie der oft sichtbare, politisch besondere Geschichte der Stadt.
    Damit muss und darf Berlin wuchern. Wer hübsche, komplett historische Metropolen sehen will, fährt eben nach Paris oder Barcelona.

    Richtig, besonders Italiener fahren total auf Berlin ab, in allen italienischen Buchhandlungen dominieren Berlin-Reiseführer, selbst im Norden Italiens gibt es kaum noch München-Führer, aber meterweise Berlin... Ich habe mal erlebt, wie im Sommer fast der Doppeldecker im Tiergarten umgestürzt wäre, weil ein Italiener aufgeregt "Nudisti, Nudisti" brüllte ein Rudel seiner Landsleute an die Fensterfront der rechten Seite sprang... Seit 2006 sind auch Besuche im Olympiastadion sehr beliebt, angeblich sollen viele Italiener in der Umkleidekabine den Platz küssen, auf denen ihr Lieblingsstar gesessen haben soll.
    Gerade wegen der günstigen Mieten sollte sich Berlin als Stadt für Künstler, Kreative und Intellektuelle ausgeben - auch wenn das keine Arbeitgeber ersetzt. Je mehr Berlin sich - gerade auch durch diese langweiligen baulichen Lückenfüller - zu einer "normalen" Stadt entwickelt, desto mehr verliert es an diesem speziellen Charme. Aber so einzigartig Berlin zur Teilung (und kurz danach) auch war: Die Mauer will ich nicht zurück, und ich habe auch volles Verständnis für die Sehnsucht nach einer möglichst normalen, intakten Stadt.

    Ich bin ja selbst ein großer Berlin-Fan, finde London auch nicht besonders schön und gehöre hier ebenfalls zu der kleinen Minderheit im Forum, die nicht hochhausgeil ist. Aber bei vielen Äußerungen verschlägt es mir dann doch die Sprache...

    Kent, verstehe ich dich richtig: Du hältst Berlin für die Architektur der 90er Jahre für besonders interessant, du meinst aber nicht, dass Berlin allgemein unter "bauhistorisch architektonischen Aspekt(en)" die interessanteste Stadt sei, oder?

    Natürlich war die Ausgangslage nach der Wiedervereinigung ungemein spannend: Wie schafft man es die Wunden der Teilung heilen zu lassen? Wie lässt man eine Stadt, in der zwei Systeme aufeinander prallten, wieder zusammenwachsen? Wie baut man einen neuen Regierungssitz? Worauf soll beim Bauen Rücksicht genommen werden? Wie soll das neue Herz der Stadt aussehen?

    Aber bei den Ergebnissen sehe ich ehrlich gesagt nur wenig interessantes. Selbst mitten in der deutschen Hauptstadt, an den berühmtesten Straßen und Plätzen, steht richtig langweilige, unscheinbare, durchschnittliche 08/15-Architektur. Zusammen mit entstuckten Gründerzeitbauten mit Kratzputzfassade und dem sozialen Wohnungsbau der 50er bis 70er Jahre, die für Berlin leider ziemlich typisch sind, nichts was echten gewachsenen Metropolen unter bauhistorisch-architektonischen Gesichtspunkten den Rang ablaufen könnte (Paris, Barcelona, Prag, etc.).

    Wenn wir uns auf die Zeit nach 1990 beschränken und zum Vergleich nur London heranziehen, dann stell doch mal das Rathaus von Berlin Mitte der London City Hall gegenüber, die Bundestagsbüros "Unter den Linden" dem Portcullis House oder die Neubauten am Alex etwa "The Gherkin". Und wenn es partout Museen sein sollen, dann doch bitte nicht das popelige "Museum of London" von 1970, sondern die "Tate Modern", "The National Maritime Museum", das "Laban Dance Centre", die Erweiterung des "Victoria & Albert Museums" oder "The Great Court at the British Museum".
    Wenn es aber in erster Linie um die Neuerfindung von Städten geht, um Bauvolumina, um raschen Wandel, dann ist Berlin vielleicht im Vergleich zu Westeuropa interessant, kann aber mit dem, was in Asien passiert, nun wirklich nicht mithalten.

    @ Guderian: Verstehe ich das richtig, ganz Deutschland hasst Berlin aus kleinlicher Eifersucht? Wie kommst du darauf? Worauf stützt du deine Aussagen?
    Zuerst aber zu der angeblich falschen Aussage, Berlin würde das Geld anderer Leute verbraten:
    Vor der Wiedervereinigung wurde nicht nur der Ostteil als "Hauptstadt der DDR" zum Unmut der übrigen Bevölkerung bevorzugt behandelt, auch West-Berlin bekam viele Zuschüsse - was aber auf Grund der besonderen Situation allgemein akzeptiert wurde. Zwischen 1951 und 1986 hat der Staat über 200 Milliarden DM Berlin-Hilfe gezahlt, allein 1986 waren 14 Milliarden DM! Das waren 444 DM pro Sekunde! 1987 dürften es wegen des Jubiläums noch mehr gewesen sein... Diese Summen wurden meist nicht einmal sinnvoll eingesetzt, man sprach stellvertretend von "Schweineohrensyndrom": Schweine werden in Westdeutschland geschlachtet, nach Berlin gefahren, dort wurden die Ohren abgeschnitten, das Schwein ging zurück in den Westen, und dafür kassierte man Subventionen - ohne dass viele Arbeitsplätze geschaffen wurden. Auf diese Weise wurde Berlin auch ein Zentrum der deutschen Kaffee- und Zigarettenindustrie.
    Nach der Vereinigung fiel diese Berlin-Zulage weg, was für die Stadt natürlich ein Schock war. Aber dafür übernimmt der Bund den Großteil der Kulturausgaben Berlins (schon 2004 waren das über 400 Mio € im Jahr, siehe Bundestagsanfrage: http://dip.bundestag.de/btd/15/052/1505278.pdf) und kein anderes Land profitiert so stark vom Länderfinanzausgleich, in den letzten Jahren waren das immer zwischen 2,5 und 2,8 Milliarden € pro Jahr! Die nachfolgenden Nehmerländer bekommen über 2 Milliarden weniger! Weil andere Bundesländer besser wirtschaften, werden sie gezwungen vor allen Dingen Berlin zu subventionieren. Es dann etwas merkwürdig, wenn Studenten aus den Geberländern Studiengebühren zahlen müssen, Berlin aber ganz großzügig auch auf deren Kosten keine erhebt. Zusätzlich gibt es dann auch noch 2,8 Milliarden € Bundesergänzungszuweisungen vom Bund - und all' das, ohne dass die Ausgaben des Bundes für Bundeseinrichtungen berücksichtigt wurden.

    Nun zu der steilen These, die deutsche (immobilien-)Wirtschaft würde aus Neid und Eifersucht Berlin im Stich lassen (was Berlin natürlich nicht groß juckt):
    Glaubst du wirklich, Unternehmen würden auf Gewinne in Berlin verzichten,weil sie die Stadt nicht mögen? Liegt es nicht viel eher daran, dass dort nicht viel Gewinn zu erwarten ist? Büro- und Wohnflächen gibt es doch in Berlin mehr als genug, da würde ich doch auch eher in München, Frankfurt, Wiesbaden, Düsseldorf oder anderen Immobilienstandorten investieren. Was erwartest du denn von der deutschen Wirtschaft? Dass alle ihren Firmensitz aus purer Berlin-Begeisterung in die Hauptstadt verlegen? Berlin hat zwar Standort-Vorteile wie niedrige Mieten und ein interessantes und breites Kulturangebot, aber es spricht auch ziemlich viel gegen den Standort Berlin: Etwa das magere Direktflugangebot in die USA, viel Bürokratie, ein rot-roter Senat und die Tatsache, dass die Entwicklung Berlins schwer abzuschätzen ist - man muss sich sich nur mal vor Augen führen, was es schon für Fehleinschätzungen (positiv wie negativ) seit 1990 gab. Außerdem scheint in Berlin ziemlich viel schief zu gehen, an wem auch immer das liegen mag. Warum konnte München in so kurzer Zeit den FJS-Flughafen als Drehkreuz etablieren, während in Berlin immer noch nichts passiert? Warum dauerte der Hbf-Bau so viele Jahre länger? Wie konnte die Olympia-Bewerbung so kläglich scheitern? Warum gibt es jahrelang selbst an prominentesten Stellen Baugruben, ohne dass etwas passiert? Warum versenkt die Berliner Politik so viel Geld (BGB, Tempodrom, Grundstücksverkäufe, etc.)?
    Ein Hauptproblem ist meiner Meinung nach, dass Berlin eben kein Finanzzentrum mehr ist und deshalb niemals in einer Liga mit Metropolen wie Paris oder London spielen kann.

    Nach meiner Einschätzung ist Berlin keineswegs unbeliebt. Die Stadt gilt als aufregend, vielseitig und spannend, viele Freunde und Bekannte sind begeistert nach Berlin gezogen. Mittlerweile sind aber auch fast alle wieder weggezogen, weil sie etwa ihre Kinder in einem anderen Umfeld aufwachsen lassen wollen oder weil es nach Studium/Ausbildung einfach keine Stellen in Berlin gab. Wenn Berlin so verhasst ist, warum es dann als Reiseziel so beliebt? Warum gibt es dann ständig Titelgeschichten und Sendungen über die Stadt? Warum läuft gefühlt dreimal am Tag ein Bericht über das Adlon? Warum spielten gefühlte 90% der deutschen Romane der letzten Jahre im Prenzlauer Berg? Wenn da jetzt bei manchen eine gewisse Übersättigung eingetreten ist, überrascht das nicht.

    Mir ist auch nicht klar, worauf die anderen deutschen Städte so eifersüchtig sein sollen. Sicher, niemand verliert gern Institutionen und Arbeitsplätze, viele Lobbyisten sind nach Berlin gezogen, viele Preisverleihungen und Events finden in Berlin statt. Weniger Aufmerksamkeit erfährt dadurch höchstens München, das noch als "heimliche Hauptstadt" galt, bevor Deutschland mit Berlin wieder eine richtige hatte. Aber jammert München? Die Stadt strotzt vor Reichtum und Wirtschaftskraft, die Immobilien sind auf Grund der hohen Nachfrage kaum noch zu bezahlen, auch kulturell läuft viel. Berlin hätte die wichtigste Privatsammlung mittelalterlicher Skulpturen haben können, wollte aber nicht - München nimmt sie mit Kusshand. Bonn ist nicht mehr Bundeshauptstadt, trotzdem geht es der Stadt besser denn je, usw. Worum sollte ein etablierter Hamburger oder Münchner Berlin beneiden? Berlin konnte einiges in die Stadt locken, etwa die Modemesse "Bread and Butter". Sie war sehr erfolgreich passte sehr gut zu Berlin, dann gab es einen Ableger in Barcelona - und jetzt gibt es die Messe nur noch in Barcelona. Was zum einen am schnarchigen Senat liegt, zum anderen aber auch daran dass Berlin international vielleicht doch so attraktiv ist wie viele Berliner glauben...

    Düsseldorf ist "eine Ruhrgebietsstadt, die sich auch mit Hilfe ostdeutscher Steuergelder saniert"? Was soll denn diese Aussage? Zum einen liegt Düsseldorf nicht im Ruhrgebiet (jeder Düsseldorfer würde dich für diese Aussage lynchen), zum anderen ist mir nicht klar, warum eine schuldenfreie (!!!) und wirtschaftsstarke Stadt wie D'dorf mit (ost)deutschen Steuergeldern saniert werden soll.
    Ich finde es richtig, dass Berlin als Hauptstadt subventioniert wird, weil Berlin durch die Teilung seinen Rolle als Industrie- und Finanzplatz Deutschlands eingebüßt hat. Davon haben andere Regionen profitiert (München, Rhein-Main, Rhein-Ruhr, HH, Stuttgart). Trotzdem sollte man sachlich argumentieren! Immerhin sind beide Teile Berlins während der Teilung großzügig mit Geldern versorgt worden, so dass sich eine richtige Subventionsmentalität herausgebildet hat. Berliner, die nicht nur das Geld anderer Leute verbraten, sondern das dann auch noch für selbstverständlich halten, haben in den letzten Jahrzehnten nicht gerde Sympathiepunkte beim Rest der Bevölkerung gesammelt.

    Natürlich ist Architektur auch immer Ausdruck ihrer Zeit. Aber die architektonischen Konzepte der Gründerzeit ff. als kapitalistische Prunkbauten einer unfreien Klassengesellschaft diskreditieren zu wollen, hieße im Umkehrschluss, dass die moderne Architektur (nach der Charta von Athen) Ausdruck von Gleichheit, Freiheit, Solidarität und Demokratie ist? Verstehe ich dich richtig, die meisten Bauten in Berlin-Mitte wirken deswegen so austauschbar und langweilig, weil sie nicht für bzw. von Kapitalisten gebaut wurden, sondern von Altruisten, Sozialisten oder Philantrophen? Oder hat man den prunkvollen Schmuck der Gründerzeit einfach weggelassen, um diese eingesparten Gelder für soziale Projekte spenden zu können?
    Während in der Gründerzeit viele Geschäftsleute "ihr" Haus errichtet haben, darauf stolz waren und damit prunken wollten, sind die heutigen Kapitalisten eben eher gesichtlose Immobilienfondsbetreiber, die gesichtlose Architektur hinstellen, weil es ihnen um den Gewinn, aber nicht um einen Beitrag zum Stadtbild geht.
    Warum wollen denn so viele in einem Arbeiterviertel aus der unfreien Klassengesellschaft der Gründerzeit wie etwa dem Prenzlauer Berg wohnen, aber so wenige im Wedding, der doch gleich nebenan liegt und architektonisch den neuen sozialen Geist der 60er und 70er Jahre verkörpern soll?
    Es wird schließlich nicht auf Stuck verzichtet, weil er zu teuer wäre - im Gegenteil: Nach dem Zweiten Weltkrieg hat der Senat sogar eine Stuckabschlagsprämiere bezahlt. Er entsprach einfach nicht mehr dem Zeitgeschack, ohne dass deswegen die Häuser billiger geworden wären - das ICC hat auch ganz ohne Stuck 1979 fast 1 Milliarde DM gekostet.
    Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich halte nicht viel davon, wilhelminische Bauten zu imitieren. Man sollte auch nicht verklären, wie elend die Wohnquartiere im Kaiserreich oft für viele - trotz verzierter Fassaden - waren.
    Aber ich halte die Grundzüge dieser Architektur (individuelle Häuser,Traufhöhe, Blockbebauung, Hofgestalltung, Platzanlagen) für deutlich menschlicher, schöner, lebenswerter und urbaner als jeden modernen Gegenentwurf. Oder kann mir jemand ein modernes Stadtviertel nennen, dass in diesen Punkten einem gut saniertem Gründerzeitviertel überlegen wäre?
    Entschuldigung, wenn es hier etwas allgemein wurde.
    Ich bin kein Berliner, der sich beim täglichen Gang zur Arbeit o.ä. über Baulücken ärgern muss und froh ist, wenn endlich eine Lücke gefüllt wird - womit auch immer. Jede schlecht gefüllte Baulücke ist für mich in erster Linie eine vertane Chance, wieder Mittelmaß, dass für die nächsten Jahrzehnte einem besseren Entwurf den Plaz wegnimmt. Der Alexanderplatz war immer rummelig und proletarisch, aber trotzdem dürfte es doch etwas ambitionierter sein. Der Masterplan von Kolhoff gefällt mir sehr gut, ich befürchte nur, dass es dort nie so aussehen wird...

    Die alten Pläne seien "nicht sexy genug gewesen"? Sehr merkwürdig, zumal ich die Passage, die auf den Leipziger Platz führen sollte, ausgesprochen elegant fand. Ansonsten ein kleiner Park statt mehrerer Innenhöfe, kein "Platz am Bundesrat", überhöhte Wohnbauten und die Promenade, die auf den Bundesrat führt, nun überdacht - obwohl dieser "Mall"-Charakter meiner Meinung nach nicht zum Bundesrat passt.
    Nur wenige Änderungen, darunter keine einzige Verbesserung. Mal sehen, ob die endgültigen Entwürfe überzeugen - aber die Erfahrung lehrt, dass Entwürfe, Baupläne, Absichtserklärungen und Baubeginntermine in Berlin ohnehin nicht viel aussagen...

    Nicht spektakulär, aber offenbar solide. Mir gefällt dieser unaufgeregte, aber doch nicht eintönige Stil sehr gut. Was ich aber überhaupt nicht verstehe: Nicht einmal in dem Haus mit über 500 qm Wohnfläche gibt es auf der Ebene Wohnen/Küche/Essen eine Toilette! Wie kann man denn so etwas planen?

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    Freidrich-Wilhelm IV hat bekanntlich den bis ins tiefste Fundament erz-katholischen kölner Dom vollendet, und das mit Mitteln des Landes Preußen, damit auch das vereinte Deutschland irgendwann ein Nationalheiligtum wie das Pantheon in Frankreich hat. Wilhelm I hat sich bei Vollendung des Domes auch feiern lassen. Wie kann man, aufgrund eines viel unbedeutenderen Kirchenbaues darauf schließen, dass die Kaiser (oder Könige) es mit Rom aufnehemn wollten, wo sie doch katholische Kathedralen bauten?


    Wie jeder echte Romantiker besaß Friedrich Wilhelm IV. zwar durchaus Sympathie für den Katholizismus, aber der Kölner Dom sollte in erster Linie ein Nationaldenkmal sein, weit mehr als das Pantheon in Paris. Er sollte Ausdruck des Sieges in den Befreiungskriegen, für deutsche Größe im Mittelalter (Gotik hielt man damals für genuin deutsch) sein und nach der Rheinkrise 1842 als "Wacht am Rhein" ein Bollwerk gegen Frankreich symbolisieren. Der Einheitsgedanke Deutschlands wurde durch zahlreiche Dombauvereine im In- und Ausland (z.B. war Heine, später Kritiker des Projektes, zunächst Vorsitzender des Pariser Dombauvereins) verdeutlicht, die für den Dombau spendeten: Konservative und Demokraten, Adel und Bürgertum, Preußen und Bayern, Katholiken, Protestanten und Juden engagierten sich, bis dann immer mehr Gruppen von dem Projekt absprangen. Als dann der fertige Dom 1880 eingeweiht wurde, blieben nur noch die Hohenzollern übrig, wegen des Kulturkampfes durfte nicht einmal die katholische Kirche an der Einweihungsfeier teilnehmen...

    Damit es nicht zu sehr o.t. wird: Ohne die fünf Laternen wirkt der Dom zu gedrungen und bullig, auch die Taufkapelle fehlt. Ob ich im gleichen Milieu wie brako sozialisiert wurde?