Auf- und Abwertung von Stadtteilen, "Gentrifizierungs"-Debatten

  • Auf- und Abwertung von Stadtteilen, "Gentrifizierungs"-Debatten

    Nachdem die Neubautätigkeit an der Alten Messe ja einen gewissen Aufwertungsschub für die alte Schwanthalerhöh' mit sich brachte, könnte es doch auch sein, dass entlang der Gleise im Zuge des Baubooms ebenfalls Sanierungs-/Erneuerungsinteresse geweckt wird. Gerade die gründerzeitlichen (aber auch die ehemals gründerzeitlichen) Straßenzüge würden sich doch hierfür anbieten, was meint ihr?



    Aus NMA: Arnulfpark [in Bau] ausgelagert. LugPaj

  • gentrification ist nichts anderes als ein euphemismus für explodierende mieten, vertreibung der angestammten bevölkerung, soziale monokultur und (anti-)urbane verödung. das hat münchen sicher besonders nötig:nono:.

  • Bei der Vertreibung der angestammten Bevölkerung stellt man sich oft das alte Mütterchen vor, das vor ihrem Ende noch von Miethaien vertrieben wird, oder die Geringverdienerfamilie die dann gezwungen wird ins Hochhaus am Stadtrand umzusiedeln. Auch Studenten und (Lebens-)Künstler usw. In all diesen Fällen ist der Wohnungsverlust soziologisch gesehen alles andere als erstrebenswert.


    Es gibt aber auch genügend Leute, die schlecht für ein Viertel sind. Spieler, Striezies, Zuhälter, Trunkenbolde, Schlägertypen, Ganztagesfernseher, Frauenunterdrücker, Checker, usw. Und wenns solche Leute trifft, bzw. solche Leute in dem Viertel keine Wohnung mehr ergattern, kann ein Quartier regelrecht aufblühen. Genauso hat sichs im gewerblichen Bereich: Wer trauert schon einer Spielhölle nach, oder der hundertsten Dönerbude, dem Stehausschank mit Frühschoppen, dem Ein-Euro-Restposten-Shop. Wenn solche Etablissements verschwinden, ist es ebenfalls eine Chance für das Stadtviertel.


    Wenn sich jahrzehntelang in einer Gegend nix tut sondern alles schön verschlafen bleibt bzw. versandelt, das ist auch nicht urban...

  • das mag schon sein, aber dann nenne mir doch mal die stadtplanerischen instrumente, die zielgenau die von dir gewünschten gruppen im gentrifizierten stadtteil wohnen läßt und "nur" die "grattler" vertreibt. ich kenne sie jedenfalls nicht.

  • ... dass das südliche Neuhausen im Zuge des Baubooms entlang der Gleise ebenfalls etwas angesagter wird resp. ein Sanierungs-/Erneuerungsinteresse geweckt wird. Gerade die gründerzeitlichen (aber auch die ehemals gründerzeitlichen) Straßenzüge würden sich doch für Gentrification anbieten, was meint ihr?



    Verstehe ich nicht ganz. Was meinst du mit südlichem Neuhausen? Warst du schon in den letzten Jahren in der Blutenburgstraße und viele ihrer Seitenstraßen? Donnersberger Straße? Schulstraße? Vom Gebiet nördlich des Rotkreuzplatzes, um die Winthirstraße oder Nymphenburger Straße selbst spreche ich schon gar nicht. Alles wurde und wird schon seit Jahren "reich-homogenisiert"! Schau dich mal um in Neuhausen? Arbeiterviertel? Vergiss es. Anwohnertiefgarage und ein Mix aus Kanzleien und Psychotherapeuten machen das Viertel aus! Und die die da Wohnen fahren mit X5 und A8 ins Büroghetto nach Ismaning oder sonstwohin. Traurig aber wahr.

  • Martyn, ganz Deiner Meinung! Unrecht hat todasch natürlich nicht. Leider bleibt die "Gentrifizierung" nicht einfach bei - sagen wir - unterem Mittelstand stehen. Die Spirale dreht sich unaufhörlich weiter bis wirklich auch das letzte Loch im Viertel richtig teuer ist.
    Dagegen könnte eigentlich nur eine Art sozialistisches bzw. totalitäres Bevölkerungsmanagements-Instrument helfen. Wollen wir aber nicht.
    Und so kann man nur hoffen, dass es nicht genug doofe Latte-Laptop-SUV-Spießer gibt, dass wirklich ALLE Viertel dauerhaft besetzt werden so wie Neuhausen südl. vom Rotkreuzplatz. Ist GENAU so, wie Du es beschreibst, Isek :)

  • Mir ist bei mancher aufgeteuerten Gegend eh unklar wie man dafür soviel zahlen kann. Für's gleiche Geld such ich mir doch lieber, wenn ich eh schon ortsfremder Zugereister bin, eine schöne Kleinstadt im nahen Oberbayern oder Schwaben nahe der A8 und pendel rein. Da hab ich mehr Lebensqualität vom Geld. Und je nach Wohn- und Arbeitsort in/um München kann es im ungünstigsten Fall sogar sein dass man zB mit dem Auto quer durch München länger braucht als wenn man in Augsburg wohnt und von dort rasch über die A8 reinpendelt. Die dürfte ja demnächst fertig ausgebaut sein, wartets nur ab was das dann für einen Sog nach Augsburg geben wird.

  • zitat baukunst: "Dagegen könnte eigentlich nur eine Art sozialistisches bzw. totalitäres Bevölkerungsmanagements-Instrument helfen".
    nun, wenn ein soziales mietrecht bereits sozialismus ist, dann bitte mehr davon!
    scheint mir allerdings eher westerwelle-logik zu sein...

  • Neuhausen

    Verstehe ich nicht ganz. Was meinst du mit südlichem Neuhausen?


    Nun, das Neuhausen südlich von Nymphenburger- und Wendl-Dietrich-Straße unterscheidet sich schon ein bisschen vom vornehmen nördlichen Teil. Das Viertel um die Lachnerstraße und zur Herz-Jesu-Kirche ist ja den Alteingesessenen noch als das "Vornehme Viertel" in Erinnerung, aber auch im Frundsberg-Karée und bei der Blutenburgstraße kriegt man große Augen beim Anblick mancher Gebäude. Die Bereiche um die Donnersbergerstraße waren aber ursprünglich schon eher ein Arbeiterviertel, aber hatten so um die Achtziger Jahre ihre erste Sanierungswelle, aber nicht ganz flächendeckend, es gibt schon noch Wohnungen, von denen man über den Hausflur muss um in das Bad zu kommen. Also dass es nun total von X5-Fahrern wimmeln würde kann ich nicht bestätigen.


    Schau dich mal um in Neuhausen? Arbeiterviertel? Vergiss es. Anwohnertiefgarage und ein Mix aus Kanzleien und Psychotherapeuten machen das Viertel aus! Und die die da Wohnen fahren mit X5 und A8 ins Büroghetto nach Ismaning oder sonstwohin. Traurig aber wahr.


    Vielleicht meinte ich eher eine Gentrification im gewerblichen Bereich, denn die Wohnungen sind scheinbar wirklich schon ordentlich gesalzen. Die Gehaltszettel der Bewohnerschaft kenne ich natürlich nicht. :D

  • todasch, ich meinte Gentrifizierung stoppen geht nur mit "sozialistischen"/"totalitären" instrumenten. Wollte einfach mal nen kruden Gedanken spinnen, aber nicht politisch werden - mit Westerwelle und seiner Truppe kannste mich übrigens jagen...:lach:

  • aber das heißt doch zuende gedacht, daß wir uns begriffe und leitbilder wie soziale und kulturelle vielfalt und die ganze urbanitätsdebatte abschminken können. das ist mir zu fatalistisch, ich will mich damit jedenfalls nicht abfinden!

  • Wieso sollen wohlhabendere Quartiere automatisch nicht urban sein? Ist zahlungskräftiges Klientel unterwegs, entstehen sehr wohl Gastronomie und hochwertiger Einzelhandel. Waschsalons und DVD-Automaten sind auch nicht gerade Kiez-Markenzeichen... Oder glaubt ihr die sitzen alle in ihren Altbauwohnungen und zählen die Kröten wie Onkel Dagobert?

  • wohnviertel sind nicht deshalb nicht urban, weil dort auch wohlhabende leute wohnen (das hat im übrigen niemand behauptet); sie verlieren aber dann ihre urbanität, wenn eine schicht bzw. gruppe zu sehr dominiert. urbanität heißt vielfalt, gentrification führt zu monotonie.

  • Wohnviertel waren meiner Meinung nach schon immer relativ homogen. Leute mit viel Geld wohnten in anderen Gegenden als Arbeiter. Das war und ist doch weltweit so. Ich glaube das Konzept der Durchmischung ist ein relativ neues, welches durch Transferleistungen künstlich erzeugt wurde. Ich denke das lässt sich auf Dauer nicht halten, wie jemand schon andernorts geschrieben hat: wenn jemand für seine Wohnung im MFH 500.000 EUR hinlegt, dann möchte er nicht unbedingt H4-Leute als Nachbarn haben. Das kann man bedauern, aber die meisten leben eher nach dem Motto "Gleich und Gleich gesellt sich gern."


    Und wenn jemand gegen Gentrifikation mit deiner Argumentation (es entsteht Monotonie) ist, dann verdrängt er, dass es vorher auch schon eine Monotonie gab, nur halt mit einer anderen, ärmeren, Schicht.

  • Schulstraße

    Schau dich mal um in Neuhausen?


    Kleine Läden werden oft Architekturbüros oder undefinierbare Läden. Die Zeiten des kleinteiligen Einzelhandels sind nun mal vorbei.

  • Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer

    Nun wird wieder Untersendling als Künstlerviertel mit Gentrification-"Gefahr" hochstilisiert, frage mich wer so etwas lostritt und woran es messbar ist. Sind eine Handvoll leerstehende Ladenlokale die als Atelier genutzt werden und eine Boazn die nun ein Tagescafé ist schon Anzeichen dass die angestammte Bevölkerung hartherzig vertrieben wird? Ich glaube eigentlich nicht. Man hat ja am Westend, das wirklich Kiez-Potential hat, gesehen - dass viel einfach nur herbeigeredet und -geschrieben war. Die SZ kürt ja jede Woche ein anderes Szene-Viertel. Ich denke, dass sämtliche Innenstadtrandlagen einem gewissen Druck auf dem Wohnungsmarkt unterliegen, was noch lange nicht heißt, dass die Yuppies und Investoren darüber herfallen. (Und das ist gut so)


    Hier zum Artikel:
    http://www.merkur-online.de/lo…stlerviertel-1190893.html