C++ - das Chemnitzer Stadtgespräch

  • Bahn

    Meiner Meinung nach, schließen sich S-Bahn und Fernverkehr wie in MoPo-Artikel nicht aus. Ich kann die Forderung nach einer S-Bahn nach Chemnitz verstehen, da diese ja eine zweigleisige Elektrifizierung zwischen Geithain und Chemnitz voraussetzt und am Ende die Verantwortlichen weniger Gründe gegen einen Fernverkehr nach Chemnitz haben.


    Natürlich wird der Weg über Borna und durch den Citytunnel keine kürzere Fahrzeit bringen, aber wenn man für einen eventuellen Fernverkehr vielleicht die gleiche Fahrzeit wie der heutige CLEX benötigen würde, wäre meiner Meinung nach auch ein langsamerer Personennahverkehr zu verkraften.


    Im Übrigen hatte die Bahn mal für den CLEX 57' Fahrzeit in Aussicht gestellt. Ich glaube seit einigen Jahren wird diese Fahrzeit schon nicht mehr erreicht.


    Ich wohne jetzt seit einem Jahr hier in Chemnitz und benutzt oft als Student die Bahn nach DD. Sie können mir bestimmt beipflichten: der Hauptbahnhof ist nicht der schönste Ort in Chemnitz und er spiegelt eigentlich genau das wieder, was man über Chemnitz denkt, wenn man noch nie dort gewesen ist: Tristess, uninteressante "DDR-Architektur", wenig einladen und unmodern. Der Vergleich Chemnitz - Leipzig/Dresden erübrigt sich.


    Es ist gut, dass die Bahn 110 Millionen Euro in diesen Bahnhof investiert, die Gleisanlagen und ähnliches mussten erneuert werden. Jedoch bedarf es auch Sanierung des Bahnhofsgebäudes. Wenn man heute nach Leipzig fährt, kommt man immer an diesem Warteraum im Querbahnsteigsgebäude vorbei, dekoriert mit Bierbänken und ähnlichem. Der Empfangsraum ist wie eine schlechte Reise in die Vergangenheit. Wenn man in diesem Gebäude in die Vergangenheit will, dann doch bitte in eine restaurierte, wie auf Wikipedia zu sehen: http://upload.wikimedia.org/wi…Chemnitz_Bahnhof_1873.jpg
    Ich habe einmal gelesen, dass die Bahn irgendwann ein Konzept für diese Empfangshalle vorlegen will. Ich könnte mir z.Bsp. eine restaurierte Empfangshalle nach altem Vorbild vorstellen, in denen als Kontrast die heutigen Läden mit viel Glas eingefügt sind und das alte (schöne) Bild nicht zerstören.


    Auch könnte man über das alte Bild: "Chemnitz, das Tor zum silbernen Erzbegirge!" diskutieren.
    http://www.chemnitzgeschichte.…eile/zentrum-ost.html#HBH


    Ich finde es schade, dass die Empfangshalle nicht von Anfang an mit in dem Ausbau Knoten Chemnitz mir berücksichtigt wurde. Jedoch ist das Chemnitzer Modell bereits für sich ein sehr ambitioniertes Projekt. Man muss erstmal hoffen, dass dieses Projekt auch nach den jetzigen Planungen umgesetzt wird und nicht nach und nach wieder zusammengestrichen wird.

  • Die alten Bilder des Emofangsraumes kannte ich noch gar nicht, das ist natürlich keinerlei Vergleich zur heutigen Situation. Allerdings entspricht dies auch dem Bedeutungsverlust des Bahnhofes. Während früher bis zu 90.000 Fahrgäste auf dem Bahnhof verkehrten, sind es heute 11.000. Auch im Güterverkehr zeugt die Größe des Bahngeländes in Hilbersdorf noch von glorreichen Zeiten. Eine nachhaltige Trendwende sehe ich hier nicht, auch wenn bei Umsetzung des Chemnitzer Modells vielleicht die Zahlen irgendwann wieder nach oben gehen. Deshalb wird sich die Bahn mit größeren Investitionen in die Bahnhofsgebäude auch sehr zurückhalten.


    Daß nach Leipzig momentan die Fahrzeit länger als eine Stunde ist, ist hauptsächlich in der Abschaltung der Neigetechnik der Baureihe VT 612 infolge technischer Probleme begründet gewesen. Da die Probleme gelöst sind, könnte eventuell mit dem Fahrplanwechsel im Dezember eine Verbesserung erreicht werden. Inwiefern auch verschiedene Bauarbeiten auf der Strecke einen Anteil hatten oder haben, kann ich nicht im Detail sagen. Was mir eher Sorge macht, sind die bei der Bahn deutschlandweit allgemein fehlenden Triebzüge. Ohne VT 612 ist die Fahrzeit nämlich unmöglich zu halten, gleichzeitig sind beim Unfall in Lauterbach im September schon wieder 2 der in Doppeltraktion verkehrenden Triebzüge aus dem Betrieb genommen worden - zum Glück ohne Todesopfer nach der Kollision mit einem PKW an einem Bahnübergang. Die Abhängigkeit von dieser Baureihe und deren technische Anfälligkeit und mangelnde Zukunftsperspektive ist sicherlich auch ein gutes Argument für den S-Bahn-Verkehr nach Leipzig. Auch gibt es aber sowohl von den Fahrzeugen (Zulassung Talent 2) als auch von der Strecke (Elektrifizierung, Zweigleisigkeit) riesige Hürden.

  • Als regelmäßiger Nutzer (ca. 4x pro Woche) der Strecke Chemnitz<->Leipzig muss ich sagen, dass die Fahrzeit mit 61 bzw. 59 Minuten an sich absolut akzeptabel ist, wenn alles nach Plan verläuft. Berufsverkehr und Parkplatzsuche eingeschlossen kommt man auch mit dem Auto nicht schneller von Zentrum zu Zentrum. Konkrete Ärgernisse der Verbindung sind eher die pendlerunfreundliche Anbindung an ÖPNV und Parkplatzsituation am Hauptbahnhof, der Fahrkomfort in den VT612 (Lautstärke, Vibrationen) und die Anbindung an den Fernverkehr in Leipzig. Wenn der Zug in Chemnitz schon mit 5 Minuten Verspätung startet, dann summiert sich das durch Zugkreuzungen bis Leipzig schnell auf 20 Minuten. Die Fernzüge warten nicht. Umgedreht wenn der Fernzug 10-15 Minuten verspätet in Leipzig einrollt, wartet der CLEX ebenfalls nicht. Ich habe beim Einrollen in Leipzig schon den CLEX auf der anderen Seite rausfahren sehen. Besonders ärgerlich abends in der 22-23 Uhr Fahrplanlücke. Soviel zu meinen persönlichen Erfahrungen, den verunfallten Zug im September habe ich glücklicherweise knapp verpasst.
    Die alten Bilder vom Hauptbahnhof sind natürlich beeindruckend, aber eine Rekonstruktion in diesem Stil halte ich für illusorisch. Niemand wird dafür Geld zur Verfügung stellen. Die Bahnsteighalle finde ich indes gar nicht so schlecht und verspreche mir viel von der Öffnung für das Chemnitzer Modell. Durch eine weitere Verglasung der Wände könnte der Bahnhof viel heller und freundlicher wirken. Ich meine sogar gelesen zu haben, dass das ursprünglich so gedacht war, aber aus Kosten und Materialgründen zum billigeren Wellblech gegriffen wurde. Leider muss ich den Link dafür schuldig bleiben. Für das Hauptgebäude hoffe ich ja wenigstens noch mit einem neuen Anstrich, wenn schon sonst überhaupt nichts daran getan werden soll. Das schöne Erzgebirgs-Motiv an diese Wand zu malen wäre sicher kein großer Kostenfaktor. Ich frage mich aber, ob das nicht den Gesamteindruck "Angekommen in der Provinz" eher verstärken würde...

  • Am Gebäude wurde schon rekonstruiert. Die Fenster zu den Bahngleisen z. B. Das Highlight und wichtig wäre die Reko der Bahnhofsuhr gewesen. Das hätte geholfen den Bahnhof zu einem "Ort" zu machen.

  • Was mir bei den Debatten über Altbauabrisse fehlt, ist die gesamtstädtische Betrachtung. Die Lage ist ja so, dass es in den Chemnitzer Altbauquartieren noch immer enorme Leerstandsprobleme gibt. Nach den letzten Zahlen beträgt der Wohnungsleerstand im Lutherviertel 39 Prozent, auf dem Sonnenberg 34 Prozent.


    Eine grundsätzliche Veränderung dieser Situation ist nicht in Sicht. Ein Grund ist, dass die hohen Leerstände dort auftreten, wo es erhebliche Lageprobleme gibt, wie die Lage an einer lauten Hauptverkehrsstraße, Mangel an Grünflächen und Spielplätzen, Mangel an Parkplätzen, Verschattungsprobleme aufgrund einer hohen Verdichtung.


    Zu diesen Lageproblemen kommen noch Probleme auf der Gebäudeebene. Etliche Häuser sind so verwahrlost, dass eine Sanierung über die zu erwartenden Mieten nicht refinanziert werden kann. Zudem ist es so, dass viele Altbauten selbst nach einer Sanierung noch Vermarktungsschwierigkeiten haben. Ein Grund ist das Fehlen von Aufzügen, die gerade angesichts der zunehmenden Zahl an Senioren immer wichtiger werden. Zudem gibt es viele Altbauten ohne große Balkone, die ebenfalls an Bedeutung gewinnen. Ein weiterer Grund ist, dass viele Altbauten auch nach einer Sanierung schlechte Energiewerte aufweisen. Oft können die Stuckfassaden nicht mit effizienten Wärmedämm-Verbundsystemen verkleidet werden, für weitere Probleme sorgen die hohen Räume. Folgerichtig verbrauchen auch sanierte Altbauten viel mehr Energie. Dieses Problem wird sich bei weiter steigenden Energiepreisen noch verschärfen.


    Diese Probleme werden dafür sorgen, dass die Nachfrage nach Altbauwohnungen in Chemnitz bestenfalls stagnieren, wahrscheinlich aber zurückgehen wird. Chemnitz ist ja keine wachsende Stadt, die optimistischsten Prognosen gehen von einer gleichbleibenden Bevölkerungszahl aus, die pessimistischen Prognosen sagen eine Schrumpfung voraus. Der Nachfragekuchen wird also nicht größer, sondern eher kleiner.


    Daher ist es nötig, erst einmal zu analysieren, welche Altbauquartiere überhaupt zukunftsfähig sind. Wenn immer nur Einzelgebäude betrachtet werden, dann folgt man schnell dem "Sankt Florians-Prinzip". Das heißt: An einer Stelle wird vielleicht ein Haus gerettet, an einer anderen Stelle entsteht dann aber neuer Leerstand. Der Leerstand wird nicht beseitigt, sondern nur verlagert.


    Diese gesamtstädtische Betrachtung fehlt meines Erachtens, wenn undifferenziert gegen Altbauabrisse polemisiert wird. Und da kann ich nicht erkennen, dass die Lage an der Neefestraße eine besonders zukunftsfähige Lage ist. Die Neefestraße ist sehr laut, gleich nebenan befindet sich zudem die ebenfalls laute Bahntrasse. Ich glaube nicht, dass diese Lage langfristig im Konkurrenzkampf um Mieter erfolgreich sein wird. Daher halte ich einen Abriss dieses Gebäudes für sinnvoll, auch wenn das Haus sicher seinen Charme hat. Aber im Interesse der Gesamtstadt sind manchmal auch unpopuläre Entscheidungen nötig.


    P.S: Sanierungen am Lessingplatz halte ich dagegen für sinnvoll. Hier gibt es viel Grün, der Platz ist ruhig, diese Lage könnte durchaus zukunftsfähig sein. Aber dafür muss man eben andere Lagen aufgeben.

  • Neben den angesprochenen Punkten gibt es aber auch noch eine stadtästhetische Komponente. Die hat weit mehr Auswirkung als die beschriebene Wohnungsmarktwirtschaftliche. Alle Sanierungsobjekte der mir bekannten Bauträger werden finanziert. Auch in schlechten Lagen. Das funktioniert also. Die Wohnungen sind noch in der Bauphase vermietet.
    Ich würde das nicht so kompliziert betrachten und es einfach mal machen. Mehr machen als betrachten und abwägen.

  • Was du hier anführst sind regelrechte Totschlagargumente gegen nahezu alle Bauten der Vorkriegszeit.


    In Chemnitz geht es exiplizit darum, die wenige Altbausubstanz die die Stadt Richtung Zentrum noch vorweißt zu retten. Insbesondere geschlossene Quartiere. Natürlich wäre es kostengünstiger Platten zu sanieren und dort Aufzüge reinzusetzen. Die Problematik ist keine rein ökonomische sondern auch eine ästhetisch-städtebauliche. Gerade die Stadtoberen sollten da alle Hebel die sie kennen in Bewegung setzen um die Identität ihrer Stadt zu wahren und nicht Lücken schlagen wo man es hinterher bereuen könnte.


    Der Rückbau des Fritz Heckerts Gebiets und anderer Plattensiedlungen am Rand ist der Richtige Schritt um Wohnungen zurückzubauen und gleichzeitig die Reurbanisierung zu fördern. Im Übrigen ist es schlichtweg ein Mythos, dass heute sanierte Altbauten energietechnisch nicht auf dem neuesten Stand sind. Das meiste geht über Fenster, Dach und Keller weg. Das lässt sich ohne Auswirkung auf das Äußere beheben. Sanierungen bei denen der Stuck im weg ist, bedienen sich schlichtweg am leichtesten und billigsten Weg: Die Wände mit Styropor zu kleistern. Das ist bei alten Gemäuern allerdings absolut nicht empfehlenswert und wird in ca 20 Jahren die nächste Sanierungswellen lostreten.


    edit: Klarenbach

  • Die Plattenbauten werden die nächste Sanierungswelle wirtschaftlich nicht überleben. Wenn es dann keine Abbruchförderung gibt, deren Eigentümer hoffentlich auch nicht.

  • Zum Thema Energieeffizienz gibt es eine interessante Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Hier gibt es Angaben zum durchschnittlichen Energieverbrauch der einzelnen Haustypen. Demnach beträgt der Energieverbrauch für
    - große Mehrfamilienhäuser, Baujahr 1900 - 1918, unsaniert: 135 kWh/m2/a
    - große Mehrfamilienhäuser, Baujahr 1900 - 1918, vollsaniert: 122 kWh/m2/a
    - große Mehrfamilienhäuser, Baujahr 1984 - 1994, unsaniert: 123 kWh/ m2/a
    - große Mehrfamilienhäuser, Baujahr 1984 - 1994, vollsaniert: 82 kWh/m2/a
    Diese Werte lassen sich bei Nachkriegsbauten noch weiter senken. So gibt es in Berlin ein Hochhaus aus den 1970er Jahren, das nach der Sanierung nur 40 kWh/m2/a verbraucht, in Freiburg gibt es ein Hochhaus, das nach der Sanierung nur 20 kWh/m2/a verbraucht. Daher plädieren die Experten des IWH dafür, die Sanierungsbemühungen auf Mehrfamilienhäuser aus der Nachkriegszeit zu konzentrieren. Hier ist der Link:


    http://www.iwh-halle.de/d/publik/wiwa/9-10-5.pdf


    Ansonsten finde ich es ja bemerkenswert, dass sich rotwang die Insolvenz der Besitzer von Plattenbauten wünscht. Konkret handelt es sich dabei um die kommunale GGG und um etliche Genossenschaften. Bei einer Insolvenz der Genossenschaften würden Zehntausende Genossenschaftler ihre Anteile verlieren, bei einer Insolvenz der GGG würden auf die Stadt Belastungen zukommen, die wohl auch die Stadt in die Zwangsverwaltung führen würde. Dass diese Perspektive für Chemnitz wünschenswert, wage ich zu bezweifeln.


    Glücklicherweise entspricht die Realität nicht den Wünschen von rotwang. Denn die sieht nun einmal so aus, dass zwar Hartmut Wahl mit seinen Altbauten insolvent ist und etliche seiner Anleger ihr Geld wohl nie wieder sehen werden, dass die WG Einheit aber mit ihren gut belegten Plattenbauten satte Gewinne erwirtschaftet. Wenn die Chemnitzer Altbauten wirklich so rentabel und die Chemnitzer Plattenbauten wirklich so unrentabel wären, dann wäre die Lage genau anders herum. Ich selbst habe schon mit Bankern über den Chemnitzer Immobilienmarkt gesprochen, und da gibt es ganz ähnliche Einschätzungen. Die WG Einheit erhält ja ihr Geld für Sanierungen auch von Banken, die diese Sanierungen offenbar für sinnvoll halten. Ich denke also, dass ich die Dinge durchaus realistisch sehe.

  • Die Wahl+Partner GmbH ist in Insolvenz gegangen, wegen der Inkompetenz von Hartmut Wahl. Zu teurer Vertrieb, zu teure Finanzierung, zu teurer Bau. Mit der Nachfrage nach den Wohnungen hat das nichts zu tun. Wahl+Partner Wohnungen sind heute zu 99% zu den höchsten Mieten in der Stadt vermietet. Andere machen es besser und haben Erfolg und vor allen, sie tun damit etwas wertvolles für die Stadtentwicklung.
    Andererseits kann man sagen, das gerade die angesprochenen Unternehmen auf Kosten der Stadt und deren Anleger gewirtschaftet haben. Es wurde sinnlos Wohnraum in Plattenbauten geschaffen, der hätte ob der demografischen Entwicklung reduziert werden können um die alten urbanen Viertel zu stärken und diese Richtung Innenstadt zu entwickeln. Die angesprochenen Unternehmen haben ihren Anlegern wirklich einen Bären aufgebunden. Die Lagen und die Plattenbaugebäude werden in der Konkurrenz zu den Altbauquartieren verlieren. Das ist eine Erfahrung, die andere Städte schon gemacht haben.

  • Diesen und fortfolgende Beiträge aus dem Thread "Laufende und geplante Projekte" hierhin verchoben. C.


    Welchen vernünftigen Grund gibt es, altersgerechte, gut sanierte Plattenbauten, die wenig Energie verbrauchen und dadurch einen Beitrag zur CO2 - Einsparung leisten, abzureißen, damit Gründerzeithäuser erhalten werden können, die viel mehr Energie verbrauchen und oft nicht einmal einen Aufzug besitzen? Welchen vernünftigen Grund sollte es für solch eine sozial und ökologisch widersinnige Maßnahme geben? Soll wirklich ein höherer Energieverbrauch in Kauf genommen werden, nur weil ein paar Gründerzeitfans den Stadtumbau durch die ideologische Brille betrachten?


    Lesenswert ist übrigens auch die Stellungnahme des Instituts für ökologische Raumentwicklung (IÖR) in Dresden zum Abriss von Altbauten, das in die gleiche Kerbe wie die Studie des IWH haut. Dort werden Altbauten aufgrund ihrer hohen Energieverbräuche als "Erblast für kommende Generationen" bezeichnet.


    http://idw-online.de/pages/de/news245846


    Sind die Wissenschaftler alles Dummköpfe? Also ich denke schon, dass man solche Argumente Ernst nehmen sollte.


    Und was das Vermietungsargument angeht: Die sanierten Blöcke der WG Einheit im Heckertgebiet sind alle voll vermietet. Leerstand gibt es in einigen Blöcken der GGG, und wenn man dann recherchiert, warum es dort Leerstand gibt, dann erfährt man schnell, dass diese Häuser überhaupt nicht mehr vermietet werden. Häufig wurden auch gut belegte Wohnblöcke gegen den erbitterterten Widerstand der Mieter leer gezogen. Von einer mangelnden Beliebtheit der Plattenbauten kann überhaupt keine Rede sein. Von den Erfahrungen in Berlin, wo die Plattenbausiedlungen massive Zuzüge verzeichnen, will ich garnicht erst anfangen.

  • Nach über zweijährigem Mitlesen habe ich mich nun auch dazu entschlossen, hier anzumelden - eigentlich nur um Klaranbachs äußerst einseitige Nachrichten zu kommentieren, von denen ich anfangs noch dachte, es wäre eine seltsame Art von Ironie..... :nono:


    Ich bin als Student der Geographie, in dem die Stadtplanung und Stadtentwicklung einen nicht unerheblichen Teil des Studiums darstellt, der Meinung, dass gerade das Image der Stadt einen weichen Standortfaktor sowohl für Wirtschaft, Wissenschaft & Institutionen als auch für die Bewohner darstellt, der nicht unterschätzt werden darf, und der definitv nicht über den Erhalt der Platten am Stadtrand und den Abriss innenstadtnaher Quartiere zu erreichen ist. Zukünftsträchtig sind die Plattenbauten nicht- da muss nicht diskutiert werden. Städte, die sich gegen die Platte entschieden haben und von außen nach innen schrumpfen, zeugen davon (Leipzig, Dresden, Rostock,... genießen definitiv ein besseres Image als Chemnitz, Halle oder Hoyerswerda). Berlin als Argument für den Erhalt der Platten zu nennen, erscheint mir hier ebenso fehl am Platz, ist die demographische Lage in der Hauptstadt eine andere und die Bauaktivität eine wesentlich Höhere, ohne dass die Plattenbauviertel angetastet werden müssen- sprich: es kann trotz vieler Neubauten gut vermarktet werden. Das mag zwar auch der Fall in Chemnitz sein, allerdings sprechen die Altersdurchschnitte der Plattenbaugebiete Bände. Zukunft sehe ich bei einem durchschnittlichen Alter von 55 Jahren und einer kaum vorhandenen Geburtenrate definitv keine- im Gegensatz zum Sonnenberg.


    Auch das Argument des Energieverbrauchs, das dir offenbar unheimlich wichtig ist, sollte man differenziert betrachten. Was nützt eine energiesparende Wohnung 10 km vom Zentrum entfernt, wenn dann doch jeder Opi seine Omi ins eigene Auto schnallt, um in die Innenstadt zu fahren? Auch das: definitiv nicht Zukunftsfähig, gilt das Postulat des eigenen Autos im urbanen Raum doch mittlerweile schon als überholt! Die Platten am Rosenhof oder auf dem Sonnenberg sind davon auszunehmen - befinden diese sich noch in innenstädtischer Nähe, wodurch sie auch in Zukunft infrastrukturell gut eingebunden werden können.


    Und noch eine Anmerkung: die ideologische Brille trägst wohl eher du :cool:


    Grüße,
    arnold

  • Mein lieber Klarenbach, die Welt dreht sich weiter. In meiner Generation (33) und bei den jüngeren wird die Wohnungssuche Plattenbauten außen vor lassen. Das ist eine Generation die im Job sehr gefordert ist und hohe Wochenarbeitszeiten hat, ggf. auch nur wenige Jahre in einer Stadt lebt. Die wollen es schön haben. Die werden ihr zuhause in den sanierten Gründerzeitvierteln suchen. Keiner, der auf sich hält, wird sich das Image von Hutholz oder Yorkgebiet anhaften, wenn er in einer toll sanierten Altbauwohnung leben kann. Die werden jetzt immer mehr saniert. Die Hausverwaltungen der Bauträger sind sehr pfiffig und motiviert, diese Wohnungen zu vermieten. Da haben Plattenbauwohnungen mit buche-Laminat und Aufputzleitungen, wie sie die GGG anbietet keine Chance. Zu mal diese Häuser mit ihren neuen vorgesetzten Kunstofffassaden mit den Jahren immer altmodischer aussehen werden, wo hingegen ein Gründerzeithaus seine optische Qualität immer behält und auch in Zukunft noch Mietinteressenten begeistern kann.

  • Noch ein par Bemerkungen zu den Argumenten von arnold und rotwang.


    Erstens: Sind Städte, die über grosse Altbaubestände verfügen, wirtschaftlich erfolgreicher als Städte, die durch Plattenbauten geprägt sind? Für diese These gibt es meines Erachtens keine Belege. Wenn dem so wäre, dann müssten Städte mit viel historischer Bausubstanz, wie Görlitz, Zittau oder Altenburg, jedenfalls boomen, während Städte mit vielen Plattenbauten, wie Jena oder Rostock, in der Krise stecken müssten. Die Realität sieht anders aus. Eine internationale Betrachtung zeigt noch deutlicher, wie zweifelhaft diese These ist. Singapur zum Beispiel hat einen massiven Flächenabriss von Altbauten betrieben, mittlerweile besteht fast die gesamte Stadt aus Grosssiedlungen, gegen die das Heckertgebiet noch niedlich wirkt. Dennoch verzeichnet die Stadt einen anhaltenden Wirtschaftsboom. Ich denke daher, dass es keinen Zusammenhang zwischen der historischen Bausubstanz und dem wirtschaftlichen Erfolg einer Stadt gibt. Übrigens: Halle und Chemnitz haben viel mehr Plattenbauten abgerissen als Rostock, daher ist die Aussage, dass Halle und Chemnitz auf den Plattenbau gesetzt hätten, während Rostock auf den Altbau gesetzt hätte, falsch.


    Zweitens: Führen Grosssiedlungen zu einer Zunahme des Autoverkehrs? Auch diesen Zusammenhang sehe ich nicht. Das Heckertgebiet ist ja keine Wüste ohne Infrastruktur, hier gibt es Ärztehäuser, Einkaufsmöglichkeiten, Schulen, Kindergärten, eine Schwimmhalle etc. etc. Der Opi aus dem Heckertgebiet muss also nicht ständig mit dem Auto in die Innenstadt fahren. Und wenn er dann wirklich mal in die Innenstadt will, dann gibt es gute Strassenbahnverbindungen, die ihn binnen 15 Minuten in die Innenstadt bringen.


    Zuletzt noch zu den Wohnwünschen der Dreissigjährigen: Ich kenne keine Studie, die belegt, dass Leute um die Dreissig nicht in Plattenbauten ziehen, ich kenne nur Beispiele, die diese These widerlegen. In Jena etwa hatte man lange Zeit angenommen, dass junge Leute nicht in den Plattenbau ziehen wollen, daher hatte man auch in Jena von 2002 bis 2005 rund 900 Plattenbauwohnungen abgerissen. Heute zeigt sich: Junge Leute ziehen sehr wohl in Plattenbauten. Selbst Studenten aus den alten Bundesländern haben keine Hemmungen, in die Plattenbauten zu ziehen. Mittlerweile werden die Abrisse bitter bereut. Ähnliche Erfahrungen gibt es in Berlin, Potsdam, Greifswald und Halle. Und auch in Chemnitz lohnt sich ein Blick, wer so alles in Hutholz Süd wohnt. Das sind oft Leute um die 30.


    Ich denke also, dass die Realität viel differenzierter ist, als manche Klischees nahelegen. Das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass jetzt alle Plattenbauten zukunftsfähig und alle Altbauten unattraktiv wären. Man muss nur jeden Fall differenziert betrachten. Und da kann es durchaus sein, dass Plattenbauten in unattraktiven Lagen, wie z.B. an der Leipziger Strasse, keine Mieter mehr finden, während ruhig gelegene Plattenbauten mit Fernsicht, wie in Hutholz Süd, gut vermietet sind. Genau so ist es mit den Altbauten. Ideologische Gefechte Altbau gegen Plattenbau sind daher völlig kontraproduktiv.

  • Meine These beruht nicht auf Klischees sondern auf jahrelange persönliche Erfahrung ob beruflich oder im Rahmen meines Engagements. Die von Dir beschriebenen Stadtmodelle hatten schon nach 45 in Deutschland keine Chance. Zumindest im freien Teil. Grund: Die Leute wollten das nicht. Pläne dafür gab es. Für mich ist hier jetzt aber Schluss. Ich werde nicht mehr auf eine Argumentation eingehen, die sagt ersetzt aus wirtschaftlichen Gründen Altbau durch Plattenbau.
    Eigentlich ist das was Du schreibst ziemlich traurig. Leider haben aber viele Verantwortliche in der Stadt Chemnitz ob in der Politik oder bei den Wohnungsgesellschaften genau diese Sicht der Dinge. Glücklicherweise gehen die aber bald in den Ruhestand.

  • .... zufällig gehöre ich und viele Bekannte und Kollegen von mir zum Kreis der 30jährigen. Nicht einer hat in den vergangen Jahren eine Platte gesucht bzw. bezogen hat. Ausnahmslos wohnen diese jungen Menschen in zentrumsnahen Gründerbauten!!!

  • Argumentationstiefe

    Meiner Meinung nach hatten wir hier schon einmal eine tiefgründigere Debatte zu diesem Thema als in der in den letzten Beiträgen vorliegenden Form und es hilft auch überhaupt nichts, die Augen vor unbequemen aber argumentativ unterfütterten Beiträgen wie denen von Klarenbach mit dem Hinweis auf eigene Erfahrungen zu verschließen (@rotwang). Eigene Erfahrungen bilden nunmal immer nur eine Teilmenge der möglichen Meinungen/Ansichten/Erfahrungen ab.


    Über Geschmack und ästhetisches Empfinden lässt sich immer -und ergebnislos- diskutieren und wir haben auch schon umfangreiche Argumente für und wider Plattenbau- und Gründerzeitviertel besprochen. Insofern lässt sich darauf basierend auch mitnichten urteilen, die Plattenbaugebiete hätten keinerlei Zukunft ( arnold ). Hier sehe ich das Argument der demographiebedingten "Lösung" des Problems wesentlich zugkräftiger, wenngleich nicht absolut überzeugend. Die aktuellen Leerstandszahlen sprechen in Chemnitz eine andere Sprache, die Stadtteilmigration in Städten wie Dresden und Jena weisen gleichfalls in andere Richtungen, wenngleich sich dort natrl. der Wohnungsmarkt auch prinzipiell anders darstellt. Der wachsende Anteil von jungen Studenten in Plattenbaugebieten wie Gorbitz oder Lobeda verweist aber zumindest die Absolutheit der Ablehnung ins Reich der Fabeln. Ich möchte an der Stelle noch hinzufügen, dass die rückgebauten Plattenbauten auf dem innenstadtnahen, unteren Sonnenberg (SWG, GGG) ebenso stark nachgefragt sind, wie rückgebaute Pilotprojekte wie jenes an der "Grünen Galerie" mitten in Halle-Neustadt. Die Kräutersiedlung in DD-Gorbitz muss man nicht mehr erwähnen. Mit die höchsten Mieten erzielt man in Halle übrigens mit (allerdings eben nicht in den Plattenbaugebieten angesiedelten) topsanierten, innerstädtischen Plattenbauten. Maisonetten, clevere Balkon- und Dachterassenlösungen, sinnvoll geschnittene Wohnungen - also eine pauschale absolute Ablehnungen der Platte kann genauso wenig richtig sein wie der Abriss von (vermeintlich) hoffnungslosen, ruinösen Altbauten, für die es (privat) vielleicht doch Erhaltungslösungen geben kann.

  • Wie so oft geht in Klarenbachs Ausführungen das Thema des Städtebaus vollkommen unter. Es geht nicht nur darum günstige und Rendite produzierende Wohnbunker zu schaffen und zu erhalten. Dieser radikal ökonomischen Denkweise haben wir die Gesichtlosigkeit etlicher Stadtquartiere zu verdanken.

  • Untermieter : Du wirst mir hoffentlich nachsehen, dass für mich "Argumente" à la "Jena ist wirtschaftlicher erfolgreicher als Altenburg, weil es in Jena mehr Plattenbauten gibt" keine Grundlage einer Diskussion sind...


    P.S.: Es wäre wünschenswert, wenn ein Moderator die letzten Beiträge aus dem Projektthread verschieben könnte.