Europacity Allgemeines

  • ^Im Podcast teilen sie doch ihre Meinung zu Marzahn/Hellersdorf mit, sie sehen Ähnlichkeiten mit der Europa-City. Die Architektur der Europacity wird nicht als schlecht, sondern als kommerziell und wenig inspiriert dargestellt. Hr. Bernau weiß schon vor der Fertigstellung, dass dort kein urbanes Leben stattfindet. Hörenswert ist dann auch sein Beitrag zu Werner Düttmann und insbesondere zur Bebauung am Halleschen Tor, die findet er toll. Das dort keine Urbanität stattfindet liegt seiner Meinung nach an den Parkplätzen. In der mir bekannten Architekturkritik liegt es daran, dass Düttmanns Wünsche der Erdgeschoss-Nutzungen ignoriert wurden. Das sehe ich in der Europa-City nicht so kommen. Jenseits der Architektur ist da aus meiner Sicht im Podcast viel sebstgefälliges Gerede mit üblichen Plattitüden und Schlagworten zu hören.

  • Die Einschätzung Bernaus zu Düttmann teile ich auch nicht- gerade bei der Bebauung am Halleschen Tor ist das Elend schon in der Art der Bebauung als eher baukulturelles Experiment angelegt - da dann den Umgang der Stadt mit der sich anschließenden Umgebung und das eher das konfliktreiche wenig diverse soziale Milieu für das Scheitern ins Feld zu führen halte ich auch für wenig überzeugend.

    Der Bau bleibt schon in seiner betonaffinen Ringstruktur Im charme eines grauen Gefängnishofes stecken.

    Wen spricht denn so etwas an?

    Da wohnt doch niemand der es nicht muss. Ich kann da noch so viel urbanität reinplanen mit diverser Erdgeschossnutzung, wenn Menschen diese Planung nicht annehmen geht die Nutzung als erstes drauf die Verödung entwickelt eigentlich immer die gleichen kritischen Begleit und Folgeerscheinungen dem effektiv entgegenzuwirken ist auch stark abhängig von der begünstigenden, respektive ungünstigen charakterlichen Anlage der Architektur.

    Interessant fand ich die Einschätzung zur wenig sozialen Durchmischung im Bahnhofs und Europaviertel - das herbeiwünschen von sozialem Konfliktpotenzial Prostitution und Elend empfand ich als absolut zynisch und war nach meinem Wissen noch nie Teil der idealen Stadtentwicklung.

    Den Eindruck der sozialen Abgeschlossenheit der sich eher antiurban auswirkt teile ich, hingegen dem jetzt mit einem Sozialpalast entgegenwirken zu wollen, mit entsprechenden Erwartungen an das Verhalten des dort entstehenden Milieus oder den Investmentcrash herbeizusehnen um eine Preiswerte Neuvermietung zu generieren zeugt von eher Elitärem zynischem Kalkül und hat mich eher verstört.

    Viel hilfreicher empfinde ich hier durch interessante Anlaufpunkte die soziale Durchmischung zu befördern. Auch Auflagen zur Vermietung für die Einbindung vielfältiger sozialer Standards sind denkbar. Der Rest ist dann Architektur und deren Organisation die ist einfach halbherzig bis schlecht umgesetzt und eher ungeeignet für das was man was man den Marketingattributen nach hier verkauft. Es wird denke ich sehr lange Dauern bis sich hier eine lebendiger charaktervoller Stadtteil entwickelt, vermutlich erst wenn es zu ersten Umstrukturierungen und Abrissen kommt.

  • Das ganze Viertel wirkt sauber, gerade, ordentlich und totlangweilig. Ist das ein Viertel, durch das man abends einfach mal schlendern will? In der Hamburg Hafencity hat man wenigstens in der Höhe der Bauten und den Fassaden Abwechslung geschaffen, und in vielen Häusern Läden ins EG gesetzt. In Philadelphia (mein Wohnort) baut man die Wohnkisten als mixed-used Konzept, und bemüht sich meist um eine abwechlungsreiche Fassade. Beispiel für Kleinbauten und Grossbauten anbei.

    Kleinbauten:

    https://phillyyimby.com/2021/0…d-avenue-in-fishtown.html

    und

    https://phillyyimby.com/2021/0…e-north-philadelphia.html

    https://phillyyimby.com/2021/0…n-north-philadelphia.html

    Grossbauten:

    http://www.rising.realestate/1…g-lot-in-east-kensington/

    https://phillyyimby.com/2020/1…n-north-philadelphia.html

    https://phillyyimby.com/2020/1…r-north-philadelphia.html

  • Ach, am Kanal kann man schon schlendern. Der Park samt Brücke lädt auch zum Verweilen ein und die Fassaden sind viel abwechslungsreicher als hier kolportiert wird. Einfach mal die Bilder im Thread durchschauen. Was das Ganze unschön und steril macht, ist die maximale Ausnutzung der Baugrundstücke. Alles an der Richtschnur aufgreiht. Keine Rücksprünge, keine Lücken, nichts Unerwartetes, einfach nichts. Was mir ausserdem fehlt ist so etwas wie eine Eckkneipe, wo sich die Bewohner auch mal treffen könnten. Bisher gibt es da nur Sytemgastro und die üblichen Versorger. Gut, das freut den Minimalist. Für mich zu wenig.

  • Sehr interessant @Gorki1968 was da in Philadelphia zumindest versucht wird.

    Es sieht zumindest kleinteiliger aus, als diese monolithischen Blöcke in der Europacity.

    Kann es ironischerweise sein, dass die europäische Baukultur hinter dem großen Teich mittlerweile mehr umgesetzt wird als bei uns?

  • Wenn ich mir das genauer betrachte sind die Bauten, die Gorki präsentiert für mich schon ünerwiegend sehr nostalgisch aber eben auch sehr amerikanisch.

    Natürlich gibt’s da schnittmengen in Richtung neue Sachlichkeit und Industriegotik.

    Für mich gab es sogar mal stärkere Ansätze in die Richtung am Caroline von Humboldt Weg obwohl da auch nicht alles erste Güte ist.

    Vor allem dieses Haus mit dem grossen Runden Fenster in seinem postmodernen billigen 80er Jahre- Look ist bis heute eher ein quälender Anblick für mich.


    Aber merklich bei den Beispielen aus Philly ist schon ein Gefühl für Backstein seine Farbigkeit und plastische Wirkung, der ist wunderbar lebendig und man traut sich mit ihm zu spielen und seine gestalterischen Möglichkeiten nicht zu unterschlagen, auch fehlt die fast neurotische Angst vor Historisierung, wählt Farbigkeiten die mit der Umgebung nicht kollidieren wie bsp. In Schöneberg wo man am Projekt Schönegarten zwei dunkle Ziegelfarben nebeneinander gewählt hat.


    Die Architektur wirkt zudem sehr für den städtischen Raum als Ort mit Wirkung und Gemüt gebaut - ich hab manchmal schon den Eindruck dass das Gefühl hierzu diesseits weitgehend verloren gegangen ist. Ebenso wie für Qualitätvolle Details wie Fenster und einfachste solide Elemente zur Gliederung, die flache Fassaden schon plastischer und nicht ab Dach angeschnitten erscheinen lassen.


    Man muss aber der Fairness sagen dass sich in der Richtung schon einiges bewegt hat und besonders Berlin eine gewisse Vielfalt auffährt die zwar nicht unbedingt repräsentativ ist, aber immer noch positive Überraschungen bietet.


    Trotzdem verheddert man sich für mein Dafürhalten schon noch sehr in vorauseilender Erfüllung von Bauauflagen und Kostenoptimierung, perfektionierter normierter Glätte - oder ganz einfach in der Effizenz der Überdimensionierung, die jedes noch so ausgeklügelte Detail zum eingeübten Retortenelement werden lassen. Selbst bei gelungenen Bauten verfällt man zu leicht der irrigen Annahme einen ästhetischen Gemeinplatz errungen zuhaben, der sich ortsunabhängig, als bewährt überall wiederholen ließe.


    Wenn ich hier an die Leitlinien zum Molkenmarkt erinnern darf, wird klar worauf die Berliner Architektur hier mit ihrer kryptischen Resillienzstrategie ( das Wort muss man erst mal in dem Zusammenhang nachschlagen) , die es allen recht machen möchte und sich davon allen Ernstes ein gelungenes Stadtquartier verspricht, leider hinsteuert.

    Das bauliche Ziel vereinigt auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner

    „der Errichtung und Instandhaltung mittels Kostenreduktion durch Standardisierung und Ausstattungskataloge“ - jeder kann für sich ausrechnen was man zu erwarten hat. Alles sicher zu rechtfertigen aber auch unglaublich bieder.

  • In den USA geht man ungern das Risiko ein, dass eine Fassade nach 20 Jahren aus der Mode ist. Das trifft vor allem auf residential buildings zu. Dazu gibt es eine Untersuchung (PI), die im Grunde das sagt: je traditioneller und höherwertiger das Haus (und der Hauseingang) aussehen, umso höher ist die erzielbare Miete je squarefoot, da Mieter eine solche Fassade mehr mit Bauqualität assoziieren als jedes andere Gestaltungselement.

    Zum Wert von Gestaltungssatzungen gibt eine gute Studie aus Chicago zur dortigen Fassadenvorschrift. Fazit:

    "The positive impact of masonry ordinances confirms the importance of architecture aesthetics to community development. It also suggests that a development quality regulation can be efficient if it promotes positive externalities and reduces the perceived risk of investment." Aus: THE VALUE OF REGULATING BUILDING FACADES: A CASE STUDY OF MASONRY ORDINANCES IN CHICAGO SUBURBS, Lan Deng, Journal of Architectural and Planning Research 2010.

    Das ist natürlich vor allem einen Sache des Bauherrn- wenn der eine Rasterschachtel gut vermarkten kann, dann braucht es keine aufwendig gestaltete Fassade.

  • Kann es ironischerweise sein, dass die europäische Baukultur hinter dem großen Teich mittlerweile mehr umgesetzt wird als bei uns?

    Man muss dazu sagen, dass wahrscheinlich kein Ort der Welt mehr leidgeplagt ist von der "Autobahnisierung" der Städte als die urbanen Zentren der USA. Städte wie Philadelphia wurden in ihrer urbanen Qualität so dermaßen masakriert das man fast von einer "freiwilligen Weltkriegszerstörung" reden könnte. Insofern hat die USA mindestens den gleichen Verlust an historischer Bausubstanz zu verzeichnen als Deutschland, auch wenn das vielen vielleicht nicht bewusst ist.

  • ^^

    In der Tat ist die Zerstörung der amerikanischen Städte durch die autogerechte Planung verheerend. Und trotzdem werden noch heute (!) Autobahnen in amerikanischen Städten verbreitert.

    Ich möchte nicht zu offtopic werden, aber dazu gibt es eine sehr interessante Studie, die Satellitenbilder der meisten großen Städte in den USA aus den 50ern mit heutigen Aufnahmen vergleicht. Die weiträumige Zerstörung von einst belebten, historischen Blockrandstrukturen ist zum weinen. Die Moderne hat den Amerikanern die Stadt geraubt und übrig bleibt an vielen Orten ein trostloses Wasteland aus Autobahnen, Parkplätzen und geschlossenen Bürotürmen.


    Hier der Link: http://iqc.ou.edu/2014/12/12/60yrsmidwest/