Humboldthafen OVG-Projekt [realisiert]

  • Ungers selig in allen Ehren – aber sein Entwurf für den Humboldthafen war städtebaulich doch noch deutlich ein Kind der Achtzigerjahre: Eine Megastruktur, die in der Aufsicht grandios wirkt, das aktuelle Bedürfniss nach Abwechslung und kleinteiliger(er) Fassadengliederung aber niemals erfüllen könnte


    Interessante Aussage. Warum sollten Megastrukturen nur in den Achtzigerjahren erlaubt sein? Warum sollten Megastrukturen an einem Ort wie dem Humboldthafen heute nicht mehr sinnvoll sein? Ich würde gerne wissen, inwiefern die Abkehr vom Ungers-Entwurf dazu beigetragen hat, am Humboldthafen Architektur zu realisieren, die diesem Ort angemessen ist?


    Was das Bedürfnis nach Kleinteiligkeit angeht: Grundsätzlich teile ich das Bedürfnis nach Kleinteiligkeit. Aber ich habe nicht den Eindruck, daß durch Projekte wie HumboldthafenEins diesem Bedürfnis entsprochen wird. HumboldthafenEins ist letztendlich ein grobschlächtiger Kasten, der mit Kleinteiligkeit nichts zu tun hat.

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    Die Mäander-Form ist an sich eigentlich ein recht probates Mittel um ein so großes Gebäude möglichst nicht zu überdimensioniert/grobschlächtig wirken zu lassen.
    Mein Problem ist, dass die Fassade gleichförmig um den gesamten Baukörper gezogen wird. Es gibt keine Unterbrechungen mit anderen Gestaltungsmitteln (höherer Glasanteil, anderes Material, andere Farben, etc.). Etwas auflockern könnte man dies ähnlich wie beim Trias (Vogelperspektive @ BingMaps) mit mehr Grün in den Zwischenräumen.


    Ich hoffe, das Upper West erhält letztlich nicht das gleiche Fassadenmaterial wie das was bisher zu sehen ist.

  • ^ Man hätte auch die Höhen varieren können. Wenn ich mir diese Darstellung anschaue - der Teil vorne mit Herauskragung scheint ohnehin minimal höher als der Rest zu sein. Ich hätte ihn noch 2-3 Etagen höher gemacht und die Fassade anders belegt - schon gewänne das Ensemble an Spannung und die breit verstandene Europacity eine kleine Dominante.
    Die Verbindung zum großen S könnte tatsächlich stärker verglast sein als die beiden Teile.

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    Die städtebauliche Intention des Masterplans war eben eine möglichst einheitliche Traufhöhe um u.a. auch den neuen HbF als Höhen- und architektonische Dominante des neuen Quartiers (Europacity) in den Mittelpunkt zu stellen.

  • ^ Die Prämissen sind etwas inkonsistent - sonst ist öfters über eine Hochhaus-Skyline in der Europacity die Rede, z.B. hier. Wie kann sie entstehen, wenn die Bauten den HBf nicht überragen dürfen? (Man hält den HBf doch nicht für sowas wie den Kölner Dom, den kein einziges Bauwerk überragen darf? Erst wenn er zum Weltkulturerbe werden sollte, könnte man die Vorgabe als begründet ansehen.)


    Höchstens könnte eine einheitliche Traufhöhe entlang der Spree angestrebt werden. Dann hätte ich das S und den Miniturm getauscht (S vorne an der Spree) - allerdings den Turm 3-5 Etagen höher als S gestaltet, damit man ihn doch besser wahrnimmt.


    Für die verstärkte Wirkung des Hauptbahnhofs wäre übrigens erst recht geboten, die Fassaden entlang des Spreeufers kleinteilig und stark variert zu gestalten - was die Dimensionalität des Bahnhofs hervorheben würde.

  • Nochmal zur Fassade

    Hallo zusammen,


    der heutige Dauerregen hat auch was Gutes: man konnte an den schon montierten Fassadenelementen sehr schön erkennen, dass diese definitiv aus einem porösen, saugfähigen Material zu sein scheinen. Bereiche, die naßgeregnet waren, erschienen dunkler.


    Gruß


    Thrax

  • ^ Die Prämissen sind etwas inkonsistent - sonst ist öfters über eine Hochhaus-Skyline in der Europacity die Rede, z.B. hier. Wie kann sie entstehen, wenn die Bauten den HBf nicht überragen dürfen?


    Weil die Spree- die Sahneseite werden sollte. Hier wollte man kein Gebäude, welches sich bezogen auf die Traufhöhe von den anderen absetzt. Zudem sollte der Humboldthafen mit den gleichen Traufhöhen eine einheitliche Fassung bekommen um ihn klarer als geschlossenen Raum klarer zu definieren.

  • Warum sollten Megastrukturen nur in den Achtzigerjahren erlaubt sein? Warum sollten Megastrukturen an einem Ort wie dem Humboldthafen heute nicht mehr sinnvoll sein? Ich würde gerne wissen, inwiefern die Abkehr vom Ungers-Entwurf dazu beigetragen hat, am Humboldthafen Architektur zu realisieren, die diesem Ort angemessen ist?


    1. Von "erlaubt sein" war gar keine Rede; es ging um Zeitgeschmack. Ungers Messe-Torhaus in Frankfurt, oder auch die Galerie der Gegenwart in Hamburg, finde ich nach wie vor gelungen. Seine Vorstellung von horizontal bestimmten Fassaden erscheint mir dagegen heute eher eintönig: Das Quadrat als Rastermaß, aufgelockert höchstens durch einige Elemente, die sich rhythmisch wiederholen – stellt man sich eine solche Fassade auf einem Kilometer Länge rund um den Humboldthafen vor, wäre die Begeisterung heutzutage wohl eher gering.


    2. Ich würde nicht von einer Abkehr vom Ungers-Plan sprechen, sondern von einer Auflockerung. Ungers' Grundstruktur bleibt erhalten, nur wird das eine Riesengebäude in sechs kleinere zerlegt (die für sich genommen freilich immer noch sehr groß sind). Dadurch bleibt die städtebauliche Einfassung des Hafenbeckens, wie Ungers sie geplant hatte, erhalten – zusätzlich ergibt sich aber die Möglichkeit, mehr Abwechslung ins Bild zu setzen. Zudem finde ich, bei der überarbeiteten Fassung ist die Anbindung an die Invalidenstraße besser gelöst: Sie greift die klassische Berliner Blockstruktur auf und sieht zwei Zugangsstraßen zu einer Terrasse am Hafenbecken vor - wäre man noch Optimist, könnte man hier auf so eine Art Berliner Jungfernstieg hoffen.


    3. Bisher haben weder Ungers selbst noch die Auflockerung seines Planes viel zur Realisierung von Architektur beigetragen. Die Auflockerung schützt aber immerhin davor, dass eine Fehlentscheidung später den ganzen Hafen verhunzt. Das OVG-Haus halte ich zwar nicht für eine Katastrophe, aber auch keinesfalls für mehr als Mittelmaß. Nun – den Stadtplanern bleiben fünf weitere Möglichkeiten, aus der Gegend was zu machen.


    4. Was den unger'schen Gesamtplan inkl. Washingtonplatz angeht: Das Meininger-Hotel muss, kann und wird gesprengt werden – zumindest in ein oder zwei Jahrzehnten. Soviel ist Berlin dem alten Meister schuldig! :cool:

    4 Mal editiert, zuletzt von Architektenkind ()

  • Von "erlaubt sein" war gar keine Rede; es ging um Zeitgeschmack.


    Wenn ich von "erlaubt sein" spreche, dann meine ich natürlich den Zeitgeist. Denn auch der Zeitgeist kann Dinge erlauben oder verbieten.


    Das Quadrat als Rastermaß ... stellt man sich eine solche Fassade auf einem Kilometer Länge rund um den Humboldthafen vor, wäre die Begeisterung heutzutage wohl eher gering.


    Wie kommst du darauf, daß beim städtebaulichen Entwurf von Ungers automatisch auch die Fassaden von Ungers gestammt hätten? Eine Umsetzung des Ungers-Masterplans heißt doch noch lange nicht, daß Herr Ungers auch die Einzelarchitekturen gestaltet hätte (auf diese Tatsache wurde hier bereits von anderer Stelle hingewiesen). Wenn wir also gar nicht wissen, ob Herr Ungers tatsächlich die Fassaden entworfen hätte, dann ist es auch nicht sinnvoll, über die Eintönigkeit der Ungerschen’ Quadratfassade zu diskutieren.


    Ich würde nicht von einer Abkehr vom Ungers-Plan sprechen, sondern von einer Auflockerung


    Der Ungers-Masterplan sah vor, daß am südlichen Ausgang zur Spree hin die Hafen-Einfassung sogar über das Wasser läuft. Es hätte ein Eingangstor gegeben, daß sich übers Wasser spannt. Dieses Highlight fehlt jetzt leider komplett!


    Es handelt sich leider nicht nur um eine Auflockerung. Die Pläne wurden so lange zusammengestrichen, bis nur noch Mittelmaß vorhanden ist.


    Und am Ende bleibt die bittere Erkenntnis, die Kleist bereits schon ein paar Seiten zuvor formuliert hat:

    Dem gesamten Gebiet fehlt ein echter Hingucker. Am Humboldthafen wird genauso gebaut wie in allen anderen zentralen Bereichen der Stadt.


  • Der Ungers-Masterplan sah vor, daß am südlichen Ausgang zur Spree hin die Hafen-Einfassung sogar über das Wasser läuft. Es hätte ein Eingangstor gegeben, daß sich übers Wasser spannt. Dieses Highlight fehlt jetzt leider komplett!


    Zwei Sachen:
    1. Zu deinem Beitrag:
    Ich glaube nicht dass es wirklich zu so einer Torsituation gekommen wäre. Es sieht zwar von schräg oben bei Ungerns sehr schön aus, aber vom Spreebogenpark sieht man ja bereits jetzt schon nicht das Wasser des Humboldthafens. IMHO würde Ungers Plan das Hafenbecken noch mehr abriegeln.


    2. Der Umgangston in diesem Forum ist nicht wirklich sehr einladent. Ich glaube das verschreckt viele die sich für das Thema Architektur interessieren, wenn man sieht wie einem hier oft mit Hohn und Spott begegnet wird.

  • Die Pläne wurden so lange zusammengestrichen, bis nur noch Mittelmaß vorhanden ist.


    Ernstgemeinte Frage: Gibt es für die übrigen Grundstücke schon Entwürfe? Hat es bereits Wettbewerbe gegeben und sind schon Entscheidungen gefallen? Du schreibst zurecht, dass man den Ungers-Masterplan nicht verdammen sollte, wenn man die Gestaltung der Fassaden nicht kennt. Gleiches gilt aber auch für den aktuellen Plan: Wenn etwa die drei Blöcke hin zur Invalidenstraße einfach mit monolithischen Bürogebäuden bebaut würden, dann hätte ich damit ein Problem und würde Deinem Urteil ("Mittelmaß") wohl zustimmen.


    Gäbe es dort aber z.B. moderne Interpretationen des Gründerzeitblocks, sprich kleinteilige Fassaden, und würden diese Fassaden dann auch noch hohen Ansprüchen an die Gestaltung genügen, dann sähe die Sache anders aus. In diesem Sinne: Erstmal abwarten – über Informationen wäre ich natürlich dankbar.


    Edit: Habe gesucht und gefunden (Mod-Edit: DAF-Thread) – zwei der drei nördlichen Blöcke baut Hadi Teherani. Was man anhand der Renderings erkennen kann, ist nicht unbedingt das, was ich mir wünschen würde. Andererseits ist Teherani natürlich ein großer Name und nicht dafür bekannt, billige Investorenarchitektur ins Werk zu setzen. Bei solchen Bauten kommt es m.E. sehr darauf an, wie die Details ausgeführt sind, und die lassen sich auf den Bildern nicht erkennen. Ich halte mich mit einem Urteil also erstmal zurück.

    Einmal editiert, zuletzt von Architektenkind () aus folgendem Grund: Neue Informationen ergänzt

  • ^ Etwas weiter oben lese ich:


    Zudem sollte der Humboldthafen mit den gleichen Traufhöhen eine einheitliche Fassung bekommen


    Wenn schon einheitliche Fassung als Stichwort fällt, werden die Architekten eher ähnliche Bauten entwerfen - dass ein Projekt mehrere Fassaden erhält, ist erst recht nicht zu erwarten. Zum Vergleich - in Düsseldorf sind in wenigen Jahren von verschiedenen Investoren an weit entlegenen Standorten etwa ein Dutzend Bürobauten mit den gleichen weißen Rasterfassaden wie hier abgebildet entstanden - die meisten der in dieser Zeit gebauten. Wie kann es an einem Ort besser sein, wo Vereinheitlichung als offizielle Prämisse gilt? Es wäre womöglich besser, würde man genauso offiziell einheitlich durch Vielfalt ersetzen, noch bevor die weiteren Bauten entworfen werden.


    Erg.: Zumindest unterscheiden sich die Visualisierungen von Hadi Teherani vom ersten Bau. Es wäre besser, würde ein Architekt nicht mehr als einen Baublock entwerfen - die zwei von Hadi Teherani sind zum Verwechseln identisch.

  • Danke für den Link.


    auf der verlinkten Website der Fa. Hentschke-Bau findet sich eine
    interessante Begründung für das Design:
    "Ziel des Bauherrn war eine architektonisch ansprechende Fassade, welche sich durch ihr Erscheinungsbild und ihrer Präsens in die Umgebung einfügt und dort einen Blickfang darstellt. Um diesem Anspruch gerecht zu werden kommt ein hochfester Beton zum Einsatz für welchen nur weiße Bestandteile verwendet werden."


    Ist ja ganz logisch. Natürlich kann ausschliesslich weisser Beton ein Gebäude zum Blickfang machen.. ;-)

  • Hallo,


    hier wurde ja mal die Vermutung (bzw. Hoffnung) geäußert, die weiße Glasfaserbetonfassade käme nur auf der Nordseite zum Einsatz. Dies ist nicht der Fall. Wenn ich es aus der S-Bahn richtig gesehen habe, dann wird seit ein paar Tagen auch die Ost- und West-Fassade entsprechend verkleidet.


    Gruß


    Thrax