Zukunft des Rathausforums / Marx-Engels-Forums

  • Tönt doch gleich sympathischer. Hm, also wurde noch bis in die 1980er in der "Hauptstadt der DDR" historische Bausubstanz zugunsten von sowjetischer Monumentalgestaltung abgerißen? Weil, wenn dieses "Forum" erst 1986 fertiggestellt wurde...was war dort zuvor?



    Abgerissen wurde schon sehr viel früher. Spätestens in den 60ern mit Bau des Fernsehturms und der anderen Schönheiten im Umkreis wurde auch dort planiert. Monumentalgestaltung gab es aber nicht, nur ein bisschen Grünfläche. Ob das nun, angesichts der Unzahl ähnlicher Freiflächen im Berliner Stadtgebiet, ein erhaltenswerter Zustand ist, sollte diskutiert werden...

  • Da tut es einem ja noch mehr in der Seele weh, wenn man bedenkt was daraufhin alles dem Erdboden gleichgemacht wurde...
    Woher kommt eigentlich das Datum 2017, das mit einer Bebauung des Forums in Verbindung gebracht wird? Das klingt so, als wäre die Wiederbebauung beschlossene Sache.

  • 2017 deshalb, weil die Bauarbeiten für die U55 zum Alex entsprechend lange dauern und die Fläche des MEF als Lagerfläche benötigt werden.
    Beschlossen ist noch gar nichts, Wowereit und Kulturstaatssekretär Schmitz haben zwar eine Diskussion in die Richtung angestoßen und der Senat hat mit Planungen begonnen, die Linke, die sich auch als Vertreter des DDR-Städtebaus sehen, gehen aber nicht mit.

  • Hach, traurig, wie immer...Mit den ganzen Rasenflächen sieht das aus, wie irgendne Industriegegend am Stadtrand. Aber immerhin erkennt man noch die alten Straßenverlaufe. Wie kam eigentlich der Altbau, der heute noch zw. Fernsehturm und Bahnhof steht, zu der Ehre, nicht abgerissen zu werden?

  • Wenn ich das richtig in Erinnerung habe hat es nur überlebt weil der Abriss nicht "schnell genug" ging bzw. nicht "rechtzeitig" durchgeführt wurde. Nachdem der Fernsehturm fertig war und die Umgebung weitgehend geräumt war, stand es immer noch.


    Das Haus sollte aber ursprünglich (genau wie sein Pendant auf der Südseite) abgerissen werden. Spätere Modelle (zB das von 1989) der Innenstadt zeigen das Haus zwar wieder, aber in frühen Versionen war es nicht vorhanden.
    Auf ein Bild ohne das Haus war ich vor einiger Zeit im Internet gestoßen, finde es aber jetzt leider nicht wieder.


    Der Abriss wurde immer wieder verschoben, weil Raum immer noch rar war, weil es schlicht und ergreifend Geld gekostet hätte das Haus abzureißen und schließlich auch weil man vom Abreißen funktionstüchtiger Gebäude einfach abgekommen war. Und dann war es plötzlich schon 1989.

  • Ben


    Ja, eine gute Frage, die mich nicht losgelassen hat. Ich hab mal ein bisschen in der Bibliothek recherchiert. Eine eindeutige Antwort habe ich jedoch nicht gefunden.
    In Ergänzung zu quomodos Aussagen einige Informationen, die sich auf Benedikt Goebels 2003er Monographie "Der Umbau Alt-Berlins zum modernen Stadtzentrum. Planungs-, Bau- und Besitzgeschichte des historischen Berliner Stadtkerns im 19. und 20. Jahrhundert" beziehen. Vielleicht wirft das ein wenig Licht auf die Frage warum das Panoramahaus in der Panoramastraße 1 nicht wie andere (z.B. das hier
    Kra... ...wumm!) gesprengt wurde.


    Das 1903 als "Kühl- und Gefrierhaus Centrum GmbH" für den persischen Generalkonsul Abraham Henoch (✝ 1930) errichtete Gebäude ging 1936 an dessen Sohn und Tochter Felix und Doris über. Dieser ab 1942 in den USA. Sie wurde 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert. Daraufhin 1943 Enteignung und Arisierung des Gebäudes. Ab 1953 Eigentum des Volkes (1952 war eigentlich eine Verbreiterung der Stadtbahntrasse Richtung Westen geplant, der das Gebäude zum Opfer gefallen wäre) als "Zentrales Konstruktionsbüro der metallurgischen Industrie". In einer alternativen Planung des Fernsehturms mit kreisrundem Sockel fehlte das Gebäude später. 1969-1983 Sitz der Aufbauleitung Marzahn des HAG Komplexer Wohnungsbau. Ab 1984 Abteilung VEB Wohnhochhaus und Gesellschaftsbau des VEB WBK Fritz Heckert. Dann 1990 an die Treuhand.


    Laut Goebel beabsichtigten die Stadtplaner seit den späten 70er Jahren eine Ausweitung des DDR-Prinzips "Stadtreparatur", wie sie im Nicolaiviertel zum Tragen kam (also eine Mischung aus Rekonstruktion und Bestandserhaltung), auf das Gebiet ums Panoramahaus und zudem auf das Gebiet Waisen/Littenstrasse (vgl. Goebel: S. 305). Dazu zeichneten die Architekten Heinz Mehlan und Rolf Ricken 1979 Ideenskizzen für einen Anbau Richtung Karl-Liebknecht-Strasse bei gleichzeitigem Erhalt der Panoramastr. 1 (ein Bild findet sich in der Monographie). Dieser allerdings kam nicht zustande ... bei einer Renovierung 1984 wurden lediglich andere Fenster eingesetzt und die Nordseite neu verputzt. Auch erst 1979 soll, so Goebel, beschlossen worden sein, das seit der Fertigstellung des Fernsehturms 1969 auf der Abrißliste stehende Gebäude Panoramastrasse 1, dauerhaft zu erhalten.


    Irgendwann in den 70er Jahren muss in der DDR von Staatsseite ein Umdenken stattgefunden haben. Interessanterweise fällt Goebels Zeitangabe von 1979 (mit dem Beschluss zur Erhaltung) zusammen mit dem Gesetzblatt 1017 der DDR (auch von 1979) in dem das erste mal eine "Zentrale Denkmalliste der DDR" herausgegeben wird und faktisch ein Drei-Klassen-System des Denkmalschutzes geschaffen wird (Zentrale Denkmalliste, Bezirksdenkmalliste, Kreisdenkmalliste).
    Es wäre interessant zu wissen ob und in welcher Liste das Panoramahaus gelistet war.


    Meine Vermutung ist, dass Arisierung und eine vor 1945 erfolgte Enteignung, langwierige Planung beim Bau des Fernsehturms und ein durch den zeitlichen Abstand bedingtes Umdenken in der Stadtplanung den Bau in die heutige Zeit gerettet hat.

  • Bei den Bauarbeiten für die U 55 werden demnächst mutmaßlicherweise die Fundamente der Gerichtslaube und des Alten Rathauses gefunden, welche unter der Kreuzung Spandauer Ecke Königstrasse liegen. Hat einer eigentlich deren präzise Lage parat? Die Gerichtslaube steht ja derweil in Babelsberg, das Alte Rathaus ist leider abgerissen...
    K.

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    Ich habe mal versucht das zu rekonstruieren.
    Die Verschiebung nach Norden im Vergleich zum heutigen Rathaus ergibt sich aus der Verlegung des "Neubaus" 20 Meter südöstlich in die damalige Nagelgasse hinein um nördlich einen Vorplatz für die Optik zu gewinnen. Die gelbliche Markierung versucht die Gerichtslaube zu lokalisieren, deren Untergeschoss laut Goebel noch aus dem 13. Jahrhundert stammte. Die blaue Ausbuchtung soll den Uhrturm darstellen, dessen Türmchen bereits 1819 wegen Baufälligkeit abgerissen wurde. Nachdem Kaiser Wilhelm I. (1839 glaub ich) an der Kreuzung aufgrund eines Ausweichmanövers mit seinem Gespann in den Rinnstein gefahren war und man daraufhin erkannte, wie sehr der Turmsockel weiterhin die Kreuzung verengte, wurde auch er entfernt (1840 wenn ich mich recht entsinne).



    Bildquelle: Google Earth

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    Die Gerichtslaube, wie sie sich im Park Babelsberg präsentiert, ist aber die gotische, also ältere Version. Zum Zeitpunkt ihres Abrisses für den Bau des Roten Rathaus sah sie so aus. Diese barocke Version der Gerichtslaube wurde dann 1987 im Nikolaiviertel rekonstruiert, wo sie auch heute noch zu sehen ist. Kuckst du hier

  • Naja alle haben ein bisschen Recht:


    1. Positionierung der Gerichtslaube und des Alten Rathauses müßten fast richtig sein, nur um drei Meter nach Südwest, da seinerzeit die Spandauer Strasse den gesamten heutigen nordöstlichen Fahrstreifen für die Bebauung in Anspruch nahm.


    2. Die gotische Variante der Gerichtslaube war das Original, welches später verputzt wurde. in Babelsberg ist sie Gotisch aufgestellt weil es dem Zeitgeschmack entsprach.


    3. Die Version "Nikolaiviertel" ist von Günter Stahn oder einem der Architekten aus seinem "Kollektiv" nachemfunden, Originalteile wurden nicht verwendet.


    Deshalb müßte das Geburtshaus von Moses Mendelssohn und das Gebäude mit dem berühmten Salon von Heriette Herz auch auf der Seite gestanden haben.

  • desktopstarrer


    Von der gibts einen Haufen Bildnisse im Netz, z.B.:
    Mit Uhrturm und Türmchen (Kupferstich um 1760)
    Nach Entfernung des Türmchens
    (Gemälde von Carl Graeb)
    Daguerreotypie um 1840 (Leopold Ahrendts)
    Nach Abtragung des Sockels (1864 - Albert Schwartz)


    Hier meine überarbeitete Version. Müsste auf ungefähr 1 Meter die korrekte Lage wiedergeben:

    Bildquelle: Google Earth


    Dazu habe ich diese Vorlage benutzt.

  • Danke, danke. Sehr verdienstvoll! Da die nordöstliche Spur der Spandauer Strasse zur Zeit ohnhin gesperrt ist, weil ein Riesenrad draufsteht und kein Dauerstau entsteht kann man die Spandauer Strasse auch wieder in ihre Breite des 19. Jahrhunderts veweisen.

  • Jetzt sind die ersten Ergebnisse der Veranstaltung am 17. Dezember bereits veröffentlicht. Im Tagesspiegel finden sich ingesamt fünf Entwürfe für den Bereich zwischen Spree und Fernsehturm. Allen Ideen ist gemein, dass sie den städtischen Freiraum an dieser Stelle erhalten. Dabei gibt es einen Vorschlag, der quasi auf eine Ausdehung des MEF-Parks vor das Rathaus hinausläuft, zwei Entwürfe, die die komplette Fläche komplett versiegeln sowie zwei Konzepte, denen noch halbwegs interessante Ideen zugrunde liegen: Im ersten wird versucht, die historische Stadtstruktur durch Absenken des Bodenniveaus zwischen 1,5 und 3 Metern freizulegen. Die alten Straßen werden historisch bepflaster, die noch existerenden Grundmauern bilden authentische Begrenzungen. Auf den alten Parzellen wächst grün. Der zweite, recht utopische Vorschlag legt eine "Binnenalster" in Berlin an, schafft also ein Becken von der Spree bis zu Marienkirche und Fernsehturm. Das öffnet ganz nette Perspektiven, der ultimative Wurf ist es aber sicher auch nicht.


    Bilder der Entwürfe gibt es hier:
    http://www.tagesspiegel.de/ber…Diskussion;art270,2977561


    Zuletzt der Hinweis der Senatsbaudirektorin: Alles nur Ideen, nichts davon ist für die Ausführung bestimmt. Es solle nur mal durchgespielt werden, was überhaupt denkbar ist für diesen Bereich.


    Grüße, Jan

  • Es kann sich bei den Entwürfen aber nur um temporäre Lösungen handeln. Es ging doch um eine Neubebauung des Gebietes. Die Konzepte sind ja lediglich die Erweiterung des Bestehenden (der Leere also).

  • Die Wasseridee mit ihren auswändigen Ufergestaltungen wäre wohl kaum als temporär anzusehen. Die archäologischen Gärten hingegen böten wohl tatsächlich Raum für spätere (Wieder-) Aufbauten.


    Natürlich ist alles nur ein Ideenwettbewerb.