Beiträge von stormcloak

    Ich habe mal an der Heisinger Straße gewohnt, da streiten sich Flugzeuge und Autos um die effektivste Lärmverschmutzung.

    Man kann sich natürlich auf den Standpunkt stellen, dass Fliegen weniger schlimm ist als Autofahren, je nach Maßstab kann das durchaus eine kohärente Position sein. Ich persönlich würde den Autoverkehr gerne radikal reduziert sehen - gerade auf den innerstädtischen Autobahnen und Quasiautobahnen (z.B. Heisinger Str., Wittenbergstr., Burgrafenstr.) in Essen, aber noch wichtiger und vor allem einfacher wäre ein Verbot innereuropäischer Kurzstreckenflüge.

    Dass die schrillen Warnungen der Brexit-Gegner zum Teil absurd waren, war von Anfang an klar. Dazu gab es auch genug Presseberichte. Wenn man das selbst nicht mitbekommen hat, ist das kein "journalistisches Armutszeugnis", sondern ein Armutszeugnis für die eigene Wahrnehmung und/oder den eigenen Medienkonsum.

    Bedenken sollte man zudem, dass wirtschaftliche Entwicklungen meistens sehr langfristig sind - und der Brexit noch nicht einmal da ist. Wenn es tatsächlich zu einem harten Brexit kommt, dürften sich in den folgenden Jahren(!) noch genug negative Auswirkungen für London und positive für Frankfurt zeigen.

    Und schließlich muss man noch auf die Rahmenbedingungen achten. Der Brexitprozess fällt bisher in eine Aufschwungsphase. Man sieht das z.B. am Wachstum in UK: Es ist zwar gesunken, aber immer noch positiv. Wenn die nächste Finanz- und Wirtschaftskrise 2019 zusammen mit einem harten Brexit an den Start geht, könnten selbst die apokalyptischen Visionen mancher Brexit-Gegner noch wahr werden.

    Statt eines offenen Ausstiegs aus dem Brexit halte ich eine Art "versteckten Ausstieg" für plausibler. UK verlässt die EU, bleibt aber im gemeinsamen Markt. Eine Übergangsphase ist ja sogar schon im Gespräch. An einen harten Brexit glaube ich erst, wenn ich ihn sehe.

    Danke für die Fotos aus verschiedenen Perspektiven! Selbst habe ich die Gebäude nur vor zwei Wochen bei einem kurzen Blick von der Hauptwache aus gesehen. Mich stimmen diese Ansichten positiver - aus vielen Blickwinkeln passt die Fassade sich ganz gut ein, etwa in Bezug aufs Hochhaus dahinter oder die Fassaden gegenüber.

    Richtig schlimm ist natürlich der Kontrast zum Palais. Die Parkhauseinfahrt hilft da auch nicht gerade. Mit der Kraut-und-Rüben-Architektur wird man um die Hauptwache herum leben müssen, aber ein bisschen anstrengen hätte man sich hier schon können.

    Der Hydrant ist ein leibhaftiges Integrationsproblem. Er fügt sich nicht in die Platzgesellschaft ein, sondern bildet etwas abseits eine Parallelgesellschaft. Aber letztlich muss sich das einheimische Platzmobiliar an die eigene Nase greifen, wenn es den Hydranten, der ja äußerlich durchaus Integrationswillen zeigt, derart ausgrenzt. Das Problem ließe sich lösen, indem sich ein alteingesessenes Stadtmöbel, beispielsweise eine Parkbank, seiner annähme und sich, sagen wir, zwischen Brunnen und Hydrant platzierte.

    Vorher war das eine große Brachfläche, wie es sie in Essen immer noch gibt (z.B. an der nördlichen Helenenstraße) - Bilder gibt es beispielsweise hier.

    Wie tief die Wasserflächen sind, weiß ich nicht genau, aber auf jeden Fall ist das kein Kanal, sondern es sind zwei Becken, die der Platzgestaltung dienen. Finde die in real übrigens wirklich gut, die Architektur drumherum kann damit nicht mithalten, wobei ich die durchaus auch für solide halte. Das Viertel ist zusammen mit dem Kreuzeskirchenareal eine klare Aufwertung der nördlichen Innenstadt und ein wichtiger Brückenschlag zwischen derselben und der Uni.

    Was Wasserflächen angeht, ist vielleicht auch Essen 51 interessant - dieses Viertel soll auf der oben erwähnten Brachfläche an der Helenenstraße entstehen.

    Weniger versiegelte Flächen wäre der offensichtlichste Ansatz. Braunes Gras ist vielleicht nicht so richtig ansprechend, aber allemal besser als Asphalt.

    Und was gefühlte Temperatur angeht, macht Schatten natürlich einen gigantischen Unterschied. War heute in Mainz unterwegs und habe versucht, mich hauptsächlich in baumbestandenen Straßen zu bewegen, was mangels baumbestandener Straßen leider nicht ganz einfach ist. Da Bäume bekanntlich sehr lange brauchen, um zu Schattenspendern anzuwachsen (bei uns im Städtchen steht eine 125-jährige Eiche - solche Bäume gibt es in Siedlungen leider viel zu wenige), kommt es auf jedes Jahr an.

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    ^ Wie immer - wo links wird, wird gleich gepöbelt und beleidigt. Wenn man sich verschiedene Statistiken anschaut, die Gehälter sind in Deutschland besonders gleichgeschaltet - woanders verdient man für qualifizierte Arbeit mehr, für unqualifizierte weniger.


    Quelle? Tatsächlich ist die Einkommensverteilung in Deutschland nicht besonders ungleich, aber auch nicht besonders gleich. Quelle

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    BTW: Es heisst, Entwickler verdienen im Raum Düsseldorf ab 50-55 Tsd./Jahr, nicht nur ein Einzelfall. Dass alle einen gleich großen Magen haben und deswegen einem alles "zusteht", hiess es öfters im Sozialismus - falls nicht jeder es mitgekriegt hat, das System ist mit lautem Knall zusammengebrochen.


    Strohmannargument.

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    Wenn etwa das Autonome Fahren kommen sollte, sind zuallererst Busse, Bahnen (und LKWs) dran (zum Teil bereits jetzt, etwa Londoner DLR mit Automatikbetrieb). Muss ich traurig sein? Alle 2 Jahre streiken die Fahrer gleich 24 oder 48 Stunden, ob Pendler im Regen kilometerlang latschen müssen oder nicht - interessiert die Typen einfach rein gar nicht.


    Natürlich interessiert die das! Genau deswegen machen sie's ja. Streiks lohnen sich nur da, wo es weh tut und öffentlicher Druck entsteht, und da sind ÖPNV-Fahrer eben in einer sehr vorteilhaften Position.

    Der Mindestlohnvergleich mit Polen ist albern - was hat denn geografische Nähe mit Einkommen zu tun? Der Hunsrück liegt zwischen Rhein-Main und Luxemburg, trotzdem wird es sich dort nur schwer reich.

    Dass die Paulskirche als Symbol für irgendetwas anderes stehen könnte als die deutsche Demokratie mit Bezug auf 1848 ist mir noch nie in den Sinn gekommen. Und ich halte mich für historisch sehr interessiert und komme aus der Gegend.

    Den Bogen zum Untergang der Weimarer Republik und zum neuen demokratischen Anlauf nach dem Krieg zu schlagen, finde ich tatsächlich sogar gut - aber mit dem Nachkriegszustand geht das schwerlich, weil er die ganze Historie des Gebäudes und der deutschen Demokratie ignoriert.

    Ich brauche nicht die Original-Kuppel oder eine Rekonstruktion im Detail (das Hambacher Schloss sieht seinem Zustand von 1832 auch nicht mehr ähnlich), aber das Gebäude sollte, finde ich, bauliche Bezüge zu den Ereignissen und Hoffnungen von 1848 haben. Davon ist derzeit nicht viel zu sehen.

    Die beiden kritischen Stimmen interpretieren die Architektur der Altstadt sehr ausladend. Mir fehlt da das Verständnis dafür, dass bloße Schönheit auch ein Kriterium ist - und für manche (viele?) Betrachter, Bewohner und Benutzer sogar das wichtigste.

    Bei Herrn Engel klingt das am Ende immerhin an, wenn er sagt, dass die Altstadt die Emotionen vieler Menschen bediene und daher wahrscheinlich ein Erfolg werde. Aber das reicht ihm nicht.

    Und da frage ich mich: warum? Was ist so schlimm an Architektur, die sich primär an ästhetischen Fragen ausrichtet? Die ästhetische Fragen gar populär beantwortet?

    Ästhetik war mal eine wichtige Disziplin. In der Architektur scheint sie heute eher als Bremsklotz wahrgenommen zu werden.

    Der oben gezeigte Kopfbau Kapellen/Dresdner Str. ist eines meiner Lieblingshäuser in Leipzig. Ich habe es kurz vor meinem Wegzug noch fotografiert, in der Befürchtung, es könnte bald saniert werden.

    Ich sage "Befürchtung", weil gerade der aktuelle Zustand der Außenfassade (zumindest oberhalb des Erdgeschosses) den Reiz des Gebäudes für mich ausmacht. Es erinnert mich - Achtung! - an Kuba.

    Soll kein Argument gegen eine Sanierung sein, aber dass unsanierte Gründerzeitler einen solchen Charme haben, ist auch in Leipzig selten. Meistens sehen die einfach nur bemitleidenswert aus.

    Da stimme ich dir zu - ich halte bloß einen Bürgerentscheid für die falsche Methode, zu einem solchen Korrektiv zu kommen. Im verlinkten Interview weist der Architekt darauf hin, dass der zeitliche Ablauf völlig unsinnig war, d.h. das Projekt war schon auf dem Weg als sich die Stadt dazu entschieden hat, doch lieber einen Bürgerentscheid anzusetzen. Geschickter wäre es, sich vorher ein Bild über die Meinungen in der Bürgerschaft zu machen und dann auf dieser Basis einen Kompromis zu finden.

    Stimmt, keine besonders überzeugende Wahlbeteiligung (auch in der ersten Runde nicht). Der Vergleich ist aber natürlich unsinnig. Erstens, da ein OB durchaus nicht gewählt wird, um autokratisch Entscheidungen zu treffen - ein OB hat andere Aufgaben als ein Bürgerentscheid. Das kannst du hier nachlesen (§47). Zweitens, weil auch bei einer Wahlbeteiligung von 100% ein Bürgerentscheid einen großen Teil der Bürger komplett übergehen würde, während ein OB bzw. Stadtrat unabhängig von der Wahlbeteiligung versuchen kann, möglichst alle Bürger durch Kompromissfindung bei Entscheidungen mitzunehmen.

    Was anderes: Bei der AZ gibt es ein Interview mit dem Bibelturm-Architekten.

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    Aber es zeichnete sich halt schon im Vorfeld eine sehr starke Ablehnung in der Mainzer Bürgerschaft dagegen ab, solch einen Bunker an diese sensible Stelle der Altstadt zu setzen.


    Da wäre ich vorsichtig: Im Nachhinein scheint es klar, dass die Ablehnung von vornherein schon groß war, aber das ist eine Täuschung - es gab schon genug Abstimmungen, in denen das Ergebnis ganz anders ausfiel als erwartet. Beispielsweise die S21-Abstimmung, bei der auch jedem klar war, dass die Ablehnung gigantisch ist, sich dann aber bei relativ hoher Wahlbeteiligung keine Mehrheit dagegen gefunden hat. Das ist ohne vernünftige Umfragen immer schwierig zu sagen - es wäre durchaus möglich gewesen, dass die Ablehnung des Bibelturms noch deutlich niedriger ist als die ~33%, die es jetzt geworden sind.

    Die Aufgabe der Mandatsträger sollte es aber sein, möglichst viele Bürger mitzunehmen, und da hast du dann schon recht, dass das nicht geschehen ist.

    Im Grunde hätten Stadt und Museum nach dem katastrophalen Ergebnis des Wettbewerbs (ich meine die haarsträubende Gesamtschau der Teilnehmer) schreiend weglaufen sollen...

    Dass du die Existenz regionaler oder lokaler Identitäten bestritten hättest, habe ich auch nirgendwo behauptet.

    Dass du die Existenz nationaler Identitäten begründet hast, habe ich verstanden.

    Ich habe versucht, dir aufzuzeigen, dass du einige Fehlschlüsse machst: du identifizierst fälschlich Kritik an der Nationalstaatsidee mit dem Absprechen der Existenz nationaler Identitäten. Du erklärst dir von deiner Meinung abweichende Meinungen pauschal mit typisch Deutsch und Indoktrination. Und du führst zur Untermauerung deiner Meinungen Beispiele an, die deinen Meinungen tatsächlich zu mindestens zwei Dritteln widersprechen.

    Versuche doch, meine Argumentation nachzuvollziehen, bevor du sie abtust. Du kannst es natürlich auch lassen und dich weiterhin als Verteidiger der Vernunft gegen die ganzen bösen Antifas sehen. Wenn dir das was gibt, bitte!

    Der Bibelturm wird nicht kommen, die Abstimmung fiel klar dagegen aus (77,3% zu 22,7% (Link zur AZ)).

    Ich habe in der Sache keine Präferenz gehabt. Zwar halte ich den Entwurf doch für interessant und Gutenberg-würdig, andererseits im räumlichen Kontext für wenig passend. Mal schauen, ob Museum und Stadt jetzt noch eine bessere Lösung finden können.

    Die Vorgehensweise der Stadt halte ich aber für katastrophal. Statt dass die Mandatsträger ihre Arbeit machen und eine gute Lösung finden, mit der möglichst viele leben können, veranstalten sie einen solchen "demokratischen" Zinober, der die interessierte Stadtgesellschaft spaltet, und letztlich dazu führt, dass weniger als ein Drittel der Wahlberechtigten (Wahlbeteiligung laut AZ: 40%) seine Position durchsetzen darf. Kann ich nur den Kopf schütteln. :nono:

    Ach, Rohne, das ist ein schönes Beispiel für die Tücken solcher Diskussionen. Du machst da eine Reihe von Fehlschlüssen, äußerst dich aber im Brustton der Überzeugung. Das ist wohl der Geist der Zeit...

    Ich bin, nicht erst seit der Heim-WM, stolzer Deutscher und äußere das auch gerne. In meinem sehr links-grünen Umfeld hat damit niemand ein Problem. Und trotzdem halte ich ein vereintes Europa der Regionen für wünschenswert. Ich kann mich mit meiner Heimatregion nämlich genauso identifizieren wie mit Europa - und mit Deutschland. Alles gleichzeitig!

    Wenn du mit verschiedenen Identitäten in deiner Brust nicht zurecht kommst, ist das tragisch, sollte dich aber nicht dazu verleiten, diese Erfahrung allen anderen zuzuschreiben. Begriffe wie typisch deutsch und Indoktrination mögen dir als Erklärungsansätze plausibel erscheinen, aber bedenke doch einmal, dass ein anderer plausibler Erklärungsansatz dein beschränktes Vorstellungsvermögen sein könnte.

    Und noch zwei konkrete Hinweise, die dir deine arg limitierte Perspektive hoffentlich verdeutlichen:

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    aber immer noch deutlich näher und damit zu deutlich mehr Zusammengehörigkeitsgefühl und Solidarität anstiftend als gleich ein ganzer Kontinent mit nochmals deutlich stärker abweichenden, Kulturen, Traditionen, und unzähligen Sprachen aus völlig unterschiedlichen Sprachfamilien.


    Das ist auch innerhalb Deutschlands nicht soviel anders, Beispiel Sprache: In Deutschland ist nicht nur Deutsch heimisch, sondern auch Friesisch, Dänisch, Niederdeutsch und Sorbisch (oh Gott, Slawen!). Kulturell sind die Unterschiede zwischen verschiedenen Ländern sicherlich größer als zwischen verschiedenen deutschen Regionen, aber das ist eine graduelle Frage. Als Deutscher mit rheinhessischen und saarländischen Wurzeln fühle ich mich den französischen Nachbarn kulturell durchaus näher als den komischen Norddeutschen. Und das meine ich durchaus völlig ernst.

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    Erzähl mal einem Franzosen (gern auch jenen außerhalb von Paris, das ja so ziemlich alleiniger Profiteur des dortigen Zentralstaats ist), einem Italiener, oder eben auch einem Schweizer, dass es eine französische, italienische, schweizerische, etc Identität gar nicht gäbe, und ihre Nation doch verzichtbarer Unfug wäre, die würden dir aber was husten.


    Abgesehen von der schon erwähnten Fehlleistung, "post-nationale" Argumentationen mit der in der Tat unsinnigen Behauptung gleichzusetzen, es gebe nationale Identitäten nicht, hast du reichlich absurde Beispiele gewählt.

    Italien ist ähnlich wie Deutschland ein sehr, sehr junger Staat mit starken föderalen Traditionen und Strukturen. Würdest du tatsächlich mal in Italien nachfragen, würdest du so einige Leute finden, die mit dem Nationalstaat Italien wenig anfangen können. Ich kann nicht behaupten, ein besonders großer Italienkenner zu sein, aber dass die italienischen Regionen sehr eigenständige Identitäten haben, halte ich für Allgemeinwissen. Und obwohl ich diese Diversität und den Regionalstolz so mag, habe ich während meines letzten Italienaufenthalts ganz pathetisch eine Garibaldi-Statue fotografiert. Den mag ich nämlich auch!

    Die Schweiz ist ebenfalls ein ulkiges Beispiel, denn wenn es irgendwo auf dem Planeten ein Beispiel für ein (trotz gewiss vorhandener Probleme) funktionierendes Regionalkonzept gibt, dann ist das wohl die Schweiz (verschiedene Sprachfamilien!). Ist natürlich ein kleinerer Rahmen als gleich ganz Europa, aber ich wiederhole: es ist eine graduelle Frage, kein Schwarz-weiß.

    Mit Frankreich als Zentralstaat hast du wenigstens eine Nation genannt, die im Kontext deines Postings nicht völlig abwegig ist, aber so einfach, wie du tust, ist es natürlich auch wieder nicht. Starke regionale Identitäten gibt es auch in Frankreich, etwa in der Bretagne (andere Sprachfamilie!). Nebenbei sei bemerkt, dass die Argumente, die gerne gegen die EU angeführt werden (wie Saxonia das z.B. getan hat) aus Sicht französischer Regionen auch gegen die französische Zentralregierung vorgebracht werden können. Wir sehen also auch hier: alles graduell, alles viel komplizierter.

    Man kann natürlich für den Nationalstaat argumentieren. Aber diese in heiliger Überzeugung vorgetragenen Polemiken sind nicht sehr überzeugend, insbesondere, wenn du sie dann noch mit seltsamen Beispielen unterfütterst. Bisschen mehr Selbstzweifel wäre gesund. Ich bin mir ja auch nicht sicher, ob das Europa der Regionen, das ich mir vorstelle, realistisch ist: Saxonia fragt völlig zurecht, wo da der Unterschied liege, und in der Tat könnte es sein, dass politisch stärker ausgeprägte Regionen funktional heutigen Nationen gleichen würden.
    Ich stelle es mir so vor, dass Europäer europäische, nationale und regionale Identitäten gleichzeitig pflegen, so wie ich das auch tue - davon verspreche ich mir eine Stärkung regionaler Vielfalt (einschließlich unserer Dialekte) und gleichzeitig ein stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl auf den übergeordneten Ebenen (also Nation und Europa).
    Kann sein, dass das utopisch ist und in der Realität dann bloß die Bayern einen Zaun nach Hessen bauen würden (bzw. die Bayern nach Franken und die Franken nach Hessen). Ich fänd's aber gut, wenn du diese Sichtweise zur Kenntnis nehmen würdest, statt dir irgendwelche kaputtindoktrinierten Post-nationalen herbeizufantasieren. (Ja, ich weiß, in Antifa-Kreisen gibt es das wirklich, aber erstens sind die nicht hier im Forum und zweitens nicht repräsentativ für Menschen, die die Nationalstaatsidee kritisch sehen.)

    Saxonia
    In den obigen Absätzen bin ich auf deinen post auch eingegangen, aber weil es soviel Text geworden ist, hier noch mal kurz: Ich halte den Nationalstaat nicht für schlecht, sondern für gut, aber schlechter. Will sagen: Man könnte den guten Status Quo mMn noch verbessern. Deine Frage, was Regionalbewusstsein und Nationalbewusstsein überhaupt unterscheidet, ist völlig berechtigt. Es hinge davon ab, wie sich ein Europa der Regionen konkret entwickelt. Wenn es statt eines Nebeneinanders verschiedener Identitäten nur dazu käme, dass z.B. Hessen als "Leitidentität" innerhalb Hessens oder des hessichen Sprachraumes (auch so eine Verkomplizierung: linguistisch bin ich Hesse, politisch nicht) Deutschland ablöste, dann würden die Begriffe funktional das Gleiche bedeuten.

    Den Kopf schütteln muss ich aber über deine EU-Kritik. Bei dir klingt das so konspirationistisch - als sei die EU eine Verschwörung, den untergeordneten Ebenen Macht zu klauen. Tatsächlich sind es ja gerade die Nationalstaaten, die die EU-Politik vorgeben, nicht die bösen Bürokraten in Brüssel. Straßburg (Parlament) und Frankfurt (EZB) haben etwas mehr Eigenleben entwickelt. Aber es ist nicht viel (auch Draghi käme nicht weit, wenn er nicht die Unterstützung zahlreicher Nationalstaaten hätte), und macht die ewige Fixierung auf Brüssel ein bisschen lustig. ;)

    Ihr habt alle keine Ahnung. Aus historischen und kulturellen Gründen kommt nur Mainz als Hauptstadt in Frage. Sitz der ersten deutschen Demokratie, eine der ältesten Städte, wichtiges Machtzentrum im Heiligen Römischen Reich!

    Neustadt an der Weinstraße könnte ich mir noch vorstellen, von wegen Hambacher Fest, oder Trier als ehemals größte Stadt nördlich der Alpen. Womöglich sogar, ich sag es ungern, Köln. Aber alles rechts des Rheins kommt nicht in Frage.

    Und eine ernsthafte Anmerkung: Ein Europa der Regionen, das vom Konzept des Nationalstaates wegkommt, würde ich sehr begrüßen, halte es aber für zurzeit sehr realitätsfern. So denken sehr viele Menschen einfach nicht.