Siedlungsstruktur und Ressourcenverbrauch

  • Siedlungsstruktur und Ressourcenverbrauch

    Wo kommt denn die Forderung "viele Leute auf wenig Raum" in Zeiten von schrumpfenden Städten her?
    Heutzutage will jedenfalls niemand solche Wohnungen mieten oder kaufen.
    Man muß doch den Anspruch an einen Grundriss in den gegenwärtigen Bedürfnissen verankern, und höchstens in puncto Energiehaushalt und Flexibilität zukunftssicher Planen.


    Und weiter: Ein guter Grundriss hat grundsätzlich wenig Flurflächen; zugunsten der Aufenthaltsräume. Aber natürlich wird der Flur beheizt ;)

  • in Zeiten von schrumpfenden Städten


    ????? Zeit jedenfalls wachsender Zersiedlung ..... und offenbar gewachsener Ansprüche. Wie auch immer: Die Lösung des Problems, auf möglichst geringem Raum zu bauen, ist anspruchsvoller als der Bau von Wright- oder Mies-Villen. Und sie erhält oder schafft Grünflächen - und das ist ähnlich wie Energiesparen sehr wünschenswert (finde ich;)).

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    Ob ich einen platzoptimierten Grundriss oder die Luxusvariante entwickeln muß, ist gleich schwer. Heutzutage ist bei jedem Mehrfamilienhaus jeder Quadratzentimeter optimiert - allerdings mit Fokus auf die Vermarktbarkeit.
    Ansonsten gebe ich dir Recht - Statt schärferer Dämmvorschriften einfach mal Einfamilienhäuser verbieten. Und die Menschen sollten in Städten wohnen, das spart mal richtig Energie!


    Zu den Schrumpfungsprozessen:
    http://www.shrinkingcities.com/
    http://www.schrumpfendestaedte.de/print.0.html

  • Heutzutage ist bei jedem Mehrfamilienhaus jeder Quadratzentimeter optimiert - allerdings mit Fokus auf die Vermarktbarkeit.

    Ja, z. B. mit Bezug auf studentische Luxuswünsche - siehe oben. :nono:


    Danke für die Links! Das gehört nun nicht mehr direkt zum Thema. Aber ohne mir jetzt das Buch anschaffen zu wollen: Heißt das Schrumpfen von Städten zugleich, dass Grünflächen wieder 'freigegeben' werden? Wie ist das zu bewerten? Nachdem immer vom Wachsen der Metropolen die Rede war, wundere ich mich darüber. Wäre vielleicht einen eigenen Thread wert.
    Ja, Verbot von Einfamilienhäusern, das wünsche ich mir auch. Ausgerechnet 'Ökos' zieht es oft aufs Land.

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    Einfamilienhäuser haben nur Außenwände, während Reihenhäuser und Etagenwohnungen einige Wände und Decken mit den Nachbarn teilen. Bei ähnlicher Qualität der Wärmedämmung müssen EFHs zwangsläufig energetisch am wenigsten effizient sein. Ebenso wenig effizient wird die Ressouce Land genutzt, auch die Ressourcen der städtischen Infrastruktur, was jedoch (wie kunnukun richtig anregt) in einen anderen Thread gehört.

    2 Mal editiert, zuletzt von archiT () aus folgendem Grund: im neuen Strang wurde Wärmedämmung+Denkmalschutz plötzlich OffTopic

  • 3) Landbedarf: Zumindest in Deutschland (Auf deutsches Hoheitsgebiet werde ich mich an dieser Stelle mal beschränken, damit es nicht ausartet.) findet kein Bevölkerungswachstum mehr statt. Die Grundlage der Betrachtung ist somit konstant.


    Das man zwischen verschiedenen Ebenen unterscheiden muß ist aber schon klar? Daß manche Gegenden - teilweise massiv - Einwohner verlieren während andere - teilweise massiv - Einwohner hinzugewinnen?


    Grundfläche des EFH willkürlich mit 80 m². => 30 Mio. x 80 m² = 2,4 * 10^9 m².


    Das durchschnittliche EFH in Deutschland ist deutlich größer als 80 m².


    2006 lag die Durchschnittswohnfläche pro Haushalt im Westen (2,14 Personen) bei 94,2 m², pro Haushalt im Osten (1,99 Personen) bei 76,7 m² - das inkludiert jede Wohnform. Die Gesamtwohnfläche in Deutschland lag zu diesem Zeitpunkt bei rund 353.000 km² (3,53 Milliarden m²), also 50% über deiner Schätzung. Hauptsächlich weil: 2,4 Personen/Haushalt? Seit den 80ern nicht mehr.

  • Wenn wir die Wohnfläche anstelle der Einwohner betrachten schrumpfen wir nicht, sondern wachsen weiter. Es gibt Schätzungen, die den Umschlagpunkt auf "echtes" Schrumpfen (nämlich der Wohnfläche) irgendwo um 2020 bis 2025 sehen.


    Allerdings ist bezüglich des Themas Wärmedämmung das ganze eh wurscht. Praktisch alle neuen RH, EFH oder DHH werden allein schon aus Subventionierungsgründen nach Wärmedämmungsstandards gebaut (sogar KfW100), gegen die alle Altbauten reine Energieschleudern sind.

  • Der Mehrverbrauch an Ressourcen durch EFH`s umfasst keine Größenordnung und ist somit irrelevant.


    Man kann natürlich ein EFH (mit mehr Aufwand als für ein MFH, klar) als Passivhaus errichten, aber mehr EFH bedeuten mehr Flächenverbrauch, mehr Erschliessungsmaßnahmen, mehr Individualverkehr.


    Das alles muss in eine ordentliche Energiebilanz berücksichtigt werden, und ist dann natürlich relevant. Ein Passivhaus in der "Peripherie" ist m.M. eine widersinnige, kurzsichtige Bauart.


  • Allerdings ist bezüglich des Themas Wärmedämmung das ganze eh wurscht. Praktisch alle neuen RH, EFH oder DHH werden allein schon aus Subventionierungsgründen nach Wärmedämmungsstandards gebaut (sogar KfW100), gegen die alle Altbauten reine Energieschleudern sind.


    KfW100 ist ja keine Leistung, bedeutet einen Verbrauch von 70 kWh/m2 und ist "Das schlechteste, was man heute noch bauen darf" (Zitat mein Bauphysik-Professor), das kann eigentlich kein Wohnungsbauunternehmer mehr anbieten. KfW40 bedeutet 30 kWh/m2. Warum die das etwas undurchsichtig umgestellt haben, weiß ich nicht.


    Ich behaupte, daß kompakt gebaute Mehrfamilienhaus-Altbauten überhaupt kein Problem haben, 70 kWh/m2 zu erreichen.

  • Ich behaupte, daß kompakt gebaute Mehrfamilienhaus-Altbauten überhaupt kein Problem haben, 70 kWh/m2 zu erreichen.


    Die meisten unsanierten Altbauten bewegen sich aber mehr im Bereich von 150 bis 250 kWh/m², Durchschnitt irgendwo um die 220. Zumindest wenn wir von Altbauten im Sinne dieses Threads reden (Denkmalschutz), also hauptsächlich das was vor Bauhaus kam.
    Alles was nach vor 1995 gebaut wurde durfte übrigens auch noch bis zu 150 kWh/m² Wärme rauspumpen, vor 1984 unbegrenzt. Der Bestand liegt drüber.


    Einen Altbau auf KfW100 zu bringen ist durchaus eine Leistung. Das kostet einiges.

  • Ich würde jedenfalls niemanden zwingen in einem Mehrfamilienhaus im Stadtzentrum zu wohnen, wenn er lieber in einem Einfamilienhaus am Stadtrand wohnen möchte.


    Zwingen kann man gegenwärtig niemanden. Aber für einen für ehische Überlegungen offenen Architekten sollte es meines Erachtens die interessantere Herausforderung sein, EFH zu vermeiden, ganz einfach unabhängig vom Energieverbrauch des Hauses, weil:

    Man kann natürlich ein EFH (mit mehr Aufwand als für ein MFH, klar) als Passivhaus errichten, aber mehr EFH bedeuten mehr Flächenverbrauch, mehr Erschliessungsmaßnahmen, mehr Individualverkehr.


    Der Vorteil des Zeilenbaus, auf Dauer Grünflächen zwischen den Zeilen zu gewährleisten, ist nicht zu übersehen. Und er wiegt mindestens so viel wie Wärmedämmung.

  • Siedlungsstruktur und Ressourcenverbrauch

    In den letzten Tagen gab es im dafür nicht geeigneten Strang eine heftige Diskussion zum Thema wie darüber. Nach der Durchsicht aller Themen im Unterforum konnte ich keinen wirklich passenden Thread finden, daher lege ich diesen an. Ich möchte bitten, hier keine Fantasiezahlen aus dem Kopf, sondern nur anerkannte Forschungsergebnisse der Urbanistik zu zitieren.


    In Deutschland betrug in den Jahren 1997 bis 2000 der Flächenverbrauch für Siedlungen und Verkehr 130 Hektar täglich, 2009 sank er wegen der Wirtschaftskrise auf 78 Hektar täglich. Die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, ihn bis 2020 auf 30 Hektar täglich zu senken. Im Jahr 2009 war der Bau der Einfamilienhäuser mit 14 Hektar täglich der 'größte Flächenfresser' des Wohnungsbaus, der insgesamt 20 Hektar täglich beanspruchte. Der Geschosswohnungsbau verbrauchte 2009 nur 1,6 Hektar täglich.


    In Berlin werden für Siedlungs- und Verkehrsfläche unter 200m² pro Einwohner benötigt, während es in Mecklenburg-Vorpommern über 1000m² sind (1993 waren es dort noch ca. 750m²).


    Quelle: www.umweltbundesamt.de: Zunahme der Siedlungs- und Verkehrsflächen vom Jahr 1993 bis zum Jahr 2009


    In Österreich benötigte man in den Jahren 2007 bis 2010 20 Hektar zusätzlicher Fläche täglich. Das Ziel der Regierung ist eine Reduktion auf 2,5 Hektar täglich. Wie in Deutschland wird der Bau der Einfamilienhäuser als Hauptursache der Zersiedlung angesehen. Auf den drei Hektar, die täglich durch Umnutzung der frei gewordenen Industrieflächen wiedergewonnen werden, kann man 30 frei stehende Einfamilienhäuser, 60 bis 120 Reihenhäuser oder 300 bis 750 Geschoßwohnungen bauen.


    Nach den Angaben des Umweltbundesamtes liegt der Energiebedarf der Geschoßwohnungen pro m² Wohnfläche 50% unter dem in frei stehenden Einfamilienhäusern, in Reihenhäusern 35% unter dem der Einfamilienhäuser.


    Quelle: www.umweltbundesamt.at: Raumentwicklung - Planen für Generationen


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    Mod: 16 Beiträge aus dem Thread "Wärmedämmung contra Denkmalschutz" hierher verschoben.

  • Außerdem kann ein Architekt oder auch ein Bauunternehmer nur eine Nachfrage befriedigen und nicht einfach so nach seinen Wunschvorstellungen planen. Er dient dem Kunden.


    Da ist eher die Frage auf welcher Ebene wir diskutieren. Kleinteilig, beim Einzelobjekt; in der Raumplanung, auf Kommunal- oder ähnlicher Ebene; oder in der weiträumigen Entwicklungsplanung?


    In Berlin werden für Siedlungs- und Verkehrsfläche unter 200m² pro Einwohner benötigt, während es in Mecklenburg-Vorpommern über 1000m² sind (1993 waren es dort noch ca. 750m²).


    Wobei beide Länder im Bundesvergleich unter Ländern ja wohl als Extreme eher außer Konkurrenz laufen, und nicht im Geringsten miteinander vergleichbar sind...


    Und wenn schon dann richtige Zahlen. München 174,4 m²/Ew, Berlin 180,8 m²/Ew, Frankfurt 212,9 m²/Ew, Köln 247,3 m²/Ew, Hamburg 252,2 m²/Ew... und meinetwegen Rostock mit 351,7 m²/Ew.
    Quelle: Genesis Online. Datenbasis 31.12.2009.


    Übrigens erreicht MV nur deswegen über 1000 m²/Ew (1088,8 m²/Ew), weil man die ursprünglich mal genausoviel Erholungsfläche* pro Einwohner wie in Berlin (bis Mitte der 90er) mittlerweile verfünffacht hat.
    Okay, auch ohne diesen Ausbau man immer noch bei 964....


    *Grünanlagen und ähnliches. Ja, die zählen in die Siedlungsfläche.

  • Es wird oft vergessen, dass dabei i.d.R. keinesfalls Natur pur "verbraucht" wird. Denn das sind die verwendeten landwirtschaftlichen Nutzflächen längst nicht mehr.


    Richtig. Ich würde auch nie von 'Natur' reden (wurde das denn hier getan?), sondern eher von Flächen, die Flora und Fauna mehr zu bieten haben als Parkplatz, Dach oder Kirschlorbeer- und Bodendeckerwüsten.

    Außerdem kann ein Architekt oder auch ein Bauunternehmer nur eine Nachfrage befriedigen und nicht einfach so nach seinen Wunschvorstellungen planen. Er dient dem Kunden.


    Klar. Aber einer ethischen Diskussion brauchen sich Architekten oder Stadtplaner nicht zu verschließen - umso weniger, als großspuriger Lifestyle Kult zu sein scheint. Etwa: Öko - gerne! Aber nicht, wenn dafür auch nur eine Dekolampe weniger leuchten oder ich bei winterlichen Temperaturen im Haus einen Pullover anziehen müsste.