Chemnitzer Industriedenkmale: Bestand, Nutzung und Zukunft

  • Eher zufällig bin ich auf eine von einigen Anzeigen bei Immonet gestoßen, wo man bereits für die Zwickauer Straße 225/227 (zugehörig zu Wanderer Werken ^) mögliche Mieter sucht.


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    Geworben wird mit Büronutzung, bei einer Kaltmiete ab 8,50€ bis 9,50€.

    Dann aber im sanierten Zustand.


    ..klar ist es schwierig mögliche Mieter hierfür zu finden, aber ... Von Nichts kommt auch Nichts. Auf der anderen Seite gibt es Potenzial frei für eventuell jene die Platz suchen und anderswo vielleicht nicht finden?

  • Was macht man dann aber mit dem Fabrikgebäude mit seinen winzigen Fenstern? Eine Schule ändert gar nichts an der Situation, noch dazu bekommt man kaum noch Personal für ein Restaurant.

    Die Schule ändert natürlich nichts direkt, aber sie wertet das komplett desolate und unstrukturierte Umfeld dort enorm auf. Das wäre die allererste Grundlage für eine gastronomische Nutzung - eine Aufenthaltsqualität und eine Gestaltung der riesigen Brache. Von der Inneren Klosterstraße ist die Location nur wenige Minuten entfernt. In Kombination mit einer Büronutzung halte ich eine Gastronomie - vielleicht auch in Kombination mit einem Mittagstisch - dort für realistisch und es könnte ein schöner Freisitz für die Chemnitzer werden. Die geringe Belichtung durch die wenigen Fenster sehe ich davon abgesehen eher für eine Büronutzung als Problem. Hier muss ja auch von rechtlicher Seite eine gewisse Belichtung gewährleistet werden.

  • Mit der neuen Oberschule und ihren Freianlagen wird die gesamte östliche Seite des Festplatzes neu gestaltet. Dazu gehört auch der Bereich nördlich der alten Halle. Wenn bald (?) die Straßenbahn durch die Hartmannstraße fährt, wird auch dieser Bereich komplett neu gestaltet sein. Die Halle wird dann optimal an Straße, Bahn und auch an die weiter aufgewertete Fuß- und Radwegeverbindung von der Innenstadt zum Kassberg angebunden sein. Direkt an die Halle wird dann eine 4-zügige Oberschule (670 Schüler + 50 Lehrer), eine 4- Feldsporthalle mit großer Tribüne und entsprechender Zuschauerzahl, eine Berufsschule, das Polizeipräsidium und ein Multiplexkino angrenzen.

    Ich denke, dass man das durchaus als attraktive Lage bezeichnen kann. Da geht auf jeden Fall was.

    Die Halle sieht aktuell recht banal aus, hat aber wirklich Qualitäten im Inneren und auch im Äußeren (Sheddach, historische Kranbahn, Rundbogenfenster, Sandsteinfriese). Extrem schade fände ich es, wenn die Halle im Mittelschiff eine Zwischenebene erhalten würde.

    Bezüglich der Belichtung würde ich mir gar keine Sorgen machen. Auch die „kleinen“ Fenster der Halle sind noch groß und wenn mal alle vermauerten Öffnungen an West- und Südseite geöffnet wurden, wird es da drin richtig hell. Dazu trägt nicht zuletzt auch das Sheddach bei.

    Als Resümee möchte ich noch sagen, dass für diese Ecke der Stadt wirklich goldene Zeiten anbrechen werden, wenn alles so startet, wie es sich jetzt abzeichnet.

  • ^ Sehe ich genauso. Allerdings hat die ganze Ecke ein großes Problem: Die Anzahl an dort lebenden Personen ist recht gering. Der Altbaubestand der eigentlich ganz attraktiven Gegend An der Markthalle ist von sehr hohem Leerstand geprägt - hier gab es doch vor ca. einem Jahr auch mal eine Ausschreibung der Stadt zur Bestandsaufnahme und Analyse der Leerstände sowie der Suche nach Handlungsmöglichkeiten. Leider finde ich dazu nichts mehr im Internet. Weiß ja jemand mehr? Jedenfalls sollte in dieser Ecke mehr hochwertiger und attraktiver Wohnbau entstehen, der das ganze Gebiet dort auch ein bisschen sozial durchmischt.


    Ganz konkret würde ich mir hier endlich die Bebauung der freien Fläche zwischen Hartmann- und Theaterstraße wünschen - funktional durchmischt mit einem hohen Wohnanteil und tendenziell eher besser ausgebauten Wohnungen. Im Erdgeschoss in Richtung der rückwärtigen namenlosen Gasse Gastronomie, um die Gastro-Meile hierher zu erweitern. An guten Tagen bekommt man in der Inneren Klosterstraße keinen Tisch mehr - ich sehr hier durchaus Potential, vor allem halt in Kombination mit einem hohen Wohnanteil. In Richtung Hartmann- und Theaterstraße wären dann auch Büro- oder andere Einzelhandelsflächen notwendig, dennoch würde ich auch hier Wohnungen anordnen. Mit guten Grundrissen und straßenseitigen Treppenhäusern sollten auch die stark befahrenen Straßen kein Problem sein. Die Schmidtbank-Passage macht auch einen mega traurigen Eindruck. Vielleicht könnte man hier auch auf einen Teilumbau zu Wohnungen hinwirken. Das Gebäude selbst hat durchaus Qualitäten. Gemeinsam mit einer Umfeld-Gestaltung (breitere Gehwege, weniger Fahr- und Abbiegespuren) und einer Fortführung der Baumbepflanzung von vor der Schmidtbank-Passage in Richtung Kreuzung kann da eine attraktive und innerstädtische Wohnadresse entstehen. Auf große architektonische Experimente würde ich an der Stelle verzichten - klassischer Blockrand mit 4 (Schmidtbank-Passage) bis 6 (Kreuzung) Etagen und einer hochwertigen Fassade.


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  • Eine Großbaustelle, über die momentan kaum berichtet wird, ist die aufwändige Sanierung der ehemaligen VEB Fahrzeugelektrik auf dem Sonnenberg. Der Industriekomplex wird durch die Hansa Real Estate zu Lofts umgebaut.

    Die Gebäude entstanden ab 1894 für die Firma Hermann Riemann - damals Weltmarktführer im Bereich der Fahrzeugbeleuchtung. 1992 wurde die Produktion eingestellt und die Gebäude standen leer.

    Erhalten wurden durch die Hansa Real Estate die repräsentativen Fabrikflügel an der Hofer Straße und an der Fürstenstraße sowie der markante Turm - weitere Flügel wurden abgerissen, um Platz für Eigenheime zu schaffen. Im Inneren wurden die Gebäude völlig entkernt.


    Das erste Foto zeigt den äußerlich fertiggestellten Flügel an der Hofer Straße mit neuem Staffelgeschoss - überwiegend aus Holz und Holzwerkstoffen errichtet.


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    Der Mittelrisalit an der Hofer Straße:


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    Die Südostecke des Gebäudes wurde im Krieg beschädigt und nur als einfache Putzfassade wiederaufgebaut. Im Zuge der jetzigen Sanierung stellt man das ursprüngliche Äußere wieder her. Gut sichtbar ist hier auch die Holzbauweise des Staffelgeschosses.


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    An der Fürstenstraße bleibt noch einiges zu tun:


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    Die noch zu erahnende Stucksonne im Giebel verweist auf den Standort: Den Sonnenberg


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    Eine Gesamtansicht des Komplexes; auch der Turm ist zu erkennen.


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    Ein Bild des Vorzustandes der Ruine findet ihr hier. Gut zu erkennen ist dort die nach dem Krieg vereinfacht wiederaufgebaut SO-Ecke.

  • Man kann sich schon wundern :/, warum diese Wanderer-Werke noch immer leer stehen und weiter verfallen. Denn die Lage und infrastrukturelle Anbindung dieser Bauten kann eigentlich kaum besser sein, nah am (überwiegend) zweispurig erreichbaren Autobahnanschluss von dem aus man schnell in alle Richtungen kommt, außerdem direkt an der Bahnstrecke und neben der Messe und auch in die Innenstadt gelangt man schnell per Auto oder Straßenbahn.


    Der schlichtere Bau Zwickauer Straße 225/227 als Beispiel ist wahrscheinlich auch mit weniger Aufwand zu sanieren als der "Industriepalast" auf der Zwickauer Straße 221. Mit den großen Fenstern dürfte der Bau innen angenehm hell sein und sicherlich gibt es auch eine interessante Aussicht auf das modern erscheinende Umfeld mit Messe und Solaristurm. Für Büros gerade richtig, dabei gibt es für so einen Bau aber wohl noch unzählige andere Nutzungsmöglichkeiten. Zum Beispiel ein Möbelhaus oder ein Ärzte- und Bürohaus, ein Gewerbepark für kleinere Firmen oder neuer/erweiterter Unternehmenssitz eines größeren Unternehmens..

  • ^^ Ich war gestern auch mal an der Hofer Straße und habe mir die Bauarbeiten angeschaut. Hinter dem Gebäude sind mittlerweile 5-6 Eigenheime fertig gestellt und es ist eine mittlere Katastrophe. Da saniert man die Fabrik so toll und erlaubt direkt daneben ein kunterbuntes Allerlei an Stillosigkeiten mit billigsten Materialien. Ich war richtig Enttäuscht von der Ecke. Hier hätte ein B-Plan zumindest einheitliche Höhen, Dachformen und die Trauf- bzw. Giebelständigkeit regeln müssen.

  • Naja, ich finde bei der Hauboldstraße passt es schon. Dort hat man immerhin gewissen Gestaltungsvorgaben (Kubatur, Flachdach, Gebäudehöhe) festgelegt. Das sollte immer so gemacht werden. Dabei geht es mir nicht um den Stil - modern oder eher klassisch ist mir egal, sofern es einer gewissen Gestaltungslinie folgt. Hier nochmal ein Link zur Hauboldstraße hier im Forum: Baugeschehen: Zöllnerplatz

  • Die architektonische Qualität der Häuser am Riemann-Weg ist wirklich sehr begrenzt, sie sind eine visuelle Zumutung. Im Gegensatz zur erwähnten Hauboldstrasse hat diese Eigenheimsiedlung den Vorteil, dass sie das Straßenbild nicht vordergründig stört, da sich diese etwas abseits der Fürstenstraße befindet.


    Ich finde die Stadthäuser im Bereich Eckstr/Hauboldstr. stadtgestalterisch problematischer als den Riemannweg. Der Riemannweg ist eine urban gemachte Industriebrache, wo sich in der Umgebung Villen (Riemann alt & Riemann neu und ein weiteres) befinden. An der Hauboldstr. hingegen standen Mehrfamilienhäuser in ebensolcher Umgebung.

  • Ich möchte keine Gelegenheit versäumen, wieder zu betonen, dass die Eigenheime an Eck-/Hauboldstraße in Qualität, Struktur und Gestalt eine absolute Katastrophe sind. Dort hätten vorzeigeprojektmäßig Townhouses hingehört - höher, schöner, hochwertiger. Der Lidl daneben ist schöner.

  • ^ Ich glaube für Townhouses ist Chemnitz noch nicht bereit und der Flächendruck noch zu niedrig... Es ist nun mal eine kleine Eigenheimsiedlung geworden - daran wird sich auch nichts mehr ändern. Und dafür ist sie gut gemacht...

  • ^ Mich würde interessieren, woran du das fest machst? Ich finde eine einheitliche Kubatur (Flachdach oder nicht ist dabei erstmal egal), ähnliche Volumen und die Festlegung von gewissen Gestaltungselementen (Art der Fenster, Türen, etc.) sehe ich bei allen innerstädtischen Einfamiliensiedlungen nur hier.

  • Die einzige wirklich gelungene Eigenheimsiedlung in Chemnitz, die ich kenne, ist die an der Humboldtstraße auf dem Sonnenberg - hier spielte vielleicht das denkmalgeschützte Umfeld aus 20er-Jahre-Wohnhöfen eine Rolle. Alle Häuser haben ein Satteldach und einen ähnlichen Bautypus ohne identisch zu sein; die Fassaden sind pastellfarben, zwischen den Häusern hat man alten Baumbestand erhalten. Ich werde bei Gelegenheit Bilder nachreichen. Die Häuser in der Hauboldstraße gefallen mir auch überhaupt nicht - ich finde sie einfach nur monoton und extrem abweisend; sie nehmen keinerlei Bezug auf die Umgebung. Keine zehn Pferde würden mich dort hinein bekommen. Gleichwohl finde ich sie noch besser als das bunte Wimmelbild an der Bernhardstraße zum Beispiel.


    Kommen wir nun zu etwas völlig anderem: Auf dem Weg zu meinem Wahllokal habe ich ein weiteres Bild vom Baugeschehen an der "VEB Fahrzeugelektrik" gemacht.


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  • Laut der Antwort auf eine SPD-Ratsanfrage hat der denkmalgeschützte RIngofen in Chemnitz-Rottluff (Am Heim) einen neuen Eigentümer, der einen Umbau für Gewerbe- und Wohnnutzung plane und derzeit in Abstimmung mit den Denkmalschutzbehörden sei. Da nicht unbedingt ersichtlich ist, wie so eine Umnutzung umsetzbar wäre, und aktuell eher von zunehmendem Verfall und einer Sicherungsverpflichtung die Rede ist, sollte man das aber nicht überbewerten. Rundherum war eine Eigenheimsiedlung entstanden, siehe zuletzt hier im Forum.

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    Bild: (dwt).

  • Falls wir das Thema hier noch nicht hatten: Bereits 2018 hat die Stadt ein Strategiepapier zur Revitalisierung des Gewerbestandorts Altchemnitz beschlossen. Konkret geht es um ein großes Gebiet. welches begrenzt wird durch die Bahnlinie nach Aue im Osten, die Annaberger Straße, Wilhelm-Raabe-Straße und Elsässer Straße im Westen sowie die Lothringer Straße im Norden. Inzwischen steht ein umfassendes Strukturkonzept, wobei die besondere Aufmerksamkeit der Revitalisierung der historischen Industriebauten

    Altchemnitzer Straße 27 (ehem. Spinnereimaschinenbau) 40 und 46 sowie der Brandruine Elsasser Straße 45 gelten soll.


    Ob die angestrebte Umwidmung zum urbanen Gebiet mit Mischnutzung inzwischen erfolgt ist, kann ich nicht sagen. Dies wäre die Voraussetzung dafür, dass in den genannten Gebäuden auch eine Wohnnutzung möglich wäre.


    Das große Areal zwischen Spinnereimaschinenbau und der Bahnlinie soll hingegen als innerstädtischer Industrie- und Gewerbestandort erschlossen werden. Dafür ist der Neubau einer neuen Durchgangsstraße von der Altchemnitzer Straße zur Annaberger Straße angedacht, welche hinter dem Spinnereimaschienbau verlaufen soll; durch den Neubau einer Brücke über die Bahnlinie soll auch eine Verbindung zum Uni-Campus Reichenhainer Straße geschaffen werden, allerdings nur für Fußgänger und Radfahrer.

    Das Projekt hat inzwischen eine eigene Internetpräsenz: https://www.altchemnitz.de


    Meines Erachtens wird es wirklich Zeit, dass in dieser Ecke etwas passiert; auch die Verbindung in Richtung Campus beurteile ich positiv.

  • Diese Pläne wurden hier schon vorgestellt. Noch nicht vorgestellt wurden darauf basierende konkrete Bauvorhaben, da dürfte es (noch?) ganz mau aussehen. Mal sehen, ob Altchemnitz mit etwas mehr Zeit den großen Durchbruch schafft, oder am Ende Bertolt Brecht mal wieder richtig liegt:

    »Ja, mach nur einen Plan! Sei nur ein großes Licht! Und mach dann noch ’nen zweiten Plan, gehn tun sie beide nicht.«

  • Für die Hartmannfabrik gibt es neue Pläne, diesmal aber wohl schon recht weit fortgeschritten (Freie Presse mit Bezahlschranke). Udo Pfeifer, in der Region durch die Getränkewelt und seine Rolle als CFC-Gesellschafter bereits eine lokale Bekanntheit, hat die Fabrik für eine Million Euro erworben und möchte dort weitere fünf Milionen investieren, um eine Büronutzung zu ermöglichen. Dass bereits 970.000 Euro Fördermittel überreicht wurden, unterstreicht die Ernsthaftigkeit dieser Pläne. Noch in diesem Jahr soll begonnen werden, 2022 soll alles fertig sein.


    Hoffen wir mal, dass es diesmal klappt und sich auch finanziell rechnet (wobei Herr Pfeifer laut Artikel mit einer schwarzen Null schon zufrieden wäre). Denn wie tragfähig Investitionen in Bürogebäude in Zeiten von Homeoffice und Rezession in einer Stadt wie Chemnitz sind, halte ich schon für fraglich.

    Wie ich erfreulicherweise feststellen konnte, wird an der Hartmannfabrik gewerkelt.


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  • Bin letzte Woche auch am Gebäude gewesen - leider ohne Fotos, sorry. Schade finde ich nach wie vor den Abriss des Altbaus vorn zur Hartmannstraße (geändert). Dort könnte man mit einem Eck-Neubau, der an den Altbau anschließt und in Richtung Hartmann-Halle vermittelt eine urbane Situation schaffen - mit Halle und neuer Schule.