Zukunft des Rathausforums / Marx-Engels-Forums

  • Die Vorsitzende von Urbanophil e.V. wurde vor kurzem interviewt, eine Kurzfassung ist in der taz erschienen. Im Wesentlichen plädiert sie für ein "denkmalpflegerisches Konzept", also dem Erhalt des Ensembles und der Freiräume. In dem Beitrag sind auch noch einige interessante Abbildungen, zB die DDR-Planung mit dem Zentralen Gebäude oder der Vorschlag aus den 90ern von Albers/Hoffmann-Axthelm. Ein lesenswertes Interview hier in der Langfassung.

  • Ich wünsche mir...

    ...etwas weniger Emotionen und etwas mehr Realitätssinn. Solange es keine Nachfragesteigerungen ins unermessliche für innerstädtische Grundstücke gibt, sollte man es so lassen. Auch bei der Entwicklung sollte man altmodisch sein. Straßen und Plätze anlegen, parzellieren, feste Gestaltungssatzung und einfach ein Viertel entstehen lassen. Nur sollte man dem sozialistischen Ensemble etwas Raum lassen um sich zu entfalten. Auch halte ich nichts von Altstadtimitationen. So etwas hat Berlin mit dem Nikolaiviertel schon. Um die Marienkirche dürfen es gerne drei- bis viergeschossige, kleinere Gebäude sein. Für die restliche Bebauung darf man sich gerne am maßstäblich an den Gründerzeitgebäuden Berlins orientieren.

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    Man sollte vielleicht erstmal dafür sorgen, daß die Sockelbebauung des Fernsehturms sauber gemacht wird. Im Momen passt sie ja blendend zur Klientel, die sich morgens um halb 8 dort bereits mit Bierchen gemütlich macht.


    Ich hoffe ja mal, daß irgendwann eine neue Bebauung erfolgt, vielleicht bspw. eine Art offenes Atrium zum Bahnhof hin. Nach Westen hin würde ich die Treppe noch höher machen und diese seltsamen Dreiecke umbauen lassen.


    Aber ich fürchte daraus wird nichts :(

  • Das sind ja sehr abenteuerliche Ideen hier. Besonders bemerkenswert finde ich den Vorschlag, die Marienkirche zu drehen. Die Marienkirche ist Berlins ältestes Bauwerk, soweit ich weiss, mit Teilen noch aus dem 12. Jahrhundert! Das kann niemand wirklich ernsthaft in Erwägung ziehen, das auf ein Tablet zu stellen und zu drehen, damit es in eine noch nichtmal ansatzweise geplante Neubebauung passen würde. Außerdem ist die historische Bedeutung der Marienkirche, die rund 800 Jahre älter ist als die in der Nähe stehende Nikolaikirche, viel zu leicht zu unterschätzen. Zeigt doch gerade ihre Ausrichtung, wie brutal der städtebauliche Eingriff nach dem 2. Weltkrieg an dieser Stelle gewesen ist. Egal was und wie man es an dieser Stelle einst bauen wird, die Kirche kann dabei unmöglich stören.


    Berlin vergleicht sich ja gerne mit New York. Ich persönlich halte diese Großmannssucht ja eigentlich für überholt. Aber mal zum Spaß ein Vergleich. Die Marienkirche hat in der Innenstadt von Berlin eine ähnliche Bedeutung wie die Trinity Church in Manhattan/New York City.


    In Berlin steht die Kirche aber so, wie eine Kirche im eigentlichen Sine stehen soll, nämlich in exakter Ost-West-Ausrichtung. Gut zu sehen auf Google maps.


    Die Trinity Church schaut zwar alt aus, sie ist es aber nicht. Sie orientiert sich am Raster der Straßen und der Nachbarbebauung. Gut zu sehen hier.


    Der Schluss, den ich daraus ziehen möchte ist der Unterschied zwischen eines über Jahrhunderte tradierten, historisch gewachsenen, komplexen und bedeutsamen Städtebaus einer europäischen Großstadt wie Berlin - im Unterschied zu den überschnell wachsenden Innenstädten des 19. jahrhunderts wie New York oder gar des 20. und 21. Jahrhunderts wie wir es momentan in Asien erleben.


    Schon allein deshalb sollte es für jeden Berliner m.M.n. ein Tabu sein, dieses letzte und älteste Stück Berlin anzutasten. Denn in puncto größenwahnsinnige Dimensionen kann es Berlin längst nicht mehr mit Asien und Amerika aufnehmen. Wohl aber mit Tradition und Geschichte. Das findet man so anschaulich, echt und in Stein gehauen nirgendwo sonst auf der Welt. Wer aufmerksam durch Berlin geht, macht eine architektonische Zeitreise, und bekommt Großartiges aus jeder Epoche zu Gesicht.


    Die Bebauung des Rathausforums ist ein Thema für die mittlere bis ferne Zukunft. Die Stadt Berlin zeigt ihre wirtschaftliche und gestalterische Kraft gerade rund um den Breitscheidplatz und noch eindrucksvoller rund um den Alex. Dort gibt es wenig historisches, was man stören könnte, aber noch viele Möglichkeiten, den Immobilienmarkt mit neuen Geschossflächen zu versorgen und das Stadtbild in zeitgenössischem Geschmack zu bereichern. Nach Fertigstellung bleibt es zu urteilen, ob man das richtig gemacht hat oder verkehrt. Ich finde so lange kann es absolut warten, bis man intensiver über eine Neubebauung des Rathausforums sprechen könnte.


    Die derzeitige Situation ist so schlecht garnicht. Ein hervorragender Freiraum um Sylvester zu feiern, oder im Sommer spazieren zu gehen und die kommenden Jahre die Großbaustelle "Stadtschloss" zu beobachten.
    Gut Ding will Weile haben.
    Würde man das Rathausforum jetzt bebauen würde man es bestimmt recht schnell bitter bereuen.

  • ..... Die Marienkirche ist Berlins ältestes Bauwerk, .........


    Unwahrscheinlich. Es gibt wohl um die 50 alte Dorfkirchen in Berlin. Eine in Marienfelde soll möglicherweise die älteste davon sein. Teilweise wird auch die Meinung vertreten die Nikolaikirche in Mitte sei die Älteste, das ist aber wohl eher auf ihre Bekanntheit dank des zentralen Standorts zurück zu führen. Ich glaube allein im Ortsteil Mitte gibt es auch noch 20 andere Kirchen. Die Kirchenorganisationen waren halt schon anno Tobak recht mächtig und reich und konnten sich dementsprechend solide Kultbauten leisten.


    Im heute eher säkularen Berlin werden so viele wohl nicht mehr gebraucht.


    Bitte beim Thema bleiben. Die Diskussion über Glaube und Religion bitte woanders führen.
    Bato

  • Der Unterschied zu den "50 alten Dorfkirchen" im Stadtgebiet von Groß-Berlin liegt wohl darin, dass die
    Marienkirche tatsächlich im mittelalterlichen Berlin Stand.
    Die Nicolaikirche ist in der Tat älter, die Marienkirche gehört aber zu der ersten Berliner Stadterweiterung.


    Mir als bekennendem Christ bedeutet diese Kirche mit ihrer ganz speziellen Geschichte sehr viel.

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    Diese alten Kirchen erfüllen doch mehr als nur ein Versammlungsort für Gottesdienste zu sein.
    Sie sind heute ganz wesentlich auch ein Kulturgut und haben sehr oft auch zeitgeschichtliche Bedeutung. Von der Funktion als lokalen oder regionalen Wahrzeichen und Landmarken in vielen Fällen mal ganz abgesehen.


    Ich muss sagen ich bin einigermaßen schockiert mit welcher Gleichgültigkeit hier einige Kultur und Zeitgeschichte wegwischen wollen,
    ganz nach dem Motto "Ist alt - kann weg", umgekehrt dann aber moderne Trivialbauten für sakrosankt erklären.


    Konstantin hat schon ganz recht, wenn er das mit dem Brutalismus eines Speer und Ulbricht vergleicht. :nono:

  • Kompromisslösung

    Auf der Internetseite der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung bin ich auf einen interessanten Entwurf gestoßen, der 2009 beim Hochschulprojekt "Off The Records - Maßnehmen am Marx-Engels-Forum" entstanden ist. Die Initiatoren dieses Sommerworkshops waren Prof. Barbara Hoidn von der School of Architecture at the University of Texas at Austin sowie Prof. Benedict Tonon von der Universität der Künste Berlin.



    Quelle: http://www.stadtentwicklung.be…v/hochschulprojekte.shtml


    Trotz der mangelhaften Bildqualität kann man gut erkennen, dass die Richtlinien des städtebaulichen Leitbilds Rathausforum 1992 hierbei in vorbildlicher Weise eingehalten werden:


    • Rathaus als zentrales Gebäude erhält einen Vorplatz
    • Spandauer-, Karl-Liebknecht- und Rathausstraße bekommen ein städtisches Profil
    • Marienkirche wird besser ins städtische Gefüge eingebunden
    • Vorbauten des Fernsehturms werden in Frage gestellt
    • Restquartiere werden enger mit Spandauer und Stralauer Vorstadt vernetzt
    • Grundidee eines städtischen Freiraums wird insgesamt beibehalten


    Was haltet Ihr von diesem Kompromiss zwischen den Befürwortern einer Neubebauung/Rekonstruktion und den Anhängern einer Erhaltung des Ist-Zustands?

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    Nunja, es ist ein Kompromiss. Und wie bei allen Kompromissen ist es nichts Halbes und nichts Ganzes.


    Daß die Vorbauten des Fernsehturms in Frage gestellt werden, finde ich ok, allerdings sehe ich keine "bessere Einbindung" der Marienkirche. Sie ist immer noch am Rand gedrängt und hat nichts Eigenes.


    Auch finde ich diese zentralistische mit Sichtachsen "zugepflasterte" in Szene setzen zu viel. In dem Vorschlag wird ja die Rückseite des Schlosses als Bezugspunkt vom Osten her gestellt, was ich meiner Meinung nach nicht so passend finde. Die "Zentrale" des Schlosses ist die Kuppel von den Linden her, nicht die Rückseite.


    Alles natürlich rein subjektiv betrachtet :)

  • Es enstpricht ungefähr meinen Vorstellungen von einer möglichen Bebauung. Die Kirche stört dabei etwas Symmetrie des modernen "Schlossparks" lässt das Ganze aber dadurch auch weniger streng wirken . Dass eine große Freifläche als Kontrast zum Hochhauscluster am Alexanderplatz erhalten bliebe finde ich richtig und wichtig.

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    Volle Zustimmung! Man sehe sich nur Konstantins Avatarbild an: DAS wäre mir am liebsten :)


    Chandler: ist nicht der Alex selbst schon Freifläche genug als Kontrast zu den potentiellen Hochhäusern?

  • Wie könnte denn eine "Entfaltung des sozialistischen Ensembles" aussehen?


    Ich meinte lediglich, das man etwas Platz lässt, damit man visuell den expressiven Charakter der Sockelspitzen gut einfangen kann. Ich finde die Sockelbebaung sehr interessant. Ein Platz vor den Fernsehturm ist einfach wichtig. Diese architektonische Geste braucht Platz.


    Zum Entwurf aus Texas kann ich nur sagen, das es eine gute Idee ist. So ähnlich habe ich mir das auch vorgestellt. Eine sehr großstädtische Geste. Eine breite Sichtachse zwischen Schloß und Fersehturm. Die Blöcke schirmen den Platz vom Straßenlärm ab. Auch kann ich mir Arkadengänge vorstellen. Zudem wäre eine Kaskadenartige Absenkung des Platzes zur Spree hin denkbar. Auch eine kleine Fußgängerbrücke zum Humboldtforum?


    Für mich bleibt jedoch die Sockelbebauung unantastbar. Sie gehört zum denkmalgeschützten Ensemble des Fernsehturms. Auch ist für mich die Marienkirche ein Heiligtum. Drehen oder versetzen ist doch Irrsinn. Eher gefiele mir die Idee ihr einen maßstäblichen Bau gegenüber zu stellen, der in die entgegengesetzte Richtung (Nord/Süd?) versetzt ist. so entsteht eine Symetrie.

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    Wobei ich finde, daß die jetztige Inszenierung der "architektonischen Geste" für nicht mehr zeitgemäß halte.


    Eine völlige Umbauung, wie es einst Hans Albers vorschlus, finde ich auch schon wieder zu grotesk. Es muss doch etwas dazwischen geben zwischen genügend Platz und Bebauungsdichte, die den Charakter eines Aufmarschplatzes verschwinden lässt.

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    Nun, ich bin auch kein Architekt. Wieviel Platz es braucht, die Wirkung des Sockelbaus zu erhalten, kann ich schlecht einschätzen. Aber zu wenig Abstand zum Bau erdrückt ihn. Ich finde den jetzigen Platz übrigens wenig imposant. Er ist eher etwas spießig und einer Stadt der Größe Berlins irgenwie nicht angemessen. Dennoch: nichts überstürzen. Dann kommt oft etwas zu stande, was mit der heißen Nadel genäht wird.

  • Eine sehr großstädtische Geste. Eine breite Sichtachse zwischen Schloß und Fersehturm.


    Also ich halte breite Schneisen im Stadtgebiet im allgemeinen NICHT für eine 'großstädtische Geste', sondern allenfalls ein Zeichen der De-Urbanisierung.

  • Naja, zwischen Schneise und Stadtplatz gibt es ja einen Unterschied. Der Plan sieht ja eine Randbebauung dieser Achse vor. Ich habe einige Posts vorher ja schon einen sehr konservativen Vorschlag gemacht. Den Maßstab sollte jedoch immer das rote Rathaus dar stellen. De-Urbanisierung sieht für mich anders aus. Die Wohnscheiben um den Alexanderplatz z.B.

  • Denkmalschutz hin oder her, unter der Prämisse, dass dieses halbgare Stadtensemble auf Dauer so nicht bestehen bleiben soll, steht die ausladende Sockelbebauung einer städtebaulichen Einbindung des Fernsehturms im Weg. Dieser ist in meinen Augen nach wie vor das einzig wirklich bedeutende was dort nach dem Krieg entstanden ist. Die Sockelbebauung hält alles andere auf Abstand zum eigentlichen Turm was angesichts dessen, dass diese nicht wie andere Fernsehtürme am Stadtrand sondern im Stadtkern steht und selbiger irgendwie wiederstehen soll unvereinbar ist. Konsequent wäre die DDR Planung nur gewesen wenn man auch die Marienkirche abegräumt hätte und so eine monumentale, unverdeckte Sichbeziehung vom Schlossplatz aus gesehen enstanden wäre. Glücklicherweise ist das so nicht geschehen.


    Ich bin nach wie vor für die Bebauung eines Großteils der Freifläche und dem Abriss der Sockelbebauung. Die Neubauten sollten aber keine allzu großen Höhenunterschiede aufweisen, allgemein nicht sehr hoch sein und der Straßenverlauf auch Bezug zum Fernsehturm haben, also irgendwie auf ihn zulaufen. Meinetwegen auch eine direkte Verbindung vom Schloss zum Fernsehturm. Eine komplette Rekonstruktion des alten Straßennetzes ist eh utopisch und würde auch der Wahrzeichenwirkung des "neuen" Turmes nicht gerecht werden. Ich denke durch eine gediegene Umbauung würde dieser noch beeindruckender wirken als jetzt mit Wiese davor und zu hohen Platten an den Seiten.