Wirtschaft, Politik, Forschung, Gesellschaft

  • Jeder neuaufgenommene Patient wird getestet und wenn einer nach Leitersturz mit Beinbruch ins Krankenhaus kommt und positiv getestet wird, gilt dieser Patient als Corona-Patient.

    Dafür hätte ich gerne einen Beleg.

    Und die Impfung hat auf die Transmission (Ansteckung und Weitergabe des Virus) keine Auswirkung.

    Und dafür auch. Schließlich senkt die Impfung - zumindest noch für Delta - erheblich die Virenlast.

  • ^ Vorgestern las ich einen Artikel, der zumindest etwas zum ersten Punkt beiträgt. Demnach habe bereits Ende 2021 Henrik Ullum, Leiter des mit dem RKI vergleichbaren Dänischen Statens Serum Instituts (SSI), eingestanden, dass die Hospitalisierungszahlen nicht aussagekräftig seien, weil die Unterscheidung nach Erst- und Zweitdiagnose – beziehungsweise der Hinweis fehle, ob es sich um reine Zufallsbefunde handelte. In Dänemark würde diese Unterscheidung nun getroffen, während das RKI diesen Unterschied bis heute nicht ausweise. Die Unterscheidung, ob die Patienten "mit oder wegen Corona" eingeliefert wurden, sei aber "im Einzelfall schwierig", und der Grund der Einlieferung spiele für den Aufwand, der getrieben werden müsse, um positiv getestete Patienten in den Krankenhäusern zu isolieren, keine Rolle.

  • Architektenkind Ohne aussagekräftige Statistik ist das leider schwierig zu sagen. Gerade wenn aktuell die allermeisten Patienten mit Corona in der Normalstation auftauchen und zugleich ohnehin Rekordinzidenzen vorliegen, liegt dieser Verdacht der Nebendiagnose als Teilbegründung aber schon ein Stück weit Nahe. Das führt aber jetzt etwas weit, zumal selbst die Behörden da noch nicht völlig durchzublicken scheinen. Es gibt ja schon die politische Forderung, dass es auch hier genauer aufgeschlüsselt wird, damit Corona NICHT abgetan wird. Man kann also schon davon ausgehen, dass Corona auch zunehmend ein Problem für die Normalstationen werden könnte. In Berlin soll es dafür schon erste Anzeichen geben. Genaueres wird sich aber sicher noch zeigen.

  • In Großbritannien werden etwa 50% der Fälle in Krankenhäusern zufällig entdeckt, also die Leute waren wegen anderer Sachen dort und wussten nicht, dass sie krank sind. In Süd-Afrika war diese Zahl sogar noch höher, um die 70% wenn ich mich richtig erinnere. Das gilt natürlich nur für Omikron, nicht für Delta.

  • Vor ein paar Wochen hieß es, dass die nächsten Wochen für den Verlauf der Pandemie entscheidend werden dürften. Falls das so ist, sieht es mE eher gut aus:

    -In Berlin steigt die Inzidenz jetzt kaum noch oder fällt eher schon wieder, die Zahlen der Intensivpatienten und Sterbezahlen stagnieren zudem seit Wochen auf einem vergleichsweise eher niedrigen Niveau nachdem sie davor auch schon eher rückläufig waren und lediglich die wenig aussagekräftige (s.o.) allgemeine Hospitalisierungsinzidenz spielt weiter verrückt. Was die Immunisierung angeht, stehen über 75 Prozent doppelt geimpfte sowie inzwischen schon 54 Prozent Geboosterte neben immer mehr Genesenen sowie den recht vielen noch ungeimpften (Klein-)Kindern mit nahezu ausschließlich milden Verläufen. Ich würde vorsichtig behaupten, dass man hier aus dem Gröbsten raus sein müsste.

    -In Brandenburg mit der deutlich niedrigeren Impfquote liegen Gesamtinzidenz und speziell Hospitaliserungsinzidenz weit unter dem Berliner Wert und die Zahlen der Intensivpatienten und Sterbefälle sind dort in letzter Zeit ganz massiv zurückgegangen. Ob hier auch schon bald alles ausgestanden ist oder es durch Immunisierungslücken noch neue Infektionsherde geben könnte, kann ich jedoch nicht beurteilen. Die Wahrscheinlichkeit dürfte zumindest höher als in Berlin sein, wenn man die bekannten Daten zu Grunde legt (wie hoch die Immunisierung tatsächlich ist, weiß man leider mangels Studien nicht).


    Was mir persönlich absolut nicht zusagt, ist der entgegen internationalem Beispiel (selbst Österreich) weiter zunehmende Druck auf die Bevölkerung und die immer unberechenbarer sowie unübersichtlicher werdende Regulierungswut. Insbesondere der verfassungsrechtlich hochproblematische Alleingang des RKI bzgl. Genesungszeiten sowie die immer fragwürdigere Debatte um eine Impfpflicht kosten mE unnötig weiteres Vertrauen und heizen die gesellschaftliche Spaltung immer weiter an, während das Virus längst Tatsachen schafft und sich die Welt anderswo schon wieder weiter dreht. Bei einem Herr Wieler frage ich mich ohnehin langsam, was die Politik noch alles mit sich und dem Bürger machen lassen will. Nachdem er Gerichtsurteile schon mit alarmierender Polemik als dreiste Anmaßungen "kleiner Richterlein" betitelte und sich anschließend mit der Redefreiheit herausredete, handelt er jetzt ohne Absprache mit dem Gesundheitsminister und gewählten Volksvertretern sowie gegen den jüngsten Konsens der gesamten EU. Deutschland mal wieder im Alleingang und das in dem Fall auf Beschluss einer einzelnen Behörde. Politische Reaktionen durch die Verantwortlichen gab es bislang mE jedoch auch keine nennenswerten. So lange es dem Ziel dient, sind inzwischen wohl alle Mittel Recht. In meinen Augen wird es dagegen dringend Zeit, dass die angeblich ja nicht mehr nötigen roten Linien wieder eingezogen werden. Sonst sehe ich Deutschland zunehmend vor einer Grundrechte- und Verfassungskrise.

  • ^

    Das mit den 3 Monaten Genesenenverkürzung ist Lauterbach, nicht Wieler. Über Lauterbach muss man wissen, dass er ein ziemlicher "Neurotiker" ist. Dazu eine kleine Anekdote: Vor etwa 10 Jahren sah ich ihn in einer Talkshow zum Thema Ernährung. Dort hat er breit ausgeführt, warum er persönlich darauf Wert legt seinen Salzkonsum zu reduzieren, weil er Studien gelesen hat und zuviel Salz auf Dauer die Blutgefäße spröde machen würde, wie einen alten Fahrradschlauch. So weit so gut. Ich selbst esse auch wenig Salz. Er erzählte dann aber auch, dass er beim Restaurantbesuch (Lauterbach verkehrt viel in Restaurants) jedes mal dem Kellner auftragen würde, dem Koch zu übermitteln, dass er die Nudeln auf keinen Fall in Salzwasser kochen darf. Auf die Nachfrage eines anderen Studiogastes, ob das nicht ständig Umstände machen würde, erwiederte Lauterbach sinngemäß, dass er nur in guten Restaurants eingekehrt und dort wäre sowas möglich. Und die Deutschen denken, Spahn wäre schlimm gewesen. ^.^ Nicht falsch verstehen, ich mag Lauterbach. Als Type. Aber mir war immer klar, dass das ne "Zirkusnummer" werden würde mit ihm als Gesundheitsminister.

  • Berlinier Das ist so nicht korrekt. Der Vorstoß kam zunächst allein vom RKI, nachdem die Regierung diesem entsprechende Macht übertragen hatte. Herr Lauterbach hat als erste Reaktion auch deutlich gemacht, vorab nicht über die Entscheidung informiert worden zu sein - ebenso wie es auch sämtlichen Bundesländern und aktuell immens vielen betroffenen Bürgern ging. In Folge hat sich Herr Lauterbach dann jedoch hinter das RKI gestellt und betont, die Verkürzung sei wissenschaftlich begründet (ein Standpunkt den Lauterbach und RKI international ziemlich exklusiv haben und den auch seriöse(!) Deutsche Experten als sachlich falsch und rein politisch motiviert bezeichnen - siehe u.a. hier und hier). Problematisch ist aber neben der Frage der wissenschaftlichen Grundlage auch schon die Machtfrage für sich: Darf es in Deutschland sein, dass eine Behörde solche hoheitlichen Aufgaben übernimmt und wie nun faktisch geschehen von heute auf morgen solche Einschränkungen von Grundrechten beschließen kann? Sechs Bundesländer schätzten dieses Vorgehen jedenfalls brisant genug ein, um in einer offenen Konfrontation dagegen vorzugehen - zehn Bundesländer knickten dann doch ein und schlucken somit faktisch die Entscheidung. Für mich kommt diese Eskalation an (geradezu übergriffigen) Grundrechtseinschränkungen zur absoluten Unzeit. Um uns herum wird fast schon flächendeckend gelockert, teils bei weit höheren Inzidenzen. Und bei uns wird die Rhetorik und das Vorgehen immer hysterischer.


    Ein paar weitere konkrete Beispiele, auch um den Berlinbezug nicht zu sehr zu verlieren:

    -Kurz vor den Ferien überschlagen sich die Berliner Gesundheitsämter und die Senatsverwaltung für Bildung mit chaotischen Maßnahmen: Erst wird das Testverfahren umgeworfen, sodass noch nicht nachweislich selbst infizierte Kinder (Sitznachbarn, Geschwister) nicht mehr in Quarantäne gehen. Dann wird im Gegenzug aber die Präsenzpflicht gleich mal bis Ende Februar aufgehoben. Zwei völlig gegensätzliche Signale, die pures Chaos für Eltern und Schulen bedeuten. Dagegen kann man fast nur noch schmunzeln, wenn jetzt erst/noch mehr Luftfilter ankommen und digitale Dienstgeräte verteilt werden.

    -Frau Giffey schlug kürzlich Alarm, dass man im Bereich der kritischen Infrastruktur notfalls auch Infizierte zur Arbeit schicken müsse. Dabei ist dies gerade in Berlin aktuell und absehbar überhaupt nicht notwendig und somit wie die pauschalen Impfangebote für Grundschüler und Kitakinder mehr Aktionismus und Alarmismus als in irgendeiner Form sinnvoll oder hilfreich. Es gibt umgekehrt bspw. in Bayern sogar schon wieder große Gebiete wo flächendeckend auch wieder verschiebbare Operationen durchgeführt werden dürfen.


    Übrigens: Auch der Expertenrat vom wissenschaftlichen Dienst des Bundestags kommt bei der Bewertung der Kommunikation wie auch der Maßnahmen zu einem vernichtenden Urteil und sieht das Vorgehen der politischen Akteure verkürzt und vereinfacht ausgedrückt weder von wissenschaftlichen Erkenntnissen noch gesundem Menschenverstand oder aber unserer Verfassung gedeckt (hier wunderbar nachzulesen in der FAZ)! Ich persönlich wundere mich sehr, dass diese Zustände nicht deutlich mehr Protest auslösen. Vermutlich weil man diesen Protest zu lange den falschen Gruppen überlassen hat und zunehmend auch einfach müde vom ganzen Thema ist. Für mich ist das langsam alles wie ein einziger Albtraum: surreal und unbegreiflich. Ich bekomme in meinem beruflichen und privaten Umfeld in Berlin tagtäglich mit, wie müde und überfordert viele Menschen inzwischen sind und wie stark das Vertrauen bereits gelitten hat. Ich befürchte, dass uns das noch Jahre begleiten wird und die gesellschaftlichen Folgen weit schlimmer sein werden als es öffentlich in Medien und Politik diskutiert wird.

  • Omikron in Berlin vor dem Wendepunkt? - Chaos um "Kleine Impfplicht"

    Wird es bald etwas mit der lang ersehnten Rückkehr zur Normalität? Nachdem uns die Politik ja inzwischen immerhin schon einen schönen Sommer verspricht, könnte es nun vielleicht sogar schon auf ein deutlich entspannteres Frühjahr hinauslaufen. Leider ist die Datenlage ja ziemlich unübersichtlich und deren Interpretation dann nochmals eine andere Geschichte. Aber Bürgermeisterin Giffey und Gesundheitssenatorin Gote deuten die Entwicklung inzwischen so, als wenn Berlin den Höhepunkt der Omikron-Well wohl bereits schon überschritten haben dürfte. Die geschundene Infrastruktur hat den Stresstest bislang überstanden, zumal ja wie anderswo trotz extrem hoher Inzidenzen zumindest die Intensivstationen nie wirklich wie in früheren Wellen gefordert wurden. Auch wenn die vollständige Impfquote fast stagniert (76%) und die Boosterquote (56%) nun ebenfalls langsamer ansteigt, dürfte die Immunisierung nun auch durch die extrem vielen Genesenen immer höher steigen.


    Herausfordernd dürfte dagegen zumindest aus heutiger Sicht der nahende Beginn der berufsspezifischen Impfpflicht werden. Nachdem Bayern und Sachsen ausgerechnet als zuvor jeweils starke Verfechter der Impfpflicht schon mehr oder weniger kapitulieren (in Sachsen etwa sind wohl nach Schätzungen ein Drittel der Pflegekräfte nicht geimpft, in Berlin zum Vergleich laut einer Studie der Charité vermutlich immerhin rund 20% - bei überall dünnen Personaldecken), mehren sich mit Heranrücken der Frist nun überall die Zweifel an der Umsetzbarkeit. Zur Erinnerung: Verantwortlich werden die Gesundheitsämter sein. Ja, die gleichen Gesundheitsämter, die schon jetzt völlig überfordert von der geforderten Datenverarbeitung sind. Man rechnet mit zehntausenden Einzelfallentscheidungen, die rechtssicher zu bearbeiten sind, ohne dass es klare politische Vorgaben/Leitplanken (ganz zu schweigen von einheitlichen Vorgaben) geben würde. Selbst wenn die Betriebe die Umsetzung leisten könnten (Spoiler: können sie nach eigener Einschätzung wohl eher nicht), werden schon die zuständigen Behörden wohl mit Ansage scheitern. Bayern und Sachsen sind nur die ersten Bundesländer, die das einsehen und das selbst beschlossene Gesetz nun als großes Problem wahrnehmen...

    Laut Berliner Zeitung droht gerade bei den Pflegekräften ein Desaster

    Der Focus zitiert Branchenvertreter mit Begriffen wie "Chaos" und "Wahnsinn"

    Die Zeit ist sich u.a. daher sicher, die allgemeine Impfpflicht sei tot


    Leider zeigt auch diese Krise wieder, dass Deutschland zunächst dringend seine Verwaltungen modernisieren und ertüchtigen muss, damit man überhaupt noch effektiv arbeiten/regieren/verwalten kann. It's the economy data, stupid. Auch hier kann man nur hoffen, dass die richtigen Lehren aus dem Stresstest gezogen werden.

  • Leider zeigt auch diese Krise wieder, dass Deutschland zunächst dringend seine Verwaltungen modernisieren und ertüchtigen muss, damit man überhaupt noch effektiv arbeiten/regieren/verwalten kann.

    Dänemark hat das modernste Gesundheitssystem der Welt, inklusive elektronischer Patientenakte usw. mit allem wovon wir seit Jahrzehnten träumen.

    Ich bin froh, dass wir das (noch) nicht haben. Vor Daniel Düsentrieb im Gesundheitsministerium, der täglich auf neue warnt, dass morgen eine Tsunamiwelle "frisch Genesener" auf den Intensivstationen einschlagen könnte, möchte ich nicht "gläsern" sein.

    Ich bin auch froh darüber, dass die absurde Scharade um eine allgemeine Impflicht aller Vorraussicht nach daran scheitern wird, -wenn die Deutschen schon zu konfirmistisch, anmaßend und geschichtsvergessen ihrer größten Denker sind, um von allein auf den Trichter zu kommen, dass sowas in einer freiheitlichen Demokratie nichts zu suchen hat. Im (vor allem englischsprachigen) Ausland hat man die Impfpflicht-Debatte hierzulande übrigens mit großer Befremdung wahrgenommen. Zusammen mit dem peinlichen Eiertanz die Ukraine betreffend, dürfte diese Administration die Erste seit langem sein, dessen "Bekenntnis zur freiheitlichen, westlichen Werteordnung" in der internationalen Betrachtung, vor allem unserer transatlantischen Verbündeten, deutliche Bruchstellen bekommen hat. Dänemark hat am 01.02.2021 alle Coronamaßnahmen aufgehoben. In Deutschland wird aktuell gefordert, den Ausnahmezustand bis über den 19.03.2021 hinaus zu verlängern. Zwar heißt das nicht, dass auch die Maßnahmen darüber hinaus bleiben, aber es sieht aktuell ziemlich danach aus.


    Die Deutschen sind stolz auf die "Pflichtethik eines Immanuel Kant". Dabei beurteilt Kant die "moralische Wertung" einer Handlung nach der Handlung selbst, nicht nach dem Ergebnis. Was hätte er wohl zur Impflicht gegen ein mittlerweile nur noch mildes Grippevirus zu sagen? Wir wissen es nicht. Aber es gibt Hinweise. In seiner Erklärung zum kategorischen Imperativ stellte Kant zwei wichtige Regeln für "Handlungsmaxime" auf.

    1. Es bedarf der widerspruchsfreien "Denkung" als allgemeines, öffentliches Gesetz.

    2. Der Wille/Ausdruck dieser Handlungsmaxime darf sich nicht selbst im Weg stehen.


    Wenn man ehrlich ist, sind beide Punkte nicht erfüllt. Nicht nur, dass beide Formen der Impflicht, allgemein und die für Pfleger gesellschaftlich hoch umstritten und die Ausformulierung als Gesetz so fern von "widerspruchsfrei" ist, dass ein Söder, sowie die Kassen und Gesundheitsämter mittlerweile offen dagegen rebellieren. Auch der zweite Punkt wird nicht erfüllt, denn das Gesetz steht sich offenkundig selbst im Weg. Ziel ist es die Versorgung der Patienten zu verbessern. Wie kann dieses Ziel erreicht werden, wenn man Teile des Personals rausschmeißt?!


    Das Bundesverfassungsgericht hat mit Hinweis auf Kants Pflichtethik einmal den Fall durchgespielt, dass ein Flugzeug entführt würde und über einem Wohngebiet zum Absturz gebracht werden sollte. Kern der Untersuchung war, ob ein Abschießen in der Luft gerechtfertigt wäre, um wenigstens die Menschen am Boden vor dem Einschlag zu retten. Das Gericht kam -unter Bezug auf Kant- zu dem Schluss, dass ein Abschuss als Mord zu werten wäre und in keinem Fall gerechtfertigt wäre. Der Zweck heiligt nicht die Mittel. Oder: Es gibt kein richtiges Leben im falschen

    Einmal editiert, zuletzt von Berlinier ()

  • Was hätte er wohl zur Impflicht gegen ein mittlerweile nur noch mildes Grippevirus zu sagen?

    Erstens ist ein Sars-Cov-Virus kein Grippevirus, ob milde oder nicht. Zweitens gibt es zwar einige Hinweise darauf, dass Omikron milde bleibt; ob die Sache als Ganze damit ausgestanden ist, bleibt aber in der Wissenschaft umstritten.


    Drittens und vor allem lässt sich mit Kant nicht argumentieren, ob es eine staatliche Impfpflicht oder Maskenpflicht geben sollte. Solchen Rechts-Pflichten zu folgen, weil sie Gesetzeslage sind, ist bei Kant heteronomes Handeln und damit zwar "pflichtgemäß", aber moralisch zweitklassig. Wie Du richtig schreibst, geht es bei der Pflichtethik um die Handlungen und Maximen von Individuen, nicht um Recht und Gesetz. Kant will, dass man autonom, also aus einer selbstgesetzten Pflicht heraus handelt. Die Frage wäre also, ob ich eine Maske tragen und mich impfen lassen sollte - unabhängig von der Rechtslage.


    Hier wäre bei Kant der Kategorische Imperativ zuständig, zum Beispiel: "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde." Eine solche Maxime könnte, bezogen auf eine Pandemie, lauten: "Ich möchte weder mich selbst anstecken noch andere gefährden, also ergreife ich die zur Verfügung stehenden Schutzmaßnahmen, trage Maske und lasse mich impfen." Wenn ich das so für mich beschließe, ist es laut Kant egal, ob es eine gesetzliche Pflicht dazu gibt - ich handle autonom und "aus Pflicht" (Kant wäre begeistert).


    Was mich betrifft: Ich bin sehr für's Impfen. Aus oben genannter Maxime. Eine Impfflicht halte ich dagegen derzeit für falsch - weil Omikron a) relativ milde ist und b) auf den Impfstoff nicht voll anspricht. Sollte später nochmal eine aggressivere Variante mit passendem Impfstoff auftreten, könnte ich das anders sehen. Kant hin oder her.

  • Architektenkind Ich stimme Dir weitgehend zu. Mit der Einschränkung, dass inzwischen auch seriöse Stimmen Omikron mit der Grippe vergleichen. In Südafrika haben das die Fachleute übrigens von Anfang an betont und konnten die Hysterie nie verstehen. Bislang haben sie vollumfänglich Recht behalten, was immer mehr Länder auch eingesehen haben. Bei uns wird dagegen noch Monate und Millionen Daten später immer weiter eskaliert und bspw beim Genesenenstatus selbst noch die strenge Vorgabe der EU unterboten (3 Monate vs 6 in der EU vs 12 in der Schweiz vs. 20 Monaten Antikörpernachweis in Studien). Aber am Deutschen Wesen soll die Welt genesen und was wissen schon irgendwelche 'Ärzte' und 'Wissenschaftler' in Südafrika?


    Was die Zukunft betrifft, müssen wir uns alle überraschen lassen. Man darf mE jedoch nicht heute aufgrund abstrakter möglicher Verschlechterungen schon vorbeugend Rechte und Freiheiten einschränken bzw. NOCH weiter einschränken wie aktuell bei uns der Fall. Es sollte vielmehr wie in anderen Ländern mit der aktuellen Lage und vor allem der seriös absehbaren Belastung/Überlastung der Infrastruktur einhergehen - proportional und nicht anti-proportional. Jedenfalls würde sich das Grundgesetz so wohl entscheidend wohler fühlen.


    Ich würde mir sehr wünschen, dass man die Menschen (bei vertretbarer Datenlage und Abwägung aller Gefahren) wieder viel stärker aus eigener Verantwortung handeln lässt. Man kann eine Gesellschaft mit falsch verstandener/übertriebener Fürsorge auch ersticken. Ich denke da beispielsweise als dystopisches Extrem an Huxleys Brave New World wo die sterile risikofreie vollkontrollierte Welt u.a. mit dem Reservat der armen, leidenden aber dafür lebenden 'Wilden' verglichen wird. Davon sind wir zumindest in Deutschland zugegeben noch deutlich entfernt, doch in Ansätzen gehen der Trend bei Rhetorik wie Regulierung klar in Richtung immer mehr Kontrolle und Zwang für (vermeintlich) mehr Stabilität. Bei uns ist es freilich nicht gleich die Wahl zwischen Weltstaat oder Reservat, sondern zunächst die zwischen Deutschland oder Schweden/Dänemark/Großbritannien. Dabei schneiden wir mE aber zumindest aktuell alles andere als gut ab. In Kopenhagen oder London kann ich wieder ohne Maske und App ins Museum oder Kino. In Berlin muss ich beim 160 Hektar großen Tierpark erstmal einen 2G-Nachweis zeigen (Test geht nicht) und dann draußen auf praktisch leeren dutzende Kilometer langen und äußerst breiten Wegen trotzdem noch überall eine Maske tragen. In jeder der drei Städten sind die Intensivstationen weit weg von einer Triage o.ä. auch wenn die Inzidenz in Dänemark und UK zeitweise mehrfach höher liegt/lag.


    Ich habe jedenfalls leider wie u.a. der einstige Erfinder von "Flatten the curve" den Eindruck, dass gerade bei uns die Politik die Machtinstrumente zu lieb gewonnen hat bzw. zu versessen auf die Kontrolle der einen Thematik ist, sodass inzwischen im Verhältnis ein deutlich zu hoher Preis an sozialer Lebensqualität und individueller Autonomie gezahlt wird. Und ohne Autonomie verlieren Deine Ausführungen über Kant im realen Leben leider deutlich an Relevanz: "Wenn ich noch frei entscheiden dürfte, würde ich dann immer noch exakt wie vorgeschrieben handeln?" Etwas witzlos. Und immer öfter wäre die Antwort bei mir eher "Nein".

  • Erstens ist ein Sars-Cov-Virus kein Grippevirus, ob milde oder nicht. Zweitens gibt es zwar einige Hinweise darauf, dass Omikron milde bleibt; ob die Sache als Ganze damit ausgestanden ist, bleibt aber in der Wissenschaft umstritten.

    Zu 1. Die Liste der Symptome ist identisch mit denen, die andere (milde) respiratorische Erkältungs&Grippeviren verursachen. Diese zwei Bezeichnungen haben schon immer einen ganzen Korb aus Viren umfasst, der Jahr für Jahr zirkulierte. Zu diesem "Korb" gesellt sich Omikron nun hinzu. Welchen Grund gibt es hier eine neue Bezeichnung einzuführen und wie soll die lauten? Omikrongrippe?


    zu 2. Dazu müssten wir erstmal eine Definition von "ausgestanden" festlegen. Für mich ist das der Fall, wenn sich die Bundesrepublik nicht in einer akuten Versorgungskrise auf den Intensivstationen befindet oder dieses unmittelbar droht. Problematisch wird es, wenn der Staat glaubt, jeden ü60 jährigen Impfunwilligen, der das Kunststück vollbracht hat, bis dato noch nicht genesen zu sein mithilfe von freiheitseinschränkenden Maßnahmen, die letztlich dem ganzen Land schaden dazu drängen will, sich impfen zu lassen, damit er hoffentlich, wenn alles gut geht, eine geringere Chance hat auf einer Intensivstation zu landen und gegebenenfalls dort eine Pflegekraft einspart, welche die Bundesregierung(en) durch Mißwirtschaft, Korruption und Pflegeimpflicht vorher aus dem Job gemobbt hat. Delta ist in Großbritannien übrigens auf unter 1% gefallen. Die enorme Ansteckbarkeit bei gleichzeitiger Milde verdrängt die älteren, gefährlicheren Formen und eine Genesung immunisiert zusätzlich gegen sie. Weil ein Virus nicht gleichzeitig enorm viel ansteckender und enorm viel pathogener werden kann, ist es extrem unwahrscheinlich, dass was schlimmeres und noch stärker verbreitbares als Omikron auftaucht.

    Kant will, dass man autonom, also aus einer selbstgesetzten Pflicht heraus handelt. Die Frage wäre also, ob ich eine Maske tragen und mich impfen lassen sollte - unabhängig von der Rechtslage.

    Das bringt es auf den Punkt. Eine "selbstgesetzte Pflicht" kann nur aus der inneren Einsicht heraus kommen. Sie kann nicht mit Maßnahmen erzwungen werden. Wieviele Menschen haben sich impfen lassen, einzig, weil sie sich von den staatlichen Zwängen befreien wollten? Das dürfte ein nicht unerheblicher Teil sein. Ist das im Sinne Kants?

    Und lass mich nicht von den Kindern anfangen. Aktuelle Studien aus Neuseeland ergeben keinen Unterschied in der Virenlast bei infizierten Jugendlichen unter 17 Jahren mit- und ohne Impfung. Das Risiko einer Impfnebenwirkung bei diesen Jugendlichen ist nicht = 0 (so wie die Wirkung)! Wo es genau liegt werden wir eines Tages erfahren. Als Kind würde ich nicht wollen, dass man mich einem Krankheitsrisiko aussetzt (wie hoch oder niedrig es auch am Ende sei), um ein Krankheitsrisiko zu verhindern, dass vor allem die älteren Erwachsenen betrifft. Wie ist das im Sinne des kategorischen Imperativs einzuordnen? Einen Schutzbefohlenen einem Risiko auszusetzen, um eine Wirkung für sich selbst zu generieren? Ist das noch Kant oder sind wir da nicht schon bei Nietzsche?

  • Eine "selbstgesetzte Pflicht" kann nur aus der inneren Einsicht heraus kommen. Sie kann nicht mit Maßnahmen erzwungen werden.

    Ja, aber dass Handeln "aus Pflicht" nur von Innen kommen kann (genauer aus dem Sittengesetz), ist kein grundsätzliches Argument gegen Pflichten von Außen. Das wäre ein unzulässiger Umkehrschluss. Sonst wäre zum Beispiel die gesetzliche Fürsorgepflicht von Eltern für ihre Kinder auch falsch, da "erzwungen". Oder, ganz banal, die Straßenverkehrsordnung.


    Allerdings verlangt Kant, Pflichten "von außen" durch das Sittengesetz zu prüfen. Das ist der Witz an Hannah Arendts Satz "Niemand hat das Recht zu gehorchen, bei Kant" – Arendt meinte nicht, dass ich mich dem "Zwang" verweigern müsse, bei Rot an der Ampel zu halten. Der Satz war auf Adolf Eichmann gemünzt, der vor Gericht in Jerusalem erklärte, er habe nur seine Pflicht getan (nämlich Befehle befolgt), und sich dabei auf Kant berief. So ist Pflicht bei Kant nicht gemeint.


    Würde Kant jetzt also finden, ich dürfe mich nicht impfen lassen, weil das staatlichem Willen entspricht? Nein. Denn ich tue damit gewiss nichts Sittenwidriges, und wenn es meiner eigenen Maxime entspringt, ist der staatliche Wille sogar sekundär (siehe oben).

    Als Kind würde ich nicht wollen, dass man mich einem Krankheitsrisiko aussetzt (wie hoch oder niedrig es auch am Ende sei), um ein Krankheitsrisiko zu verhindern, dass vor allem die älteren Erwachsenen betrifft. Wie ist das im Sinne des kategorischen Imperativs einzuordnen?

    Willst Du eine ernsthafte Antwort? Bei Alpha bis Delta würde ich sagen: Pro Impfung – weil eine Maxime, die Eigenschutz auf Kosten der Allgemeinheit vorsieht, in einen Selbstwiderspruch geriete, wenn man sie sich als allgemeines Gesetz vorstellt (niemand wäre mehr geschützt).


    In Zeiten von Omikron und Durchseuchung bin ich mir nicht sicher, aber mal unabhängig von Kant würde ich das dennoch nicht auf die leichte Schulter nehmen – nach wie vor über 1.000 Tote pro Woche, Tendenz zuletzt steigend.

  • Architektenkind Kinder mussten in dieser Krise wahrlich schon mehr als genug opfern, damit Risikogruppen geschützt werden. Dass sich gesunde Kinder jetzt auch noch zum reinen Fremdschutz impfen lassen sollen - wo die Stiko dies in der Altersgruppe wohlgemerkt mit gutem Gewissen nur für Risikogruppen empfiehlt - halte ich für eine ziemlich unausgewogene Maxime (zumal die Impfung ja noch nicht mal wirksam verhindert, dass man Andere anstecken kann). Die Risikogruppen hatten zudem inzwischen genügend Gelegenheit, sich selbst wirksam zu schützen. Wer dies trotzdem nicht tut, sollte das Risiko dann mE auch selbst tragen. Eher müsste es sonst eine Ü60-Impfpflicht geben als eine für Kinder. Aber auch das nur, wenn sonst die kritische Infrastruktur absehbar überlastet wird - was ja gar nicht der Fall ist.


    Um zurück zum Berlinbezug zu kommen: Frau Giffeys in allen Bezirken ausgerollte Impfkampagne in Kitas und Grundschulen ist bekanntlich nach sehr kurzer Zeit ausgelaufen, weil die Nachfrage längst nicht so groß wie erwartet ausfiel. Das obwohl von der Regierenden Bürgermeisterin bis zu Bildungspolitikern der Bezirke darauf hingewirkt und an vielen Schulen sogar (ziemlich einseitig argumentierende) 'Motivationsbriefe' an alle Eltern verteilt wurden. Für mich ist auch das ein Zeichen, dass das Vertrauensverhältnis zwischen Regierung und Bevölkerung zunehmend gestört ist. Die bisherige Strategie, immer neuen zusätzlichen Druck aufzubauen, wird mE mittelfristig zu einem massiven Autoritätsverlust führen. Gerade wenn die immer neuen Hebel dann letztendlich nicht einmal wirksam umsetzbar sind.

  • Kinder mussten in dieser Krise wahrlich schon mehr als genug opfern, damit Risikogruppen geschützt werden.

    Das empfinde ich jetzt als unangebrachten, moralistischen Vorwurf: Ich bin gefragt worden, wie das wohl gemäß Kategorischem Imperativ aussehen würde. Das habe ich versucht, ernsthaft zu beantworten. Ich habe nirgends eine Impfpflicht für Kinder gefordert, auch nicht für Alpha bis Delta. Oben habe ich gesagt, dass ich derzeit nicht mal eine Impfpflicht für Erwachsene will.


    Dass es ein "Opfer" für ältere Kinder sei, sich impfen zu lassen, halte ich dennoch für unangemessen pathetisch. Die größeren Kinder, die ich kenne, wollten alle eine Impfung und haben sie allesamt gut vertragen – wobei sie die Studie aus Neuseeland (die natürlich schon deshalb unhinterfragbar wahr sein muss, weil sie Berlinier in den Kram passt) sicher nicht kannten. Deshalb wussten sie nicht, dass sie sich für alte Säcke und kranke Klassenkameraden "opfern". By the way "opfern": Ob jetzt die seltene, aber bei Kindern inzwischen gut dokumentierte Long-Covid-Folge PIMS ein kleineres Opfer ist als die Impfung, sei mal dahingestellt.


    Im übrigen, nochmal Kant: Nicht die Folgen einer Handlung sind bei ihm entscheidend, sondern "allein der gute Wille". Dass könnten wir jetzt ewig diskutieren, aber Berlinier hat Kant aufgetischt, um irgendwas zu belegen, was sich mit Kant nicht belegen lässt. Und das wollte ich klarrücken. Mehr nicht. Was Corona-Maßnahmen angeht, bin ich derzeit selbst völlig unsicher.

  • Architektenkind Nun ja, wenn man die Möglichkeit zur Impfung für Kinder zu einer moralischen Handlungsmaxime/ einem kategorischen Imperativ (innerer Pflicht) erhebt, geht das schon irgendwo mit einem entsprechenden (Erwartungs-)Druck einher. Ja, Du wurdest gefragt - aber Du hast dann eben schon auch entsprechend geantwortet. Wobei das in so einem Diskussionsforum mE auch völlig harmlos ist und ich Dir trotz deutlich abweichender Meinung gar keinen Vorwurf deshalb machen wollte. Als Privatperson darfst Du das natürlich so empfinden und zur Diskussion stellen. Ich bin mir auch sicher, dass Du es nicht so meinst, wie es bei vielen Kindern und Familien aber leider ankommt.


    Aber einen solchen Druck hat wie gesagt u.a. Frau Giffey auch öffentlich aufgebaut. Unabhängig davon, welche womöglich guten Absichten dahinter stecken, finde ich das dann schon falsch. Die Risikogruppen können sich inzwischen anders als zu Beginn der Pandemie ja sehr wirkungsvoll selbst schützen. Da ist man mE vorrangig selbst verantwortlich, zumal die Impfung aktuell ohnehin primär einen eigenen schweren Verlauf verhindert und keine Übertragung auf Andere. Übrigens sind Kinderärzte oft gegen eine pauschale Impfung von Kita- und Grundschulkindern. Weil es nicht völlig unbedenklich erscheint und weil es mmedizinisch auch nicht notwendig ist (laut neueren Studien sind für Kinder auch Langzeitfolgen extrem unwahrscheinlich und aus eigener Anschauung kenne ich auch nur - sehr viele - problemlos genesene Kinder)..


    Daher braucht es mE keine zusätzlichen Opfer mehr von Kindern. Und nein, ich glaube auch nicht, dass die meisten kleinen Kinder von alleine diesen starken Antrieb hätten. Es wird immer so verniedlicht, dass die Kinder das gerne für Andere tun. Tatsächlich wurden in Kindern von Beginn an große Ängste erzeugt, dass sie für den Tod ihrer Großeltern etc verantwortlich sein könnten. Auch unsere Familie war lange unsicher und wir haben den direkten Kontakt zu den Großeltern damals über Monate unterbunden. Mit möglichen psychologischen Folgen haben wir uns erst später beschäftigt. Rückblickend haben Kinder wie Großeltern darunter gelitten. Deshalb muss es in der damaligen Lage trotzdem nicht falsch gewesen sein aber es war dennoch nicht folgenlos.


    Und aktuell finde ich es nur noch befremdlich, wenn von hohen Politikern feierlich verkündet wird, die Kinder würden ja sicher gerne andere Menschen schützen und den regulären Schul- bzw. Kitabetrieb unterstützen. Von anderslautenden Empfehlungen der Stiko und der niedergelassenen Kinderärzte dagegen kein Wort. Wie gesagt spricht es mE auch für sich, wenn das dann in allen Bezirken mit den vielen verschiedenen Klienteln scheitert. Das Vertrauen ist aus nachvollziehbaren Gründen zunehmend futsch. Das merke ich auch in vielen Elterngesprächen. Und das kann sich mE auch massiv nachteilig auf die politische Kultur auswirken. Da fehlt mE der menschliche Instinkt, den andere Regierungen gezeigt haben. Nicht umsonst hat Skandinavien mit viel weniger Druck und besserer Kommunikation höhere Quoten und mehr sozialen Frieden.

  • ^ Versteh' mich nicht falsch: Ich weiß, dass Kinder und Jugendliche unter den Beschränkungen besonders leiden. Seit zwei Jahren wenig Kontakt zu Freunden, kaum Partys, eine verkorkste Schulbildung, oft krasse Konflikte zuhause – je kleiner die Wohnung, desto schlimmer. Ich habe im Büro gerade ein 18-jährige FSJlerin, die durch die Pandemie wirklich prägende Jahre ihrer Jugend verloren hat. Furchtbar, ganz ohne Ironie.


    Aber eine Impfung als "Opfer bringen" zu bezeichnen, halte ich für fatal. Da ist man ganz schnell bei einer Haltung, die vor Corona nur sozialdarwinistische Anthroposophen-Muttis vertreten haben: Mein Kind wird durch eine Masern-Infektion nur stärker, und wer dran stirbt, hatte halt nicht die erforderliche Konstititution (oder schlechtes Karma).


    Sowas will ich Dir keinesfalls unterstellen – ich bitte nur um Vorsicht. In der aktuellen Debatte gehen begründete Sachargumente gegen Corona-Impfungen in bestimmten Situationen einerseits; Schwurbler-Phantasien über Impfungen als Herrschaftsinstrument der "Pharmamafia" anderseits munter durcheinander. Das muss man dringend auseinanderhalten.


    Deshalb, bitte: Sich gegen Covid impfen zu lassen (auch mit 14 oder 16) ist kein "Opfer". Die Opfer erbringen die 14-jährigen anderswo. Die Impfung ist bestenfalls ein Schutz für andere (z.B. den Asthmatiker aus der letzten Bank), manchmal ist sie vielleicht überflüssig – doch nur im niedrigen Unter-Promillebereich kann sie auch mal schädlich sein.


    P.S.: Ich habe bewusst nicht von "kleinen" Kindern gesprochen, wie Du schreibst, sondern von "älteren" bzw. "größeren". Bitte ignorier' das nicht.

  • Architektenkind Das ist dann teilweise wohl ein Missverständnis. Ich bezog mich mit "Kindern" tatsächlich nur auf den Altersbereich bis 12 Jahren. Bei Jugendlichen ist die Abwägung von Nutzen und Risiken eine andere (was sich auch in den anderen Empfehlungen durch Stiko und Kinderärzte zeigt). Ich weiß, dass man auch Teenager teilweise noch als Kinder definiert. Für mich sind das dann aber eher schon Jugendliche. Das sind letztlich halt Begrifflichkeiten, die hier aber offenbar zu Missverständnissen geführt haben. Für Jugendliche halte ich die Impfung auch grundsätzlich für sinnvoll. Der Druck wurde aber wie gesagt bis hin zu Kita-Kindern aufgebaut. Und das finde ich u.a. aus den genannten Gründen falsch. So oder so finde ich es aber gut, dass wir es schaffen, über solche kontroversen (oft auch persönlich stark besetzten) Themen sachlich zu diskutieren und die verschiedenen Standpunkte auch zu erklären und verstehen zu wollen. Ich hoffe, dass das in der Gesellschaft auch insgesamt wieder besser gelingt. Ich merke immer wieder, wie enorm groß der Redebedarf da immer noch ist - es ist aber auch ein sensibles Thema, wo es schnell emotional werden kann. Von daher danke für den gepflegten Austausch. :) Und hoffen wir, dass die Krise die Stadt im Frühjahr oder spätestens Sommer zunehmend loslässt, sodass man in jeglicher Hinsicht wieder freier atmen kann.

  • Mal wieder ein anderes Thema: Berlin hat 2021 nach mehreren Jahren der Stagnation wieder um 5.000 Menschen zugenommen. In den vergangenen Jahren ist zudem die Zahl von Menschen mit Migrationshintergrund in Berlin und Brandenburg sehr deutlich gestiegen. Bei der Gesamtbevölkerung ist deren Anteil in 10 Jahren von 25 Prozent auf 36,6% oder fast 1,4 Mio angewachsen. Dabei haben ca. 570.000 einen deutschen Pass, 811.000 einen ausländischen.


    Relevant ist dies gerade auch für den Arbeitsmarkt. Dort ist die Zahl der Ausländer (i.e. Menschen mit Migrationshintergrund UND weiterhin ausländischem Pass) allein in den letzten 5 Jahren von 161.757 auf 272.127 angestiegen (in welchem Ausmaß es auch Einbürgerungen gab, geht nicht aus der Quelle hervor). In Brandenburg ging die Zahl sogar von gut 36.000 auf knapp 72.000 rauf. Damit zeigt sich, dass die Bedeutung von Zuwanderung in der Region immer stärker zunimmt. Ohne diese sei der Aufschwung der vergangenen Jahre nicht möglich gewesen. Allerdings bedeutet das gerade für gering qualifizierte Kräfte auch, dass sie es entsprechend schwerer haben können. Es sollte also auch in Qualifizierungsmaßnahmen investiert werden.

    Berliner Zeitung zur Migrantenquote

    rbb24 zur Zahl von Ausländern auf dem regionalen Arbeitsmarkt