Rund um die Parochialkirche

  • Naja, vielleicht ist es spießig, das ist ja Geschmacksache. Nur haben eben auch Spießer einen Daseinsanspruch. Andere finden bunt zusammengewürfelte Eurostandardkistennutzgärten ansprechend, wieder andere weiße Kieselhalden mit Grabbepflanzung.


    Und vermutlich könnte die Idee der Feder eines ein 10-jährigen Kindes entspringen. Eingedenk der lustlosen Freiraumgestaltung unserer Tage, trifft das aber eigentlich auf so ziemlich jede Fläche zu. Mir ist in letzter Zeit zumindest keine Garten,- oder Parkgestaltung bekannt, die flächendeckend Entzückung ausgelöst hätte.

  • ^^ Büsche gehen nicht, Bäume gehen nicht, Wege gehen nicht, Brunnen sind spießig. Wenn das alles so schlimm ist, dass du dich hier darüber wieder und wieder auslässt, dann muss es aber doch möglich sein, auf Bens Frage zu antworten. Wie also muss ein Garten sein, damit er dein Gütesiegel der Zier verdient? (Ich bin übrigens sicher, dass die Vorstellung vieler 10-Jähriger von einem schönen Garten wesentlich legitimer erscheint, als die Ideen so mancher crazy-ambitionierter, verkopfter Gartendesigner...)

  • Das Gebäude hat viele architektonische Schwächen, aber den Ziergarten finde auch ich durchaus gelungen und angesichts der Tatsache, dass es davon nicht viele gibt in Berlin, freue ich mich daüber. Ich kann auch nicht bestätigen, dass er billig oder baumarktmäßig wirken würde. Man sollte auch berücksichtigen, dass sich dieser Hof genau gegenüber der Parochialkirche befindet, nur von einem schmalen Gehweg von ihr getrennt, neben dem Kirchhof und in einem von Zäunen geschützten Bereich. Was an einer verkehrsreichen Straße oder in Nachbarschaft zu modernen Bauten vermutlich kitschig wirken würde, wirkt hier, fand ich zumindest, durchaus lauschig.

  • Die Fassadengestaltung ist leider vollkommen unbeholfen. Die beiden als rustizierter Sockel zusammengefassten Geschosse harmonieren kein Stück.


    Die übliche Kritik an den Proportionen ... ja, ein Sockelgeschoss mit 2,40 Meter Deckenhöhe sieht besser aus als ein Sockelgeschoss mit 2,00 Metern Deckenhöhe. Niemand bezweifelt das!


    Leider vergessen die Kritiker immer wieder, daß stimmige Proportionen auch eine Frage des Geldes sind. Um eine stimmige Proportion zu erhalten, müsste das Sockelgeschoss mit einer überhohen Decke ausgestattet werden. Das kann aber niemend bezahlen, da ein überhohes Geschoss - aus wirtschaftlicher Sicht - eine Verschwendung von Fläche darstellt. Zu Zeiten des Jugendstils war das einfacher. Was die Geschosshöhen angeht, hat man damals noch nicht so effizient durchgerechnet wie heute. Heute spart man sich die "Über-Höhe" beim Sockelgeschoss, weil man die eingesparten Zentimenter bereits für's zweite Geschoss einsetzen kann. Die Folge ist, daß die Proportionen nicht mehr stimmen. Aber man kann dieses Vorgehen niemandem verübeln, weil Bauen kostet Geld. Viel Geld!

  • Lieber Architektur-Fan, alles, was du schreibst, ist nachvollziehbar. Daraus leite ich aber ab, dass sich das Muster der traditionellen Gliederung mit rustiziertem Sockel, den darüberliegenden Vollgeschossen, mit angedeutetem Attikageschoss und Dach eben nicht auf jede Baumasse übertragen lassen. Da hilft es nichts, das Ganze in die falsche Form zu pressen, und am Ende sieht's schauderhaft aus.


    Was man allerdings auch bei Altbauten findet, das ist manchmal eine Sockelzone, die nicht bündig mit einer Geschosshöhe endet, sondern ggf. mit einem Zwischensims. Durch solche tradierten Tricks lässt sich der Sockel proportional zum Ganzen weniger schmerzhaft gestalten, und man entfernt sich nicht mehr als nötig von einer klassisch-harmonischen Gliederung, an der man sich doch zu orientieren sucht.


    Na, und wenn alles nicht zusammen passt, ja dann sollte man vielleicht - von seinem Machwerk ausgehend - eine eigene, schlüssige und stilistisch freiere Architekturlösung entwickeln.

  • Ästhetisches Empfinden ist reine Gewohnheitssache

    Man hat hier immerhin versucht, das Dilemma zu lösen. Der Sockel besteht nämlich nicht mehr aus einem hohen, sondern aus zwei niedrigen Geschossen. Klar kann man jetzt einwenden, daß es keine befriedigende Lösung ist, daß der Sockel aus zwei niedrigen Geschossen besteht. Man kann aber auch sagen, daß man sich einfach an andere Proportionen gewöhnen muss. Ästhetisches Empfinden ist reine Gewohnheitssache!


    Ein Beispiel:
    Wir stören uns heute an Windkraftanlagen, weil wir glauben, daß solche Windkraftanlagen die Kultur-landschaft zerstören. Gleichzeitig glauben wir, daß alte Windmühlen, wie sie auf niederländischen Landschaftmalereien des 16 Jh. zu sehen sind, Teil der Kulturlanschaft seien.
    Die Wahrheit ist: Die Menschen im 16 Jh. haben ihre damaligen Windmühlen ebenfalls als störende Fremdkörper empfunden. Und heute empfinden wir solche alten Windmühlen als pittoresk.


    Ästethisches Empfinden ist eine Frage der Zeit. In spätestens zwei Generationen wird man falsch proportionierte Sockel als korrekt proportionierte Sockel empfinden.

  • Das Interessante ist, das Proportion in den Dingen überhaupt keine Frage des Geldes ist. Es lohnt sich in dieser Frage zu meditieren.


    Lieber Unbekannter,


    ich hatte das Glück, im Wintersemester 2018/19 Jahr der Vorlesung "Ästhetik der Landschaft" von Prof. Henne an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen beiwohnen zu dürfen.


    Es gibt Dutzende von Beispiele, wie sich die Wahrnehmung der Menschen zu Dingen, Naturräumen, Landschaften, Architektur usw. im Laufe der Zeit komplett gewandelt haben. Wenn du zu einer offenen Diskussion bereit bist, gebe ich dir gerne weitere Beispiele.


    Ästhetisches Empfinden kann sich in einem Zeitrahmen von zwei Generationen komplett verändern. Wer keine zwei Generationen warten möchte, wer diese Veränderung des ästethischen Empfindens nicht abwarten möchte, wenn also kürzere Zeiträume relevant sind, dann sind Proportionen sehr wohl eine Frage des Geldes.


  • Der Sockel best Ästhetisches Empfinden ist reine Gewohnheitssache!
    ...
    In spätestens zwei Generationen wird man falsch proportionierte Sockel als korrekt proportionierte Sockel empfinden.


    Nein, das glaube ich nicht.
    Es gibt ja zum Beispiel den "Goldenen Schnitt", der als optimal empfunden wird.
    Auch bei Autos / Oldtimern empfindet man die damals als falsch empfundenen Proportionen auch heute noch als daneben.
    Nur eben liebenswert daneben! ;)
    Die Veränderungen des Geschmacks wirken nur marginal.

  • Ästhetisches Empfinden ist reine Gewohnheitssache!


    Das ist ein radikaler Relativismus, demzufolge hier im Forum eigentlich nur noch ein Argument Geltung hätte: "Wart' mal ein paar Jahre, dann magst Du es auch!" Dagegen spricht: Der Städtebau der 60er und 70er-Jahre war seinerzeit anerkannt – heute empfinden ihn die meisten als scheußlich. Eine Gewohnheit ist nicht eingetreten, eher eine Entwöhnung.


    So einfach ist es also nicht. Gerade, wenn man historische Bauformen anschaut, sind Proportionen und Material extrem wichtig für die Wirkung. Hier wird der Barock zitiert, aber wegen der verfehlten Geschossaufteilung, der Styropor-Anmutung der Fassade und der Löcher in der Dachlandschaft (weniger wegen des Mangels an Stuck) geht die Sache nach hinten los. Man kann lange diskutieren, ob es so etwas wie "Schönheit des Objekts" gibt und wie weit die kulturelle Prägung reicht – dass alles schön ist, wenn man nur lange genug draufschaut, halte ich aber für falsch.


    (Klarstellung: Ich mache mir hier Argumente zueigen, die meist von "Historisten" kommen. Ich bin kein Historist, aber ich schätze historische Architektur. Gerade deshalb kann ich mit der Verballhornung historischer Vorbilder aus dem Hause Patzschke wenig anfangen. Eine weiterführende Debatte zum Thema Schönheit in der Architektur gab es Ende letzten Jahres auf dieser Seite zwischen Der Schüler und mir.)

  • Ist es nicht ziemlich paradox, zu behaupten, dass die Schönheit eines Gebäudes objektiv festzustellen sei, wenn man ein Gegenüber hat, dass genau dies abstreitet? Allein dass es Leute gibt, die die Gebäude, die hier viele als "falsch proportioniert" bezeichnen, als schön und ästhetisch empfinden, zeigt doch, dass man Schönheit nicht allein mit ein paar imaginären Schnörkellinien festlegen kann.