Polnische Botschaft - Neubau UdL [in Planung]

  • Aber als "Gegner moderner Architektur" würde ich allein deswegen keinen bezeichnen.


    Es ging nicht darum, jemanden als etwas zu bezeichnen, es ging darum, dass jemand als etwas auftritt: Es reicht, wenn man als - meinetwegen - Kritiker der modernen Architektur auftreten will, genannte Schlagworte zu beherrschen: "Aha, Raster, also kein Gestaltungswille!", "Aha, Beton, also wie ein 70-Jahre-Zeilenbau!", etc. Und fertig, mehr Mühe muss man sich nicht geben.


    Ich will gar nicht in jedem Fall die kritisierte Architektur verteidigen. Mir geht es ums genaue Hingucken, um die gedankliche und dann auch schriftliche Auseinandersetzung mit einem Entwurf. Im Falle der polnischen Botschaft kann man damit anfangen, dass es vordergründig eine flache Rasterfassade ist. Aber man sollte nicht dabei stehenbleiben.

  • ^ Wenn der konkrete Entwurf nicht verteidigt werden sollte, umso rätselhafter der Zweck der Rundumschlag-Sprüche. Tiefe haben die kürzlich verlinkten Botschaftsbauten wie der britische oder der niederländische durchaus, da ist doch nicht alles auf einer Fläche. Zusätzlich aber auch viele andere Gestaltungselemente (wie z.B. Farben) und wenn hier auf welche verzichtet wurde, kann man unmöglich fehlenden Gestaltungswillen leugnen.


    Man könnte noch relativ leicht nachbessern. Ich könnte mir z.B. an den Fassadensäulen jeweils auf der Höhe der EG-Decke Metallreliefs mit bekannten historischen polnischen Persönlichkeiten wie Kopernikus oder Marie Skłodowska Curie vorstellen - und schon passiert auf der Fassade etwas.

  • Tiefe haben die kürzlich verlinkten Botschaftsbauten wie der britische oder der niederländische durchaus, da ist doch nicht alles auf einer Fläche. Zusätzlich aber auch viele andere Gestaltungselemente (wie z.B. Farben) und wenn hier auf welche verzichtet wurde, kann man unmöglich fehlenden Gestaltungswillen leugnen.


    Aber 'Tiefe' und 'nicht alles auf einer Fläche' bietet der Entwurf der polnischen Botschaft gerade auch durch das was Archtektenkind beschrieb.


    Die derzeitige polnische Regierung wird sich schon was einfallen lassen um, die ihr genehmen historischen Perönlichkeiten zu würdigen.
    Ob sie sich dabei mit festinstallierten Skulturen o.ä. dauerfaft festlegt und das dann an der Fassadenfront oder im Hof geschieht wird man sehen.

  • ^ Habe ich nicht zuletzt geschrieben, dass die anderen Bauten wie die britische Botschaft außer Tiefe auch noch Farbe bieten? Hier gibt es welche genausowenig wie irgendwelche Verzierungen. Man braucht nicht einmal viel - auf dem letzten Foto hier sieht man mehrgeschossige Foyer-Verglasung mit Schachbrettmuster, schon ist die Wirkung eine andere als wenn es bloß simple Verglasung wäre. Auch hier könnte man vielleicht hier und da etwas von den Raster-Säulen ausnehmen und an diesen Stellen was auf dem Glas gravieren.


    Metallplastiken auf der Fassade wären natürlich für Passanten wesentlich interessanter als irgendwo im Hof versteckte. Da gibt es bereits ein Vorbild an der UdL - Wilhelm Tell an der Ecke Friedrichstraße. (Ich hoffe nur, dass bei dieser Variante weder Lech Kaczyński noch Pater Rydzyk drauf kommen.)

  • ^ Habe ich nicht zuletzt geschrieben, dass die anderen Bauten wie die britische Botschaft außer Tiefe auch noch Farbe bieten?


    Deine Farbbeispiele sind leider völlig beliebig, sowohl bei der Objektauswahl als auch deren Farbauswahl (belgische Botschaft mit orangen Pfeilern, britische Botschaft mit türkisen und lila Bauteilen???).
    Wie kann man daraus schließen, dass eine Farbnuance bei der polnischen Botschaft etwas positives bewirken muss.
    Wir sollten konkretere Visualisierungen abwarten. Ich glaube nicht, das Polen sich eine unscheinbare Botschaft leisten wird.
    Beim aktuellen Entwurf gibts noch Luft nach oben, er hat aber auch so schon etwas individuelles.


    Sollte die Fassade vollständig weiß werden und so sieht es auf den alten Bildern aus http://https://www.tvn24.pl/zdjecia/rostrzygnieto-konkurs-na-projekt-polskiej-ambasady-w-niemczech,27429.html, wäre es immerhin eine der polnischen Nationalfarben.

  • Was mir bei diesem Entwurf abgeht ist schlicht und ergreifend die Größe (Und das meine ich so wie ich es schreibe und nicht doppeldeutig - oder vielleicht doch?)


    Wenn man sich schon für einen kühlen, streng gegliederten Entwurf entscheidet, dann muss dieser einfach verschiedene Höhe(n)punkte aufweisen. Was natürlich wiederum "Unter den Linden" nicht wirklich möglich ist. Ich bin generell kein Fan der Moderne, aber wenn ich mir dieses massive Gebäude des "B-Hubs" auf Stralau ansehe, so finde ich ist die kühle Struktur ein passender Kontrast im dortigen Architektur-Wirr-Warr.


    "Unter den Linden" ist aber ein völlig anderes Kaliber. Hier hätte ich mir definitiv etwas historisierendes gewünscht um die Erinnerung an die einst prächtige Straße wieder aufleben zu lassen und weil auch praktisch alle sehenswerten "Hotspots" in dieser Ecke, im klassischen Stil gebaut sind.


    Daher mein Fazit: Definitiv eine Verbesserung zur jetzigen Situation (man muss ja auch das positive sehen) - es fehlt aber auch an Kreativität. Das ist keine bedeutender Entwurf sondern einzig und allein ein zweckmäßiger.

  • Wozu wurde eigentlich eine Baugestaltungssatzung für die äußere Gestaltung baulicher Anlagen an der Straße Unter den Linden erlassen, wenn sie mit diesem Bau gleich mehrfach unterlaufen wurde.


    http://www.stadtentwicklung.be…rordnung_hist_zentrum.pdf


    § 2 Höhenfestsetzungen und Gestaltungsprinzipien
    (2) Die Fassaden sind differenziert zu gliedern...


    (6) Im Bereich der Straße Unter den Linden (§ 1 Absatz 3) und im Bereich des Weltkulturerbes „Museumsinsel“ (§ 1 Absatz 4) sind die Fassaden in eine Sockelzone, eine Dachgeschosszone (einschließlich Staffelgeschoss) und den zwischen beiden Zonen liegenden Mittelteil zu gliedern


    etc.pp.

  • Das könnte ein Grund für die Verzögerung sein.
    Der bisherige Entwurf widerspricht der Verordnung ja in einigen Punkten.


    Bleibt nur die Frage ob die Verordnung auch für Botschaftsgebäude gilt.

  • ^ Mir war so, als ob diese Verordnung für Botschaften keine Gültigkeit hat. In irgendeinem Strang wurde das schon thematisiert.
    Ich finde, um die Linden wieder aufleben zu lassen, bedarf es keine irgendwie historisierende Architektur. Es müsste vielmehr an der Verringerung an den billigen Souvenirshops gearbeitet werden. Dem Bund darf man ebenfalls mal daran erinnern, dass Gewerbeeinheiten auch vermietet werden dürfen. Gerade im unteren Teil der Linden herrscht diesbezüglich ein großes Loch.

  • ^ Eine Gestaltungssatzung kann man durchsetzen - und selbst wenn sie für Botschaften nicht gelten sollte, fände ich es nett, würde man den Entwurf für die polnische Botschaft an die Satzung anpassen.


    Ob Souvenirs oder Diamanten verkauft werden, lässt sich weniger vorschreiben. In etlichen Metropolen kenne ich Souvenir-Läden an prominenten Standorten. In der polnischen Botschaft wird es jedoch keine vermietbare Ladenflächen geben - der weiter oben verlinkte Artikel beschrieb es so, als ob es eine unglaubliche Ungeheuerlichkeit wäre, dass solche Idee überhaupt erwogen wurde.

  • Ich bin mir fast sicher, dass der Wettbewerbsjury eine etwaige Satzung bekannt war...


    Die Sockelzone ergibt sich aus den Einschüben des Rasters als Eingangsbereich und die das Staffelgeschoss bezieht sich in erster Linie auf die Einhaltung der Traufkante in Bezug auf die Gesamthöhe des Gebäudes und Beides scheint mir erfüllt.


    Die Britische Botschaft erfüllt die Satzung in Bezug auf Farbgebung jedenfalls nicht.

  • ^^Die Souvenir und Billigläden wird es so lange geben, so lange "Unter den Linden" nicht richtig angebunden ist und von Baustellen geprägt.


    So bald die neue U-Bahn Verbindung final fertig ist, wird sich "Unter den Linden" auch wieder glänzend entwickeln.

  • Die Britische Botschaft erfüllt die Satzung in Bezug auf Farbgebung jedenfalls nicht.


    Der Vergleich mit der Britischen Botschaft ist im Zusammenhang der Gültigkeit der "Baugestaltungsverordnung Historische Mitte" für den Neubau der Polnischen Botschaft tatsächlich von Interesse. Zwar wurde die Britische Botschaft bereits im Jahr 2000 eingeweiht (also 9 Jahre vor der oben abgebildeten Verordnung) und liegt gerade außerhalb des Geltungsbereichs der BHM (der erst auf der östlichen Seite der Wilhelmstraße beginnt), allerdings galten für die Britische Botschaft ganz ähnliche Gestaltungssatzungen für das Gebiet "Pariser Platz und unmittelbare Umgebung". Da die Botschaft nicht in Sichtbeziehung zum Brandenburger Tor steht, galt eine abgeschwächte Gestaltungssatzung, die aber dennoch Sockelgeschoss, Material, Höhe, Fenster, Dach und Farbe der Fassade betraf. Gerade das Scheindach, hinter dem sich die Abhöranlagen der Botschaft verstecken, ist ein Hinweis auf die Durchsetzung der Satzung. Der postmoderne Durchbruch hingegen spielt eben gerade mit dem abgeschwächten "Fassadenzwang", der in der unmittelbaren Umgebung möglich war.
    Die Akademie der Künste am Pariser Platz mit ihrem hohen Glasanteil hingegen wäre ein Beleg dafür, dass Abweichungen von der Gestaltungssatzung im Einzelfall durchaus verhandelbar sind.

  • ^ Richtig. Wobei ich die britische Botschaft zwar als Solitär gelungen finde, als Ergänzung des Adlon-Blocks aber weniger. Auch die Akademie der Künste spielt sich mir in dieser Umgebung zu sehr als Sonderfall aus. Gar nicht gefallen will mir die US-Botschaft. Zumindest die Fassade zum Pariser Platz erschien mir schon bei der Eröffnung um 20 Jahre veraltet.


    Die polnische Botschaft fügt sich hingegen dem Geist des "steinernen Berlins", wie sich Stimmann das gedacht hatte. Einzig die Dachzone fehlt (was mich stört). Sonst bleibe ich dabei: Die Wirkung wird eine ganz andere sein als bei einer normalen "Rasterfassade". Liegt an der Tiefenstaffelung und am Material.

  • Ein stinknormaler Durschnittsbau der Berliner Republik, der alles und nichts beherbergen kann. Es könnet auch ein Verbändehaus für jeden beliebigen Wirtschaftszweig sein - wenn man die Sockelzone umgestaltet - ein Autohaus.


    Für die Linden eine Frechheit, aber so vom Berliner Senat und der Senatsbaudirektorin gewollt. Langsam habe ich das Gefühl, dass die Herrschaften alle Anteile an den drei Firmen haben, die mit diesen Pfosten-Riegel-Konstruktionen ganz Mitteleuropa verschandeln.

  • Für die Linden eine Frechheit, aber so vom Berliner Senat und der Senatsbaudirektorin gewollt.


    Man kann das Gebäude in architektonischer, städtebaulicher oder ästhetischer Hinsicht ja nach eigenem Gusto kritisieren wie man mag, aber haben Sie irgendeinen Beleg dafür, dass bei der Entscheidung der Jury zur polnischen Botschaft der "Berliner Senat" oder die "Senatsbaudirektorin" Ihre Vorstellungen eingebracht, geschweige denn: durchgesetzt haben?


    Die Ausschreibung (die hier in voller Länge in englischer Sprache einsehbar ist) erfolgte durch das polnische Außenministerium, die Auswahl wurde durch eine polnische Jury entschieden. Teilgenommen haben: 1. Jerzy Grochulski (der den Vorsitz innehatte); 2. Artur Kalinowski; 3. Jacek Lenart; 4. Grzegorz Chodkowski; 5. Krzysztof Olendzki; 6. Artur Orzechowski; 7. Piotr Paszkowski; 8. Marek Prawda; 9. Zbigniew Pszczulny.


    Regula Lüscher konnte ich in der Jury nicht aufspüren.


    Dafür wird in der Ausschreibung aber ausdrücklich auf die "Baugestaltungsverordnung Historische Mitte" verwiesen:
    "Contest Participants should take into account the character and prestige of the location, as well as the limitations and requirements resulting from:
    - the Ordinance on the External Shape of Building Constructions in Unter den Linden street, on Museum Island (Museuminsel) and in Gendermenmarkt square (The Ordinance on the Historical Centre Zoning Plan) of 21 August 2009 (GVBI [Gazette of Laws and Ordinances], p.692),
    - the assumptions and guidelines for the functional-utility programme,
    - the zoning plan for the Dorotheenstrasse, Schadowstrasse, Unter den Linden and Wilhelmstrasse block of streets." (Contest Notice)

  • Ach, herrje. Dass der Bau den Buchstaben der Gestaltungssatzung entspricht habe ich ausdrücklich nicht in Frage gestellt. Dem Geist der Satzung entspricht er nicht, wohl aber dem Willen des Senats.


    Der ursprüngliche Entwurf der Polen stammte von 1992 und wurde seinerzeit vom Senat abgelehnt. Das ist in der Lokalpresse ausführlich besprochen worden. Dass es dann beim zweiten Anlauf umfangreiche Abstimmungen mit dem Senat, da Regula Lüscher, gab ist ebenso klar: man wollte eine zweite Ablehnung vermeiden. So ist auch Lüscher-Style herausgekommen, wie in fast jedem Wettbewerb, der bedeutend ist. Auf die Schnelle habe ich den Artikel im Tagesspiegel von 2013 gefunden. Es gab aber seinerzeit viel mehr und auch Ausführlicheres.


    Dass aus diplomatischen Gründen die Senatsbaudirektorin nicht in der Jury sitzt und nur ausgesuchte polnische Architekten beteiligt waren (wenn es die deutsche Botschaft in Warschau gewesen wäre - aber lassen wir das) versteht sich auch von selbst. Das Ergebnis zählt.


    P.S. Der alte Bau stand ja schon unter Denkmalschutz! Da habe ich wieder voreilig antizipiert. Die ganze Geschichte des ersten Anlaufs der Polen hier im Baunetz.


    Der zweite Preis wäre nicht minder schlimm gewesen:



    (C) Wolkski Architekten, Pressefoto


    Da wäre der DDR-Bau noch besser. Der Landeskonservator hätte dieses Prachtstück der Ostmoderne sicher heute unter Denkmalschutz gestellt: