Wirtschaft, Politik, Forschung, Gesellschaft, Tourismus

  • Internationale Krisenstimmung und Abschottung der USA spitzt sich zu - ASML unter Druck ...
    Man muss es ja kaum erwähnen, dass sich aktuell längst nicht alle Meldungen so positiv deuten lassen. Mit besonders großer Sorge betrachte ich nach wie vor die transatlantischen Spannungen.

    Nur ein aktuelles Beispiel mit Berlin-Bezug: Die USA warfen ASML kürzlich vor, dass sie ihre weltweit führende und entsprechend streng geheime Schlüssel-Technologien für die Produktion von Nanostrukturen von Hochleistungschips entgegen der Abkommen (i.e. einseitig erhobenen und durchgesetzten US-Forderungen) nach China exportiert oder ggf. verloren hätten. ASML erwiderte in einer Mischung aus Fassungslosigkeit, unterdrückter Empörung und fast schon unterwürfiger Höflichkeit: Man wisse exakt, wo jede Einheit stehe und ob bzw. wie arbeite und habe aus der Ferne vollständige Kontrolle über jede davon (ohne Kontakt läuft sie irgendwann nicht mehr und es soll aut Gerüchten sogar eine Art "Kill-Switch" geben). Nun die Höflichkeit: Man nehme das Anliegen aber ernst. Fast schon resigniert dann noch die Nebenbemerkung, dass diese Sorge in der Vergangenheit offenbar auch schon mehrfach aufgekommen und adressiert worden sei.

    Ich höre zum ersten Mal davon und finde es extrem alarmierend. Zur Erinnerung: ASML ist aktuell das wertvollste Unternehmen Europas und operiert als Weltmarktführer in einem Sektor einer Schlüsseltechnologie. Es gibt also je nach Perspektive entsprechende Risiken oder aber Begehrlichkeiten - und natürlich sind dann die entsprechenden globalen Spannungen rund um die beiden Hauptrivalen USA und China voll zu spüren. Denn China soll die konventionelle Chiptechnologie weitgehend ausgereizt haben und nun vor einer Sackgasse stehen, wenn sie nicht zeitnah überholt werden wollen (also ein wenig wie es beim Auto zwischen hocheffiienten Verbrennungsmotor vs. neuer Batterietechnologie ablief, nur mit vertauschten Rollen). Und natürlich wird China nach gängiger Einschätzung nicht ruhen, bis sie die modernere Technologie selbst beherrschen und mit anführen.

    Nur: ASML tut dem Vernehmen nach ohnehin bereits alles, was man eben nur so tun kann. Wenn über den stetig expandierenden Berliner Fertigungsstandort gesprochen wird, nimmt man auch nicht selten Bezug auf die extrem strengen Sicherheitsvorkehrungen und Geheimhaltungsstufen. (OT: Übrigens ist ähnliches auch sonst immer häufiger über innovative Berliner Betriebe zu lesen, speziell aber nicht nur bei hybrid nutzbaren Technologien - Berlin scheint also zunehmend wieder zur Spionagestadt zu werden). Gerade der vorgeworfene heimliche Export wäre potentiell nur zum eigenen Schaden (Technologiepiraterie durch China und Sanktionen durch die USA) und somit völlig hanebüchen.

    Analysten rätseln daher nun etwas, was genau die USA erreichen möchte: Einen wie auch immer zu erbringenden Beweis, dass keine Anlagen in China gelandet sind? Oder ist es nur ein reiner Vorwand, damit sie wieder neue Zölle erheben können bzw. ein Hebel, um in Europa Stimmung für die "richtigen" politischen Kräfte zu machen, die "patriotischen Kräfte" mit "westlichem Wertekompass" also? Tatsächlich "will" ASML den USA nun wohl noch konkreter demonstrieren, warum man ihre Technologie gar nicht so leicht stehlen könne.

    Ich hoffe, dass sind nicht erste Anzeichen, dass die USA hier erfolgreich die Daumenschrauben ansetzen und Europäische Wertschöpfung sozusagen selbst abschöpfen mit dem Vorwand, dass es angeblich die anderen tun (aktuell linst Trump ja auf die Arzneimittelpreise europäischer Konzerne im transatlantischen Vergleich). Passen würde es ja. Mich erinnert es jedenfalls an das Narrativ der "besorgen Bürger" mit radikaler Agenda. Oder an filmreife mafiöse Schutzgelderpresser mit einem für die Gegenseite meist nicht besonders attraktiven aber auch nicht wirklich ablehnbaren Angebot. The art of the steal deal eben - nur eben dazu noch verbunden mit dem Drang zur öffentlichen Bloßstellung und Demütigung auf der großen Weltbühne, wie kürzlich ja auch die frühere Trump-Verbündete Meloni (einmal mehr) erleben durfte.

    Mit schwer zu verbergendem Zynismus drängt sich mir ein Eindruck auf: Der Westen darf immer mehr ahnen, wie sich beispielweise frühere "Schurkenstaaten" wie der Irak angesichts der Vorwürfe und vermeintlichen Beweise bezüglich Massenvernichtungswaffen u.ä.m. fühlte, oder letztlich ein Hussein als er vor laufender Kamera aus dem Erdloch gezerrt und dann in die gewünschte Richtung geschubst wurde (Bilder, die als Jugendlicher tiefen Eindruck in mir hinterlassen und mich nie los gelassen haben). Die spannende Frage bleibt freilich, wie sich die Welt und speziell auch Europa damit arrangiert.
    computerbase (eine von zahlreichen Quellen, aber relativ sachlich und zugleich gut einordnend)

    Einmal editiert, zuletzt von jan85 (26. Juni 2026 um 20:07)

  • ... und (u.a.) Berlin reagiert: mit stärkerer Internationalisierung und Innovationsagenda
    Denn es ist eine Sache, ein Dilemma oder eben Ungerechtigkeiten in der globalen Machtordnung zu beschreiben. Die weit schwierigere Sache bleibt es, anschließend klug die nächsten Schritte zu planen und vor allem entschlossen zu gehen. Kürzlich erst hat die EU^dagegen ja grünes Licht für das (ebenfalls erpresste) Zoll"abkommen" gegeben, da man dies eben als das kleinere Übel ansieht. Und da auch die Berliner Wirtschaft viel in die USA exportiert, wird dies einerseits absehbar geregelten Handel ermöglichen und andererseits direkte (negative) Auswirkungen auf Margen haben.

    Parallel arbeitet man ja aber inzwischen doch deutlicher daran, die eigene Handlungsfähigkeit und Unabhängigkeit zu erhöhen (die Aktivitäten des Schwarz-Konzerns hatten wir ja bereits exemplarisch hierfür betrachtet). Und nicht zu vergessen: Neue Partnerschaften zu etablieren. Meinen Eindrücken nach spürt man hierbei u.a. hier bei uns in der Hauptstadt eine ganz neue Dringlichkeit, die aber auch wechselseitig arbeitet und somit Potentiale für stärkere Verflechtungen bietet. Und während man zumindest die Verluste zuletzt noch mit steigenden Absätzen im EU-Markt kompensieren konnte, wandert der Blick für mehr Wachstum immer mehr Richtung globaler Süden sowie allgemein alternativer Zentren. Hierzu ein paar ganz aktuelle Beispiele:

    1) Berlin kooperiert mit Brasilianischen Megastädten Rio und Sao Paulo
    Eine Delegation um Frau Giffey hat kürzlich auf Bestreben der IHK Rio und Sao Paolo besucht und in dem Rahmen wurden eine ganze Reihe spannender Informationen publik. Nicht nur wird Berlin eine aktive Rolle beim Rio Web Summit 2026 spielen und ein Memorandum of Understanding mit Sao Paolo implementieren. Es wurden auch diverse Kontakte geknüpft und teils direkt Nägel mit Köpfen gemacht. Die Brasilianer haben Berliner Startups eingeladen bzw. regelrecht dazu aufgefordert, nach Brasilien zu kommen und bei Zukunftsthemen zu helfen.

    Umgekehrt wird u.a. der große Startup-Hub in der ehemaligen Zigarettenfabrik Reemtsma nach einem indischen Desk auch einen Brasilianischen Desk für die Koordination entsprechender Ansiedlungen erhalten. Und ähnlich wie der kürzlich behandelte israelische Konzern sind auch einige Startups und Unternehmen der Brasilianer führend in ihren entsprechenden technologischen Feldern (die teils auch gut zum Berliner Profil passen). Es gab aber auch Forschungsabkommen, um künftig gemeinsam in relevanten Feldern voranzukommen.

    Noch sind die Bande zwischen Berlin und Brasilien etwa im Vergleich zu denen in die USA oder eben inzwischen auch nach Indien eher dünn. Das soll sich nun aber in beidseitigem Interesse sehr schnell ändern. Das (ebenfalls durch die globalen Spannungen deutlich forcierte) Mercosur-Abkommen zwischen EU und Südamerika wird dabei auch eine wichtige Rolle spielen und könnte neben dem Schwergewicht Brasilien natürlich auch noch weitere interessante Potentiale und Märkte öffnen.

    Übrigens wird im Umfeld der Reise auch über eine mögliche Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Sao Paulo spekuliert, was aber zumindest vorerst noch nicht spruchreif zu sein scheint. Konkreter dagegen scheinen die Bemühungen, auch wieder gut ausgebildete brasilianische Pflegekräfte nach Berlin zu lotsen (auch die Charité war in der Delegation vertreten). Brasilien hatte ein entsprechendes Abkommen mit Deutschland zeitweise ausgesetzt, weil wohl die Sorge aufkam, dass trotz aktuellem Überschuss perspektivisch zu viele gehen könnten. Nicht ganz unwichtig in dem Zusammenhang ist natürlich, dass Berlin auch umgekehrt in verschiedenen Bereichen beim Ausbilden unterstützen will, sodass es keine Einbahnstraße sein muss.

    Die Quellen liegen leider oft hinter Paywalls, speziell die wirklich interessanteren und substanzielleren (u.a. die MoPo mit gleich mehreren wirklich gut recherchierten Artikeln und viel O-Ton der Teilnehmer),
    daher hier leider nur exemplarisch der Tagesspiegel sowie eine offizielle PM des Senats

    2) Berlin sucht Fachkräfte künftig auch u.a. in Namibia
    In einem der erwähnten MoPo-Artikel wurde auch kurz berichtet, dass man neben Indien und Südamerika auch Afrika für neue Kooperationen auf dem Schirm habe. Dazu habe ich bisher noch sehr wenig konkretes gehört und die dortigen Märkte sind teils sicher schwierig (oft nicht so wirtschaftsstark und/oder u.a. die Chinesen sind bereits stark etabliert - was zwar alles kein Ausschlusskriterium ist aber vielleicht doch zumindest auch nicht zu einer Position ganz oben auf der Prioritätenliste führt).

    Allerdings kam kürzlich tatsächlich ein Bericht, laut dem Berlin (ebenfalls unter maßgeblicher Beteiligung der IHK) in Namibia nach Fachkräften sucht und nun wie eben auch bereits mit Indien und Brasilien ein entsprechendes Abkommen geschlossen hat. Neben Deutschkursen wird dabei auch gezielt nach Bedarf vor Ort ausgebildet (u.a. Elektriker, Verkäufer und Gastronomiefachkräfte). Allerdings bleibt es mit aktuell 100 Teilnehmern erstmal überschaubar. Insgesamt sollen dann mal bis zu 3.000 Fachkräfte für Mangelberufe ausgebildet werden.

    Man geht übrigens davon aus, dass nicht alle letztlich auch in Deutschland landen werden, sodass auch Namibia profitieren darf. Generell finde ich ja die Wahl etwas spannend, nachdem man in Südamerika und Asien ja auf absolute Schwergewichte zu setzen scheint. Das im Vergleich zu Äthiopien, Ägypten oder Nigeria eher kleine Namibia gilt mW dafür aber als eins der politisch stabilsten Länder des Kontinents und hat dazu (trotz der belasteten Geschichte) traditionell enge Verbindungen nach Deutschland, sodass es wiederum auch eine gute Brücke zu anderen, größeren und potentiell interessanten Nationen werden könnte.

    3) Berliner Hochschule der Wirtschaftselite "ESMT" expandiert nach Katar
    Nachdem Berlin von einem europäischen Ableger der Dubaier Leitmesse GITEX profitiert, eröffnet die European School of Management and Technologie nun in umgekehrter Richtung einen Ableger in Doha, das sich neben Dubai zu einem weiteren Kraftzentrum entwickeln möchte. Schwerpunkte sollen KI, Gesundheit sowie Landwirtschaft und Ernährung sein. Zunächst 3 Jahre lang sollen jährlich je 20 Startups aus jedem dieser 3 Bereiche gefördert werden. Auch wenn dadurch in erster Linie vor allem Doha/ Katar selbst profitiert, verbessert es zugleich doch erheblich den Ruf und die Vernetzung der Hauptstadt.
    morgenpost.de
    tagesspiegel.de

    Zu guter Letzt fragt sich da natürlich noch, was Berlin eigentlich hier vor Ort unternimmt. Hierzu gab es auch wieder eine Meldung;

    Berlin beschließt "Deep Tech Agenda"
    Ziel ist es, dass die in vielen Bereichen exzellente Berliner Wissenschafts- und Forschungslandschaft noch deutlich stärker in Form von regionaler Wertschöpfung und Wirtschaftsleistung sichtbar wird. Also genau dem Bereich, wofür auch die gerade angeführte ESMT gegründet wurde. Laut dem niederländischen "Global Tech Ecosystem Index" liegt Berlin in diesem Bereich aktuell auf Platz 4 in Europa (nach London, Paris und Stockholm) sowie auf Platz 22 weltweit.

    Inhaltlich will man sich u.a. auf KI, Biotech und Materialforschung sowie Mikroelektronik, Photonik und Quanten konzentrieren. Übrigens: Während Berlin angeblich das erste Bundesland mit einer solchen Agenda sein soll, orientiert man sich stark an der Hightech-Agenda der Bundesregierung, was auch u.a. beim Gewinnen von Fördergeldern helfen soll.
    morgenpost.de

    Einmal editiert, zuletzt von jan85 (26. Juni 2026 um 20:22) aus folgendem Grund: Tippfehler, Absätze, sprachliche Klarheit, kleine inhaltliche Korrekturen, Präzisierungen

  • Bzgl. Brasilien finde ich schade, dass man bei all den Berichten über Delegationsreisen, Städtepartnerschaften etc. nichts über intensive Bemühungen bzgl. entsprechender Flugverbindungen hört. Dies vor allem vermutlich deswegen, da diese Art Verhandlungen oft geheim ablaufen.

    Sao Paulo hat auf jeden Fall ein großes Aufkommen ab BER, wie eine kürzlich veröffentliche Erhebung zum Berliner Langstreckenbedarf ergab. Die von mir analysierten Destatis-Zahlen bestätigen das.

    Beim PDEW (Passengers daily each way) hat sich BER-GRU (GRU ist das Kürzel für Sao Paulo) in den letzten Jahren enorm entwickelt. Bei destatis findet man die Werte in den entsprechenden Fachtabellen, z.B. hier unter:

    • "Publikationen" und dann unter
    • "Personen- und Güterverkehr im Luftverkehr", die neuste Ausgabe ist von April 2026

    https://www.destatis.de/DE/Themen/Bran…hr/_inhalt.html

    Tabellenreiter 46421-09 liefert dann Zahlen, wie viele Passagiere ab BER in einen Flieger mit dem XYZ gestiegen sind, wobei XYZ dann das letztbekannte Ziel ist. Wenn jemand also BER-EWR-BOG fliegt, ab BOG dann aber mit einem anderen Ticket nach GRU fliegt, fließt dieser Passagier in die BOG-Statistik, da dem BER nur das durchgängige Ticket nach BOG bekannt ist.

    Aufs Jahr bezogen haben sich die Zahlen für BER-GRU stark gesteigert.


    201014.117
    201114.909
    201214.156
    201315.084
    201418.820
    201522.337
    201618.592
    201717.410
    201817.766
    201921.246
    2020
    2021
    202218.508
    202331.093
    202430.378
    202532.282


    2025 lag das PDEW damit bei 88. Damit ist GRU ab BER in den Top5 der unbedienten Langstreckenziele. Nur LAX (32.604 Passagiere), TYO (HND+NRT: 38.482 Passagiere) und BKK (63.706 Passagiere) haben mehr als GRU.

    88 mag wenig klingen. Schließlich müsste ein täglicher Flug deutlich über 200 Passagiere füllen. Die Erfahrung zeigt aber, dass durch eine neue Verbindung das Aufkommen um ein Vielfaches steigen kann. Der vorhandene Flug induziert die Nachfrage.

    Von allen unbedienten europäischen Zielen ex GRU hat nur Dublin ein höheres Aufkommen als Berlin. Mit den oben genannten Infos von jan85 , deren Folge ein zunehmendes Aufkommen zwischen beiden Städten sein dürfte, sollte es hoffentlich nur noch eine Frage der Zeit sein, bis LATAM GRU-BER ankündigt.

  • spandauer Eine tolle Ergänzung. Ich hatte neulich auch mal gelesen, dass neben den Indern auch die Brasilianer in Berlin zu den am besten verdienenden Personengruppen der Stadt gehören (überraschend auch vor Menschen aus deutlich wirtschaftsstärkeren Ländern).

    Da dürfte also schon jetzt eine Menge Potential liegen inkl. Business-Travel und Privatreisen von solventen Menschen für Familienbesuche, Heimaturlaub etc. wo man ggf. für das Vermeiden unnötiger Umstiege und Verzögerungen auch mehr zahlen könnte und würde (wogegen ich z.B. bei Thailand/ Bangkok eher sehr viel Tourismus und somit eine preissensiblere Klientel vermute, ohne es natürlich genau zu wissen).

  • Arbeitslosigkeit geht leicht zurück - Stellenmarkt zieht an
    Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer aber immerhin zum zweiten Mal in Folge sinkt die Arbeitslosigkeit, wenngleich diesmal etwas leichter um -0,1% auf nurmehr 10,2%. Damit erreicht man wieder das Vorjahresniveau und stoppt vorerst den Abwärtstrend. Zudem soll nun auch der Stellenmarkt wieder bessere Signale senden.
    zeit.de

    Die erfreuliche Trendwende kommt nur leider nicht überall an:

    Mr. Spex schließt Spandauer Logistik- und Produktionszentrum und streicht 125 Stellen
    Man will einerseits stärker auf KI setzen und andererseits Arbeitsschritte an Fremdunternehmen auslagern. Damit setzt sich der Sparkurs weiter fort.
    t-online.de

    Und nochmal zwei Meldungen aus der Autobranche, wo sich die Entwicklungen aktuell ziemlich überschlagen.

    VW bündelt ca. 1.000 Cariad-Jobs an neuem KI-Campus
    Volkswagen hatte zuletzt ja eher schlechte Nachrichten für Berlin zu verkünden. So soll bekanntlich die Berliner IAV Niederlassung mit 1.250 Jobs ersatzlos geschlossen werden.
    Auch bei der Software-Tochter Cariad war Berlin im Zuge der Kursänderung* besonders stark von Stellenkürzungen betroffen (*i.e. eine Kehrtwende weg von den anfangs ambitionierten vollständigen Eigenentwicklungen inklusive Quellcodes hin zu Partnerschaften und Nutzung von Open Source Codes für möglichst wettbewerbsfähige Anwendungen ohne Lizenzgebühren und Abhängigkeiten). Das kam wohl auch so, weil es sich in Berlin anders als den restlichen großen Standorten wie Ingolstadt und Wolfsburg nicht um langjährige konzerneigene Leute handelte, sondern um extra extern angeworbene.

    Nun vollendet VW die Konsolidierung bei Cariad mit einer Art Flucht nach vorn: Wohl nicht zufällig in direkter Nachbarschaft zur Berliner Entwicklungsabteilung von SAP sowie wie weiteren hochkarätigen Forschungs- und Entwicklungseinheiten hat man einen sogenannten "Automotive Software Campus" eröffnet und dafür die verbleibenden gut 1.000 Mitarbeiter von zuvor 7 Standorten in einem 11-geschossigen Bürobau zusammen gezogen. Die oben angeführte Kurskorrektur hin zur Anwensungsebene beschreibt man nun übrigens als Lernerfahrung für die das Scheitern der Maximalziele notwendig gewesen sei. Das ist im Grunde genau der Spirit aus dem Silicon Valley (probieren, scheitern, lernen, neu sortieren und dann alles nochmal) und wäre per se nicht so verkehrt. Wichtig ist am Ende aber die Substanz und nicht die Rhetorik.

    Der Campus soll explizit VWs KI-Kompetenzen verstärken und entsprechende Anwendungen entwickeln. Aktuell ist das bereits u.a. mit Teilfunktionen des autonomen Fahrens sowie mit einem intelligenten Sprachassistenten gelungen, die demnächst beide in Serienfahrzeuge eingebaut werden. Auch intelligente Sensorik zur Umfeldwahrnehmung gehört zu den Schwerpunkten, wobei das mE ohnehin untrennbar Teil des autonomen Fahrens ist. Es geht aber um die gesamte Interaktion zwischen Fahrzeug und Umgebung sowie auch Fahrzeug und Insasse/ Fahrer. Dazu hieß es sinngemäß vom CEO Peter Bosch, das Fahrzeug der Zukunft sehe, spreche und fahre alleine - und im Berliner KI-Campus gebe man ihm die künstlichen Sinne und das Gehirn dafür. Hier solle die Zukunft der Fahrzeuge als KI-definierte Autos geprägt werden. Eine Besonderheit: In dem Gebäude stehen auch fertige (Hightech-)Autos, wo man die gerade programmierten Codes bzw. Funktionen direkt anwenden kann. Schon 2027 soll das dann auch für die Käufer von VW-Produkten vom kleinen 20.000 Euro Auto ID Every1 bis hin zum großen Porsche gelten.

    Indessen will man übrigens eine Kooperation mit Bosch im Bereich des autonomen Fahrens beenden. Da genau dafür zuvor auch einige Bosch-Leute zu Cariad gewechselt waren, könnte das auch gewisse Stellenstreichungen bedeuten. Auch hier also trotz Milliardeninvestition ein schmerzhaftes Scheitern aka Lernerfahrung.

    Da auch einige Pressebilder dabei waren, hier eine kleine Auswahl zur besseren Illustration der Örtlichkeiten:
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    Bilder: Volkswagen Group

    Quellen: VW, electrive.net, rnd.de,

    Daimler Konzern präsentiert High-Performance-E-Motor aus Berlin

    Ausgerechnet am ältesten Produktionsstandort des Konzerns in Berlin-Marienfelde beginnt knapp 125 Jahre nach Werksgründung (1902 war die Erfindung des Automobils gerade einmal 16 Jahre her) ein neues Kapitel. Nachdem Daimler 2021 die britischen Motor-Spezialisten von YASA aufgekauft hatte, siedelte man ausgerechnet die AMG-E-Motorenentwicklung in Berlin an. Die schlechte Nachricht dabei ist, dass man weniger Arbeitsplätze für E-Motoren benötigt. Die gute Nachricht ist, dass die Ingenieure einen besonders leichten und leistungsfähigen Motor entwickeln konnten, mit dem das Versuchsfahrzeug auf den Rennstrecken schon eine Menge Rekorde brechen konnte. Der sogenannte Axialfluss-Motor ist leicht und kompakt aber in der Sache durchaus anspruchsvoll und spektakulär. Von den knapp 100 (teils sehr schwierigen) Verfahrensschritten sind 65 Neuland für Mercedes und 35 sogar weltweit ein Novum. Das Resultat sind über 30 Patente und ein besonders effizienter aber auch besonders teurer Motor, der nun viel beachtet mit dem AMG GT 4-Türer-Coupé in (immer noch exklusiver) Großserie sein Können beweisen soll. Auch wenn man aus Kostengründen nie in die breite Masse vorbrechen wird, doch ein Achtungserfolg. Zumal eine Erkenntnis der letzten Jahre war, dass Luxus meist immer noch geht.

    Wenn demnächst diese Front im Spiegel auftaucht, weiß man, dass neben dem Infotainment-System MBUX (und ggf. der großen Antriebseinheit) auch der Hochleistungsmotor in Berlin entwickelt wurde:
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    Bild: Mercedes Benz AG

    Einige ausgewählte Quellen: ingenieur.de, elektroautos-news, golem.de

  • Tesla bindet StartUps in Zellproduktion ein
    Unter "Cell Giga Challenge" können entsprechende StartUps pitchen, um dann im besten Fall direkt vor Ort Lösungen für bessere Qualität, Effizienz oder Skalierbarkeit erproben zu können. Man will dabei industrienahe StartUps mit vielversprechenden Ansätzen für Materialien, Anlagen, Fertigungsprozesse/ Automatisierung und KI anlocken. Interessierte werden dann finanziell gefördert und umgekehrt erhofft man sich Wettbewerbsvorteile. Das Ganze wird auch durch externe Partner und öffentliche Mittel gefördert.
    Quelle electrive.net

    Was mir mal wieder bei einigen Onlinekommentaren auffällt: Es wird direkt gegen deutsche Unternehmen ausgeteilt, die angeblich nicht so clever denken. Dabei ist der Ansatz durchaus gängig. Jedenfalls habe aus verschiedenen Branchen immer wieder davon gehört - u.a. Siemens und Bayer schaffen bei entsprechenden Projekten sogar extra eigene Flächen für StartUps. Aktuell herrscht wirklich sehr oft schwarz-weiß-Denken vor und auch Tesla selbst ist entweder ganz ganz schlimm und irgendwann bald sowieso nur noch Geschichte - ODER es ist DER heiße Scheiß und alle anderen sehen kein Land mehr. Enorm anstrengend, wenn scheinbar so viele Menschen diese Art Diskurs anschieben. Vielleicht gibt es aber auch genug, die sich besser auskennen aber nur leise ihren Teil denken und keine Zeit damit verschwenden wollen.

  • Update: Was macht eigentlich Moia?
    Ich bin gerade in Hamburg, wo ich wirklich täglich die großen Moia-Transporter herumfahren sehe. Und da es ja zuletzt viele Updates zu verschiedenen Projekten der Autohersteller gab, fragte ich mich: Was ist eigentlich überhaupt aus Moia geworden? Die Antwort ist deutlich komplexer als erwartet und daher lieber der Reihe nach:

    Moia wurde Ende 2016 (am 5.12.26 ist 10. Geburtstag) als neue VW-Marke in Berlin gegründet und sollte ähnlich wie Cariad neue Unternehmensfelder in Richtung Mobilitäts- und Technologieanbieter eröffnen. Gestartet ist man seinerzeit mit 50 Mitarbeitern. Inzwischen könnte es in Berlin schätzungsweise etwa 200-300 hoch qualifizierte Mitarbeiter geben.

    Seit 2019 betreibt man eine Ridepooling-Flotte in Hamburg. Eigentlich wollte man ursprünglich in Berlin starten, doch BVG und Senat wollten keine Konkurrenz zum BerlKönig (2022 eingestellt) sowie keine Autonomie aus der Hand geben. Hamburg mit seiner Hamburger Hochbahn waren offener für die Pioniersarbeit beim Hochfahren der operativen Einheit. Zwischendurch arbeitete man auch mit Hannover zusammen, wobei Moia die Arbeit 2025 einseitig einstellte.

    Seither ist zu vernehmen, dass Moia einerseits Wachstumspläne verfolgt und auch auf offene Ohren bei den Verkehrsbetrieben in Hamburg, München und Berlin stößt. Da die Personalsituation absehbar immer kritischer wird, haben die drei größten deutschen Städte eine gemeinsame Absichtserklärung geschlossen, wonach bis 2035 rund 2.000 autonome Bus-Shuttles in den drei Städten fahren sollen. Denn während die großen Hamburger Moia-Transporter noch mit Fahrpersonal operieren, soll die Zukunft autonom funktionieren und nur noch übergangsweise erst mit lückenloser Absicherung mit Sicherheitsfahrern sowie remoter Überwachung hochgefahren werden.

    Seit Herbst 2025 operieren autonome Moia ID.Buzz Fahrzeuge übrigens schon in einem 15 km² großen Testgebiet im (eher peripheren) Berliner Nordwesten. Bei dem mit knapp 10 Mio geförderten Projekt behält die BVG jedoch das Heft des Handelns, während Moia "nur" Fahrzeuge und Software stellt. Hamburg bewegt sich wieder ein Level darüber und bespielt bald mit 30 Mio Fördergeld 37 km² mit diversen zentralen Arealen. Zudem hat man VW Nutzfahrzeuge und Moia dort stärker eingebunden und operiert so eher Seite an Seite. Auch haben dort alleine autonome Testfahrzeuge schon jetzt über 600.000 km zurück gelegt. Spannend dabei finde ich, dass die BVG ja inzwischen vom früheren Chef der Hamburger Hochbahn geleitet wird, die Hamburger Hochbahn dagegen von einem früheren Moia Manager. Es hat wirklich den Anschein, als sei Hamburg zumindest operativ immer und überall ein paar Schritte voraus. Berlin fährt im Windschatten, spart sich so andererseits oft die aufwändigen und teuren Schritte und bekommt zwar etwas weniger PR ab - aber behält eben zugleich auch die Moia-Zentrale.

    Parallel kooperiert Moia in Amerika (LA, Florida) mit Uber, die sich gegen die autonome Konkurrenz von Waymo wehren. Ähnlich wie in Berlin stellt Moia dort Fahrzeuge und Software, Uber dagegen sein eigenes Netzwerk. Generell sucht Moia global nach starken Allianzen, während man in Deutschland vor allem Fördergelder sowie externe Investoren anstrebt. Denn auch wenn die großen Anbieter den europäischen Markt nicht selbst aufrollen können oder wollen und allenfalls passende Startups kaufen oder ggf. begleiten würden, muss Moia als vergleichsweise kleinerer Player überhaupt erstmal die Investitionen für den Anlauf stemmen, bevor es dann (voll-autonom) profitabel werden kann.

    Fazit: Von Moia bekommt man oft gar nicht so viel mit aber da stellen sich immer wieder sehr wichtige Weichen, die über Erfolg oder Scheitern entscheiden können. Gut läuft es wohl, falls man bald immer häufiger den schwarzen ID.Buzz mit den entsprechenden Dachaufbauten sieht - und das zunehmend tatsächlich ohne Fahrer. Zumindest im Berliner Zentrum dürfte das aber noch einige Jahre brauchen. So sieht er jedenfalls aus, falls man mal im Berliner Norwesten unterwegs ist:
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    Bild: Volkswagen/ Moia

    Die größten Chancen dürfte man perspektivisch auf dem stark regulierten europäischen Markt sowie darüber hinaus ggf. noch in starken Allianzen finden - oder eben als Direktanbieter für Kommunen und ÖPNV-Betreiber, die keine amerikanischen oder chinesischen Tech-Riesen mit ihrem dominanten Marktgebaren und Datenhunger rein lassen wollen.
    heise.de & KI-Recherche (mit Überprüfung der Quellen)

  • Uber übernimmt Delivery Hero für rund 8 Mia Euro - zudem 2 Mia Investitionen für Berlin und Deutschland
    Insgesamt wird der globale Essenslieferant damit auf fast 13 Mia Euro bewertet, Uber besaß jedoch bereits vorher Anteile. Wichtig ist ansonsten noch, dass Berlin Sitz von Delivery Hero bleibt, bis 2029 kein Mitarbeiter entlassen wird und dass Uber bis 2031 insgesamt 2 Mia Euro in Deutschland investiert.

    Das Festhalten am Konzernsitz sowie die hohe Investitionssumme allein für Deutschland sind sehr spannend. Denn Delivery Hero selbst operiert ja gar nicht mehr innerhalb von Deutschland und zudem bedeutet die Verschmelzung mit einem großen US-Tech-Konzern ja nicht unbedingt eigenen Wachstumsbedarf. Die 2 Mia sollen wohl zu großen Teilen an den Konzernsitz Berlin fließen, wobei man hoffentlich deutlich über 2029 hinaus planen wird (die Investitionen laufen ja immerhin bis 2031, also 2 Jahre länger als die Beschäftigungsgarantien). Konkret schreibt die Tagesschau von einem "Ausbau der Unternehmensbelegschaft", dem "Wachstum des landesweiten Geschäfts" (dann aber mE wohl eher unter Uber Eats, was mutmaßlich verschmolzen werden dürfte) sowie - und nun wird es mE besonders spannend - "Angeboten im Bereich autonomes Fahren und Partnerschaften mit der deutschen Automobilindustrie". Also VW Moia kooperiert in den USA mit Uber und sucht in Deutschland Partner. Nun kündigt Uber eine Kooperation für Deutschland an, wobei man plötzlich doch auch in die Technologie selbst investieren möchte. Das klingt nach einem potentiellen Match - aber warten wir mal die Details ab. Ansonsten wird auch spekuliert, dass Berlin langfristig eine Art Tech- und Entwicklungszentrum für den Konzern darstellen könnte (also ähnlich wie es Amazon seit kurzem im Edge-Tower betreut).
    tagesschau.de, uber

  • Berlin Partner mit Halbjahresbilanz: Rekordinvestitionen und Startup-Finanzierungsrunden bei zugleich weniger Job-Effekten
    Zuerst mal die nackten Zahlen: Im ersten Halbjahr investierten allein die von Berlin Partner betreuten Unternehmen 1,4 Mia Euro, eine so noch nicht dagewesene Summe (gut doppelt so viel wie im 1. HJ 2025 und fast 30% über dem bisherigen Rekordjahr). Zugleich gab es dabei "nur" 43 Neuansiedlungen sowie rund 3.000 neue (1.774) oder gesicherte (1.145) Arbeitsplätze. Der Trend zeigt: Es investieren primär große Konzerne und dies wiederum vor allem in Richtung Innovation und Effizienz, sodass die Produktivität pro Mitarbeiter deutlich stärker steigt als die eigentlichen Mitarbeiterzahlen. Dazu später noch etwas mehr.

    Interessant sind vorher vermutlich noch die größten Investoren hinter dieser Summe: Google mit seinem neuen AI Center, ASML mit seiner Expansion, Daimlers Digital Factory mit Erweiterungen bei KI und humanoiden(!) Robotern sowie der neue Innovationscampus von Siemens Energy. Überraschend finde ich dabei zum einen, dass Mercedes auch in humanoide Roboter investiert (anders als bei Tesla noch nie davon gehört) und dass Siemens Energy zumindest aktuell wohl spürbarer investiert als Siemens mit seinem viel beachteten Campus.

    Ebenfalls bemerkenswert: Es wird auch offen über den Trend zur Ersetzung und Verlagerung von Arbeitsplätzen gesprochen und der Name BASF genannt (früher ein gern gesehener Partner jetzt ein Abtrünniger). Der Schwerpunkt der Arbeit wandere somit zunehmend in Beratung bei solchen "Transformationsprozessen", i.e. wie Innovation ohne Jobkürzungen funktionieren könnte und ob man auszulagernde Jobs nicht nur aus dem Unternehmen auslagern aber in Berlin belassen kann. Daneben werden aber auch starke bestehende und potentiell zu erschließende Wachstumsbranchen wie Digitalwirtschaft, Gesundheitsbranche sowie Sicherheits- und Verteidigungsindustrie.

    Nun aber wie oben angedeutet zu den Mitarbeiterzahlen. Da hatte ich kürzlich schon gelesen, dass nicht nur wie zuletzt (durch Zuzug u.a. von Flüchtlingen) die Arbeitslosigkeit oft eher steigt, sondern dass es sogar absolut weniger versicherungspflichtige Jobs gibt. Hierzu die enthaltenden Zahlen:
    2021: +43.254
    2022: +71.372
    2023: +26.178
    2024: +6.508
    2025: -3.651

    Das Jahr 2025 ist insoweit bemerkenswert, dass meiner Erinnerung nach schon seit vielen Jahren nicht mehr die Zahl der versicherungspflichtigen Arbeitsplätze gesunken ist, nicht einmal während Corona (da es immer auch profitierende Branchen gab und zudem Gegenmaßnahmen wie Zeitarbeit). Ich habe jetzt mal nur KI zu den Zahlen von 2011 bis 2020 befragt und der Schnitt lag demnach wohl bei knapp 36.000 zusätzlichen Jobs pro Jahr (meinem Gedächtnis nach sollte das etwa hinkommen), mit 2020 als Ausreißer mit lediglich +1.200 Jobs (für 2021 bis 2025 sind es immer noch knapp 29.000 zusätzliche Jobs pro Jahr - aber eben mit erstmals über mehrere Jahre stark einbrechendem Trend). Wir erleben hier mE wirklich eine Überlagerung von globalen Krisen (treffen Berlin oft weniger hart), globalem Wettbewerb UND eben dem beschriebenen Trend zur Automatisierung und KI-Implementierung. Bei letzterer liegt Berlin mit einer Quote von 40% Unternehmen mit signifikanter KI-Einbindung wohl bereits weit über dem nationalen Durchschnitt. Übrigens liegt das regionale BIP pro Einwohner offenbar immer deutlicher über dem deutschen Schnitt - und aktuell auf Platz 6 aller Bundesländer, wobei das natürlich nichts über den Arbeitsmarkt aussagt, wenn zunehmend auch Maschinen die Wertschöpfung erzeugen.

    Umso erfreulicher, dass zumindest in den letzten paar Monaten in 2026 ja doch die Arbeitslosigkeit langsam absank und auch der Arbeitsmarkt wieder deutlich besser aussah mit mehr Jobangeboten. Es wird sich zeigen, wie stabil diese Trendwende ausfällt. Die langen Zeiten mit rund 30.000er Wachstum pro Jahr könnten aber so oder so erstmal vorbei sein.

    Kommen wir zuletzt noch zu den StartUps, wo allerdings zunächst nur die Finanzierungsrunden aufgeführt sind: 429 und somit deutlich mehr als in den vorherigen Halbjahren (meist gut 200 bis 260, nur im 1. HJ 2025 bereits 355). Vielleicht ebenfalls interessant: München verbessert sich ab 2021 von unter 100 auf über 200 Finanzierungsrunden - und Hamburg sogar noch etwas deutlicher wobei man erstmals sogar mehr Finanzierungsrunden als München hatte (beide zusammen so viele wie Berlin). Aber auch Köln hat sich von meist ca. 30 auf zuletzt 90 verbessert. Was fehlt, sind die Venture Capital Summen. Wobei München da zuletzt meist durch Rüstungsstartups weit vorne lag. Dafür wollte Berlin Partner wohl auch einmal darauf hinweisen, dass Berlin trotzdem das etabliertere Ökosystem aufweist, das insgesamt 170 Mia wert sein soll und bei hoch bewerteten Startups sowie auch gut verdienenden Startups nach London, Paris und Stockholm Rang 4 einnimmt. Zudem hatte Berlin nach London in den letzten Jahren die meisten Finanzierungsrunden Europas und vor London prozentual die meisten Startups, die nach einer Seed-Finanzierung auch die Series A erreichten.
    Zusammenfassung, Präsentation

    P.S.: Jetzt will ich trotzdem noch herausfinden, was Mercedes mit humanoiden Robotern am Hut hat oder ob die trotzdem einfach nur in der Fabrik mitarbeiten und sozusagen im menschlichen Maßstab Hand anlegen (und so letztlich auch Menschen verdrängen).

  • Berlin spürt jetzt die ganze Härte aller Verwerfungen auf dem Globus und die heimischen Versäumnisse. Der Kampf von Trump gegen Europa, und speziell gegen Deutschland, führt jetzt auch hier zur Stagnation.

    -Abgeschnitten von russischen Rohstoffen.

    -Lieferketten Zusammenbruch in Straße von Hormus durch US-Intervention.

    -Übernahme aller IT-Systeme durch Big Tech, Einführung von KI führt zu noch mehr Abhängkeit

    -Einbruch des Wohnungsbaus

    -Pensionierungswelle bei der Boomergeneration

    -Null innovative Firmen in Berlin

    -Bundesregierung verpennt alle wesentlichen Reformen

    -Berliner Parteien haben keine herausragende Spitzenkandidaten

    Einziger Lichtblick: Wegner ist weg. Wenn ich jedoch wetten müsste, würde ich tippen, dass Berlin, trotz Weltstadt Nimbus, in eine Abwärtsspirale hineindriftet.

  • ^Es ist erstaunlich, dass Du wirklich nie müde wirst.

    Und natürlich spürt auch Berlin wie die gesamte restliche Welt inklusive der USA und Russlands selbst die Folgen globaler Verwerfungen.

    Da müsste Dich ja eigentlich freuen, dass Deutschland immer mehr Strom vor Ort aus regenerativen Quellen selbst erzeugt (zuletzt fast 60%) und durch Wärmepumpen etc. inzwischen auch ein immer größerer Anteil der leider nach wie vor vulnerablen Wärmeenergie ebenfalls durch regenerative Quellen erzeugt wird (immerhin fast 20%). Diese Transformation ist nicht ganz billig, wird langfristig aber sogar recht wahrscheinlich für niedrigere Energiepreise sorgen.

    In dem Thread wurde auch schon u.a. konkret beschrieben, wie die Industriebetriebe autarker arbeiten (z.B. Tesla), wie Konzerne eigene Logistik und Infrastruktur inklusive KI-Rechenzentren aufbauen (z.B. Schwarz), wie auch staatliche Maßnahmen die Resilienz steigern sollen. Zaubern kann niemand, es sitzen aber auch nicht alle nur passiv rum (am besten noch zu Hause an der Tastatur, um schlechte Stimmung zu machen).

    Zum Thema vermeintlich fehlende Innovation drehen wir uns im Kreis. Du bringst diese These immer wieder und behauptest, dass Du regelmäßig alle einschlägigen Quellen dazu studierst. Nach wie vor fehlt jedoch jeglicher Beleg. Du führst ja noch nicht einmal plausibel aus, wie Du Innovation misst, sodass man weder Deinen Ansatz noch die entsprechend zu gewinnenden Ergebnisse prüfen und bewerten kann.
    Interessanterweise gibt es aber relativ viele Ansätze, mit denen heute Innovation gemessen wird und die man entsprechend auf Berlin anwenden kann:
    - hohe Dichte an Forschungseinrichtungen, Hochschulen und privatwirtschaftlichen Entwicklungszentren (Platz 1 in D, Spitzenplatz in Europa)
    - stark etabliertes Startup-Ökosystem: 17 Startups auf 100.000 Menschen (Platz 1 in D, Top 3 in Europa), hohe Quote bei Übergang von Seed-Finanzierung zu Series A (Platz 1 in D und Europa), inzwischen viele gewachsene Startups mit hohen Umsätzen über 100 Mio sowie Mia-Bewertungen und -Exits wie zuletzt erst wieder Delivery Hero (Platz 1 in D, Top 4 in Europa)
    - Hohe Transformationsquote bei Unternehmen und Arbeitskräften: weit überdurchschnittlicher Einsatz von KI (je nach Quelle über 40 oder über 50%), besonders hoher Anteil von Zukunftsskills bei Stellenausschreibungen (Machine Learning, Data Science, agiles Produktmanagement), besonders starker Zuzug internationaler Fachkräfte und trotzdem noch immer viele offene Stellen für Spezialisten (Nachfrage übersteigt Quote von regionaler Ausbildung plus Brain Drain), umgekehrt begegnen Unternehmen dem Fachkräftemangel zunehmend mit Automatisierung und KI
    - überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum und hohe Produktivität: trotz der beschriebenen globalen Verwerfungen stetig ansteigendes BIP und BIP pro Kopf (Platz 1 in D beim mehrjährigen Trend, und das wobei viele junge, wachsende Unternehmen überhaupt erstmal profitabel werden müssen und den Schnitt nach unten ziehen), eine vergleichsweise kleine aber zugleich hochproduktive Industrie mit hohen Umsätzen pro Mitarbeiter sowie Hightech-Clustern und Reallaboren für Transformation (u.a. ASML, BMW, Mercedes Digital Factory Campus, Siemensstadt Square)

    Wo ich Dir dagegen teilweise Recht geben muss ist die Rolle der Politik, die mE aktuell auf Bundes- (stark) und Landesebene (teils) bedenkliche Probleme offenbart und mir selbst massive Sorgen bereitet.

    Über die Bundesebene will ich hier gar nicht sprechen, bin aber selbst zunehmend entsetzt davon, wie sich ausgerechnet die beiden etabliertesten Parteien die politische Mitte weiter mit Ansage selbst zersetzen und so die Basis für Demokratie, stabile politische Mitte sowie allgemeines politisches Vertrauen immer weiter in den Sinkflug versetzen, als gäbe es keine nächsten Wahlen mehr.

    Regional war/bleibe ich eigentlich in überraschend vielen Punkten sogar recht zufrieden, in anderen aber auch nicht. Wobei es schwer messbar ist, ob man zum Beispiel beim Wohnungsbau überhaupt mehr Einfluss auf regionaler Ebene hatte. Zumal man auch dort weit mehr umgesetzt hat als frühere Landesregierungen und die Daten für geplante und genehmigte Projekte ja zuletzt auch zunehmend überraschend (sehr) gut aussahen, bis dann die nächste globale Krise kam und Preise, Zinsen etc durch die Decke schoss. Was unter dem Strich vielleicht sogar trotzdem noch weiter umgesetzt wird, bleibt zudem dennoch abzuwarten. Auch sonst wurde an vielen Baustellen überzeugend gearbeitet. Die größte Schwäche sah ich bei der Verkehrswende. Ändert nur nichts daran, dass man zunehmend unpopulär unterwegs war und wir relativ wahrscheinlich bald rot-grün-rot mit der Linken an der Spitze bekommen. Das könnte ein sehr "spannendes Experiment" werden - mit ungewissem Ausgang. Aber auch da stecke ich nicht vorauseilend den Kopf in den Sand.

  • Berlin aktuell auch wieder bei Wagniskapital vorne - BW überraschend neu auf Platz 2!
    Anders als kürzlich vermutet lag Berlin im 1. HJ 26 auch absolut betrachtet vorne mit 1,7 Mia Wagniskapital, wobei jedoch alleine das Rüstungs-Startup STARK 500 Mio verbuchte. Die Zeichen der Zeit eben. Spannend finde ich, dass nach Bayern und NRW nun auch mal Baden-Württemberg überraschen konnte und mit 1,6 Mia sogar fast direkt auf Platz 1 gesprungen wäre - getragen von einem durchstartendem Robotik-Startup (Neura Robotics) mit 1,2 Mia! Bayern ließ mit "nur" noch 1,1 Mia etwas Federn. Es war jedoch das erste Mal überhaupt, dass gleich 3 verschiedene Bundesländer mehr als eine Milliarde Wagniskapital in einem Halbjahr anziehen konnten.
    Übrigens bestätigte sich auch bei dieser Analyse der Befunde, dass insgesamt eher weniger aber dafür teils deutlich höhere Investitionen getätigt werden.
    pz-news.de

    Zalando baut wohl erneut 200 Stellen in Berlin ab
    Nach den 125 Logistik-Jobs bei Mister Spex nun also auch hier dreistelliger Abbau. Es soll allerdings auch stark mit Aufhebungsverträgen gearbeitet werden, sodass man sozusagen freiwillige Wechsler mit Abfindungen überzeugt statt die Leute einfach rauszuwerfen.
    investor-verlag.de

    Teslas Batterieproduktion findet viel Beachtung und gilt als Hoffnungssignal für den Standort
    Nicht nur expandiert Tesla ja aktuell als einziger heimischer Automobilproduzent gegen den Trend. Das Unternehmen gilt nun zusätzlich auch als einer DER Pioniere bei der europäischen Batteriezellenproduktion. Während diverse andere Projekte scheiterten, bleibt neben VW in Salzgitter und BASF in Schwarzheide (Recycling) Tesla beharrlich dran. Durch die zusätzlichen Kapazitäten (18 statt 8 Gigawattstunden) steigt das Investment um 200 Mio auf über 1 Mia Euro. Zudem entsteht so der einzige Standort des Kontinents, wo Elektroautos und Batteriezellen Seite an Seite produziert werden und sich so nahezu die komplette Wertschöpfung abbildet. Der FAZ (Paywall) war das einen längeren Artikel inklusive diverser Interviews mit Experten wert.

    So galt Deutschland inzwischen weitgehend als nicht wirklich wettbewerbsfähig. Tesla hat jedoch einen Trumpf, indem man neben einem deutschen Anlagenbauer auch einen US-Experten für spezielle Fertigungsverfahren schluckte und so als erster ein Trockenbeschichtungsverfahren beherrscht, das neben Wasser auch sehr viel Zeit, Aufwand, Kosten sowie auch Platz und Energie spart. Gerade dadurch wird Deutschland trotz hoher Energiepreise auch wieder wettbewerbsfähiger. Zudem werden nun überhaupt nennenswert Fachkräfte für diese Fertigungsprozesse ausgebildet, die es bisher faktisch kaum gibt (genau das schätzten Tesla wie auch Analysten zugleich als größtes Startproblem ein). Insgesamt entstehen so wichtige Voraussetzungen für ein neues "Ökosystem", von dem dann später auch Mitbewerber profitieren können. Spannend ist, dass mit BASF und RockTech gleich zwei weitere Konzerne in Brandenburg batteriefähige Rohstoffe herstellen bzw. recyclen wollen. Zudem hat AMG Lithium in Bitterfeld Sachsen-Anhalt die erste Lithiumraffinerie Europas errichtet. Da entstehen also auf relativ enger Fläche sowie in recht kurzen Zeiträumen eine Menge neuer Strukturen.

    Mehr Licht als Schatten für regionale Wirtschaft?
    Die Berliner Morgenpost (leider ebenfalls Paywall) hat in einem sehr ausführlichen Artikel die aktuellen Trends der Berliner Wirtschaftsentwicklung zusammen getragen und dabei die größten Chancen wie auch Herausforderungen herausgearbeitet. Da es wirklich umfassend ist und wir vieles davon auch schon hatten, diesmal aber nur in Stichpunkten:
    - Die Tech-Industrie wird nun stellenweise richtig profitabel. Wachstumstreiber seien Digitalisierung, KI-Boom, Durchbrüche in der Biotechnologie und Aufschwung der Rüstungsindustrie. Zugleich würden aber auch bestimmte Stellen zunehmend immer weniger benötigt. Als Beispiel werden in Adlershof weniger einfache Ingenieure gesucht, bei IT-Unternehmen weniger einfache Programmierer.
    - Durch den Iran-Krieg wurden die Wachstumsprognosen für das Berliner BIP um 0,3 Prozentpunkte gesenkt, bleiben mit 1,5% aber nach 1,1% in 2025 doch weiter ziemlich solide.
    - Techbranche und Dienstleistungsbranche boomen.
    - Die Baubranche hat immer vollere Auftragsbücher inkl. Baugenehmigungen abzuarbeiten und bisher sei auch noch immer kein Wegbrechen dieser Aufträge erfolgt, wobei auch besonders viele Wohnungen im Auftrag gegeben wurden. (Hierzu ein Hinweis von mir: Zuletzt sind die Mietpreise in Berlin erstmals seit langem minimal zurück gegangen, zudem hat der Senat begonnen Angebotsmieten proaktiv selbst zu scannen und Vermieter für mutmaßlich überhöhte Mieten abzumahnen).
    - Die Industrie hat es eigentlich aktuell sehr schwer, konnte aber mehr exportieren und zudem wie geplant die Abhängigkeit von den USA und China zunehmend reduzieren. So gingen zuletzt nur noch gut 8 Prozent in die durch Zölle immer schlechter zugänglichen und unberechenbareren USA.
    - Ausgerechnet die lange boomende Tourismusindustrie schwächelt und zieht auch Einzelhandel und Gastronomie in Probleme.
    - Der Wohlstand wächst enorm: Die Zahl der Einkommensmillionäre hat sich in den letzten 10 Jahren mehr als verdreifacht (aktuell rund 1.600). Zudem gilt inzwischen fast jeder 10. Berliner als einkommensreich (z.B. über 4.100 Euro netto als Single oder über 9.000 Euro für eine vierköpfige Familie). Es gab auch insgesamt anteilig Zuwachs bei den besseren Einkommensklassen und Rückgang bei den schwächeren. Das mittlere Einkommen liegt ohne Teilzeit bei gut 4.000 Euro brutto (mit Teilzeit: 3.375 Euro brutto).
    - Zugleich liegt die Arbeitslosigkeit noch immer über 10% oder 220.000 Menschen, während auch die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Stellen nicht mehr sprunghaft ansteigt. Etwa jeder 5. Berliner gilt als armutsgefährdet und immerhin 6% akut von Armut betroffen (jeweils auch viele Kinder), mit Ballungen in Bezirken wie Neukölln, Mitte, Spandau und Hellersdorf.

    Fazit: Die reale Lage ist insgesamt nach wie vor deutlich besser als die Stimmung. Zugleich sollte man nie vergessen, dass immer noch zu wenige Menschen an den guten Trends partizipieren können. Berlin ist zudem eine teure Stadt, was die Einkommenszuwächse stark relativiert. Dazu passt auch, dass die meisten Bürgerinnen und Bürger keine mindestens fünfstelligen Vermögen aufbauen können.

  • Demographische Daten für 2025: sinkendes Wanderungssaldo und niedrige Raten an Geburten und Eheschließungen

    Im vergangenen Jahr sind laut offizieller Zählung knapp 20.000 (genau: 19.698) Menschen mehr nach Berlin zugewandert als abgewandert. Der Wanderungsgewinn ging damit erneut deutlich zurück (-27% gegenüber 2024). Dabei kamen die meisten Neu-Berliner aus dem Ausland (ca. zwei Drittel) und davon wiederum die meisten aus Indien (über 11.000, netto vermutlich aber deutlich weniger Zugewinn), der Ukraine und der Türkei (inzwischen viele Asylanträge und davon wiederum viele Kurden).

    Interessant: Brandenburg hatte einen ähnlich hohen Wanderungsgewinn wie Berlin (+16.625) und unter allen Abwanderern aus Berlin bleibt Brandenburg weiter Ziel Nummer 1. Leider steht nicht dabei, ob nach wie vor primär der Speckgürtel profitiert oder inzwischen auch andere Regionen (das wäre schon wegen der Preisentwicklung zumindest plausibel).

    Dem gegenüber sterben nach wie vor deutlich mehr Menschen als neue geboren werden. Der Sterbeüberschuss lag in 2025 bei 4.345 Menschen. Aus lediglich 33.230 Geburten ergibt sich eine umgerechnete Geburtenrate von 1,18 Kindern pro Frau, was dem niedrigsten Stand seit 2003 entspricht (Bund: 1,31). Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit kamen sogar nur auf 1,01 Kinder (Bund: 1,19), ausländische Frauen auf 1,56 (Bund: 1,77). Zum Vergleich: 2016 lag die Gesamtrate noch bei 1,54, die für deutsche Frauen bei 1,38 und für ausländische bei 2,04. Alle drei Kurven sind seitdem praktisch nur am Sinken. Bekanntlich braucht es inklusive Puffer 2,1 Geburten pro Frau, um die Bevölkerung stabil zu halten.

    Fazit: Berlin wächst seit Jahren nur noch durch Zuzug, wobei dieser sich verlangsamt und sich die Zugezogenen auch zunehmend der niedrigen Geburtenrate angleichen. Auch bemerkenswert: Der Migrationshintergrund unter den deutschen Frauen hat ja sukzessive zugenommen, deren Geburtenrate stürzt jedoch ab. Und auch die zugezogenen ohne deutsche Staatsangehörigkeit bekommen immer weniger Kinder. Ich vermute stark, dass es auch mit der Entwicklung der Wohnungsknappheit und der Mietpreise zusammen hängt...
    rbb24 zur Zuwanderung, statisttik-berlin-brandenburg.de

    Licht und Schatten beim Wohnungsmarkt
    ...denn im vergangenen Jahr gab es nicht nur weniger Bevölkerungswachstum, sondern auch weniger neue Wohnungen. Insgesamt sind je nach Quelle statistisch 10.766 oder 11.027 Wohnungen hinzu gekommen und damit so oder so weniger als in den Vorjahren, wo es seit ca. 2016 meist um die 16.000 waren. Das sollen noch Nachwirkungen aus den Krisenjahren sein (gemeint ist insbesondere der Ukrainekrieg mit den Kostensteigerungen, das muss man bei den ganzen Krisen ja dazuschreiben). Immerhin: Aktuell sind 50.000 Wohnungen genehmigt, 32.000 im Bau und über 18.000 bereits im Rohbau. Der Senat hat zudem bekanntlich u.a. das Schneller-Bauen-Gesetz und das Einfach-Bauen-Gesetz verabschiedet, um staatliche Hürden zu reduzieren.

    Zudem konnte man nun verkünden, dass die Zahl der öffentlichen Wohnungen inzwischen über 400.000 liegt und damit das Ziel für 2026 bereits 2025 (404k) übererfüllt wurde. Bis 2026 sollen es 412.000 sein, sodass gut 10 Jahren über 100.000 landeseigene Wohnungen "dazu kamen" (knapp hälftig durch Neubau und etwas über hälftig durch Zukauf), welche die Preise etwas dämpfen. Insgesamt gibt es allerdings über 2 Mio Wohnungen (für die nun immerhin strenger die Mietpreise erfasst und ggf. geahndet werden sollen). Bis 2035 sollen es dann sogar über 500.000 landeseigene Wohnungen sein.

    Die schlechte Nachricht: Laut Analysten fehlen aktuell eher weit über 130.000 Wohnungen. Da bräuchte es schon eine ganze Reihe starker Baujahre.
    tagesspiegel.de, statistik-berlin.brandenburg.de, entwicklungsstadt.de

  • Wende von der Verkehrswende? Bescheidene Bilanz und ernste Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Senats
    Eigentlich habe ich in vielen Bereichen den Eindruck, dass der aktuelle Senat deutlich bessere Arbeit macht als ihm zugestanden wird: Die Wirtschaft läuft erstaunlich stabil. Beim Wohnungsbau stemmt man sich entschlossen gegen die Hindernisse und kommt mE eher zu Ergebnissen als mit den damaligen juristischen Keulen. Ich habe erst letzte Woche in weniger als 24 Stunden einen Termin beim Amt bekommen (und das beim dichtesten sowie mit breiter Auswahl). Sogar die Rohwerte in den Vergleichsarbeiten der Schulen werden relativ zu anderen Bundesländern besser und es wurden einige interessante Reformen angestoßen.

    Nicht so beim Thema Verkehrswende. Zwar wird Geld in neue Züge gesteckt und die Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit (angeblich sogar die Sicherheit) ist statistisch besser bis deutlich besser geworden. Aber zum einen liegt das zu einem großen Teil an einer verbesserten Personaldecke und zum anderen hat man den versprochenen Netzausbau beim ÖPNV (speziell Tramstrecken und Busspuren sowie Vorrangschaltungen an den Ampeln) zurück gefahren. Bis 2029 soll kaum noch neues Netz hinzukommen, erklärtermaßen um Geld zu sparen.

    Aber auch den Ausbau des Radwegenetzes hat man weitgehend vertrödelt oder teils regelrecht "sabotiert", wenn man das so bezeichnen darf. Man hatte zwar schon immer angekündigt, dass man die Wende ohne übermäßige Zumutungen für den MIV stemmen wolle. Aber zugleich gab es eben das großspurige Versprechen, dass man z.B. trotzdem deutlich mehr Radwege bauen werde als es die Grünen zuletzt geschafft hätten. Die km gingen faktisch schon unter der Vorgänger-Koalition deutlich zurück, sodass es ggf. sogar machbar gewesen wäre, wenn man sich auf wenig kontroverse Projekte gestürzt hätte.

    Stattdessen aber ging es von sehr niedrigem Niveau kommend nochmal runter von 26km auf knapp 24km und zuletzt nun knapp 21km neuer Radwege pro Jahr - und das auch stark aufgrund der eigenen Initiative der Bezirke und gegen das zähe bis bremsende Momentum im Senat. Beim Vorrangnetz ging es ebenfalls runter von 14m pro Jahr auf 11 und dann 10. Zur Erinnerung: Man will eigentlich 870km Vorrangnetz für Radfahrer errichten und hat eigens ein Gesetz dafür geschaffen. Realisiert hat man bislang in 8 Jahren 78km, wobei das Tempo erst zu- und nun wieder abnahm. Statt wie beim Wohnen durch starkes Engagement und Priorisierung gegenzusteuern, schreibt man einfach die vorgesehenen Fristen im Gesetz um. Und verweist darauf, dass man sich inzwischen lieber um sichere Kreuzungen kümmere und so Verkehrstote verhindere (als wenn das eine das andere komplett ausschließt - und man muss ja auch erstmal heil an der Kreuzung ankommen).

    Ich kann verstehen, dass man aktuell überall etwas sparen muss. Und bin immer ein Fan von dem Ansatz, dass man möglichst wenigen Leuten unnötig vor das Schienbein stößt oder Interessen gegeneinander ausspielt. Aber Busspuren oder Radwege sind weder Hexenwerk noch dekadenter Luxus. Und manchmal muss man eben ein den Raum etwas neu verteilen, damit es gerechter wird und eine Verkehrswende überhaupt gelingen kann. Der ÖPNV platzt aus allen Nähten und die Radfahrer leben noch immer viel zu oft prekär bis bedrohlich. Das kann es einfach nicht sein. Und neben der gesamten Außendarstellung wird dem Senat das ordentlich auf die Füße fallen, weil es auch in der Substanz ein Versagen darstellt und vielen Menschen wichtig ist. Die Zahl der zugelassenen PKW ist in Berlin weiter rückläufig (die PKW pro Einwohner ohnehin). Der einzige echte Zuwachs bei den zurückgelegten Kilometern im Modalsplit ist aber bei den Fußgängern zu finden (die oft auch nicht gerade hofiert werden). Das allein sagt eigentlich schon eine Menge. Man sagt ja sprichwörtlich, dass die Menschen mit den Füßen abstimmen. Hier stimmt es sogar buchstäblich.
    Tagesspiegel (Paywall), Sueddeutsche Zeitung (mit einem wirklich ausführlichen Bericht und bisher ohne Paywall), entwicklungsstadt.de

    P.S.: Ich weiß, dass es einen Thread extra für Verkehrsthemen gibt, wollte es in diesem Fall aber eher in den politischen Gesamtkontext einordnen.

  • Auch mit Radwegen fahren Radfahrer auf der Straße oder/und dem Fußweg. Von daher sehe ich nicht den Sinn im Ausbau der Fahrradwege.

  • ^Es geht natürlich auch um Fahrradspuren und nicht nur um klassische Radwege. Die nutzen die Radfahrer dann meist schon. Kaum jemand steht darauf, eng von Autos überholt zu werden oder immer direkt einen Bus hinter sich zu haben. Ich empfehle in dem Kontext übrigens immer, öfter mal den Verkehrsträger zu wechseln. Es gibt z.B. auch nervtötende Ampelschaltungen für Autofahrer, die ich in der Form verbesserungsfähig finde.

    Trotzdem spricht doch nichts dagegen, hier und da mal ein paar Vorrangschaltungen für ÖPNV einzurichten oder eben auch mal Raum für ÖPNV- und Radspuren zu reservieren (zumal es auch Potentiale mit Parkplatzflächen gibt, die man mE zunehmend in Parkhäusern und Tiefgaragen unterbringen sollte (so wie ich auch generell für ein Überbauen von Supermärkten, Baumärkten etc bin, wo immer das möglich und sinnvoll sowie wirtschaftlich machbar ist - so viele Flächen kann man besser verteilen und ein besseres Gesamtbild und -erlebnis erzeugen). Und gerade, weil man es so im Alltag spürt und das praktisch unabhängig von Alter, Familienstand u.ä.m., ist es mE ein Thema, was Politik nie so fahrlässig links liegen lassen sollte. Das kann und vermutlich wird sich rächen.

    Ansonsten zeichnet sich ja grundsätzlich ab, dass aktuell kein einziger Spitzenkandidat sonderlich bekannt oder beliebt bei einer größeren Mehrheit der Menschen ist. Und mit CDU, SPD, Grünen, Linken und AfD kommen gleich 5 Parteien auf ähnliche Zustimmungswerte, wodurch die Koalitionsbildung unangenehm werden dürfte. Es geht praktisch nur zurück zu rot-grün-rot (recht wahrscheinlich mit der Linken als stärkster Kraft) oder alternativ schwarz-grün-rot.

    CDU und auch SPD werden auch mit der katastrophal vermittelten (und mE auch in der Sache oft schlecht gemachten) Bundespolitik zu kämpfen haben, sodass ich mindestens die SPD eher in der Beifahrerrolle oder sogar als dritte Kraft sehe, während die CDU mit zwei großen linkeren Partnern selbst als möglicherweise doch stärkste Kraft erhebliche Zugeständnisse machen müsste. Ich vermute aber generell, dass die SPD diesmal stärker nach links ausschlägt, wie sich schon länger abzeichnet. Damit wäre die CDU zurück in der Opposition und muss sich dort neben der AfD behaupten und auch von dieser abgrenzen (gälte natürlich ähnlich auch für die Linke, falls sie doch nicht mit regiert).

    So oder so dürfte es als Dreierbündnis wieder herausfordernd mit den Kompromissen und einer seriösen konsensorientierten Außendarstellung werden. Falls es also recht wahrscheinlich wieder zu rot-grün-rot kommt, hoffe ich stark, dass man aus dem letzten Versuch gelernt hat. Sonst können das lange 5 Jahre werden (oder auch nicht so lange).

    Eigentlich fände ich unter dem Strich nach wie vor eine Fortsetzung der jetzigen Koalition als das kleinere Übel. Sie haben aber wie gesagt irgendwie nie eine gute Außendarstellung erreicht und dazu eben so ein großes Thema wie die Verkehrswende sträflich ignoriert bis blockiert. So vertut man sich dann eben alle Chancen.

  • Blaine: Das ist doch Blödsinn und im Grunde widersprichst du dir auch selbst. Radfahrer fahren nur dann auf der Straße und setzen sich der Gefahr durch den Kfz-Verkehr aus, wenn der Radweg keine bessere Alternative bietet. Wenn die Radwege breit genug, eben, in gutem Zustand und getrennt von Fußgängern und Kfz-Verkehr sind sowie den Radfahrer nicht an jeder Ecke zum Stoppen zwingen, dann werden sie auch genutzt. Wer hierzulande allerdings immer noch glaubt, dass ein roter Strich auf der Fahrbahn, über den Rechtsabbiegespuren geführt werden, oder ein 80 cm breiter Pflasterstreifen, der von unzähligen Hauseinfahrten gequert wird, ein guter Radweg sei, dem empfehle ich dringend einen kurzen Abstecher über die Grenze. Die Niederländer, Dänen, aber auch Franzosen, Österreicher, Italiener oder Polen zeigen, wie es deutlich besser geht.

  • Bezieht sich hierauf, hat aber mit dem Thema des Ursprungsthreads nicht mehr viel zu tun. Daher bitte hier weiterdiskutieren.

    JimmyMcGill und jan85, Ihr habt durchaus Recht, konkrete öffentliche Aussagen von Hoteliers oder anderen Tourismusvertretern gegen die Verdunkelung ("Nachhaltigkeit") kann ich nicht als Beleg anführen. Meine Einschätzung beruht vielmehr auf zwei Punkten:

    Erstens hat Kai Wegner die Wiederbeleuchtung einiger Berliner Wahrzeichen ausdrücklich auch mit deren touristischer Bedeutung begründet.

    https://www.berlin.de/rbmskzl/aktuel…rce=chatgpt.com

    Und zweitens, warum sollte diese Bedeutung hervorgehoben werden und warum sollten die Maßnahmen teilweise wieder angepasst werden, wenn es wie manche hier argumentieren für den Tourismus keiner Rolle spielt, ob Gebäude angestrahlt sind oder nicht?

    Dabei sollte man berücksichtigen: Nicht jedes Anliegen oder jeder Interessenskonflikt wird automatisch in der Presse sichtbar. Vieles findet zunächst in Gesprächen, Verbänden oder direkten Kontakten mit der Politik statt.

    Ich fass es mal so zusammen: Es könnte durchaus sein, dass visitBerlin als politisch eng eingebundene und vom Land Berlin abhängige Organisation die Nachhaltigkeitslinie des Senats engagiert als Berliner Standortmerkmal vermarktet, während einzelne Hoteliers oder Tourismusvertreter die wirtschaftlichen Risiken anders bewerten. Ebenso könnte es doch vorkommen, dass solche Bedenken lieber direkt und vertraulich gegenüber der Politik angesprochen werden, anstatt öffentlich aufzutreten und dadurch das Verhältnis zu wichtigen Partnern (VisitBerlin) zu belasten – weshalb solche Gespräche womöglich auch nicht in der Zeitung stehen.

    Städte wie London, Paris, Rom, Wien, Madrid, Venedig, Barcelona oder Amsterdam haben auch Nachhaltigkeitsziele. fördern aber auch ganz gezielt die nächtliche Illuminierung ihrer Zentren um eine "touristische Atmosphäre" zu erzeugen. Dass diese Städte alle zum Teil deutlich mehr ausländische Touristen anziehen als Berlin und diese Städte sich deutlich schneller bei den Touristenzahlen von der Corona-Delle erholt haben als Berlin sollte (!!) zu denken geben. Aber natürlich hat das nichts mit der nächtlichen Verdunkelung in Berlin zu tun, einer Stadt in der es in der überwiegenden Jahreszeit dunkel ist und jede Stadtatmosphäre wie einst (noch vor Jahren) am Potsdamer Platz erloschen wurde. Touristen (es soll auch solche geben die nicht wegen der Party kommen, die nur noch ein Schatten ihrer selbst ist - aber das ist ein anderes Thema) können wo in Berlin nachts flanieren wie in Paris, Wien oder Amsterdam ohne Angst zu bekommen? Aber warten wir die kommenden Tourismsuzahlen ab, vielleicht sind ja doch alle anderen dumm nur wir in Berlin nicht?!

  • IAV Standort in Berlin bleibt mit (Sch-)Rumpfteam erhalten und wird "Zentrum für Kernkompetenzen mit KI-Hub"
    Dabei sollen die Entwicklerstellen von 1.250 auf "langfristig" (O-Ton IAV) 530 reduziert werden, also -720 oder fast -60%. Tatsächlich besteht die Jobgarantie aber erstmal nur bis Ende 2028. Genau bis dahin läuft auch der Mietvertrag des bisherigen Deutschlandsitzes mit den großen Hallen für Prüfstände etc, der aber bis Mitte 2027 verkauft sein soll. Bis mindestens Ende 2028 müsste man sich dann ggf. Büros anmieten (falls man nicht sogar in den Cariad-Campus mit einziehen kann oder mit Moia zusammen zieht). Die Hardwareentwicklung soll dagegen ja künftig in Gifhorn konzentriert werden. Dorthin oder an andere Standorte kann dann auch ein Teil der Belegschaft wechseln. Der Rest kann freiwillig gehen und eine Abfindung vereinbaren.

    Spannend wird noch, was dann tatsächlich langfristig aus dem Berliner Standort wird. Zum einen wird es juristisch der Konzernsitz bleiben (IAV wurde 1983 in Berlin gegründet, als Ausgründung aus der TU Berlin). Zudem sollen dort ja "Kernkompetenzen mit KI-Hub" angesiedelt werden. Der KI-Hub selbst wird dabei wohl 60 hochspezialisierte Stellen ausmachen, die man leichter in Berlin als an kleineren Standorten halten kann und die man vermutlich teils auch absehbar benötigt (auch wenn alle verbleibenden Mitarbeiter stärker bzgl. KI qualifiziert werden sollen und die KI sich ja auch zunehmend selbst operiert). Bleibt die Frage, was die übrigen "Kernkompetenzen" im Detail ausmachen wird, wie viele Stellen man dafür realistisch braucht und wie hoch die strategische Bedeutung und Wertschöpfung real sein wird.

    IAV wird ja nicht nur in kurzer Zeit über 2.000 von 5.000 Stellen abbauen, sondern gilt wohl auch als Verkaufskandidat. Dass Berlin zahlenmäßig überproportional vom Abbau betroffen ist (-60% statt 40% der Stellen) und zudem auch der Fokus stark verengt wird, kann den Weg zu stärkerer Produktivität, Profitabilität und strategischer Bedeutung einläuten - oder aber den Weg zur endgültigen Schließung nur verzögern. Immerhin war dieser ja bereits beschlossen, sodass das Ganze ja auch eine Übergangslösung darstellen könnte.
    Quellen: PM von IAV, tagesspiegel.de, Wirtschaftswoche, rbb24