Beiträge von Bauaesthet

    Mit der Geschichte ist es so eine Sache: Geschichte ist immer der Blick aus vielen unterschiedlichen Erfahrungen, Forschungen und Fiktionen der heutigen Gesellschaft auf eine rekonstruierte Vergangenheit, nie objektiv, sondern unvermeidlich immer voller Interpretationen, Mythen und Irrtümer.


    Ulbricht wollte das ihm verhasste ruinöse Symbol preußisch-dynastischer und deutsch-kaiserlicher Geschichte für alle Zeit zerstören und die Erinnerungen daran auslöschen. An dem Platz sollte ein neues Symbol sozialistisch-kommunistischer Geschichte für eine siegreiche sozialistische Gesellschaft errichtet werden. Die Vernichtung des Symbols der alten Geschichte wäre ihm fast gelungen. Der Aufbau seiner neuen Geschichtsvision ging gründlich daneben.


    Heute stehen wir vor dem neuen, teil-rekonstruierten Bauwerk und erleben ein ästhetisch wiederhergestelltes, restauriertes Gesamt-Ensemble. Mehr, also auch das originale „Ausströmen von Geschichte“ kann nicht erreicht werden. Aber das reparierte Ensemble strahlt dennoch in Schönheit und immerhin kann jede/r sich dabei an eigene, im Kopf erworbene Bruchstücke und Fiktionen seiner/ihrer Geschichte erinnern und sich damit auseinandersetzen.

    Und: auf die neu sich hoffentlich und sorgfältig zu entwickelnde Geschichte des HF bin ich gespannt.

    Wenn Bebauung, dann kann es m. E. selbstverständlich nur eine mutige, konsequent moderne, städtisch dichte, lebendige Mischbebauung mit Stadthäusern, Cafés, Geschäften, möglichst mit großzügiger Sichtachse zwischen Fernsehturm und Humboldt-Forum sein. Hier ist ohne rekonstruierte Bauten eine genaue Nachbildung des früheren Vorkriegs-Straßenverlaufs m. E. nicht erforderlich und nicht sinnvoll. Auch für die beiden Marx u. Engels fände sich bestimmt ein würdiger Platz, Der Neptunbrunnen gehört m. E. ohnehin zurück zum Schlossplatz. Der Senat wird aber auf der sichtbaren und erlebbaren DDR-Zeitschicht einschließlich der bestehen.

    Es geht doch nicht darum, ob im Stadtraum eine neue, zeitgemäße Stilrichtung grundsätzlich und immer besser und ein Fortschritt ist gegenüber einer älteren bzw. „nicht mehr zeitgemäßen ,rückwärtsgewandten“ Stilrichtung. Sondern, es geht darum, welcher Stil und welche Form im Einzelfall an einer konkreten Stelle in einem beschädigten oder nicht vollendeten Ensemble funktional, ästhetisch, historisch passender ist und ob entweder Kontraste zwischen alt und neu reizvoller und positiv anregender wirken oder ob durch einfügsame Anpassung in Stil und Form an das unmittelbare Umfeld eine harmonischere, vielleicht auch historisch bedeutsamere Erinnerung und Wirkung erzielt wird.

    Du hast recht: Gebäude sollte man nicht politisch belasten und kontaminieren, so wie z. B. die zu rekonstruierende Garnisonkirche von 1735 durch den Handschlag zwischen Hitler und Hindenburg von 1933 oder das Humboldt-Forum durch den späten Wilhelmismus unter WII und durch die Raubkunstverbrechen.

    ich glaube nicht, dass man eine ganze Stilepoche pauschal als ästhetisch und ausgewogen oder als Fehlentwicklung und hässlich bezeichnen kann. In jeder neu sich abzeichnenden Stilrichtung, wenn sie sich erst einmal etabliert hat, gab es hervorragende Architekten, Baumeister und Künstler, die gelungene, vorbildliche Werke schufen - und andererseits gab es ebenso mittelmäßige, weniger begabte Vertreter unter den Architekten, die wohl auch nach Vorgaben fordernder Auftraggeber Kitsch und Banalitäten zustande brachten. Es kommt immer auf den Einzelfall eines Bauwerkes oder Ensembles an, ob und wie lange dieses aus Sicht des aktuellen Zeitgeistes als hochwertig anerkannt wird. Die öffentliche Akzeptanz und Bewunderung kann auch plötzlich kippen. Ich bin da in Bezug auf vorschnelle "objektive" Werturteile inzwischen vorsichtig geworden.


    Das Humboldt-Forum ist ein offenkundiger Hybrid einerseits aus der hochwertigen Rekonstruktion (nach den strengen Regeln der UNESCO) wesentlicher sichtbarer Gebäudeteile eines zerstörten, ebenfalls hochwertigen Vorgängerbauwerks und andererseits aus zurückhaltend gestalteten, zeitgemäß modernen Gebäudeteilen. Hauptgrund ist die Reparatur des ganzen Ensembles der Museumsinsel als zentrales und prägendes Element der Stadt Berlin. Deshalb ist das Humboldt-Forum auch keine Fälschung, keine rückwärtsgewandte nostalgische, politische Aussage und nicht der Versuch der "Wiederherstellung eines Schlosses", sondern die äußerliche, ästhetische Wiederherstellung bzw. "Restaurierung" eines schwer beschädigten Gesamtkunstwerks.

    Camondo


    da hast du etwas gründlich missverstanden. Ich finde den Historismus, wie er heute oft angewandt wird, meist banal und kitschig: nämlich als modisch freihändige Aufnahme von Zitaten aus früheren Stilepochen. Wenn dazu noch qualitätvolle (?) Vorgängerbauten brutal weggeräumt werden (Schinkeldom), ist das eigentlich schon Kannibalismus. Trotzdem bleibe ich bei der schlichten Aussage, das sich Baustile nicht auf einen Schlag völlig verändert haben, sondern immer evolutionär und graduell entwickelt haben, also historisierende Anteile aufnehmen, eben außer der revolutionären Geburt der Moderne z. B. a la Bauhaus.

    Deine Beispiele sind, so glaube ich wenigstens, zum Teil Rekonstruktionsversuche und zum Teil überkandidelter, verspielter Historismus der negativen Art (Berliner Dom). Das Ergebnis kommt auf den Einzelfall an. Oft brutal gegenüber zerstörten Vorgängerbauten und nur zu rechtfertigen, wenn die weggeräumten Bauten allgemein als hässlich oder wenig werthaltig empfunden werden und der Neubau eine allgemein anerkannte höhere Qualität hat. Das putzige, frisch und freihändig gebaute, nicht streng rekonstruierte Frankfurter Altstadtquartier auf einer Tiefgarage wird gerühmt. Ich halte es aber für hoch problematisch. Ich akzeptiere nur historisch, kulturell und ästhetisch hochwertige Rekonstruktionen von Leitbauten und Ensembles im Ausnahmefall nach den strengen Regeln der UNESCO.

    Die Diskussion könnte sich in Zukunft verschärfen, wenn aus Gründen der Klimaentwicklung Fotovoltaik, Windräder, Dach- und Wandbewuchs bis in historische Ensembles hinein zwingend werden.

    Wenn wir den Verlauf der Architekturgeschichte betrachten, vollziehen sich ständige Übernahmen, Wiederholungen und Modifikationen von Stilzitaten und Gestaltungsmoden durch alle Epochen – in den Kulturräumen zeitlich nebeneinander und zeitlich nacheinander. Auch Palladio hat die Prinzipien der griechischen und römischen Architektur durch alle nachfolgenden Stilepochen bis in unsere Zeit weitergereicht. So gesehen ist die prägende Konstante der Architekturgeschichte der heute so oft geschmähte Historismus – und der „Modernismus“ ist daher der aus technischen Gründen (Glas, Stahl) angestrebte Versuch, diese Konstante durch eine brutale totalitäre Revolution zu durchbrechen und das sowohl mit faszinierenden neuen Ergebnissen, aber auch mit schweren Folgen der arroganten künstlerischen und ästhetischen Zerstörungen.

    Worin liegt das Problem? Haben einige Angst, dass das Stadtzentrum zur menschenleeren Steinwüste verkommen könnte und dass man im Zentrum zur dringenden Belebung und Diversifikation beliebig viele Sport-, Trimm-dich-, Unterhaltungs-, Freizeit- und Spielplätze für Erwachsene aufbauen sollte? Andererseits wird mit einer Überflutung der Innenstadt mit Touristenströmen gerechnet. Geht es deshalb auch darum, dem Zentrum bzw. der Museumsinsel den spaßlosen und für Bildungstouristen geeigneten, zu elitären Kunstcharakter zu nehmen bzw. diesen durch anspruchslosere, alternative Einrichtungen zu ergänzen? Lautet die Devise: Spielplätze statt Busparkplätze? Handelt es sich lediglich um ein harmloses Fitnessundmotivationserhaltungsbedürfnis der Bevölkerung oder steckt dahinter eine gesellschaftliche Umerziehungsstrategie? Ich werde aus dieser Diskussion nicht schlau.

    "Satire ist eine Kunstform, mit der Personen, Ereignisse oder Zustände kritisiert, verspottet oder angeprangert werden. Typische Stilmittel der Satire sind die Übertreibung … oder Untertreibung … bis ins Absurde. Üblicherweise ist Satire eine Kritik von unten gegen oben (Repräsentanz der Macht) vorzugsweise in … Politik, Gesellschaft, Wirtschaft oder Kultur." Wikipedia"


    Die Taliban-Satire wurde wohl nicht von allen als Satire erkannt. Also ein weiteres Übungsbeispiel:

    Die Freunde der „Platzgestaltung durch Indigene Kunst am Schloss (PIKS)“ werden von den (dem Senat nahestehenden) Freunden der „dauerhaft deplatzierten Restitutionskunst (FdDDR)“ immer wieder aufgefordert, mehr Geduld zu haben, was später mögliche Nach-Dekorationen des Schlossplatzes, z. B. mit früher entfernten Kunstgegenständen angeht. Argumentiert wird, dass eine letztgültige Entscheidung nicht getroffen wurde und dass doch nach bauseitiger Fertigstellung noch manches möglich sei. Auch würden die Eiferer mit ihren ständigen und penetranten Forderungen ihrer eigenen Sache nur schaden. Nun haben die PIKS die Sorge, dass das Landesdenkmalamt aufgrund der beispielhaft geglückten Zeitschicht der Moderne für den neuen Schlossplatz einen vorzeitigen und unumkehrbaren Denkmalschutz aussprechen könnte. Zuvor soll noch die Markierung der Busparkplätze abgewartet werden. Danach wären so die PIKS-Freunde durch vollendete Tatsachen ruhig gestellt.

    Mit dem Taliban-Vergleich bin ich doch von manchen völlig missverstanden worden. Keinesfalls wollte ich aber pauschal den Berliner Senat mit den Taliban gleichsetzen. Für das Missverständnis bitte ich um Pardon.


    Durchaus provokativ wollte ich aber zeigen, wohin festgelegte Denkweisen, bezogen auf Architektur und Kunst, führen können. Wenn fachgebildete Entscheider ein Wertesystem vertreten, wonach „die Moderne“ als die fortschrittliche, älteren Kunst- und Architekturformen überlegene Ausdrucks- und Gestaltungsform gezeigt werden soll, verlieren alte, geschädigte oder zerstörte Kunstwerke die Berechtigung zur vollständigen Rekonstruktion. Sie werden immer mit modernen Elementen deutlich sichtbar ergänzt, dekoriert, gewandelt – im Grunde gebrochen, um die „Nicht-Originalität“ des neuen hybriden Werkes nachzuweisen. Dieses wird damit als unecht abgewertet. Der durch Rekonstruktion geschaffene Kunstwert entsteht erst neu mit den ergänzenden modernen Ausdrucksformen.


    Das ist so, als ob die Rekonstruktion der zerstörten Brücke von Mostar nur mit sichtbar zugefügten Betonstützen und Edelstahlteilen wieder als Kunstwerk akzeptiert werden könnte. Berechtigt wäre dies, wenn die Brücke funktional als Hybrid für Lastenverkehr ertüchtigt werden sollte. Deshalb zeigt die Stella-Ostfassade, funktional gerechtfertigt, das Schloss als modernes Museum. Im Falle des Freiraumes rundum gibt es aber keine funktionalen Gründe, diesen zu „modernisieren“, hier symbolisch eine neue Zeitschicht durch neue Leere zu schaffen, die Schlossterrassen „neu zu interpretieren“ und die erhaltenen, versetzbaren (!) Kunstwerke fernzuhalten. Denn so wird der Schlossbau von der Nachbarbebauung bloßgestellt und die Gesamt-Ensemblewirkung durch Isolierung gebrochen.

    Täglich Massen an Touristen aus dem Umland und von fern mit vielen Bussen direkt vor dem Humboldt-Forum vorfahren und die Busse für die Zeit der Kurzbesuche warten zu lassen kommt mir vor wie American Express Tours vor Urzeiten: à la „See Europe in 10 days!“ So etwas wäre doch nicht eine adäquate Tourismus-Werbung für das Humboldt-Forum? Natürlich soll das keine Unterstellung sein. Ich bin jedenfalls als unbedarfter Laie gespannt auf die Verkehrsplanung der Omnibus-Parkplatz-Kapazitätsberechnungsexperten.



    Ich fand deinen Beitrag #1.109 sachlich und überlegenswert, sonst hätte ich gar nicht geantwortet. Auch Frau Lüscher hatte ich gar nicht erwähnt.

    Die völlig undemokratische und durch Ideologie bestimmte Einstellung Grotewohls ist wohl mehr als deutlich.

    Meine eigene Meinung entspricht lediglich meinem ästhetischen Empfinden, also ist rein subjektiv geschmacklich begründet. Ich zwinge sie niemandem auf! Dabei ist es mir egal, ob ich den einen oder anderen dabei vergälle. Da ich auch oft in anderen Zusammenhängen ganz auf Seiten der Moderne stehe, sehe ich auch keine ideologisch rückwärts gewandte Einseitigkeit, sondern nur in diesem Falle die Ganzheitlichkeit des Ensembles, wobei es nicht bis auf Messers Schneide um die Rekonstruktion jedes Buchsbaums geht. Jedenfalls ist es doch nicht schlimm, wenn wir engagiert und ohne Ärger Meinungsunterschiede erkennen.

    Camondo:

    "es musste nur ein wenig Rost hier und ein Paar blinde Scheiben dort entfernt und ersetzt werden.

    Beim Humboldt Forum musste erst der Vorgängerbau abgerissen werden und sowas wie ein 'Schlossumfeld' existiert seit 80 Jahren nicht mehr.

    Auch ist die Neue Nationalgalerie immer präsent gewesen, im Bewusstsein der Berliner."


    Die Schädigungen der Neuen Nationalgalerie waren ganz massiv, wie ich gelesen habe und die materialgerechte Restaurierung war hoch kompliziert (Beton, Glas, Isolierung, Steinböden, Dach, Sicherheit, Statik), alles musste angepackt werden.

    Das Erscheinungsbild des Vorgängerbaus PdR (auch des Innenministeriums) habe ich immer als einen Fremdkörper empfunden, der unvermeidlich diesen überdimensionierten Trabbi-Parkplatz als Beipack-Lösung bei sich hatte und der in Ausrichtung und Stil überhaupt nicht passte. Zugegeben - an einen Abbruch hatte ich in der Vorwendezeit nie zu hoffen gewagt. 80 Jahre sind keine lange Zeit, um im Städtebau gravierende Mängel wieder zu beheben, wenn man den Mut zur Reparatur hat, es wichtig findet und das auch will.

    Dass die Nationalgalerie immer präsent gewesen ist, stimmt natürlich und ist gut so. Dass aber der Schlossbau und die Vorkriegssituation des Ortes völlig aus dem Gedächtnis der Bevölkerung getilgt wurde, ist ja gerade das ideologisch begründete Verbrechen der Geschichtsvernichtung.


    Wie sagte Otto Grotewohl, SED, Ministerpräsident der DDR,1950: So ist mein Gewissen beruhigt. Jetzt schreien alle, und wenn das Schloss weg ist, kräht kein Hahn mehr danach.” Fast hätte er Recht behalten.

    Die Neue Nationalgalerie Mies van der Rohes ist saniert. Die Stuttgarter Zeitung schreibt aner­kennend, dass 2011 eine denkmalgerechte Sanierung beschlossen wurde, die vom Wettbewerbs­sieger David Chipperfield Architects ausgeführt wurde. Gelobt wurde, dass die Architekten dabei „das Paradoxon vollbracht haben, ihre Meisterschaft zu beweisen, indem sie unsichtbar bleiben – (fast) alles wie vorher! Den Urzustand wieder herstellen, nichts neu interpretieren oder auffrischen, und wenn korrigieren, dann im Geiste des Originals – diesen Anspruch haben die Architekten beeindruckend akribisch umgesetzt.“


    Welch ein schönes Lob für ein Projekt, das den Respekt vor dem großen Architekten Mies van der Rohe und „dem Schluss- und Höhepunkt seines Lebenswerkes“ zum Ausdruck bringt. Davon können Befürworter der Rekonstruktion des Schlosses und umgebenden Schlossplatzes nur träumen. In Berlin, das über viele dutzende großer Plätze und Quartiere verfügt, in denen sich moderne Architektur an Gebäuden, Raum- und Platzgestaltung beispielhaft austoben kann, bringt man es nicht fertig, die überschaubare Museumsinsel Spreeathen, ein Filetstück aus der Zeit des Barocks und des Klassizismus mit Park- und Platzanlagen aus der Zeit vor der großen Kriegszerstörung wieder entstehen zu lassen. Wo bleiben Respekt und künstlerische Würdigung von Andreas Schlüter, Karl Friedrich Schinkel, Eosander von Göthe, Peter Joseph Lenné, Clodt von Jürgensburg, Reinhold Begas, Gustav Halmhuber? Alle hatten einander ergänzend und einfühlsam zu dem Gesamt-Ensemble beigetragen. Stattdessen wird eine neue, ausdruckslose „zeitgemäß“ minimalisierte Moderne mit fast zerstörerischer Absicht diesem Herzstück Berlins aufgedrückt, ausdrücklich, um eine neue Zeitschicht erkennbar zu machen und „Platz für Busparkplätze“ zu schaffen. Das kann nicht das letzte Wort gewesen sein.

    Zu meinem Beitrag #1481


    Eigenzitat: „Die Barockfassaden Schlüters und Eosanders waren und sind wieder eine Berühmtheit auf höchstem europäischem Niveau“


    Ich wollte damit nur die alte, in sich unzusammenhängende Ostfassade mit den klaren Schlüter-Fassaden vergleichen und vermuten, was zur Entscheidung nur über diese Teil-Rekonstruktion geführt hat. Dabei habe ich die allgemein anerkannte, hohe Qualität des Barock-Bauwerks Schlüters auf höchstem (oder hohem) europäischem Niveau hervorgehoben, ohne eine nachträgliche europaweite Casting-Show unter Experten auslösen zu wollen. Ich halte es für überflüssig, wenn Schlüters Bauwerk mit anderen europäischen Bauten „höchster Qualität“ verglichen und die jeweiligen Qualitäten und Defizite gegeneinander seziererisch relativiert werden. Freuen wir uns doch einfach über jedes Kunstwerk als Edelstein mit oder ohne Einschüssen.

    Architektur-Fan:

    Zu Deiner These 1: „Du weißt aber sicher, dass es den Protagonisten des Wiederaufbaus zuallererst um die Barock-Fassaden gegangen ist. Die Barock-Fassaden waren die Basis. Und du drehst den Sachverhalt um 180 Grad. Du stellst die Dinge dar, als ob die modernen, funktionalen Innenräume die Basis darstellen würden und die Barock-Fassaden lediglich einen Zusatz darstellen würden.“

    Das hast du falsch verstanden. Bei der Wiederaufbau-Idee des Herrn von Boddien ging es mir natürlich auch zuerst um die Barockfassaden. Diese zeigen eine einheitliche, geradlinige Anordnung der Fenster vor einem geradlinigen Baukörper, sind also somit für den Bau einer gerade angeordneten, funktionalen Raumabfolge für Museumsnutzung gut geeignet. Da sehe ich keinen Widerspruch. Es geht um keinen (zeitlich) um 180 Grad gedrehten, „abstrusen“ Zusammenhang und keine abwertende Qualifizierung der Fassaden als „Zusatz“, sondern um einen passenden Zusammenhang zwischen Barock-Fassaden und Raumprogramm.

    Zu Deiner These2: „Warum können die Modernisten den Traditionalisten nicht gönnen, dass wenigstens das Humboldt-Forum in traditionellem Stil aufgebaut wurde?“

    Da stimme ich zu. Ich wäre auch dafür gewesen, das Schloss so weit wie möglich zu rekonstruieren, also auch historische Räume, oder wenigstens einen Gebäudeflügel mit entsprechender Möblierung wieder herzustellen. Aber der Prozess lief nun einmal anders aus drei Gründen: 1. Grund: Die Entscheider wollten kein Hohenzollern-Museum. 2. Grund: Sie suchten nach einer praktikablen, den Projektaufwand rechtfertigenden Nutzung und fanden dafür die Dahlem-Sammlungen als Museumsnutzung. 3. Grund: sie wollten ein offensichtliches Hybrid-Gebäude, wie es heute Mode ist und wenigstens auch den Forderungen der Schlossgegner einschließlich Senat entgegen kommt.

    Zu Deiner These3: Hier geht es nicht um Funktion. Hier geht es um Repräsentativität.

    Es geht hier um das Stadtschloss … Vielleicht möchten sich die Liebhaber der Moderne lieber im Kulturforum über Klarheit und Funktionalität unterhalten. … Wenn es um die Fassade des Stadtschlosses geht, ist Funktionalität fehl am Platz.

    Ich sehe das nicht einseitig. Ich schätze gute, moderne, funktionale Architektur, die auch repräsentativ sein darf und jedenfalls immer auch ästhetisch sein sollte. Ich bin aber kein einseitig, ideologisch festgelegter Liebhaber der Moderne. Ich schätze ebenso die ganze Palette Jahrhunderte alter Baustile von der griechisch römischen Klassik über Palladio einschließlich Barock und freue mich über jede Rekonstruktion eines zerstörten kunstgeschichtlich und städtebaulich wertvollen Gebäudes und Ensembles wie das Berliner Schloss nach den strengen Regeln der UNESCO. Die großartigen Barockfassaden von Schlüter und von Eosander von Göthe mit den herrlichen Portalen und Höfen finde ich in ihrer Rasterung, Dimensionierung, in symbolhaftem Ausdruck und Ästhetik, auch der Gebäude-Erschließung durchaus sehr funktional. Besonders die Gigantentreppe zeigt, dass es gelungen ist, gerade durch ein Höchstmaß an Repräsentantion höchste Funktionalität zu erzeugen. Denn die eigentlich wichtige Funktion dieses Barock-Treppenhauses IST Repräsentation!

    Auch wenn das Thema der Ostseite des HF abgeklungen zu sein scheint, möchte ich in diesem erlauchten Kreise der Experten und der Interessierten mal meine Meinung dazu äußern:


    Es gibt, auch wenn das Thema in der Sache erledigt ist, weiterhin viele unzufriedene Befürworter der vollständigen Rekonstruktion des älteren Ostteiles des Schlossbaus inklusive Renaissancebau und Apothekerflügel. Meist ging es dabei eher um eine emotionale Kritik an der Stella-Fassade. Ich meine:

    • Zur Funktion: Der gesamte Innenraum des HF- Neubaus ist unter modernen Museumskriterien mit großen Ausstellungsräumen, Raumfolgen, funktionalen Stockwerkserschließungen und Verkehrswegen geplant und erstellt. (Über Details kann man immer streiten!). Zu diesem Raumprogramm passen Schlüters und Eosanders großflächige, geradlinige Barock-Fassaden einschließlich der Portale ausgesprochen gut. Ganz anders ist das beim Ostflügel: Dieser bestand aus kleinen Räumen mit engen Fluren, Niveausprüngen und verschiedenen Fassadenteilen, -höhen und Türmchen. Eine archäologischer Wiederaufbau wäre unpraktisch und ein Widerspruch zum gesamten Museumskonzept gewesen.
    • Kunsthistorische Sicht: Die Barockfassaden Schlüters und Eosanders waren und sind wieder eine Berühmtheit auf höchstem europäischem Niveau. Die zusammengesetzten alten Ostfassaden, in der wilhelminischen Zeit in historisierendem Stil „aufgehübscht“, zeigen dagegen keine ursprüngliche und gleichrangig wertvolle Ansicht.
    • Die Stella- Fassade: Ich meine, Stellas Fassade wird zu Unrecht als Hochgarage, Sparkasse und 08/15-Bürotrakt verunglimpft. Die Fassade ist durchaus mit den Barockfassaden abgestimmt – ohne postmodern barockisierte, sich dem übrigen Baukörper anbiedernde Schnörkel. Sie ist Ruhe ausstrahlend, zusammen mit Treppen und Rampen sogar edel, großzügig und funktional, trotz großem Kontrast zu den Barockfassaden, durchaus passend im Stil und in der Klarheit. Mir fehlt nur, so wie zwei Nord- und zwei Südportale sowie ein dominantes Westportal an der Ostfassade ein entsprechendes, durchaus modernes und markant erkennbares Ostportal. Durch dieses Portal könnte man direkt über das zu rekonstruierende, einladende Eingangsambiente des Gigantentreppenhauses in den Schlüterhof und in die Obergeschosse gelangen. Auch das Gärtchen hätte man etwas üppiger wieder erschaffen können.



    Ich hatte gar nicht erwartet, dass mein Link-Hinweis zu dem RL-Interview so viel inhaltvolle Kommentare lostreten würde. Mir ist wichtig, zu trennen zwischen einerseits der subjektiven Einschätzung und dem Respekt vor einer interessanten Persönlichkeit und andererseits der ebenfalls subjektiven Beurteilung ihrer fachlichen Meinung und inhaltlichen Arbeit. Genau das ist doch das Wesen der unter uns notwendigen, dialektischen Streitkultur!

    Es ist manchmal eigenartig, an der eigenen Orientierung zu arbeiten, wenn man einen Perspektivenwechsel unternimmt. Mir ist auch schon „Lüscher-Bashing“ vorgeworfen worden, wenn ich ihren maßgeblichen Einfluss auf die Schlossplatz-Planung und auf die Gestaltung des von Kunstwerken entblößten Platzes und der so geschaffenen Leere heftig kritisiert habe. An meiner Kritik an dem Ergebnis hat sich nichts geändert. Ich habe aber jetzt in YouTube ein Interview mit Frau Lüscher gehört und dabei eine intelligente, differenziert argumentierende, sympathische Frau kennengelernt, die beruflich und privat viel über Berlin nachgedacht und interessant gesprochen hat.


    Den Kritikern der Freiraumplanung empfehle ich, ihr in dem Interview zuzuhören: „Berliner Städtebaugespräche 2 – Regula Lüscher – YouTube“


    https://www.youtube.com/watch?v=LaIXfgT8MhM.