Der Altstadt-Salon

  • Soweit ich richtig verstanden habe möchte man eine Mischung aus Gastronomie, Einzelhandel, Wohnungen und Büros. Also nichts was sich zwingend mit einer Rekonstruktion beißt.


    Nur dieses "Begegnungshaus" ist problematisch, wobei ich mich frage, ob dessen geplante Funktion nicht bereits durch das Haus am Dom erfüllt wird.

  • @mik #81 :
    Wieder mal ein bunter "Mix" von Meinungsfragmenten mit dem wieder mal die bekannten Themen mit "sollte" und "müsste" erneut aufgerührt werden sollen, um dann noch die Kritikpunkte wie z. B. "darüber streiten" auch selbst wieder reißerisch anzuheizen, indem er seine Äußerungen auch wieder mit den üblichen, billigen, altbekannten und ausgeleierten Phrasen der Reko-Gegner unterlegt. Eine allgemeine Einigung über "die ideale Form" z. B. wird es ja wohl niemals geben können. So wundert es nicht, dass er sich auch für die neue Altstadt einen eher verschwommenen "Mix" wünscht.

    Obwohl er es für müßig hält, debattiert er doch aber selbst gerne weiter und reißt die Gräben mit der Verschärfung verschiedener Begrifflichkeiten weiter auf. Welche Seite soll sich denn beispielsweise bei der scheinbaren Bedeutung verschiedener Begrifflichkeiten anpassen?

    Historische Form und Funktion in der Altstadtbebauung sind übrigens beide von Bedeutung und sollten sich nicht ausschließen, das wäre ein Fehler. Eher noch ergibt es in diesem Projekt einen Sinn, die Funktion der Form unterzuordnen, sonst könnte man es ja gleich sein lassen.

    Postet von RKWF am 14.12.2009 im DAF Strang "Der Altstadt-Salon" direkt hinter beschubene #83


    Neugestaltung Dom-Römer-Areal

    Es ist nun mal so, dass ausnahmslos alle maßgeblichen planenden und ausführenden Personen keine ausgewiesenen Freunde der historischen Frankfurter Altstadt sind, im Gegensatz zu den Personenkreisen, die sich früher schon als Kämpfer und Freunde der Altstadt engagiert haben und ohne die auch die um 1930 vorgenommenen Sanierungsmaßnamen niemals erfolgt wären.

    So zeigt auch Michael F. Gunterdorf, der nur zu 40 Prozent seiner Arbeitszeit involviert ist und bisher noch nicht mal einen eigenen Schreibtisch für diese Funktion hat, in seinem Gespräch mit der fnp-online vom 14.12.2009, keine Ansätze, die auf eine rekonstruktionsfreundliche Vorgehensweise schließen lassen könnten:
    http://www.fnp.de/fnp/region/lokales/rmn01.c.6991277.de.htm


    Mit den beschlossenen sieben Rekonstruktionen muss er sich nun mal in technischer Hinsicht und in Bezug auf die Ausführung befassen. Seine eigentliche Herausforderung sieht er demnach wohl in den restlichen Füllbauten und deren sachgerechten Ausführung und Vermarktung. Eigentlich viel Arbeit für den Gestaltungsbeirat, der aber eigentlich auch nicht ernsthaft an weiteren Rekonstruktionen interessiert ist.
    Guntersdorf meint schon mal das es keinen Grund geben wird die Gestaltungssatzung grundsätzlich in Frage zu stellen.

    Schon bei dem Wunsch nach zusätzliche Rekonstruktionen stellt sich für ihn die Frage ob es da sinnvoll ist, wo sie möglicherweise Parzellen zusammenfassen müssen (?), prinzipiell aber möglich!?
    Als nächste Einschränkung kommt schon, dass an der Fassade "immer die Nutzung" abgebildet wird.

    Er sieht auch eine Menge technischer Probleme beispielsweise bei der Müllentsorgung und der Feuerwehrzufahrt. Da kann man schon erkennen, dass er wohl eher bauliche Kompromisse sieht, als beispielsweise eine besondere Feuerwehr- und Brandschutz-Ausrüstung für die Altstadtbedingungen und eben eine spezielle Müllentsorgung für die Altstadt zu entwickeln.
    Diese Dinge müssen nun mal den besonderen Umständen der Altstadt angepasst werden und nicht umgekehrt!

    Weiter meint er, dass einige Rekonstruktionen nicht möglich sind weil keine normgerechten Treppenhäuser eingebaut werden können. So etwas kann ja nicht sein, dafür gibt es technische Lösungen, findige Architekten und Ingenieure sowie Sondergenehmigungen.



    Postet von RKWF am 15.12.2009 im DAF Strang "Der Altstadt-Salon" direkt hinter RobertKWF #84

  • Es ist schon lange bekannt, dass alle Straßen des Areals für heutige Feuerwehr- und Rettungsfahrzeuge erreichbar sind, und sich die einzige Abweichung davon nur durch den Kunstverein-Kubus ergibt, der in den historischen Straßenraum hereinragt. Auch in Neubaugebieten kann man nicht immer direkt vor die Haustür fahren, ganz zu schweigen von mehrstöckigen Wohnhäusern. Ob man nun 50 Meter durch eine enge Gasse läuft und dann in den zweiten Stock oder gleich von der Haustür in den 6. Stock macht da für Rettungskräfte auch keinen Unterschied in der Entfernung.


    Abgesehen davon ist dem Artikel nichts grundlegend negatives zu entnehmen, außer der Frage, wieso denn unbedingt horizontal zusammengelegt werden muss. Ein kleines drei- bis vierstöckiges Haus in dem Bereich sollte doch für 1-2 Haushalte ausreichen. Bequemlichkeit sollte dabei keine Rolle spielen, wer nicht Treppen laufen will/kann sollte nicht in eine Altstadt ziehen, egal ob "echt" oder rekonstruiert. Aber ganz abgesehen davon, historisch war es gängige Praxis, zwei oder mehr Häuser ohne Fassadenumbau für eine gemeinsame Nutzung zu vereinen - eines der besten Beispiele steht direkt am Römerberg...

  • Für mit öffentlichen Mitteln gebaute Gebäude ist die Frage nach iher Nutzung noch wichtiger - schließlich wird hier das Geld nicht nur der Befürworter sondern das aller Bürger ausgegeben. Die Annahme, der Reko-Befürworter, sie seien in der Mehrheit, weil jeder, der nicht laut Nein ruft ja zustimme darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass man mit der Frage "Würden Sie jetzt 10€ spenden, um diese Gebäude wieder aufzubauen?" ein völlig anderes Votum bekommen würde. Noch besser die Variante "Wenn sie jetzt nicht Nein sagen müssen sie nächstes Jahr 10€ zahlen".


    Xalinai, das Argument das Gegner von Rekos oder von Architektur wenig interessierte Bürger die geplanten Rekos auch finanzieren wenn diese mit Steuergeldern bezahlt werden ist ein schwaches. Schließlich werden Schichtbeton Gebäude auch von Bürgern gezahlt die diese Fassaden entsetzlich finden. Außerdem wenn wir schon dabei sind, sollte man da nicht auch die Zuschüsse für Theater streichen. Schließlich nutzten diese Einrichtung auch nur eine Minderheit der Bevölkerung. Diese Beispiele kann man beliebig fortführen.

  • Wahnfried: Ich möcht' fast RobertKWFs ersten Satz zitieren.
    Die Alternative zur Rekonstruktion ist ja nicht Sichtbeton (damit können die wenigsten so umgehen, dass es nach irgendwas aussieht).


    Zu den beschlossenen Rekonstruktionen gibt es auch keine Alternative mehr -bleibt eben die Frage, ob es denn die vollständige Rekonstruktion sein muss.
    Und da könnte man fast glauben, ich hätt' dem Herrn Gunterdorf den Text geschrieben:


    Wenn rekonstruierte Gebäude heute als Wohnraum genutzt werden sollen, dann kommt man um die heutigen Sicherheitsanforderungen nicht herum. Wenn man Gastronomie denkt, dann heißt das "viele Menschen auf eingem Raum" und damit sind aktuelle Brandschutzanforderungen unumgänglich (im Zweifelsfall mal nach Perm Disco Brand googeln) insbesondere dann, wenn über der Gastronomie gewohnt wird.

  • ^Das würde ich auch nicht so eng sehen. Denke mal kaum ein Bürger möchte in einem Haus wohnen bei dem der Abort auf dem Hof ist. Solange die Fassaden rekonstruiert werden sollte die Ensembel-Wirkung erhalten bleiben.

  • Ist schon lustig, auf was für Ideen die Reko-Fans hier kommen und welche Kompromisse sie bereit sind einzugehen solange ihr geliebtes Fachwerk-Fassaden Idyll nicht angetastet wird.
    Wir machen einfach überall Ausnahmen von Bau- Brandschutz- und sonstigen Verordnungen, wem's nicht passt der muss ja nicht in die Altstadt gehen.
    Die Feuerwehr kann ruhig mal ein Stück laufen, die Müllmänner eh', wer keine steilen, engen Treppen steigen kann bleibt halt zu Hause.
    Noch besser: Den Müll zaubern wir einfach weg und den Gebäuden wird von den Altstadtfreunden aus verboten zu brennen!
    Also auf der einen Seite über die äußere Gestalt der zukünftigen Bebauung bis auf den letzten Dachziegel zu streiten und auf der anderen Seite nötige Maßnahmen zur sicheren und allgemeinen Nutzung der Gebäude mit dem Ruf nach Sondergenehmigungen wegzuwischen ist haarsträubend.


    Um den ganzen Sachverhalt mal bildlich darzustellen und da es gerade so zur Jahreszeit passt ein kleines Märchen:
    Es war einmal, in einer nicht allzu fernen Zukunft. Kurz vor Weihnachten. Der Club der Reko-Fans trifft sich in seinem Clubraum im Obergeschoss eines beliebigen Altstadthauses und feiert die abgeschlossenen Wiederherstellung der gesamten Frankfurter Altstadt unter 100% Berücksichtigung aller seiner Forderungen.


    Zeitgleich bricht im Andenken-Lädchen im Erdgeschoss aus unbekannter Ursache ein Feuer aus. Durch den herumliegenden Verpackungsmüll der eben aus China eingetroffenen Bembel-Rekonstruktionen breitet sich das Feuer unerwartet schnell aus. Durch den aufmerksamen Nachbarn alarmiert ist die Feuerwehr sofort vor Ort, allerdings können nicht schnell genügend Wassereimer und Steckleitern an den Brandherd getragen werden um dem Feuer Einhalt zu gebieten.


    Unterdessen bricht im Obergeschoss Panik aus, weil es auf der engen Stiege zum Sturz mehrerer Personen gekommen ist und eine Evakuierung unmöglich scheint. Dabei gab es dafür doch Sondergenehmigungen!
    Einige Tage später, auf den noch rauchenden verkohlten Resten der ehemaligen neuen Altstadt, trifft sich eine Gruppe Menschen, betrachtet sichtlich geschockt das Trümmerfeld, sieht aber auch ihre Zeit gekommen. Sie gründen an Ort und Stelle den Club der "Freunde des Technischen Rathauses" und treten zukünftig für die originalgetreue Rekonstruktion des Gebäudes vehement ein.


    Kritikern ihrer Idee werfen sie historische Unkenntnis und totale Geschmacksverirrung vor. Vorgestellte Vorschläge für den Bau eines zeitgemässen Gebäudes mit Anklängen an die Materialität und Kubatur des Originales werden mit "intellektuelle Kopfgeburten" und "linkes Pack" aus der Stadt gejagt. Die zunehmende Macht der vom Club initiierten und kontrollierten Geschmackspolizei zeigt sich nun in ganz Frankfurt. Alle Neubauten in der Stadt werden mit der Fassade des Technischen Rathauses ausgestattet, Altbauten werden bei der Sanierung gemäß dem gesetzlichen Fassadenmodul angepasst.


    Nun sind alle glücklich und zufrieden. Nun ja, alle die in Frankfurt geblieben sind. Denn nach den Banken sind auch die meisten Bewohner Frankfurts (vulgo Frankfurter) aus ihrer geliebten Heimatstadt geflüchtet, weil sie sich, durch die Geschmackspolizei drangsaliert, gezwungen sahen einen Lebensraum zu finden an dem sie ihre liberale Weltanschauung leben dürfen. In einer modernen, weltoffenen, diskussionsfähigen Stadt. Wo immer sie die gefunden haben mögen.


    Frohes Fest

  • @headz #89:
    Ja ein Märchen und damit unrealistisch, aber auch nur der Versuch einer Art von Märchen, von einer Märchenfigur erzählt die in einem Märchenhaus sitzt. ;) Ohne wirklichen Bezug zum Fest, auch nicht originell und nicht wirklich abschreckend für die Kinder wegen der fehlenden Beschreibung der armen Toten. Nicht mal unterhaltsam weil auch nicht den tatsächlichen Umständen und Gegebenheiten gegenüber gestellt.

    Neugestaltung Dom-Römer-Areal

    In dem Artikel der fnp-online vom 16.12.2009 werden vom Altstadtforum erste Kostenberechnungen für den Wiederaufbau einzelner Altstadt-Häuser genannt:
    http://www.fnp.de/fnp/region/lokales/rmn01.c.7003054.de.htm

    Damit es noch einmal ganz deutlich wird, dass nicht die Kostenfrage einem ganzheitlichen Wiederaufbau entgegensteht, sondern "nur" der politische Wille im Stadtparlament, sowie das verwaltungstechnische Denken im Magistrat und den Ämtern.

    Wenn man einfach mal den Betrag von 1,15 Millionen € für das teuerste der genannten Beispiele nimmt, dann würden hochgerechnet die Kosten für den Wiederaufbau aller 50 in Frage kommenden Häuser etwa 57,5 Millionen € betragen. Einige Häuser werden wohl mehr als 1,15 Millionen € kosten, dafür andere wieder weniger.

    An diesem einfachen Annäherungs-Beispiel ist ersichtlich, dass die Kostenfrage keinesfalls ein Grund dafür sein kann, nicht das ganze Areal originalgetreu wieder aufzubauen, auch dann nicht, wenn die Häuser insgesamt und unter dem Strich das doppelte kosten würden.

    Zudem wäre es für mich ein ausgewachsener Skandal, wenn es tatsächlich auch noch Widerstand gegen weitere Rekonstruktionsvorhaben gäbe.


    Postet von RKWF am 17.12.2009 im DAF Strang "Der Altstadt-Salon" direkt hinter headz #89

  • Im Radio war zu hören, in Frankfurt könne das Verbot aufgrund der Größe der Stadt nicht durchgesetzt werden... Naja, informieren könnte man wenigstens, damit die wenigen dörflichen Ortskerne mit Fachwerkbebauung vom Gröbsten verschont bleiben.

  • Mal wieder in der Höhle der Löwen.


    Warum ist diese Diskussion so vergiftet und mit so vielen Aggressionen aufgeladen? Warum ist es nicht ernsthaft möglich, sich in diesem Thread zu äußern, wenn man sich nicht über viele Stunden täglich mit der seit über 60 Jahren vergangener Baukunst in Frankfurt auseinander setzt?


    Nachdem ich mich heute erdreistet habe, im Zusammenhang mit dem EBZ-Neubau den Begriff „Disneyland“ zu nutzen und das zu erwartende Echo erntete, ergreife ich nun die fantastische Gelegenheit, mir an dieser eigens dafür geschaffenen Stelle ein wenig Luft zu machen: Ich finde die ganze Rekonstruktionsdebatte albern und wehre mich dagegen, den Befürwortern hier die Deutungshoheit zu überlassen. Sicher, ich finde die Arbeit, die sich manch einer hier und anderswo macht über die Maßen beeindruckend (meine Frau würde mir den Krieg erklären), aber diese Leistung führt nicht automatisch dazu, dass Argumente gewichtiger werden.


    Nein, ganz sicher werde ich mich jetzt nicht auf eine argumentative Debatte einlassen, diese kann man nicht gewinnen. Ich möchte einfach nur mit diesem Beitrag der Forumsöffentlichkeit zeigen: Es gibt auch andere Meinung; dieses Forum ist nicht reaktionär. Sicher eher konservativ, aber nicht reaktionär.


    In diesem Thread äußern sich wohl deswegen nicht mehr viele Stimmen, die sich eine Bebauung des fraglichen Areals nach den Erkenntnissen der vergangenen 80 Jahre wünschen, weil "man" seinen Fokus auf andere, wichtigere und symbolträchtigere Projekte in unserer Stadt gelenkt hat. Man (damit meine ich eigentlich nur mich) schaut lieber weg und lässt sich überraschen, in welche Richtung es letztendlich geht.


    Natürlich werde ich mich eines Tages an den hübschen "alten" Häuschen erfreuen, der Glühwein wird in den engen Gassen an Weihnachten sicher gut schmecken. Aber was ich mir trotzdem wünsche, ist etwas „Heutiges“ - eine Bebauung die der Bedeutung Frankfurts als lebendige Stadt, die immer völlig selbstverständlich ein gestaltender Teil der jeweilige Epoche war, gerecht wird. Fachwerk aus der Retorte steht in meinen Augen für einen völlig anderen Geist.

  • Was ist daran bitte reaktionär wenn man nicht wirklich an absolut jeder Stelle das Rad neu erfinden will sondern dafür eintritt dass an gewissen Stellen eine Rekonstruktion der ohne Not abgeräumten Vorgängerstrukturen durchaus auch mal Sinn macht?


    Was halt häufig auffällt ist, dass von Seiten der Gegner dann gleich das ganze herabgewürdigt wird ("Disneyland", "Retorte", etc pp). Dass man die Diskussion auch anders führen kann, zeigt mik. Er gehört ja auch eher zu den Gegnern, hat aber einen deutlich besseren Diskussionsstil als manch Anderer hier und dementsprechend sind die Diskussionen mit ihm auch weniger vergiftet!

  • Auch ich schätze die Beiträge von mik, mir ist leider keine solche Engelsgeduld gegeben. Dennoch danke, Rohne, dass Du Deine Kritik direkt adressierst. Auch das hat etwas mit Diskussionskultur zu tun.


    Ich bin der Meinung, dass Architektur (Und darum geht es hier doch) etwas schaffen soll. Natürlich ist es ein Jammer, dass Strukturen zerstört wurden - tatsächlich ohne Not. Doch muss dies gleich bedeutet, dass man sich zurückwendet zu einem idealisierten Altstadtbild der 1920er Jahre? Frankfurt will eine Stadt mit Weltgeltung sein, dazu taugen die Symbole der Finanzindustrie, Kunst und Museen - aber doch kein Heimatmuseum im Stil einer nordhessischen Kleinstadt.


    Anheimelnde Strukturen können durchaus auch mit den Mitteln unserer Zeit geschaffen werden. Die Beispiele sind verhältnismäßig rar, doch der Ansporn sollte umso höher sein.


    Reaktionär finde ich den Ansatz der Komplettrekonstruktion, der die Vergangenheit unreflektiert auf einen Sockel hebt und die Uhren zurück drehen will. Vernünftig finde ich hingegen einen Kompromiss, der in der Lage ist, zerstörte Strukturen zu heilen und dazu noch „etwas fürs Herz“ bietet – auch wenn ich mir etwas anderes wünsche. Auch die Seite derer, die am liebsten die gesamte Altstadt auferstehen sehen will, sollte akzeptieren, dass es Menschen gibt, die sich an zivilisatorischen Errungenschaften erfreuen, die über das 19. Jahrhundert hinausgehen.


    Vielleicht bin ich ja der Einzige, aber wenn ich Forderungen z.B. nach dem Abriss der Schirn höre (ja, die gab es schon, und ähnliche Ideen ebenfalls), dann ist es mit meiner Diskussionskultur nicht mehr weit her.


    Abschließend (zumindest von meiner Seite): „Disneyland“ und „Retorte“ waren ganz klar Provokationen - ebenso wie ich es als Provokation erlebe, bei beinahe jedem Neu- oder Umbauprojekt den Ruf nach einem „ordentlichen“ Dach, angepassten Traufenhöhen oder ominösen Satzungen zu lesen.

  • ^Und was ist jetzt das Problem wenn auf dem Gelaende des Techn. Rathaus ein Stueck der Altstadt rekonstruiert werden soll? Wer moderne Architektur mag findet die in Frankfurt zuhauf. Jetzt wird ja die EZB gebaut. Eine Riesenstueck moderner Architektur das 1 Mrd locker kosten wird. Was sind dagegen ein paar Fachwerk-Haeuser?
    Ich bin uebrigens sehr fuer den EZB-Bau. Einfach mal locker durch die Hose atmen und keine Minderwertigkeitskomplexe gegenueber den alten Meistern.

  • mahlzeit:
    Wer die "progressive" Flachdach Architektur aus Riedberg/City-West/Europaviertel/Rebstockviertel mit der Architektur im Nordend/Sachsenhausen vergleicht, oder den Alte Oper Platz mit dem Roßmarkt, erkennt schnell warum die moderne Architektur eben keinen Persilschein oder blinden Vertrauensvorschuß verdient hat. Ist es zuviel verlangt eine freundlichere, menschennahere Architektur zu verlangen als wie sie sich beispielsweise in der abweisenden "Frankfurter Welle" präsentiert? Weniger Austauschbarkeit und mehr Charakter ist gefragt.


    Am besten funktioniert die Architektur, die sich auch zurück nehmen kann, so wie es der Opernturm erfolgreich schafft oder der neue Westend Uni-Campus (ein echtes Juwel). Ebenso wären der neue unterirdische Städel-Anbau oder das farblich angepasste KfW-Gebäude am Palmengarten zu nennen. Diese "modernen" Architekten haben erkannt, dass Architektur auch harmonieren und nicht immer zwanghaft Kontraste heraus kitzeln muss.


    Zudem waren Komplett-Reko und Schirn-Abriss doch nie ernsthaft ein Thema, entscheidend sind der historische Grundriss, eine "angepasste" Gegenwartsarchitektur und eine Handvoll historisch wertvoller (d.h."echter") Fachwerkhäuser. Es wird schon ein für fast alle Seiten annehmbarer Kompromiß heraus kommen, daran dürfte es wohl keine Zweifel mehr geben.

  • Dann also hier weiter. Was du als "Heimatmuseum im Stil einer nordhessischen Kleinstadt" bezeichnest waren die bedeutendsten Zeugnisse des Bauens, die Frankfurt in Gotik, Renaissance und Barock hervorgebracht hat. Ist dir das überhaupt bekannt? Es ist geradezu ein Glücksfall, dass sie sich auf diesem winzigen Areal versammelt finden. Es geht nicht darum, etwas "fürs Herz" zu schaffen oder "Geschichte wegzulügen". Für mich sprechend geht es darum – dies war übrigens auch die Argumentation z.B. für den Wiederaufbau der totalzerstörten Würzburger Residenz – diese Architektur wieder erlebbar zu machen.


    Übrigens ist eine Rekonstruktion das beste Mittel gegen das, was du scheinbar am meisten fürchtest – falsche Nostalgie. Dass die Bauten in einer Art rekonstruiert werden, wie sie sich nach einer ohnehin stattgefundenen Generalsanierung heute präsentieren würden, kann man wohl kaum als illegitim bezeichnen.


    Abschließend (zumindest von meiner Seite): „Disneyland“ und „Retorte“ waren ganz klar Provokationen - ebenso wie ich es als Provokation erlebe, bei beinahe jedem Neu- oder Umbauprojekt den Ruf nach einem „ordentlichen“ Dach, angepassten Traufenhöhen oder ominösen Satzungen zu lesen.


    Diese Rufe hörst du (zumindest von mir) nur da, wo im Bestand gebaut wird. Es steht dir frei, das als Provokation zu empfinden, doch eigentlich ist ja ganz klar, was das ist, oder? Ein Appell an einen zusammenhängenden Städtebau, den die letzten Jahrzehnte radikal vernachlässigt und einfach funktionale und singulär für sich durchaus funktionierende Strukturen in einen Stadtraum gestellt haben, der kein großes Ganzes mehr ergibt.

  • Wäre ein umfänglicher, originalgetreuer Wiederaufbau teuer?

    Obwohl ich die Kunstausstellungen am Museumsufer insgesamt sehr schätze und auch häufig nutze, sehe ich doch ein enormes Missverhältnis in dem finanziellen Engagement der Stadt und des Landes Hessen und zwar zwischen dem für Kunstobjekte in den Museen und der Vielzahl der Museumsbauten selbst und andererseits in dem finanziellen Engagement der Stadt für den Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Altstadt. Auch sonst geben die Stadt und das Land noch laufend erhebliche Summen im oberen zweistelligen Millionenbereich für einzelne öffentliche Bauwerke aus, wie Beispielsweise für das neue Ordnungsamt in Frankfurt, die verschiedenen Universitätsobjekte oder für das nicht mehr ganz so neue Polizeipräsidium usw. usw. Leider aber nicht für die dringend erforderliche Rekonstruktion beispielsweise des Rathausdaches, der Rathaustürme und der übrigen am Römer anschließenden Gebäude um den Römerberg herum.

    Bericht der fr-online vom 03.12.2009, zum geplanten Ankauf der Holbein-Mariendarstellung für angedachte 40 Millionen Euro. In den Gesprächen sei man weit gekommen, berichtet Kulturdezernent Felix Semmelroth:
    http://www.fr-online.de/frankf…rauer-um-die-Madonna.html

    Dass diese oben genannten Einrichtungen notwendig sind, ordentlich ausgestattet sein müssen und dafür entsprechende Mittel aufzuwenden sind halte ich für absolut angemessen. Die 40 Millionen für das Holbein-Gemälde sind aber schon heftig wenn die öffentliche Hand dazu beitragen soll.

    Was mich stört ist aber eben dieses Missverhältnis und die damit sichtbar werdende Geringschätzung der deshalb auch halbherzigen Rekonstruktionen in der Altstadt mit gerade mal 7 fest eingeplanten originalen Altstadthäusern, mit einem derzeit geschätzten Ausgabenvolumen von lächerlichen 100 Millionen für das Gesamte Vorhaben, verteilt über mehrere Jahre, für so ein großes und durchaus auch kulturell wichtiges "Jahrhundert-Projekt".
    Dabei muss man sich vor Augen halten, dass ein Großteil dieser Ausgaben durch Veräußerungen und Mieten sowie Erbpachtzinsen wieder zurückfließen werden, von neuen Steuereinnahmen mal nicht geredet. Die erstgenannten Objekte sind dagegen überwiegend hoch defizitäre und im langfristigen finanziellen Ertrag nicht annähernd messbar.

    Und noch etwas, reichlich viel Geld für Museen und andere, für das Altstadt-Areal jedoch deplazierte, öffentliche und damit laufend zu bezuschussende Gebäude (neues HM, Überbauung des AG mit Stadthaus/Besucherzentrum), wurden ohne viel Umstände auch schon mal eingeplant.

    Wenn man weiter berücksichtigt, dass z. B. derzeit in Frankfurt vier Milliarden € Bruttoumsatz im Jahr aus touristischer Nachfrage generiert werden, dies aber noch nicht die Oberliga ist und die Fördermittel für die Tourismusgesellschaft deswegen nochmals erhöht werden sollen, dann wird am Ende diese Bilanz bei einem umfassenden, originalgetreuen Wiederaufbau der Altstadt nochmal besser dastehen.
    faz.net vom 17.12.2009 "Reisender, kommst Du nach Frankfurt":
    http://www.faz.net/s/RubFAE83B…Tpl~Ecommon~Scontent.html

    Denn wer will sich schon eine "Altstadt" ansehen, die überwiegend aus neuzeitlichen Architekten-Häusern besteht, die gerade mal nach einer wachsweichen Gestaltungssatzung entstanden sind.


    Postet von RKWF am 18.12.2009 im DAF Strang "Der Altstadt-Salon" direkt hinter RMA #98

  • ...mal rein finanziell betrachtet


    Dass eine rekonstruierte Altstadt ein finanzieller Erfolg wäre steht außer Frage. Wobei ich bei der Frage nach maximalem Gewinn wiederum einer Komplettrekonstruktion widersprechen würde. Gerade im internationalen Vergleich wäre das Areal zu klein um mit Altstädten von Brüssel, Straßburg oder auch mit (von außereuropäischen Touristenaugen als altstadterlebten) historischen Städten wie Amsterdam zu konkurrieren. Selbst verglichen mit Heidelberg oder Rothenburg o.d.T. wird das ganze für eine Touristenattraktion recht mickrig aussehen. Außerdem sieht das Auge des Laien wirklich in erster Linie eine "nordhessische Kleinstadt" ohne die künstlerische Qualität irgendwelcher gotischer Fügungen und Schnitzereien wahrnehmen zu können.


    Deshalb:
    So wie der provokante Gehry-Bau in Prag zu einer Touristtraktion geworden ist, so könnte aber das Zusammenspiel aus Moderne und Rekonstruktion die einzige ernsthafte Chance auf internationale Bekanntheit sein. Sicherlich währe die Atmosphäre in den Straßen eine ganz andere. Ebbelwoigemütlichkeit würde sich wohl kaum einstellen. Rein finanziell betrachtet ist hier aber die größere Chance.
    Natürlich wäre in dem Fall die Gestaltungssatzung obsolet. Diese wird ja maximal vornehm zurückhaltende Kisten zwischen den Rekos generieren. Wobei in der letzen Überarbeitung wirklich sehr positive Verbesserungen gemacht wurden.

  • Nunja, die Forderung nach einem "extrem" modernen Ankerbau a la Gehry kann ich schon verstehen, nur passt er meiner Meinungs nach nicht auf dieses nun wirklich überschaubare Rekonstruktionsgebiet. Zumal nebenan schon mit der Schirn und dem MMK zwei architektonisch anspruchsvolle Gebäude stehen.
    Es sollte doch hier mehr der Focus auf eine gute Ensemblewirkung zwischen Dom und Römer gelegt werden. Dazu gehören definitv die Rekos, aber ich kann mich auch mit modernenen Varianten dazwischen anfreunden, solange die Gestaltungssatzung eingehalten wird.
    Wenn es dann noch Bedarf für einen Architektonischen Leuchtturm gibt, wird ich eher in den Bereich hinterm Dom oder zum Main hin schauen, also Gebieten, die teilweise, wie schon besprochen, garkeine Anziehungskraft haben.
    Beispielsweise war ja mal in der Diskussion, am Anfang der Fahrgasse das Musuem für Weltkulturen unterzubringen. Das hat sich zwar zerschlagen, trotzdem ist das doch eher der Ort für solche Architektur.


    Was die Kosten angeht, finde ich es schwierig, Kultur gegen Alstadt aufzurechnen. So könnte man durch den Haushalt gehen und genug Posten finden, die für einen persönlich weniger wichtig sind und das Geld neu verteilen. Aber gerade was Dächerrekos angeht, sagt sich die Stadt wohl, hey, die sind noch dicht, also ist was anderes wichtiger. Und kulturelle Attraktionen sind auch für Lebensqualität in der Stadt verantwortlich.

  • mik: Den finanziellen Erfolg sehe ich noch nicht so ganz.


    Nehmen wir mal das Haus "Hinter dem Lämmchen 9" - nach den Angaben der FNP 179m², nach der Altstadtdokumentation des Stadtplanungsamtes EG+3+Mansarddach - also teilen wir durch 5 und kommen so auf eine Grundfläche von 36m².


    Aktuelle Grundstückspreise liegen in Sachsenhausen/Mörfelder Landstraße bei knapp 1500€/m², im Ostend bei 1300€/m² - für die Filetlage in der Altstadt nehme ich mal 2000€/m² an.


    Damit kommen wir auf Kosten für das Haus von 595000€ plus Grundstück 72000€, insgesamt also 667000€.


    Zu finanzieren mit 6% + 1% Tilgung ergibt 46690€ im Jahr oder monatlich 3891€ oder 21,62€ monatlich pro Quadratmeter.


    Die Fläche teilt sich, wie erwähnt auf fünf Etagen auf, wobei das Dachgeschoss als Mansarddach senkrechte Wände hat, also voll eingerechnet wird.
    Damit muss von der nutzbaren Fläche je Etage ein durchgehendes Treppenhaus abgezogen werden. Nehmen wir eine Treppe von einem Meter Breite und Normstufen (es muss ja vielleicht einmal eine Krankentrage oder ein Sarg herunter getragen werden), dann kommen wir auf eine Lauflänge von zwei Mal 2,8 Meter plus 1 Meter für ein Podest, also knapp 7m².


    Wie der Zugang zu dem Gebäude gestaltet war lässt sich nicht mehr erschließen, da auf den vorliegenden Fotos und Plänen die ehemalige Tür im Erdgeschoss vermauert ist und die Räume von der Gatstätte im Nachbarhaus mit genutzt wurden.
    Ich nehme also einfach einmal an, dass der von der Straße gesehen linke Zugang zu diesem Nachbarhaus auch den Weg (über einen Hof?) in einen hinten gelegenen Hauseingang ermöglichte.


    Bei Einrichtung eines Ladens im EG und Zugang zum Haus von der Straße her, hätte dier Laden nur eine Fläche von etwa 25m², was wohl auch die Zusammenlegung mit dem Nachbargebäude erklärt.


    Wir haben jetzt also ein Gebäude, das auf vier Etagen über dem EG jeweils 29m² Nutzfläche mit einer maximalen Breite von weniger als 4 Metern bietet.
    Bei Nutzung als eine Wohnung (Küche, Esszimmer im 1. OG, Wohnzimmer und Gäste-WC im 2. OG, Schlafzimmer, Bad im 3. OG, Kinderzimmer im Dach) sicher sehr großzügig - jedoch durch die Aufteilung auf vier Etagen nicht sehr komfortabel. Und monatliche Kosten von fast 3900€ wollen auch erst ein Mal bezahlt sein.


    Der Anteil eines Ladens im EG - selbst wenn man mal 30€ pro m² rechnet - ist ja doch eher bescheiden.