Ach, Rohne, das ist ein schönes Beispiel für die Tücken solcher Diskussionen. Du machst da eine Reihe von Fehlschlüssen, äußerst dich aber im Brustton der Überzeugung. Das ist wohl der Geist der Zeit...
Ich bin, nicht erst seit der Heim-WM, stolzer Deutscher und äußere das auch gerne. In meinem sehr links-grünen Umfeld hat damit niemand ein Problem. Und trotzdem halte ich ein vereintes Europa der Regionen für wünschenswert. Ich kann mich mit meiner Heimatregion nämlich genauso identifizieren wie mit Europa - und mit Deutschland. Alles gleichzeitig!
Wenn du mit verschiedenen Identitäten in deiner Brust nicht zurecht kommst, ist das tragisch, sollte dich aber nicht dazu verleiten, diese Erfahrung allen anderen zuzuschreiben. Begriffe wie typisch deutsch und Indoktrination mögen dir als Erklärungsansätze plausibel erscheinen, aber bedenke doch einmal, dass ein anderer plausibler Erklärungsansatz dein beschränktes Vorstellungsvermögen sein könnte.
Und noch zwei konkrete Hinweise, die dir deine arg limitierte Perspektive hoffentlich verdeutlichen:
aber immer noch deutlich näher und damit zu deutlich mehr Zusammengehörigkeitsgefühl und Solidarität anstiftend als gleich ein ganzer Kontinent mit nochmals deutlich stärker abweichenden, Kulturen, Traditionen, und unzähligen Sprachen aus völlig unterschiedlichen Sprachfamilien.
Das ist auch innerhalb Deutschlands nicht soviel anders, Beispiel Sprache: In Deutschland ist nicht nur Deutsch heimisch, sondern auch Friesisch, Dänisch, Niederdeutsch und Sorbisch (oh Gott, Slawen!). Kulturell sind die Unterschiede zwischen verschiedenen Ländern sicherlich größer als zwischen verschiedenen deutschen Regionen, aber das ist eine graduelle Frage. Als Deutscher mit rheinhessischen und saarländischen Wurzeln fühle ich mich den französischen Nachbarn kulturell durchaus näher als den komischen Norddeutschen. Und das meine ich durchaus völlig ernst.
Erzähl mal einem Franzosen (gern auch jenen außerhalb von Paris, das ja so ziemlich alleiniger Profiteur des dortigen Zentralstaats ist), einem Italiener, oder eben auch einem Schweizer, dass es eine französische, italienische, schweizerische, etc Identität gar nicht gäbe, und ihre Nation doch verzichtbarer Unfug wäre, die würden dir aber was husten.
Abgesehen von der schon erwähnten Fehlleistung, "post-nationale" Argumentationen mit der in der Tat unsinnigen Behauptung gleichzusetzen, es gebe nationale Identitäten nicht, hast du reichlich absurde Beispiele gewählt.
Italien ist ähnlich wie Deutschland ein sehr, sehr junger Staat mit starken föderalen Traditionen und Strukturen. Würdest du tatsächlich mal in Italien nachfragen, würdest du so einige Leute finden, die mit dem Nationalstaat Italien wenig anfangen können. Ich kann nicht behaupten, ein besonders großer Italienkenner zu sein, aber dass die italienischen Regionen sehr eigenständige Identitäten haben, halte ich für Allgemeinwissen. Und obwohl ich diese Diversität und den Regionalstolz so mag, habe ich während meines letzten Italienaufenthalts ganz pathetisch eine Garibaldi-Statue fotografiert. Den mag ich nämlich auch!
Die Schweiz ist ebenfalls ein ulkiges Beispiel, denn wenn es irgendwo auf dem Planeten ein Beispiel für ein (trotz gewiss vorhandener Probleme) funktionierendes Regionalkonzept gibt, dann ist das wohl die Schweiz (verschiedene Sprachfamilien!). Ist natürlich ein kleinerer Rahmen als gleich ganz Europa, aber ich wiederhole: es ist eine graduelle Frage, kein Schwarz-weiß.
Mit Frankreich als Zentralstaat hast du wenigstens eine Nation genannt, die im Kontext deines Postings nicht völlig abwegig ist, aber so einfach, wie du tust, ist es natürlich auch wieder nicht. Starke regionale Identitäten gibt es auch in Frankreich, etwa in der Bretagne (andere Sprachfamilie!). Nebenbei sei bemerkt, dass die Argumente, die gerne gegen die EU angeführt werden (wie Saxonia das z.B. getan hat) aus Sicht französischer Regionen auch gegen die französische Zentralregierung vorgebracht werden können. Wir sehen also auch hier: alles graduell, alles viel komplizierter.
Man kann natürlich für den Nationalstaat argumentieren. Aber diese in heiliger Überzeugung vorgetragenen Polemiken sind nicht sehr überzeugend, insbesondere, wenn du sie dann noch mit seltsamen Beispielen unterfütterst. Bisschen mehr Selbstzweifel wäre gesund. Ich bin mir ja auch nicht sicher, ob das Europa der Regionen, das ich mir vorstelle, realistisch ist: Saxonia fragt völlig zurecht, wo da der Unterschied liege, und in der Tat könnte es sein, dass politisch stärker ausgeprägte Regionen funktional heutigen Nationen gleichen würden.
Ich stelle es mir so vor, dass Europäer europäische, nationale und regionale Identitäten gleichzeitig pflegen, so wie ich das auch tue - davon verspreche ich mir eine Stärkung regionaler Vielfalt (einschließlich unserer Dialekte) und gleichzeitig ein stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl auf den übergeordneten Ebenen (also Nation und Europa).
Kann sein, dass das utopisch ist und in der Realität dann bloß die Bayern einen Zaun nach Hessen bauen würden (bzw. die Bayern nach Franken und die Franken nach Hessen). Ich fänd's aber gut, wenn du diese Sichtweise zur Kenntnis nehmen würdest, statt dir irgendwelche kaputtindoktrinierten Post-nationalen herbeizufantasieren. (Ja, ich weiß, in Antifa-Kreisen gibt es das wirklich, aber erstens sind die nicht hier im Forum und zweitens nicht repräsentativ für Menschen, die die Nationalstaatsidee kritisch sehen.)
Saxonia
In den obigen Absätzen bin ich auf deinen post auch eingegangen, aber weil es soviel Text geworden ist, hier noch mal kurz: Ich halte den Nationalstaat nicht für schlecht, sondern für gut, aber schlechter. Will sagen: Man könnte den guten Status Quo mMn noch verbessern. Deine Frage, was Regionalbewusstsein und Nationalbewusstsein überhaupt unterscheidet, ist völlig berechtigt. Es hinge davon ab, wie sich ein Europa der Regionen konkret entwickelt. Wenn es statt eines Nebeneinanders verschiedener Identitäten nur dazu käme, dass z.B. Hessen als "Leitidentität" innerhalb Hessens oder des hessichen Sprachraumes (auch so eine Verkomplizierung: linguistisch bin ich Hesse, politisch nicht) Deutschland ablöste, dann würden die Begriffe funktional das Gleiche bedeuten.
Den Kopf schütteln muss ich aber über deine EU-Kritik. Bei dir klingt das so konspirationistisch - als sei die EU eine Verschwörung, den untergeordneten Ebenen Macht zu klauen. Tatsächlich sind es ja gerade die Nationalstaaten, die die EU-Politik vorgeben, nicht die bösen Bürokraten in Brüssel. Straßburg (Parlament) und Frankfurt (EZB) haben etwas mehr Eigenleben entwickelt. Aber es ist nicht viel (auch Draghi käme nicht weit, wenn er nicht die Unterstützung zahlreicher Nationalstaaten hätte), und macht die ewige Fixierung auf Brüssel ein bisschen lustig. 