Highlights der 50er/60er Jahre

  • Highlights der 50er/60er Jahre

    Bisher wurde allerhand über die Altstadtrekonstruktion und ihre noch ausstehenden Korrekturen debattiert, mir wurden hierbei allerdings die highlights der ersten 30Jahre nach dem Krieg etwas unter den Tisch gekehrt!


    Aus dem Stehgreif würden mir folgende einfallen:


    PlärrerHH
    VR Gebäude hinter der LorenzKirche
    Pellerhaus
    HM Versicheungsgebäude am Marientorzwinger
    ...


    wie steht ihr zu dieser Bauepoche und dem entstandenen Erbe?

  • Ich halte es für falsch die 50er immer mit den 60ern "in einen Topf" zu werfen. Architektonisch sehe ich die 50er nämlich um einiges hochwertiger an als die 60er und 70er.


    Das neue Rathaus halte ich auch für einen sehr gelungenen Bau.


    Beim Plärrer-Hochhaus Zustimmung, das ist neben den wenigen Altbauten in diesem Bereich einer der architektonischen Höhepunkte an einem Platz, der ansonsten leider vom "Nordatlantikwall-Stil" der 60er und 70er geprägt ist.


    Das Pellerhaus sehe ich hingegen als das mißlungenste Gebäude Nürnbergs aus den 50er Jahren an - die Architekten zeigten keinerlei Respekt vor alter Bausubstanz, vor einer durchaus wiederaufbaufähigen Runie (wenn man bedenkt, was sonst in Sachen Wiederaufbau so alles geleistet wurde!). Es steht in einer Reihe mit den Altstadt-Parkhäusern und dem Scharrer-Gymnasium: hier sollte man ganz dringend die Abrißbirne schwingen und die Ursprungsbebauung rekonstruieren.

  • Zitat

    Ich halte es für falsch die 50er immer mit den 60ern "in einen Topf" zu werfen. Architektonisch sehe ich die 50er nämlich um einiges hochwertiger an als die 60er und 70er.


    volle zustimmung! man muss dazu nur die siedlung planetenring aus den 50ern mit der siedlung neuselsbrunn direkt nebenan aus den 60ern vergleichen. planetenring ist eindeutig gelungener und wirkt viel großzügiger.

  • Das Pellerhaus sehe ich hingegen als das mißlungenste Gebäude Nürnbergs aus den 50er Jahren an - die Architekten zeigten keinerlei Respekt vor alter Bausubstanz, vor einer durchaus wiederaufbaufähigen Runie (wenn man bedenkt, was sonst in Sachen Wiederaufbau so alles geleistet wurde!). Es steht in einer Reihe mit den Altstadt-Parkhäusern und dem Scharrer-Gymnasium: hier sollte man ganz dringend die Abrißbirne schwingen und die Ursprungsbebauung rekonstruieren.


    Man hätte wohl damals das Pellerhaus in der alten Form wieder aufbauen sollen. Doch finde ich den Bau - jedenfalls im Vergleich zum Scharrer doch noch viel wertiger. Man hat da durchaus noch Wert auf gestalterische Details gelegt.
    Gelungen waren auch einige Versicherungsgebäude am Rathenauplatz. Leider wurden die Fassaden inzwischen "modernisiert", sprich verunstaltet.
    Übrigens liegt auch in dieser albernen Klima-Hysterie und der Wärmedämmung von Fassaden eine große ästhetische Gefahr. Da wurde auch schon viel Unsinn angerichtet.


    In den 60/70er Jahren wurde ja wirklich überhaupt nichts Vernünftiges gebaut. Mal ein paar abschreckende Beispiele:
    JSG, Postdirektion, Norishalle, Bundesanstalt, Plärrer-Südfront. Hauptmarkt-Südfront, WiSo.
    Insgesamt finde ich auch, dass die Gebäude aus den 50er Jahren gar nicht schlecht waren. Wenn man bedenkt, welche Situation damals herrschte.
    Umso trauriger sind dann eben die Gebäude aus späterer Zeit, auch aus den letzten Jahren, z.B. Wirtschaftsrathaus. Da wurde vorwiegend mit 08-15-Architektur herumgepfuscht.
    Man muss sich da wirklich fragen, was manche Architekten eigentlich gelernt haben. Das ist ja an sich ein sehr interessanter Beruf - halb technisch, halb künstlerisch. Dies ist auch eine Herausforderung. Ehrlich gesagt, habe ich oft den Eindruck, dass viele Architekten sowohl als Techniker, als auch als Künstler völlige Versager sind.

  • "alberne Klima-Hysterie" - aha, das lass ich nun mal als albern stehen.


    den Brutalismus komplett zu verteufeln halte ich für falsch! Mir gefallen einige Bauten von Ihrer Form her sehr, ich hab eher mit dem Sichtbeton zu kämpfen... und dass sich die Gebäude oft nicht an die Umgebung angliedern.


    Dann gehen wir mehr auf die 60er/70er ein! Leider weiß ich nicht genau, welche Nürnberger Gebäude in diesem Zeitraum erbaut wurden.


    Es liegt weniger an den Architekten, dass schlechte Architektur entsteht, sondern meist an ökonomischen Zwängen. Kunst im öffenlichen Raum kostet und bringt nicht kurzfristige Rendite.

  • "alberne Klima-Hysterie" - aha, das lass ich nun mal als albern stehen.


    Der Punkt ist doch, dass man diesem einen Ziel offenbar alles andere unterordnet, auch die Ästhetik.
    Es gab gerade bei Gebäuden aus den 50ern viele Fassaden mit Bemalungen. Und die werden nun einfach reihenweise mit Wärmedämmung zugeknallt.
    Ist ja schon ein Wunder, dass wenigstens denkmalgeschützte Häuser von diesem Wahn ausgenommen sind.


  • Es liegt weniger an den Architekten, dass schlechte Architektur entsteht, sondern meist an ökonomischen Zwängen. Kunst im öffenlichen Raum kostet und bringt nicht kurzfristige Rendite.


    Tja, die ökonomischen Zwänge.
    Da glaube ich nicht so ganz dran, denn erstens waren nach dem Krieg diese Zwänge bestimmt noch auf einem ganz anderen Niveau und trotzdem hat man da einiges an gestalterisch Interessantem geschaffen.
    Und dann ist es ja nicht so, dass die neueren Gebäude besonders kostengünstig waren.

  • OK, bezüglich der Gebäudeisolierung gebe ich dir recht! Es hörte sich eher so an, als würdest du generell die Frage des Klimawandels und der damit verbundenden Notwendigkeit der Sanierung bezweifeln. Es kommt immer darauf an, wie man etwas macht...


    Bezüglich der ökonomischen Zwänge: Man wird beim schmerzenden Anblick der ausgelöschten Großstädte doch sehr daran gearbeitet haben, das unwiederbringlich zerstörte durch eine neue Ästhetik ersetzen zu können. Im Zuge des Wirtschaftswunders hat hat diese wieder unter den klingelnden Kassen gelitten.

  • Ne Frage an euch: Weiß jemand, warum und wie in Großsiedlungen wie M-Neuperlach, oder N-Langwasser, die Wohnblöcke zueinander angelegt worden sind?

  • Ne Frage an euch: Weiß jemand, warum und wie in Großsiedlungen wie M-Neuperlach, oder N-Langwasser, die Wohnblöcke zueinander angelegt worden sind?


    Ich hatte die Gelegenheit aus dem schönen Frankfurt (was geschichtlich viel mit den Franken zu tun hat) in Nürnberg 4 tolle Tage mit meiner Familie zu verbringen (über Weihnachten in einem tollen Hotel bei der Meistersingerhalle). Eine tolle Stadt für die geschichtsjunkies und für uns, Merci.
    Wir hatten ein sehr schöne Zeit bei euch. Die unterschiede zu Ffm können in Süddeutschland nicht größer sein!
    Eine sehr gute Erfahrung. Am 23.01. bin ich zum Buli Duell zwischen FCN und SGE eingeladen, ich freue mich.
    Grüße

  • @ sprudel, gibt es auch etwas informatives, dass du uns berichten kannst? ich glaub' deine urlaubserfahrung in dieser form interessiert hier keinen ;)


    @ mattes, ich kenn sowohl neuperlach als auch langwasser und große unterschiede gibt es nicht. in der mitte hat man einfach ein großes einkaufszentrum gesetzt (franken-center/perlacher einkaufpassagen) und drum rum die wohnbebauung mit sub-zentren. dazwischen verlaufen schachbrettartig die hauptstraßen, von denen aus die einzelnen wohnquartiere erschlossen werden.
    an der bebauung in neuperlach ist mir aufgefallen, dass es nur zwei punkthochhäuser gibt. der rest besteht aus zeilenförmigen ich sag jetz mal im durchschnitt 10-stöckigen hochhäusern. in langwasser ist die bebauung dafür differenzierter. gibt ja alles vom efh bis hin zu den wohntürmen in neuselsbrunn. in neuperlach sind die wohnblöcke eher "verbunden" und wirken dadurch an manchen straßen wie eine riesige mauer. in nürnberg stehen die häuser mehr oder weniger einzeln und verloren in der gegend rum. sehenswert in neuperlach ist der wohnring und das schwarze karl-marx zentrum. sieht richtig düster dort aus!
    mir persönlich gefällt neuperlach besser als langwasser. wurde großzügiger angelegt. (meine meinung)

  • Plärrer-Hochhaus der Städtischen Werke, ganz klar.


    Das Gebäude am Katharinenkloster... mir fällt gerade der Namen nicht ein, Musikkonservatorium, oder wie heißt es? Ist als Ausweichquartier der Bibliothek in Gebrauch.


    Auch z.B. das VDM-Verwaltungshochhaus in Schweinau ist ein Juwel in einer formvollendet-eleganten Schlichtheit. Viel wurde ja leider in dieser Richtung vernichtet, man denke an den alten Schlachthof...

  • Ich bin neulich an der Deutschherrenwiese, nachts an einem Bürogebäude entlang gegangen, dessen komplett einsehbares beleuchtetes Treppenhaus einem den Athem geraubt hat! Ich schau mal, dass ich ein Bild demnächst mache...

  • Die 50er und frühen 60er heben sich durch zweierlei in der Tat positiv ab von den restlichen Nachkriegsjahrzehnten:


    Man hat, in teilweise sicherlich auch nicht gesunder Verdrängung, nur noch nach vorne schauen wollen und dieser Optimismus, Tatendrang und Zukunftsglaube schlug sich architektonisch nieder. Lichte Bauweise, helle Materialien - und vor allem sehr viel Farbe (den 70ern sieht man hingegen die unruhigen Zeiten an, viele Gebäude dieser Zeit werden nicht grundlos mit dem Spottbegriff "Betonbunker" beschrieben; Fensterwülste mit zurückgesetzten Gucklöchern, breite Vertikale, dunkle Farben oder gleich grauer Sichtbeton,...).


    Zum anderen hat man mangels entsprechender Mittel noch stärker auf bewährte Bautechniken gesetzt und dadurch nicht soviele Bauruinen erzeugt wie in den Jahrzehnten darauf. "Betonkrebs", chronisch undichte Flachdächer, rasend verwitternder Sichtbeton mangels Witterungsschutz und Fassaden, minderwertige Fertigbauteile, Dachsteine aus gefärbtem Beton statt echter Ziegel - das kam alles erst später. Man baute noch "für die Ewigkeit". Auch das sieht man den Gebäuden an, sie altern "schön", entwickeln "Patina".

  • Mich würde generell mal interessieren, wie lang die "Lebenszeit" von Beton ist. Teilweise sind eben Bauten aus den 60er/70ern sanierungsbedürftig.

  • ^^
    Totalste Zustimmung zu Augsburgers Aussagen in #15 vom 24.7.! :) Man könnte ja den Staub von diesem Thread pusten und mal wieder über diese hochinteressante Epoche (vor allem in Nürnberg!) diskutieren, statt nach der angebrochenen Seite 2 einzuschlafen...
    Bei der Bewertung der 50er ist zusätzlich zwischen Nürnberg und dem Rest Deutschlands zu unterscheiden. Ich möchte behaupten, dass Nürnberg (als Großstadt) den Wiederaufbau ästhetisch mit am besten hinbekommen hat, mit der bewussten Entscheidung des Anknüpfens an die Tradition. Hannover etwa plante zukunftsorientiert autogerecht. Dort sehen 50er Bauten auch anders aus. Hier zeigt sich eine weitere Besonderheit von 50er-Jahre Architektur besonders beim Modell des konservativen Wiederaufbaus: Sie konnte sich als letzte Epoche regional verortet darstellen. Im Osten nannte man das "Nationale Bautradition". Auf den Westen übertragen, wo es keine staatlich verordnete Architektursprache gab, entsprechen neben Nürnberg, München oder Augsburg auch Münster, Würzburg oder kleinere Städte wie Rothenburg o.d.T. oder Freudenstadt diesem konservativen Grundgedanken. Städten wie Köln, Frankfurt oder Kassel (und ab 1960 nach der Abkehr von der nat. Bautrad. ALLEN Ostdt. Städten) war das, außer der Wiederherstellung von Einzeldenkmalen (leider vor allem jedoch deren Nachkriegs-Zerstörung), herzlich schnurz. Wenige kehrten bereits um und besinnen sich jetzt in Form von oft guten, manchmal miserablen Rekonstruktionen - Potsdam, Dresden, Frankfurt, Magdeburg, Braunschweig, Hannover, Hildesheim, Wesel, Halberstadt, Berlin, nur Köln natürlich nicht ;)...
    In den Städten, die konservativ wiederaufgebaut wurden, finden heutzutage praktisch keine Rekonstruktionen statt, obwohls Bedarf gäbe. Das ist der Wehrmutstropfen - konservativ hält man an der Nachkriegszeit etwas zu stur fest und verhindert damit Rekonstruktionen, die den bisherigen Nimbus des "Superaufbaus" entweihen und stellenweise auch entlarven könnten. Lieber setzt man wie z.B. jüngst in Würzburg auf zeitgeistige Effekthascher anstatt den Wiederaufbau gerne modern, aber eben würdig und wertig fortzuführen, wie es in den 1950ern unter wesentlich schlechteren Voraussetzungen vorexerziert wurde.

  • Ich bin ebenso der Meinung, dass in Nürnberg dem ursprünglichen Gesicht ein neues modernes gegeben wurde. Wie der Wiederaufbau in anderen Städten im Bezug auf regionale Bautradition vollzogen wurde, kann ich leider nicht wirklich beurteilen. Aber auf den ersten Blick in andere Städte (Köln, München, Dresden etc) wurde meiner kurzen Einsicht nach, im Wiederaufbau nicht sonderlich auf die historische Bebauung bezug genommen. - Wobei ideologisch gesehen der Osten sicherlich noch eine andere Rolle spielt.

  • Im Osten wars eigentlich recht einfach. Die Nationale Bautradition reichte bis 1960. In dieser Epoche erhielten praktisch alle großen Städte der DDR eine Prachtstraße bzw. Platz in regional beieinflussten Formen: Rostock (Neugotik), Magdeburg (Neuklassizismus), Berlin (Neuklassizismus, aber schon sowjetisch beeinflusst), Dresden (Neubarocke Formen) soweit ich bisher auf die Kürze weiß. In Leipzig wurde ein Ring um die Altstadt begonnen. Öffentliche Gebäude (Schulen, Kulturhäuser, Krankenhäuser) der Zeit sind fast ausnahmslos traditionell gestaltet, wobei der Neuklassizismus am verbreitetsten war. Viele der Gebäude ähneln konservativen Bauten der NS-Zeit. Zu unterscheiden sind sie durch Schmuck und verwendete Symbolik (wie Zahnräder, Weizenähren, Werkzeug).
    Im Westen entschieden die Städte selbst. Am konservativsten war Süddeutschland, am rücksichtslosesten der Westen. Mit Ausnahmen natürlich.
    Die Nürnberger Stadtväter wurden zu dieser Zeit stark angefeindet. Kritiker warfen dem konservativen Aufbau Geschichtsklitterung vor, konnten sich aber nicht durchsetzen.

  • Im Stadtmuseum wurden vor einiger Zeit Pläne ausgestellt, die zum Wiederaufbau Nürnbergs nicht umgesetzt wurden. Ich habe hiervon einige einfangen können:


    Hier der stehende Rest des Historischen Rathauses zu Beginn der Planungen


    Vorschlag zur Fassadengestaltung des Rathausanbaus




    Macht einen sehr sachlichen Eindruck. Doch die spitzen Dächer würden der Altstadt fehlen!



    Alle Bilder sind von mir.


    Manche Entwürfe hätten der Altstadt ein großstädtischeres Antlitz gegeben. Auch deswegen wird Nürnberg in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit oftmals nicht in eine Liga mit den anderen Großstädten zwischen 500.000 und 600.000EW gesehen wird. - Glaube ich.