Dimension des Stadtschlosswiederaufbaus

  • Praktisch sind die meisten Regierungen Afrikas korrupt bis ins Mark, so wie auch die UNO von Partikularinteressen getrieben wird. Ich verstehe nicht warum dir wichtiger ist, dass die "Büste XY aus 1382" auf dem Nachttisch eines namibischem Oligarchen landet, als dass sie der Welt in Berlin zur Verfügung steht. So entsteht immerhin ein reger Austausch zwischen einem Entwicklungsland und einer großen demokratischen Nation, die potentiell (trotz allem immer noch) jede Menge Strahlkraft entfaltet. Wir sollten Eintritt verlangen und einen Teil davon an das Museum in Namibia spenden (bzw. diesen Eintritt subventionieren). Wir sollten jährlich Kulturreisegruppen aus Namibia nach Berlin einladen.

    Deinen Beitrag durchzieht eine Mischung aus Vorurteilen und Stereotypen, die eher der Weltanschauung sogenannter "Kolonialherren" entspricht. Damit reihst du dich in die Gruppe der Kulturchauvinisten und deren Bedürfnis nach Überlegenheit ein. M.M.n. eine naive & plumpe Denkweise.

  • ... man darf dann allerdings das Augenmerk nicht nur auf die nun im Humboldtforum zu sehenden oder in den Archiven verstaubenden Alltags- Kult- oder sonstwie Objekte belassen sondern muss dann auch, und wir sind ja in einem Architekturforum, die wie auch immer hierherverbrachten Grossarchitekturen wie den Pergamonaltar oder das Ischtar Tor, einer Restitutionsüberprüfung unterziehen. Alles andere wäre völlig haltlos und nicht vertretbar.

  • Du scheinst ja bei der Bewertung als Raub einen moralischen Maßstab, keinen rechtlichen anzulegen. Auf der Ebene der Moral also, war der König von Benin Täter oder Opfer?

    1. Ein rechtlicher Maßstab ist schwierig, weil es für sowas damals keine völkerrechtlichen Regelungen gab. Natürlich spielt die Moral eine Rolle – und zwar die der Europäer, die damals alles mitnahmen, was ihnen gefiel (und zwar nicht im Namen der Menschheit, sondern in dem ihrer jeweiligen Nation).

    2. Halte mich bitte nicht für einen Deppen: Der innerafrikanische Sklavenhandel ist mir durchaus bekannt. Ich gehöre gewiss nicht zu den Leuten, die glauben, alles Schlechte sei erst durch den Kolonialismus in die Welt gekommen.


    Aber darum geht es nicht. Es geht um die Demut, die der Bundespräsident angesichts der Eröffnung des Museums gezeigt hat, um die Verachtung, mit der diese Demut hier kommentiert wurde und um die – in meinen Augen – Heuchelei, mit der einige die ganze Debatte "im Namen der Menschheit" für beendet erklären wollen.

  • ^Auch wenn es schmerzt, aber es gab eine völkerrechtliche Regelung - das Recht des Stärkeren. Das saß auch damals schon vielen quer gegen den Strich, und es waren die Erfahrungen der Kriege, die das Recht veränderten. In deiner Schlußfolgerung stimme ich dir zu und ich halte dich nicht für einen Deppen. Falls dieser Eindruck entstanden ist, entschuldige ich mich.

  • Du maßt Dir an, im Namen der Menschheit zu sprechen und behandelst die Bewohner eines ganzen Kontinents als gehörten sie nicht dazu - als seien es Kinder, die keine eigenen Entscheidungen treffen könnten.

    Quatsch. Ich stelle "Regierungen" bzw. staatliche Machtsysteme in den Fokus, nicht "Bewohner ganzer Kontinente". Außer für dich ist der freiheitliche Ausdruck/Wille der Bewohner = dem Wirken&Streben der afrikanischen Regierungen, dann haben wir tatsächlich keinen Grund mehr auf dem wir diskutieren können. Der Ansatz, die Abwägung der "Sicherheit/Zugänglichkeit d. Welt" für Kunstexponate von zivilisatorischer Bedeutung ausgerechnet auf dem Rücken der SWAPO-Partei führen zu wollen, scheint mir jedenfalls eher unglücklich.

    Ich habe mich auch nie an irgendwelchen Aktionen zur Restititutionsdebatte beteiligt, weil ich die Sache durchaus ambivalent sehe

    Die Ambivalenz habe ich übrigens nicht bestritten. Selbst eine Rückgabe habe ich in Aussicht gestellt, aber doch nicht aufgrund irgendwelcher gutmeinenden plötzlichen Sinneseinwände, die populären, zeitgeistlichen Strömungen huldigen, sondern wenn die Kriterien (zugänglichkeit der Welt, Sicherheit ect., Wahrung der Menschrechte der Regierung ect.) erfüllt werden. Kritierien zu definieren, beschreibst du aber per se als "paternalistisch". Das ist absurd. Die multilaterale Staatenwelt ist voller Bedingungen.

  • Hier gibt es ein paar Fotos von der Installation vor dem Humboldtforum:


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    Ansonsten bin ich sehr froh, dass so langsam auch eine Debatte über die Verbrechen des Kaiserreichs in Gang kommt. Das Thema wurde ja lange unter den Teppich gekehrt, und es hat über 100 Jahre gedauert, bis der Völkermord an den Herero und Nama von Deutschland überhaupt anerkannt wurde. Im Humboldtforum habe ich bisher nur die Berlin-Ausstellung besichtigt, und diese thematisiert ja auch die deutschen Kolonialverbrechen. Ich habe die Hoffnung, dass das Humboldtforum ein Ort wird, an dem diese Themen diskutiert werden können.


    Alle Fotos: Klarenbach

  • ^Ixh finde ja, dass das wieder aufgebaute Schloss vor allem die Kulturverbrechen der DDR-Sozialisten heilt.


    Wenn es auch zu einer Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Vorgängerregimes beiträgt, haben wir gleich zwei Wiedergutmachungen zum Preis von einer. Was für ein phantastischer Bau, welch ein Triumph für die Architektur.

  • Um noch mal einen neuen Aspekt zum Humboldtforum ins Spiel zu bringen (und als kleine Replik auf das Banner, das Klarenbach fotografiert hat - denn das Schloss war auch ohne Monarch schon ein multifunktionales Gebäude):


    Heute kam auf Inforadio ein interessantes Gespräch des Autors Christian Walther. Er hat das Buch geschrieben: Des Kaisers Nachmieter.

    Darin beschreibt er die Zeit des Schlosses zwischen 1918 und seiner Sprengung 1950.


    So war das Schloss nach 1918 eben nicht mehr das Haus der Hohenzollern (das die DDR ausradieren wollte), sondern Museum, Volksküche (später Mensa), Forschungsort (Lise Meitner), Büro (Deutscher Akademischer Austauschdienst) sowie ein "Tagesheim für Studentinnen".

  • So war das Schloss nach 1918 eben nicht mehr das Haus der Hohenzollern (das die DDR ausradieren wollte), sondern Museum, Volksküche (später Mensa), Forschungsort (Lise Meitner), Büro (Deutscher Akademischer Austauschdienst) sowie ein "Tagesheim für Studentinnen".

    Deine aufgezählten Nutzungen in allen Ehren, aber letztendlich war das Schloss nach 1918 untergenutzt. Deine aufgezählten Nutzungen klingen ja schon irgendwie nach Alibi-Nutzung.


    Forschungsort? ... Lisa Meitner war eine Kernphysikerin. Warum muss eine Kernphysikerin ausgerechnet im Stadtschloss ihre Forschung betreiben?

    Büro Deutscher Akademischer Austauschdienst? ... soso, und da gab's nirgendwo anders in Berlin Platz für ein solches Büro?


    Einzig die Volksküche macht Sinn, da es in den 1920 er Jahren bekanntlich große wirtschaftliche Not gab. Das Schloss hatte eine große Küche und hatte tatsächlich die Infrastruktur, um Mahlzeiten an die vielen Bedürftigen im Berlin der 1920er auszuteilen.


    Das Schloss war untergenutzt. Das heißt aber noch lange nicht, dass es wertlos war. Das Schloss war ein Ort, an dem wichtige Ereignisse der Berliner Geschichte, der preußischer Geschichte und der deutschen Geschichte stattgefunden haben. Insofern war das Schloss vor allem als geschichtliches Denkmal bedeutend.

  • Warum untergenutzt? In erster Linie war das Schloss Sitz des Kunstgewerbemuseums, das zu den beliebtesten Museen Deutschlands gehörte. Ich verstehe auch den Begriff der Alibi-Nutzung nicht: Da gibt es plötzlich ein riesiges Gebäude im Herzen der Hauptstadt, über das die Republik verfügen kann - warum hätte sie es nicht nutzen sollen? Warum woanders Miete zahlen oder Neubauten errichten? Das Schloss war ein Zentrum der Kultur und der Wissenschaft, es gefällt mir, dass daran wieder angeknüpft wurde.


    Hier ein Zitat aus dem Wikipedia-Eintrag zum Berliner Schloss:

    "In den folgenden Jahren der Weimarer Republik entwickelte sich das Schloss zu einem bedeutenden Kulturzentrum der Stadt. Neben dem als Schlossmuseum bezeichneten Kunstgewerbemuseum öffneten auch die Repräsentationsräume und die Schlossbibliothek für Besucher. Darüber hinaus fanden während der Berliner Kunstwochen, die auf Anregung von Oberbürgermeister Gustav Böß erstmals 1926 veranstaltet wurden, im Weißen Saal und im Schlüterhof öffentliche Konzerte der Berliner Philharmoniker statt.

    Ein Verzeichnis von 1924 zählt gut zwei Dutzend private Mieter sowie zahlreiche öffentliche Einrichtungen, Behörden und Vereine im Schloss, unter anderem: die Krongutsverwaltung, das Fürsorgeamt für Beamte aus dem Grenzgebiet, die Gewerkschaft Deutscher Verwaltungsbeamter, die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft, die Österreichische Freundeshilfe, das Psychologische Institut der Friedrich-Wilhelms-Universität, die Schlossbauämter I und II, die Zentrale für Kinderspeisung, die Zentrale für Vermittlung von Heimarbeit an Mittelständische, die Landesanstalt für Gewässerkunde, der Deutsche Verein für Kunstwissenschaft sowie das Phonogramm-Archiv. In den folgenden Jahren kamen noch das Museum für Leibesübungen, der Deutsche Akademische Austauschdienst, die Deutsche Akademie, der Atlas der Deutschen Volkskunde, die Deutsche Kunstgemeinschaft, die Mensa des Studentenwerkes, das Helene-Lange-Tagesheim für Studentinnen, das Japan-Institut, die Mexiko-Bücherei, die Kaiser-Wilhelm-Institute für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht sowie für ausländisches und internationales Privatrecht hinzu.


    Hier ein Artikel aus dem Tagesspiegel zur Nachnutzung:

    https://www.tagesspiegel.de/be…-nachmieter/13489916.html


    Noch einmal das Interview mit Christian Walther:

    https://taz.de/Autor-ueber-das-Berliner-Schloss/!5782539/

  • Ein Museum im herkömmlichen Sinne lebt vom Original.

    Und was soll mit den Museen geschehen, wenn keine Originale mehr vorhanden sind, welche man sich noch anschauen könnte? Selbst wenn das nicht jedem Gegner schmecken mag, Museen dienen in erster Linie nicht dazu, die Beutekunst unterdrückter Völker zu präsentieren, sondern Wissen bzw. auch Verständnis zu vermitteln. Und gerade solches um fremde Kulturen sollte einem in der heutigen globalisierten Welt extrem wichtig sein. Die Mona Lisa in Paris lässt sich noch leicht bewundern, nicht jeder Interessierte ist aber dazu imstande noch willens nach Afrika, in den nahen Osten oder Übersee zu reisen, um sich entsprechend bilden zu können.


    Der dezent provokative Ausspruch mancher Direktoren zum Thema Beutekunst "wollt ihr leere Museen?" kommt nicht von ungefähr. Wenn weder Original noch Imitat ausgestellt werden soll, bleiben interaktive Ausstellungen mit Hörstationen und Touchscreens für digitale Inhalte übrig, was als Konzept bloß extrem ermüdend ist. Persönlich vermisse ich nämlich stark vernünftige Alternativen zu solchen Museen voller vermeintlich fragwürdiger Exponate. Kulturforum, Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit, Suppenküche - das alles sind Schlagworte, welche in einem begrenztem Rahmen noch funktionieren mögen, schlichtweg aber nicht auf der großen Ebene.


    Die wenigsten Touristen würden nach Paris oder London reisen, um sich zukünftig statt der Mona Lisa und Nofretete ein Podium mit interkulturellen Austausch anzuschauen, was das Anbelangt darf die Realität nicht aus den Augen verloren werden.

  • Ich habe doch nicht dafür plädiert "Beutekunst unterdrückter Völker" zu präsentieren.


    Ich habe vom Museum und den dafür wichtigen Originalen gesprochen. Ein Technikmuseum oder Stadtgeschichtliches Museum wird nicht vollgestopft sein mit Beutekunst.


    Es geht doch primär um die ethnologischen Museen. Und auch dort ist nicht alles "Beutekunst unterdrückter Völker". Insofern werden auch nicht alle ethnologischen Museen geschlossen werden müssen, nur weil unrechtmäßig erworbene Stücke zurückgegeben werden. Dann muss man halt die rechtmäßig erworbenen Stücke entsprechend ausstellen und kann trotzdem auf die zurückgegebenen Stücke hinweisen, aber bitte nicht mit Fake-Exponaten.

  • Richtig, bleiben wir besser bei ethnologischen Museen um nicht allzu sehr vom Thema abzuschweifen.


    Was ist überhaupt rechtmäßig, was nicht? Die Mona Lisa wünscht sich auch so mancher nach Italien zurück, obwohl sie ordentlich von den Franzosen erworben, bzw. noch von Leonardo selbst verkauft wurde. Hier in Tübingen existiert z.B. das lokal recht bekannte MUT, deren Sammlung zu einem drittel aus ägyptischen Exponaten besteht. Sollten diese nun zurückgefordert werden, fehlt dem Museum eben jenes drittel. Hat ein solcher Anspruch auf Rückgabe seine Grenzen, ist also eine Nofretete mehr Wert als ein gewöhnlicher Sarkophag? Oder darf dann ein großes Fass aufgemacht und wahllos alles gefordert werden, was landeseigen ist?

  • Neall Den gleichen pragmatischen und zugleich versöhnlich Ansatz würde ich zumindest bei kultursensiblen Artefakten mit fragwürdiger Herkunft auch verfolgen. Und gerade das Humboldtforum mit seiner originalgetreuen Reko-Hülle bzw. seiner künstlich nachgebildeten Originalfassade UND als steingewordener Kompromiss wäre doch ein passender Ort, um beim Thema "originalgetreues Anschauungsobjekt/Repräsentant vs. nur Originalobjekte um jeden Preis" neue Ansätze zu erproben.


    Hier mal nur ein paar mögliche Argumente, zunächst ausgehend von einer eigenen Erfahrung


    Anekdote:

    Vor einigen Jahren habe ich mal eine Ausstellung mit der nachgebildeten Grabkammer des Tutanchamun hier in Berlin besucht. Alle Objekte sahen täuschend echt aus und waren aufgrund der originalgetreuen Materialien und aufwändigen Handwerkarbeiten auch mehrere Millionen Euro wert. Meine Tochter und mich hat es damals überhaupt nicht gestört, dass es Kopien waren. Man weiß es natürlich, dass es nicht die echte Grabkammer mit den echten Objekten ist. Aber es war dennoch sehr eindrucksvoll und auch anschaulich gemacht. Vor allem war es ein wirklich rundes Bild (selbst die verschiedenen Schichten des Sarkophags waren nebeneinander zu sehen) und man kam an alles nah heran, sodass es auch plastisch wirken konnte. Zudem fand ich es irgendwo sogar respekt- und pietätsvoller, dass man die uralte Grabstätte inkl. Leichnam, Kindersarkophagen usw. nicht durch die Welt karrt und öffentlich zur Schau stellt. Davon abgesehen, dass die Originale sehr unwahrscheinlich in dieser Fülle ausgerechnet nach Berlin gekommen wären und mit überschaubarem Aufwand hätten begutachtet werden können.


    Argumente:

    -künstlerisch-ästhetisch, historisch und didaktisch Herausragendes kann so viel mehr Menschen viel dichter und anschaulicher zugänglich - ggf. gar anfassbar - gemacht werden. Man schränkt sich da mE auch stark ein.

    - Authentizität kann man verschieden definieren. Im Sinne einer Repräsentationsfunktion muss man mE nicht die engstmögliche Definition wählen. Sinnvoll wäre ggf. aber Originale und Rekonstruktionen etwas voneinander abzuheben. Die Museen müssten und sollten sich mE auch gar nicht von 100% Original zu 100% Nachbildung bewegen. Vielmehr sollte es sich kongenial ergänzen. Wenn man in einer Installation bspw. einige Glasvitrinen mit Originalobjekten einfügt, bekommen die bestimmt auch nochmal vermehrte Aufmerksamkeit. Bei Kopien herausragender Objekte kann man Hinweise auf den Standort des Originals sowie auf Unterschiede bei Herstellung von Original und Nachbildung geben.

    - Leere Museen wird es so oder so nicht geben. Gerade in Berlin sitzen wir auf gewaltigen Archiven von Originalobjekten, die teilweise nicht einmal vollständig erfasst oder gar untersucht geschweige denn je ausgestellt wurden.

    - Wissenschaftler sind Wissenschaftler. Ausstellungsbesucher sind Ausstellungsbesucher. Die Ansprüche sind in der Regel Andere. Der Tierpark Berlin zeigt bspw künftig auch nicht mehr drei Unterarten von Tigern oder Zebras nebeneinander, nur weil er es kann und man durch den direkten Vergleich gewisse Schlüsse ziehen kann. Stattdessen werden die Tiere besser eingebettet. Auch bei Museen geht es bei dem Schaubetrieb mE im Idealfall stark um eine vernünftige Einbettung/Vermittlung.

    - Womöglich könnte es in einigen Fällen sogar schon reichen, mit anderen Ländern überhaupt mal auf Augenhöhe zu sprechen: Wie wollen sie selbst (re)präsentiert werden? Welche originalen Objekte stellen sie dafür ggf. sogar bereitwillig zur Verfügung (womöglich auch andere oder neuere/moderne Objekte als Ergänzung)?

    - Wäre es nicht grundsätzlich wünschenswert, wenn man die Originale möglichst vollständig an den originalen Schauplätzen zusammen bringt? Für mich fühlt sich das intuitiv richtig an. Es mag aber begründete Ausnahmen geben und in vielen Fällen auch gar nicht erwünscht oder notwendig sein.


    Insgesamt könnte man zusammengefasst die repräsentative Qualität/Anschaulchkeit der Ausstellungen sogar deutlich erhöhen sowie kulturelle Spannungen abbauen und den Dialog der Kulturen vorleben. Ich denke zudem, dass der Weltgemeinschaft etwas weniger Absolutheitsanspruch sogar deutlich gut tun könnte. Allein, dass man abwertend von Fake-Objekten spricht, zeigt mE wie verengt und verkrampft wir teilweise denken. Fake steht für mich für einen bewussten Täuschungsversuch. Wenn ein solcher nicht vorliegt und vielmehr transparent gearbeitet wird, empfinde ich da keinen Aufregungs- oder Wertungsdrang. Gerade das Humboldtforum halte ich für einen hervorragenden Ort, um hier mal neue Wege zu gehen.

  • jan85 Da ist viel Wahres dran. Ausstellungen im Sinne von "Tutenchamuns Grab, wie es damals war" stoßen sicher auf großes Interesse und vermitteln, wenn sie wissenschaftlich gut begleitet sind, einen tiefen Einblick ins Alte Ägypten. Eines wird ihnen aber immer fehlen: Die Aura des Originals. In der James-Simon-Galerie kann man die Repliken antiker Büsten für mehrere hundert Euro kaufen. Sie sind handwerklich gut gemacht, besitzen aber nichts von der Erhabenheit, wie sie etwa die echte Nofretete ausstrahlt.


    Das liegt zu einem guten Teil am Wissen des Betrachters um das Alter des Originals und die damaligen Produktionsbedingungen – und sowas lässt sich nicht mitkopieren. Ich habe als kleines Kind mal die echte Totenmaske des Tutenchamun gesehen. Das hat mich so beeindruckt, dass ich es nie wieder vergessen habe: Fast 3.500 Jahre alt und bis heute wie neu.


    Bei den archäologischen Sammlungen liegt die Sache übrigens m.E. etwas anders als bei den ethnologischen – zumindest was Funde vom 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert angeht, als es in Ägypten oder im Zweistromland noch keine systematische Archäologie gab. Wer nach jahrelanger Forschungsarbeit etwas entdeckt und freilegt, was über Jahrtausende unter Sand begraben war, steht in einer anderen Beziehung zu diesem Fund als jemand, der (auf unsere Verhältnisse übertragen) mit der Waffe in der Hand in eine Kirche spaziert und den Pfarrer zwingt, ihm die Reliquien auszuliefern.


    Heutzutage würde natürlich niemand mehr das Ischtar-Tor nach Berlin verfrachten. Damals ließ sich das zumindest legitimieren – zumal es nicht im Rahmen einer kolonialen Eroberung, sondern einer wissenschaftlichen Expedition ausgegraben wurde. Man hat die Trümmer auch nicht einfach so mitgenommen, sondern erst nach Verhandlungen und mit Genehmigung der Osmanen verschifft.

  • Architektenkind Klar zieht ein Original für viele nochmal anders. Deshalb würde ich es ja ergänzend/integriert versuchen. Die echte Nofretete gibt es eben nur einmal. Wenn man sie Ägypten zurück gibt, hätte man erst einmal eine große Lücke. Man könnte aber vielleicht einen guten Deal aushandeln und zudem eine hochwertige Nachbildung ausstellen. Ähnlich ist es doch mit dem originalen Stadtschloss, das bis auf wenige Fragmente verloren ist - aber aufgrund seiner herausragenden Bedeutung rekonstruiert wurde.

  • War heute im Humboldtforum, um mir das Ganze mal von Innen anzuschauen. Die Eingangshalle finde ich klasse; den Rest, den ich gesehen habe, eher so mittel. Als Ausstellung hatte ich mir "Berlin Global" ausgesucht und war danach richtig sauer: Ein Sammelsurium von Banalitäten (mit wenigen Ausnahmen); wenig Erkenntnis, aber viel Betroffenheit; interaktive Elemente von schmerzhafter Plattheit (man soll sich z.B. zwischen den Aussagen "Ich bin für Abrüstung" und "Waffen schützen" entscheiden).


    Die paar historischen Informationen, die es gibt, können sich selbst 16-jährige bei "Mr. Wissen 2 go" auf YouTube besser erschließen. Vor allem auch verlässlicher, denn die Geschichte der letzten Jahrhunderte lässt sich nunmal nicht einfach als bloßes Ergebnis von Rassismus erklären (so groß dessen Rolle auch war) – wenn aber Kriegsgefangenenlager mit muslimischen Gefangenen zu einer Art KZ-Vorläufer erklärt werden, dann ist das schlicht Geschichtsklitterung. Das osmanische Reich stand im 1. Weltkrieg auf der Seite der Deutschen, und im 2. Weltkrieg arbeitete der Mufti von Jerusalem eng mit der SS zusammen, weil auch er gerne Juden vernichten wollte. Davon in dieser Ausstellung gar nichts. Täter und Opfer sind sauber getrennt.


    Positiv: Ein paar interessante Gemälde, eine tolle Aussicht auf den Fernsehturm und ein Schaukasten mit uralten Stereoskopien, der wirklich faszinierend ist. Und natürlich die Tresortür aus dem Tresor. Infos zu den diversen Subkulturen der Berliner Nachkriegsgeschichte finde ich zwar interessant, hier aber deplatziert. Im Ernst: Wenn das die zeitgenössische Museumspädagogik ist, dann mag ich sie nicht. Hoffe, die übrigen Ausstellungen geben mehr her.

    Einmal editiert, zuletzt von Architektenkind () aus folgendem Grund: Falschen Begriff ersetzt: Stereoskopie heißt das, nicht Stereotypie...

  • Die von Architektenkind beschriebene Ausstellung "Berlin global" habe ich auch besichtigt, und ich war auch von dem tollen Blick auf den Fernsehturm begeistert. Hier ist er:



    Ansonsten habe ich die Ausstellung sehr viel positiver wahrgenommen. Sie war eben nicht der xte Aufguss einer der üblichen Ausstellungen zur Berliner Stadtgeschichte, sondern hier wurde etwas Neues gewagt. Sehr gut fand ich die Darstellung der internationalen Verflechtungen Berlins, z.B. in Zusammenhang mit dem Kolonialismus. Das sind Aspekte, die bisher viel zu wenig thematisiert worden sind. Auch fand ich gut, dass sich die Ausstellung nicht nur an ein akademisches Publikum wendet, sondern auch populäre Elemente enthält. Es gibt viele interaktive Elemente, die dazu einladen, eigene Gewissheiten zu hinterfragen. Und ich fand auch gut, dass viele Dinge zu aktuellen Entwicklungen in Bezug gesetzt wurden, z.B. inwiefern Stereotype aus der Kolonialzeit bis heute lebendig sind, ohne dass uns das bewusst ist. Diese Ausstellung liefert eben keine fertigen Antworten, sondern lädt zum kritischen Denken ein.


    Foto: Klarenbach


  • Ein altes Reizthema flammt wieder auf...

    Humboldt-Forum: Kuppelspruch soll angepasst, bzw. künstlerisch aufgearbeitet werden


    https://www.sueddeutsche.de/ku…tive-leuchtturm-1.5479416



    Da muss ich schon schmunzeln... Ob innen oder außen, das Schloss entpuppt sich als lebendige Skulptur der permanenten kritischen Reflexion von weniger stark aufgearbeiteten Aspekten der Deutschen Geschichte. Und ausgerechnet den Traditionalisten und Nationalkonservativen, die sich solchen Diskussionen gerne entziehen, bzw. sie für nichtig erklären, hält ihr eigenes Sehnsuchtsobjekt nun immer wieder den Spiegel vor das Gesicht. Das war sicherlich nicht die Intension der Reko-Freunde, ist aber eigentlich ne ziemlich geniale Sache...


    Hier nochmal der Spruch: "Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn in dem Namen Jesu, zur Ehre Gottes des Vaters. Dass in den Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind."


    Tja... sowas in 2020 bei einer Rekonstruktion 1:1 wieder an einem Wahrzeichen zu platzieren ist selbstverständlich kritisch zu hinterfragen. Die Kontroverse war vorprogrammiert und ich bin gespannt, welche konkreten Veränderungen daraus nun abgeleitet werden. Ob es gleiche eine rotierende, pinke Neonschrift sein muss, weiß nicht nicht, aber eines ist sicher: Der Status Quo ist längerfristig nicht tragbar.


  • ^ Zur historischen Einordnung, weil es da oft Missverständnisse gibt: Der Spruch ist nicht barocken Ursprungs, also einer tiefgläubigen Zeit geschuldet. Er stammt aber auch nicht aus der Kaiserzeit und entspringt noch keiner Kolonialherrenmentalität, wie aktuell gerne behauptet wird.


    Die Kuppel wurde unter Friedrich Wilhelm IV. errichtet, einem erzreaktionären, religiösen Mystiker, der in den 1840er Jahren das Gottesgnadentum wieder aufleben lassen wollte – 50 Jahre nach der Französischen Revolution und 25 Jahre nach dem Wiener Kongress (das ist, als hätte Adenauer 1950 versucht, den Adel wieder einzusetzen). Die Kuppel wurde 1853 vollendet, also fünf Jahre nach der Revolution von 1848. Wer da die Knie beugen sollte, das waren die geschlagenen Demokraten – und zwar vor dem siegreichen, von Gott eingesetzten Hohenzollernkönig.


    Bei aller Liebe: Dass eine demokratische Republik des 21. Jahrhunderts so einen Spruch an einem zentralen Gebäude ihrer Hauptstadt rekonstruieren lässt, zeugt von Geschichtsvergessenheit. Und die Rekofreunde, die diesen Spruch romantisieren, bedienen leider die Klischees, die über Rekofreunde gemeinhin so gepflegt werden.