Megalopolis Kairo

  • Megalopolis Kairo

    Kairo (offiziell 8 Mio. Ew. in 150qkm-Stadtgebiet, Metro ev. bis zu 21 Mio. Ew.) ist die Metropole der arabischen Welt.
    Trotz ihrer signifikanten und gravierenden Probleme gehört die Megalopolis am Nil zu den interessantesten und beeindruckendsten Städten, die ich bislang gesehen habe. Die Bebauungsdichte über das gesamte Stadtgebiet sowie in der Metro Area ist unglaublich, riesige, dicht gedrängte, windigst hochgezogene Wohnmaschinen zwischen 10- und 30 Geschossen prägen vor allem die Außenbezirke.
    Die Innenstadt, vor allem Downtown ist vornehmlich geprägt von Monumentalarchitektur und von (oft herunter gekommenem) hochgeschossigem Blockrand aus den Kolonialepochen, welche in der Bausubstanz tw. Paris und London in Nichts nachsteht. Auch die Zahl der Bausünden hält sich dort in erfreulichen Grenzen.
    Die traditionellen, islamisch geprägten Viertel sind kleinteilig und tw. labyrinthartig.


    Luftbilder







    Pyramiden (Giza)


    Skylines





















    Bilder:Wagahai

  • Danke für die Eindrücke. Kairo - Al-Qahira - die Große ist sicher mal eine Reise wert. Jedoch ist das alltägliche Leben in dieser Stadt wahrscheinlich mehr die Hölle auf Erden. Kein Wunder, dass die Menschen so gläubig sind und sich unter dem Paradies wahrscheinlich eine Oberbayerische Seenlandschaft mit auf grünen Weiden grasenden Kühen vorstellen ;-)


    Für mich ist Kairo die einzig wahre Weltstadt der Arabischen Hemisphäre, vor Riad und Dubai.

  • Aus den tollen Luftbildern könnte man sicher durch Kontrasterhöhung noch einiges mehr rausholen.


    Wie gefährlich ist die Stadt eigentlich? Nach dem, was ich so gehört habe, werden europäisch aussehende Touris dort ziemlich stark belästigt.

  • Das ist ein Problem, was denk ich in allen muslimischen Ländern brutal gestiegen ist. Ich fahre ja jedes Jahr mehrmals nach Marokko und kann eine deutliche Änderung im Verhalten vieler (nat. nicht aller!) Menschen feststellen.


    Früher war es so, dass man halt nur generell als potentielle Geldquelle gesehen wurde: Also man wurde halt von Händlern angegraben, was mitunter auch schon nervig werden kann. Aber alles auf einer fairen zwischenmenschlichen Ebene und man konnte das ja auch verstehen, da man ein vielfach höheres Einkommen hat, als der Händler im Souk...


    Heute ist es so, dass man oft aus religiös-politischen Gründen blöd angemacht wird. "Dirty European. Dirty Kafir" Hinterherspucken und so weiter. Sowas passiert heute definitiv öfter! :Nieder: Auch wird man oft in Diskussionen gezwungen (Osama ist Vorbild, Israel ist Naziland, Boykott von USA usw. usw.) die man gar nicht führen will.. Und wenn man sich als Deutscher outet, ist es so dass man sehr schnell auf Hitler usw. kommt, und so kurioser weise wieder mehr Sympathie bekommt.
    Zumindest in Marokko ist die "Re-Islamisierung" und das Erstarken von faschistischen und rassistischen Ideen sehr stark zu spüren. Hoffentlich ist das nur eine vorrübergehende "Modeerscheinung".

  • Danke, Isek, micro.


    Isek
    Für mich ist Kairo die einzig wahre Weltstadt der Arabischen Hemisphäre
    Das nehme ich auch an. Dubai jedenfalls ist für mich von einer Weltstadt weit entfernt, in Riad war ich noch nicht.
    Jedoch ist das alltägliche Leben in dieser Stadt wahrscheinlich mehr die Hölle auf Erden.
    Das ist wohl wie überall in solchen Metropolen primär eine Frage des Geldes. Der Reiche wohnt in noblen Villenvierteln mit Hauspersonal und Fahrer, hält sich in den zahlreichen Luxuslocations auf. Für die ganz große Mehrheit ist es natürlich ein täglicher Kampf ums Über-die-Runden-Kommen, ist klar.


    micro
    Aus den tollen Luftbildern könnte man sicher durch Kontrasterhöhung noch einiges mehr rausholen.
    Bin kein Fotoexperte, allerdings macht es die allgegenwärtige Smog-Glocke im Niltal wohl keinem Fotografen leicht.


    Wie gefährlich ist die Stadt eigentlich? Nach dem, was ich so gehört habe, werden europäisch aussehende Touris dort ziemlich stark belästigt.
    Gefährlich im Sinne von Kriminalität nach meinem Eindruck: Nicht wirklich. Dann schon eher das schon unbeschreibliche Verkehrsverhalten der Ägypter. Lästig sind tatsächlich das ständige Schachern und die Abzockversuche derer, die ein Gschäftle mit ahnungslosen Touris machen wollen. Da hilft nur konsequentes Ignorieren oder selbst abzocken.


    Isek
    Heute ist es so, dass man oft aus religiös-politischen Gründen blöd angemacht wird. "Dirty European. Dirty Kafir" Hinterherspucken und so weiter.
    Anfeindungen aus religiösen Gründen habe ich nicht bemerkt. Das mag andernorts anders sein. Kairo erschien mir als eher tolerant. Anders lässt es sich wohl in dieser Multikulti- und multireligiösen Stadt (u.a. christliche Minderheit der Kopten) ohne handfeste Auseinandersetzungen kaum aushalten. Aber nur mein Eindruck.


    Downtown (und Umgebung)
    Der beeindruckende Midan Talaat Harb





    Der zentrale (riesige) Platz bzw. die Hauptverkehrsdrehscheibe der Stadt: Midan al-Tahrir



    Das weltberühmte Ägyptische Nationalmuseum, u.a. mit der goldenen Tut-Anch-Amun-Maske (ein Muss)





    Der Bäcker war auch schon da









    Das Gebäude des Journalistenverbands, woher das Geld für den Bau herkommt, darüber lässt sich nur spekulieren...






























    Moschee neben Kirche, in Europa wohl undenkbar ;); zeigt, wie die Religionen in der Stadt traditionell relativ friedlich zusammen leben

    Freitagsgebet, da heißt es rien ne va plus

    Die monumentale Synagoge








    Das noble Ramses Hilton



















    Laufen macht hungrig

    Bilder:Wagahai

  • Islamische Altstadt


    Mohammed-Ali-Moschee auf der Zitadelle




    Um den Khan el Khalili-Basar
    Al-Azhar-Moschee, die mich in ihrer schlichten Eleganz am meisten berührt hat








    Brutale Schneise durch das Viertel








    Bilder:Wagahai

  • micro
    Aus den tollen Luftbildern könnte man sicher durch Kontrasterhöhung noch einiges mehr rausholen.
    Bin kein Fotoexperte, allerdings macht es die allgegenwärtige Smog-Glocke im Niltal wohl keinem Fotografen leicht.


    Dies ist vielleicht die Holzhammermethode, aber nur so als schnelles Beipiel, was Picasas "Auf-gut-Glück"-Button daraus macht:


    Vorher:


    Nachher:

  • Super Eindrücke! Kairo hat ja einiges an europäischer Altbaumasse zu bieten. Wahnsinn, wenn man das alles sauber herrichten könnte. Dann gäbe es ein Barcelona oder Neapel in Afrika!

  • micro
    Danke, so habe ich den Blick auf die Pyramiden aber so gar nicht in Erinnerung ;)


    Isek
    Wahnsinn, wenn man das alles sauber herrichten könnte. Dann gäbe es ein Barcelona oder Neapel in Afrika!
    Absolut. Kairo wurde wohl auch mal Paris am Nil genannt. Was fehlt, sind einfach Investoren und potente Mieter, und daran wird sich wohl auf absehbare Zeit nicht viel ändern.


    Alt-Kairo/Mar Girgis (Traditionelles Viertel der christlichen Kopten)






    Neues Kunsthandwerk-Viertel in Nachbarschaft, architektonisch m.E. hervorragend gelungen


    Bilder:Wagahai

  • U-Bahnstation (Es gibt nur 2 Linien)

    Durch die relativ noble Garden City am Nil, nahe Downtown





    Kirche und "Oldtimer" in der Nilinsel Zamalek, auch Standort vieler Botschaften


    Ausflug zu den Pyramiden ins benachbarte Giza (3,6 Mio. Ew.), rechts Cheops-Pyramide (138,75m), links Chephren-Pyramide (136,4m)






    See nahe der Oase Fayum



    Bilder:Wagahai

  • Tolle Fotos!
    Die Fülle an Altbestand ist erstaunlich! Hätte nicht gedacht, dass die Innenbezirke so wenig "entwickelt" werden.
    Immer wieder (auch in ganz anderen Kulturen, Asien zB.) fällt mir auf wie sehr das Englische adaptiert wird. Ladenbeschriftungen erfolgen ganz oft zweisprachig - öffentliche Gebäude oder Institutionsgebäude sowieso. Praktisch für uns Europäer, trotzdem eine Entwicklung die ich schade finde. (Wann wird's bei uns so sein "Friseursalon Cilly Cilly's Barbershop"?)

  • @ Wagahai:
    Nochmal zur Religiosität der Menschen. In Casablanca z.B. laufen etwa 20 % der Frauen unverschleiert und in westlichen Outfit herum. Wie ist es denn in Kairo? Auf deinen Bildern schaut alles wahnsinnig traditionell aus. Wie kleiden sich denn die Frauen mit christlicher Religion die ja statistisch - und diese Zahl wird wahrscheinlich eher niedrig gehalten - 10 % der Bevölkerung ausmachen? Haben die Angst sich zu Erkennen zu geben? Man hört ja immer wieder auch von Ägypten Übergriffe auf die christliche Minderheit...

  • Andi_777
    Danke.


    fällt mir auf wie sehr das Englische adaptiert wird
    Ob man das in den Fällen von Ex-Kolonien "adaptieren" nennen kann, weiß ich nicht, es wurde wohl eher aufoktroyiert, und man hat sich daran gewöhnt, bzw. den Nutzen z.B. für den Tourismus eingesehen. Anderseits wurden ja z.B. in Indien wichtige Städtenamen wie Bombay in Mumbai, Madras in Chennai "re-hindisiert", und amerikanische Fastfood-Reklame vom damaligen Bürgermeister Teherans Ahmadineschad vom Stadtbild verbannt (oder so ähnlich).


    Isek
    Wie ist es denn in Kairo?
    Ja, ich denke, der Anteil der Frauen ohne Kopftuch/Unverschleierten dürfte wohl auch so um 20% liegen. Tendenz dürfte aber eher nach unten zeigen, nachdem die Stadt jährlich aberwitzigen Zuwachs vom Lande erhält (extreme Wohnungsknappheit, selbst Friedhofsanlagen werden hierfür in Anspruch genommen), was dem Vernehmen nach die "modern-urbanen" Kairoer immer mehr aufregt.


    Wie kleiden sich denn die Frauen mit christlicher Religion die ja statistisch - und diese Zahl wird wahrscheinlich eher niedrig gehalten - 10 % der Bevölkerung ausmachen?
    Das Kopftuch ist entgegen landläufiger Meinung eigentlich an keine Religion gebunden. Es ist ja auch in Süditalien oder Griechenland gelegentlich anzutreffen. Im koptischen Viertel waren aber tatsächlich mehr Menschen ohne Kopftuch unterwegs.


    Haben die Angst sich zu Erkennen zu geben?
    Kann ich nicht beurteilen, bin nur ahnungsloser Tourist ;). Es ist aber auch nicht so, dass alle muslimischen Frauen Kopftücher trügen, z.B. junge, gut ausgebildete Frauen wohl eher nicht (einige durfte ich auf einer Feier kennen lernen).
    Den Einfluss der Religion auf den Alltag darf man aber meine ich in einer Megalopolis wie Kairo grds. auch nicht zu hoch hängen. Hier findet urbanes Leben genauso statt wie in London, N.Y. oder Tokyo auch, nur eben weniger offensichtlich - und mit viel "Doppelmoral" (Am nächtlichen Nilufer wird geknuddelt und geknutscht, dass einem schwindlig wird ;)). Die Wirklichkeit ist komplexer, es gibt solche und solche.


    Man hört ja immer wieder auch von Ägypten Übergriffe auf die christliche Minderheit...
    Die Islamisten sind ganz klar auch in Ägypten ein Problem (Muslimbrüderschaft), und einen Anschlag gegen Kopten mit einem Toten und mehreren Verletzten gab es wohl zuletzt 2006 in Alexandria. Solche Nachrichten sind natürlich für Staat, Wirtschaft und Bevölkerung eine Katastrophe, nachdem Ägypten quasi ausschließlich vom Tourismus lebt. Darauf legen es die Islamisten aber gerade an, um den autokratischen und US-gestützten Staatsapparat Mubaraks mürbe zu machen.

  • "Doppelmoral"


    :D:D:D


    Ja, das ist wahrscheinlich das Schlagwort, was am treffensten auf die arabisch, islamischen Gesellschaften zutrifft. Ich kann das zu 100% auf Marokko übertragen!


    Aber auch hier kann man feststellen: "Ja, auch in Italien oder Griechenland werden Vergewaltigungen und Kindermorde von der Presse eher verschwiegen als gesellschaftlich so wie hier in Nordeuropa aufgearbeitet."

  • Lobpreis der tollen Fotogalerie!


    Auf den Bildern kann man keine Bautätigkeit erkennen. Passiert denn tatsächlich alles in den neuen Satellitenstädten?



    Im übrigen ist die U-Bahn in Kairo interessant. Ist ja immerhin "noch" die einzige in ganz Afrika (Algier eröffnet irgendwann dieses Jahr und in Johannesburg wird auch irgendwas gebaut). Es gibt 2 Linien: Die Französische und die Japanische! :D
    Zusammen sollen sie angeblich 1,2 Millionen Passagiere pro Tag befördern. Wie das klappen soll, weiß ich nicht, da das ja immerhin mehr ist, als die Münchner U-Bahn mit seinen fast 100 km und 6 Linien!


    Eine 3. Linie (vielleicht ja die German-Line) ist in Planung. Oder hast du was entdecken können?


    Im übrigen eignet sich Kairo aufgrund der brutalen Dichte hervorragend für die Erschließung mit der U-Bahn: Die bebaute Fläche von Berlin ist größer als die von Kairo! Vergleicht mal ein Satellitenbild...

  • Danke, LEonline, Isek :D


    Isek
    Auf den Bildern kann man keine Bautätigkeit erkennen. Passiert denn tatsächlich alles in den neuen Satellitenstädten?
    Ich würde sagen ja. In Downtown passiert praktisch nix, in Zamalek und in anderen Stadtteilen um Downtown herum gibt es gelegentlich den einen oder anderen Hotel- oder Wohnturm in Bau. Von einer Boomtown ist Kairo m.E. ganz weit weg.


    Zusammen sollen sie angeblich 1,2 Millionen Passagiere pro Tag befördern. Wie das klappen soll, weiß ich nicht, da das ja immerhin mehr ist, als die Münchner U-Bahn mit seinen fast 100 km und 6 Linien!
    Das kann ich mir sehr gut vorstellen, die U-Bahnen sind stets gut voll, in München hingegen nur sehr begrenzt.


    Eine 3. Linie (vielleicht ja die German-Line) ist in Planung. Oder hast du was entdecken können?
    Die U3 suchte ich vergeblich (war nämlich auf meinem Stadtplan schon als existent eingezeichnet), ist aber offenbar noch nicht einmal in Bau (EDIT: Tw. in Bau). Später soll sie wohl u.a. die Innenstadt mit dem Airport verbinden.


    Die bebaute Fläche von Berlin ist größer als die von Kairo! Vergleicht mal ein Satellitenbild...
    Ja, die Dichte ist absolut mörderisch: 150qkm (München: 310qkm) für konservativ geschätzt 8 Mio. Menschen nur im (Kern-) Stadtgebiet. Tagsüber werden mit Sicherheit noch etliche Millionen hinzu kommen.


    Bis 2022 (unter Projects) sollen insgesamt 6 Linien in Betrieb sein. Wer´s glaubt.
    Wünschen würde man sich´s, denn die Blechlawine in der Stadt ist nicht von dieser Welt, eine Katastrophe. Entsprechend die Luftverschmutzung, ein Angriff auf die Atemwege.



    EDIT aus aktuellem Anlass.


    Hier auf diesem Platz ereignete sich der Terroranschlag vor wenigen Tagen. You only live twice.



    Bild:Wagahai

  • Schöne Fotos!
    Ich habe einen älteren Freund in einem Randbezirk von Kairo und besuche ihn einmal im Jahr. Er ist nicht gut zu Fuß. Wenn er bestimmte Straßen überqueren möchte, nimmt er ein Taxi! Der Verkehr ist das große Problem.
    Ich habe mich stets in Kairo wohl gefühlt, wurde nie belästigt. Religion habe ich nie als Problem oder nur Thema erlebt. Vor zwei Jahren war ich zur (koptischen) Weihnachtszeit in Kairo. Im Fernsehen lief nur "Jingle bell, jingle bell" und die Malls waren gräußlich mit Christbaumschmuck überladen.