Dimension des Stadtschlosswiederaufbaus

  • Ich finde, die Diskussion zu dem Thema der Rekonstruktion absolutistischer Herrschaftssymbole läuft hier im Forum sehr sachlich und gesittet ab, wo es sich doch um ein sehr aufgeladenes Thema handelt, welches gerade heute (merkwürdiger Weise) sehr hochgekocht wird. Das freut mich!


    Die Kritiker hier fordern eine Kontextualisierung aber keine Löschung und können mit der Rekonstruktion historischer Herrschaftssymbolik als kunstgeschichtlichem Relikt offenbar leben. Die andere Seite hält eine ausgiebige Kontextualisierung, die ständig eine konformistische Position klarstellt, für überflüssig, lässt aber keinerlei Sympathie für die Wiederherstellung alternativer Herrschaftsformen erkennen.

    Es besteht also zum Glück ein stabiler Grundkonsens.


    Inhaltlich finde ich persönlich ein Bekenntnis zu Jesus Christus, wie es an der Kuppel steht und auch mit dem Kreuz angezeigt wird, wesentlich unverfänglicher als Huldigungen absolutistischer Herrscher. Bei einer Rekonstruktion eines monarchistischen Regierungssitzes ist selbstredend beides dabei und ein sich darüber verwundert zeigen, ist entweder naiv oder unecht.

  • Die Darstellungen finde ich heute unproblematisch aber der historische Kontext erklärt sich nicht von selbst, insbesondere im Zusammenhang mit den anderen Relikten aus verschiedenen Epochen.

    Da ist ja zwischen Schlossbrücke und MEF viel versammelt und das Einheitsdenkmal kommt bald noch hinzu.

    Das sollte m.M.n. ausführlich beschreiben werden und das weniger um etwas aus heutiger Sicht zu interpretieren, sondern um die vielfältigen Zusammenhänge zu erläutern.


    Vor allem gibt es zwei Zeitschichten, die sichtbar sind: Preußen und die DDR, was dazwischen war und ersteres beendet hat und das Zweite ermöglicht hat, also die Weimarer Republik und das Dritte Reich, sind dort weitestgehend unsichtbar aber dennoch unauflöslich damit verbunden und brauchen eine angemessene Präsentation.

  • Weimarer Republik und Drittes Reich sollen eine neue Repräsentation zwischen Schlossbrücke und MEF finden?


    Wie sollte das Aussehen und warum wäre das nötig? Die Spuren findet man doch an anderen Stellen in Berlin und geschichtlich aufgearbeitet natürlich im Deutschen Historischen Museum.

  • ^^Also die Zeitschicht des Dritten Reichs ist für mich durchaus in den nicht (mehr) vorhandenen Gebäuden, als Resultat des Weltkriegs, ablesbar. Vielen bleibt das sehr schmerzlich bewusst. Abseits der voids, ist der Erweiterungsbau der Reichsbank ja in Sichtweite. Aber vielleicht hast Du ja auch was anderes gemeint? In dem Sinne, dass das Schloss als Residenz ja 1918 schon ausgedient hatte und neue Nutzer fand, bevor es zerstört wurde. Und es findet sich kein Hinweis darauf, nur PdR vs Reko, so dass das Zeitkontinuum nicht erkennbar ist?

  • Nun, ja... die geschichtlich Interessierten werden das vielleicht wissen, aber das ist so ähnlich wie mit der "Mehrheit der Bevölkerung " die die Reko der Bauakademie befürwortet, obwohl ziemlich sicher die Mehrheit die Bauakademie gar nicht kennt...


    Und absolut sicher braucht das Dritte Reich keine "Repräsentation", aber hier stehen Marx und Engels ggü. von Herrschaftssymbolen preußischer Könige und Kaiser, da könnte es wenigstens ein paar Erklärtafeln geben, so wie es sie z.B. im Verlauf der ehemaligen Mauer auch gibt.

  • Ich spreche ja von 'vielen' nicht der 'Mehrheit'. Persönlich würde ich eine Auskommentierung der Stadt eher ablehnen. Die Uninteressierten erreicht man damit nicht. Und vielleicht sollten wir einfach etwas gelassener mit 'schwieriger Symbolik' umgehen, so wie das andere auch tun: Wenn man sich die Denkmäler rund um den Palace of Westminster mal anschaut, gibt es da genug historische Kontrapunkte, man begegnet z.B. Jan Smuts UND Nelson Mandela. Mit Oliver Cromwell und James I sogar Opfer und Täter. Insofern halte ich eine Erklärtafel zu Marx und Engels, Kuppelkreuz etc. für entbehrlich.

  • Von England lernen heißt Gelassenheit lernen ... oder so ähnlich. ;)
    Bei Erklärungs-Tafeln besteht immer das Risiko, dass die Pointierung über das Ziel hinaus schießt.

  • Ich finde im Allgemeinen ist Kontext total wichtig. Mir fehlt das auch immer im Museum. In welchem Kontext stand die Figur, das Gemälde. Wie muss ich mir die Zeit, Musik, das Leben etc. vorstellen, damit ich die Wichtigkeit des Werks für den Zeitraum verstehen kann.


    In einer Stadt leben wir natürlich nicht in einem Museum, irgendwelche verkopften Schilder würde nur das Gesamtbild beinträchtigen. Aber: Ich wünsche mir tatsächlich mehr Kontext generell, bei all diesen geschichtsträchtigen Gebäuden die so eine unvergleichliche Historie haben. Mein Vorschlag wäre dafür Augmented Reality zu verwenden. Das würde das Stadtbild in Ruhe lassen aber gleichzeitig viel mehr Information/Hintergründe zu Gebäuden, Kunstwerken, etc. geben.

  • Ich finde im Allgemeinen ist Kontext total wichtig. Mir fehlt das auch immer im Museum. In welchem Kontext stand die Figur, das Gemälde. Wie muss ich mir die Zeit, Musik, das Leben etc. vorstellen, damit ich die Wichtigkeit des Werks für den Zeitraum verstehen kann.

    Hä..? Aber genau das bietet ein Museum doch. Man muss sich halt etwas Mühe machen und etwas dazu lesen oder dem Audioguide zuhören.


    Und Hinweistafeln sind verkopft? Generell oder nur bei bestimmten Inhalten? Wie meinst du das?


    Der Vorschlag bzgl. Augmented Reality ist interessant. Ich würde es aber andersherum aufziehen. Nicht die wichtige Kontextualisierung in eine mehr oder weniger zugängliche Augmente-Reality-App verdrängen, sondern die geschichtlich interessante aber völlig unzeitgemäße Herrschaftssymbolik über Augmented Reality darstellen. Nicht nur das, man könnte die unterschiedlichen Entwicklungsstadien des Schlosses erlebbar machen.

  • Die Anbringung von Reliefs war mit der Freistellung der Fassade und der Gegenüberstellung eines Nationaldenkmals eine f.m. durchaus nachvollziehbare gestalterische Konsequenz.


    Portal 3 wurde schon durch die Zentrierung in der Fassade, die Kuppel und den Triumphbogen und erst recht mit dem Wegfall der bebauten Schlossfreiheit als Hauptfront begriffen


    Hier hätten die Leerfelder als Rahmen ohne Inhalte m.A n einen merkwürdig unfertigen, und unterentwickelten Eindruck hinterlassen.


    Ich finds daher ganz gut dass Bildwerke diese wieder füllen und nebenbei etwas zu den entscheidenden Momenten des Ortes von Gründung und Gestalt der einstigen Residenz an dieser Stelle mitteilen.

    Ich halte aber auch die Rekonstruktion der wilhelminischen Bronzeplatten eher für ein nice to have - das für mich auch durchaus auch in anderer Form funktioniert hätte.

    Die Darstellung muss sowieso durch die Komplexe Motivik bei relat. hoher Anbringung ebenerdig erläutert werden - obendrein verschluckt die dunkle Bronze zu gewissen Teilen sicher die Motive was die Lesbarkeit der Bildwerke erschwert - ganz abwegig wird’s dann mit den darüberliegenden Schrifttafeln die man wohl nur mitm Fernglas lesen kann. / hier wird’s dann f.m. wirklich eher l’art pour l‘art weil der brauchfähige Sinn hier praktisch gegen null geht.


    Ich denke an dieser Stelle hätte genauso ein durchaus kreativer Umgang mit dem Angebot der leeren Kartuschen funktioniert.


    Ein Stück weit sehe ich das sogar als eine verpasste Gelegenheit, auch dem HF eine Präsenz in der Fassade künstlerisch zuzugestehen.


    Es hätte gerade hier niemandem weh getan das Trugbild einer monarchischen Residenz aufzubrechen und

    es wäre endlich ein sichtbares - deutliches Bekenntnis der Marke HF zum Ort in Gestalt des Schlosses.

    Es ist schließlich Diese für den Ort geschaffene Institution die diese Fassaden mit Leben und Inhalt füllt. Da steht ihm auch zu, selbstbewusst als Schlossher nach außen zu treten.


    Bisher wirkt es ja fast so als tarne sich das HF mit der hübschen Fassade.
    Es tritt als Hausherr mit seinem Publikums- Angebot, seiner Funktion und seiner Widmung an keiner der Wiederhergestellten Schauseiten wirklich auf, - als ob das Forum von seiner eigenen Hülle absorbiert wäre und sich als Irritator hinter einer Fassade aus Säulen, Statuetten und Hoheitszeichen nur Übergangsweise eingerichtet hätte. - der weitgehend lieblose unspektakuläre Innenausbau würde dem ja sogar entsprechen.


    Ich baue einfach mal darauf dass sich die Institution immer noch in der Konsolidierung innerhalb ihres Schlüterkostümes befindet und sich manch zweifelhaftes Austattungs- und Präsentationsniveau eher aus der Not der Eröffnungseile und des innenbaulichen Interimes herrührt.

    Vielleicht löst sich ja dieser Knoten wenn doch noch mal Umbaumaßnahmen stattfinden sollten, oder Stellas geschaffenes konstruktives Unterpfand zu räumlichen Rekonstruktionen und hier in erster Linie die Gigantentreppe eingelöst wird.

    Die wäre mir jedenfalls näher gewesen als
    Lessings Reliefs von 1897.


    Die Reliefplatten sind nat. Affirmative Offizialkunst ihrer Zeit - ich halte sie aber in erster Linie in ihrer Motivik für eine rel. harmlose Ereignisbetrachtung deren historische Wirkung

    mit dem Vis a vis des alten Nationaldenkmales sicher eine eine wesentlich politischere war.


    Hätte man auf den Volutengiebel und die Wappenkartusche verzichtet und eine Melange aus mehreren Zuständen des Triumphbogens erwogen bei der u.a Stühlers, von Schinkel angeregte Version des Triumphbogens wieder umgesetzt worden wäre, böten sich weit mehr Kartuschen zur Unterbringung von Reliefplatten an - und die gegebenenfalls verwendeten Reliefs könnten leicht, je nach Geschick bei der Auswahl der Anderen Motive, an der hier empfundenen Brisanz verlieren.


    Man hätte ein Panorama zur Geschichte des Ortes ausrollen können das bis in die Gegenwart reicht. Vielleicht lässt sich etwas ähnliches ja ebenerdig oder alternativ auf der Ostseite umsetzen - in die Mauer dort ließe sich auf Augenhöhe so etwas bestimmt gut einlassen.
    Man hätte noch Platz für Motive wie die Flutung der Schlossbaustelle 1448, die Zerstörte Ostseite nach dem Krieg, die Sprengung 1950 und den PdR etc.


    Das böte sogar die Möglichkeit dass die Ostseite als Ort mit historischer Identität wahrgenommen wird, denn die findet sich ausgerechnet am ehemals ältesten und Architekturhistorisch sedimentreichsten Bereich gar nicht mehr.


    Über die anschaulich orientierte Diffusion mit der Geschichtlichkeit des Gesamt- Ortes Ließe sich hingegen vielleicht die doch recht abtrünnig wirkende Stellaseite besser als organischer Gebäudeteil des Komplexes -HF wahrnehmen. Bisher wirkt er in seiner Sterilität und seiner geäußerten architekt. und stil. Distanz etwas aus aus dem Himmel gefalle

  • Hä..? Aber genau das bietet ein Museum doch. Man muss sich halt etwas Mühe machen und etwas dazu lesen oder dem Audioguide zuhören...

    Der Kontext kommt in Musseen sehr oft, viel zu kurz. Man muss sich meist die Details selbst googeln oder einem langwierigen Audio Guide zuhören, der wiederum viele Details nicht nennt bzw. gar nicht kann, weil die Möglichkeit der Visualisierung fehlt.


    Hinweistafeln sind dann verkopft, wenn sie die Gestaltung stören, bzw. wenn sie nur auf den politischen diskurs aus aktueller Perspektive berichten. Mich interessiert doch beim Stadtschloss nicht nur, dass es sich hier um ein Relief von ganz bösen "Herrschern" handelt, sondern: Wer war der Künstler? Wann wurde es angebracht? Was war dort vorher? Wie sah es im Original aus zu welchem Zeitpunkt? Etc.


    Mod: Unsinniges Vollzitat gekürzt.

  • Was ich halt gut fände, wenn man als Interessierter dazu nicht in ein Museum gehen müsste, das es als Museum des Ortes dort gibt, sondern an Ort und Stelle Informationen abrufen könnte. Und das auch spontan, also ohne sich vorher damit zu beschäftigen. Dazu braucht es dann kein dutzend Tafeln, da reichen auch Infostelen oder auch kleine Tafeln, die im Boden eingelassen sind und auch digitale Hintergrundinformationen bieten können.

  • ... an dieser Stelle hätte genauso ein durchaus kreativer Umgang mit dem Angebot der leeren Kartuschen funktioniert. ... sogar als eine verpasste Gelegenheit, auch dem HF eine Präsenz in der Fassade künstlerisch zuzugestehen.

    Eine Rekonstruktion ist eine Rekonstruktion ist eine Rekonstruktion! An drei Seiten des Bauwerks!

    Ein beliebiges, besserwisserisches Modifizieren und kreatives Umgestalten an beliebigen Stellen der zu rekonstruierenden Fassaden macht aus einer respektvollen, dem verlorenen Original entsprechenden authentischen Nachbildung ein beliebig verspielten, historisierenden Mischbau. Politisch korrekt und ausdrucksvoll wären zum Beispiel statt Bronzeplatten mit den alten Texten vielleicht Marketingsprüche für das HF, statt Schlossmodell mit Friedrich I. vielleicht ein PDR-Modell mit thronendem Ulbricht, statt Preußenadler den Bundesadler, statt Bibelzitat den 1. Artikel des Grundgesetzes, statt Kuppelkreuzdie Regenbogenfahne usw., usw., überall neue kreative Ideen und dazu viele große und kleine Kontextualisierungstafeln an Wänden, in Böden, an Stelen. Dann allerdings wäre mir ein zeitgemäßer, völlig phantasieloser, schmuckloser, nichtssagender, banaler Kastenbau lieber.

  • Es gibt jetzt die zwei historischen auch vom Straßenniveau aus sehr gut lesbare Erklärtafeln.

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    Als Räson klingt das bereits recht aufgeklärt und nicht mehr nur nach l'etat - c'est moi.


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    Im Dialekt der Zeit und der Region, aber auch das erschliesst sich noch ganz gut...

  • ^ Was soll denn daran bitte "aufgeklärt" sein? Das "Zitat" der Tafel stammt aus einem Schreiben Friedrich II. an die Herzöge Wartislaw X. und Erich II. von Wolgast und bekundet die Lehnshoheit über Pommern-Stettin, auf das Friedrich - mit Rückendeckung von Kaiser Friedrich III., der mit Ungnade und Verlust der herzoglichen Freiheiten drohte - Anspruch erhob (In der Folge löste dies den Stettiner Erbfolgestreit aus). Unter dem deutsch-römischen Habsburger Friedrich III. bildete sich im Heiligen Römischen Reich überhaupt erst das "absolutistische" Konzept des vom positiven Recht entbundenen Herrschers aus, aus dem auch "L'État, c'est moi" hundert Jahre später hervorgeht.


    Mod: Überflüssiges Zitat des Vorposts gelöscht.


    https://books.google.de/books/…%2C113%2C868%2C556&edge=0^

  • P.S.: Vielleicht doch ein Argument für Kontextualisierung - und nicht das Verlassen auf "Reiseführer und das Internet" (R. Rupsch) -, wenn selbst hier bei offenkundig Interessierten der "Schlossgründer" Friedrich II. (genannt: "Eisenzahn") des 15. Jahrhunderts mit Friedrich II. (genannt: "der Große") verwechselt wird, obschon 300 Jahre zwischen diesen liegen.

  • ^Das ‘aufgeklärt” bezog sich auf ‘Sic gesturus sum principatum, ut sciam, rem populi esse, non meam privatam.’ Es steht auch hilfreich dran, dass es sich um F1 den König handelt, mit Jahreszahlen der Regentschaft, um Verwechslungen zu vermeiden. Das ist bei F2 auch der Fall, sogar in deutsch, mit Datierung 31.7.1443.

  • Allein schon die Abfolge der Friedrichs und Friedrich-Wilhelms und die offensichtliche Unübersichtlichkeit, macht deutlich wie hilfreich genau hier eine zusätzliche sachliche Erklärung wäre.


    Hinzu kommt dann noch die Bauabfolge, also Tafeln im Original aus dem 20. Jh., die Ereignisse aus dem 15. Und 18. Jahrhundert zeigen, am rekonstruierten Gebäude aus dem 21. Jh., das ursprünglich im 19. errichtet wurde...


    Natürlich darf sich auch jeder seine eigene Wahrheit aus Büchern oder dem Internet herraussuchen, aber historische Zusammenhänge lassen sich auch ohne Interpretationen gut und für alle verständlich darstellen.