Stadt der Moderne - Stadt im Umbruch

  • Beuchel war von 1964 bis 1984 Stadtbaudirektor und Stadtarchitekt, wie ich bereits geschrieben hatte :). Auch wenn in dieser Zeit viele falsche Weichenstellungen gefallen sind, sollte man ihn deshalb nicht vorverurteilen, sondern sein Auftreten im Kuratorium abwarten. Auch die Berufung von Vertretern der Chemnitzer Wohnungswirtschaft sehe ich eher als Chance, denen andere Sichtweisen zu eröffnen. Die sollten doch am Altersdurchschnitt und der Leerstandsentwicklung längst ihre Schlüsse für die Zukunftsfähigkeit der Plattenbaugebiete gezogen haben. Daß man rein von den Namen ein Übergewicht der bisher immer verfolgten Politik vermutet, geht mir aber ehrlich gesagt erstmal auch so. Das erste Treffen im Januar dürfte jedenfalls spannend werden, das würde ich mir gerne anschauen (was terminlich wohl kaum möglich sein wird).

  • Also wenn von 5 Mitgliedern zwei von großem Wohnungsgesellschaften kommen die gerade pro Abriss historischer Baussupstanz agieren und einer der Verantwortliche für Plattenbau Chemnitz ist, halte ich das schon für mehr als skandalös. Und sagt sagt nicht letzterer hätte nicht anders gekonnt. Karl-Marx-Stadt ist unter den sozialistischen Großstädten mit Abstand das Negativbeispiel für eine verkorkste Stadtplanung. Wir tragen bis heute daran. Ich finde es schon unverschämt das Wohnungsgesellschaften diese wichtigen Positionen mit ihren Leuten belegen um dort ihre Interessen zu vertreten. Ich sags nocheinmal, von dem was die anbieten kann Chemnitz nicht leben.

  • Ich finde es ebenso skandalös, daß bei den beratenden Bürgern 2 Vertreter der großen Wohnungsgesellschaften vertreten sind.
    Da wird Frank Kotzerke vom Stadtforum ordentlich Gegenwind bekommen. Von den beiden Vertretern erwarte ich nichts konstruktives zum Wohle der Stadt Chemnitz. Was will der Typ von der WG Einheit überhaupt in einem Kuratorium für Stadtgestaltung? Der will doch eh nur "sein" Heckert gestalten.

  • Man sollte aber nicht vergessen, daß ein Umdenken bei den Wohnungsgesellschaften der einzige Weg zu einer Umkehr in der Stadtentwicklung ist. Nach dem Handeln und den Äußerungen dieser Unternehmen ist das natürlich relativ aussichtslos, allein die Hoffnung habe ich noch nicht ganz aufgegeben, da die Faktenlage eigentlich selbst dem Dümmsten den Weg weisen sollte. Deshalb werde ich persönlich erst von einem Skandal sprechen, wenn die bisherigen Plattenbaufreunde ihre bisherige Haltung auch im Kuratorium fortsetzen. Bisher weiß auch niemand, welche Position die stimmberechtigten Mitglieder vertreten - falls sie tatsächlich eine Position zur Stadtentwicklung einer ihnen fremden Stadt finden. Die Wahrscheinlichkeit, daß Frank Kotzerke als Einzelkämpfer einer gleichgültigen bis feindseligen Mehrheit gegenübersteht, ist natürlich riesengroß. Übrigens: Die Siedlungsgemeinschaft ist mir bisher nicht negativ aufgefallen. Gegenstimmen?

  • Gestern während eines Spaziergangs entlang der Hauboldstraße sind mir verschiedene Dinge aufgefallen, die ich einfach mal kurz nennen möchte:


    1. Der Bestand an alten Biedermeierhäusern wurde wieder ausgedünnt. Jetzt stehen nur noch die 2 Unsanierten aus Richtung Müllerstraße auf der rechten Seite und ein Verlorenes in Richtung Brücke links.:nono:


    2. Direkt auf der Müllerstraße wird gerade ein sehr schönes Haus eingerüstet. Vielleicht hat es eine Zukunft. Es ist das Haus rechts neben der Baulücke.http://maps.google.de/maps?f=q….000433,0.001203&t=h&z=20


    3. Eingerüstet ist ebenso das wichtige Eckhaus am Zöllnerplatz Ecke Lohrstraße. Gegenüber der Pizzeria. http://maps.google.de/maps?f=q….000865,0.002406&t=h&z=19 Es sah zwar nur nach Notsicherung aus, aber der Eindruck kann täuschen.


    Vielleicht hat ja jemand Infos, was mit den Häusern passiert.


    Insgesamt muß ich sagen, dass ich sehr angetan war vom Nordparkviertel. Man hat schon ein gewisses Großstadtflair gespührt. Sollten die Stadthäuser noch realisiert werden, wäre das Stadtviertel fast perfekt.

  • Liebes Forum,


    ich lese nun schon eine Weile hier mit. Da ich mich als gebürtier Chemnitzer, nach 10 jähriger Abstinenz im Westen, wieder hier eingelebt habe,interessiere ich mich auch zunehmend für alles wieder saniert werden soll.
    Nun zu meiner Frage. Ich fahre täglich am Pölzig-Areal vorbei und dabei habe ich immer die einst geplante Sanierug im Kopf. Leider tut sich hier seit einer geraumen Zeit nix mehr und ich finde auch nichts im www drüber.



    Weiß jmd. ob es da überhaupt mal weiter geht???


    Wäre toll wenn diese Dreckecke zu neuem Leben erweckt werden würde.

  • Just gestern habe ich mit einer Mitarbeiterin des Eigentümers darüber gesprochen ... das ganze liegt auf Eis.

  • Läuft auf der Uhlestraße auch schon die Sanierung? Auf jeden Fall ein interessantes Fundstück, die Preise sind halb so hoch wie die vergleichbarer Wohnungen in einem Neubau in meiner Kleinstadt im ländlichen Baden-Württemberg...


    Ansonsten habe ich heute etwas eher gegessen und die gewonnene Zeit genutzt, noch ein paar Fotos zu schießen. Zuerst zu zwei der von chemnitzer erwähnten Objekte:


    2. Direkt auf der Müllerstraße wird gerade ein sehr schönes Haus eingerüstet. Vielleicht hat es eine Zukunft. Es ist das Haus rechts neben der Baulücke.http://maps.google.de/maps?f=q&sourc...01203&t=h&z=20


    Dabei handelt es sich um folgendes Gebäude. Wenn mich nicht alles täuscht, wird hier das Gerüst aber bereits wieder abgebaut, zumindest hatte ich vor ein paar Wochen aus dem Augenwinkel gesehen, daß das Gebäude wirklich komplett eingerüstet war. Die Sanierungsqualität läßt somit deutlich zu wünschen übrig :lach:.


    Die Müllerstraße ist aber wirklich verkehrsreich, weshalb sich auch die gegenüberliegenden Häuser im Dornröschenschlaf befinden:


    3. Eingerüstet ist ebenso das wichtige Eckhaus am Zöllnerplatz Ecke Lohrstraße. Gegenüber der Pizzeria. http://maps.google.de/maps?f=q&sourc...02406&t=h&z=19 Es sah zwar nur nach Notsicherung aus, aber der Eindruck kann täuschen.


    Wie an der Müllerstraße würde ich auch das als Notsicherung interpretieren, aber selbst das ist schon besser als nichts. Denn gesichert wird nur, wenn man hofft, daß sich eine Sanierung irgendwann lohnen könnte:


    Ein paar wirklich hoffnungsfroh stimmende Bilder vom Sonnenberg gibt es bei den laufenden und geplanten Projekten.

  • Letzte Woche stand das Gerüst ganz, also denke ich mal, das es wieder abgebaut wird. Aber die Häuser werden gesichert. Man sieht das jetzt öfters. Sehr schön.

  • Ich war vor ein paar Wochen zum Schautag auf der Uhlestraße. Da wurde von Seiten der Verkäufer von einer großen Nachfrage berichtet. Auch an diesem Tag waren viele Leute vor Ort.
    Nachdem ich die Liste der bereits vergebenen Wohnungen einsehen konnte, kann ich dies nur bestätigen. Bestimmt schon 50% der Wohnungen weg. Vor allem die teuren.
    Baubeginn soll Anfang nächstes Jahr sein. Bei dem Projekt bin ich sehr zuversichtlich.


    Schön das Du ein paar Fotos von den von mir beschriebenen Häusern gemacht hast, lguenth1. Da hattest Du ja einen richtig schönen Tag. Erst ein paar Häuser fotografiert und dann noch 3 Punkte bejubelt.:daumen:


    Das Haus auf der Müllerstraße finde ich einfach klasse. Ich hatte mich schon gefreut, dass dieses Haus saniert wird. Schade

  • Der Marmorpalast wurde versteigert.


    Mal sehen, was da jetzt weiter passiert.




    Den hereinkopierten Text habe ich entfernt. Bitte diesbezüglich unsere Richtlinien zum Einbinden von Texten beachten. Ebenso Quellenangabe nicht vergessen. Gruß, Cowboy.

  • Um die Kunden im Heckert-Gebiet wird mit harten Bandagen gekämpft (Freie Presse). Kaufland will einen neuen Markt bauen, der Stadtrat will genau das aber verhindern, weil dies der Todesstoß fürs Vita-Center sein könnte. Nach dem Hörensagen gibt es auch eine Einzelhandelskette, die sich im Vita-Center ansiedeln würde - aber natürlich nur, wenn das Kaufland nicht kommt. Auch das Versorgungszentrum Paul-Bertz-Straße spielt noch eine Außenseiterrolle. Wie schwierig die Perspektive insbesondere des Vita-Centers ist, kann man aus dem Zitat von Norbert Brade, Chef der Stadtumbau GmbH, herauslesen: "Das Vita-Center muss sich jetzt entwickeln und neue Mieter suchen. Sonst ist es in einem Jahr vielleicht nicht mehr da."

  • Ich habe mal wieder in den Immobilienangeboten der GGG gestöbert und dabei festgestellt, daß die Kaufpreise beispielsweise auf dem Kaßberg durchaus beachtlich nach unten korrigiert wurden. Die Reichsstraße 50 soll nur noch 150.000 statt 215.800 €, die Georg-Landgraf-Straße 26 nur noch 64.000 statt 122.000 €, die Reichsstraße 52 nur noch 100.000 statt 139.000 € kosten. Auch in anderen Stadtteilen wurden einzelne Objekte deutlich nach unten korrigiert, manchmal um fast die Hälfte. Dies scheint aber auch dringend nötig, da von den angebotenen Gebäuden im letzten Jahr fast nichts aus dem Angebot verschwunden ist. Ob die Rabatte reichen, um die Ladenhüter loszuschlagen, wird sich zeigen...

  • Auf dem Sonnenberg ist alles beim alten geblieben. Für ein unsaniertes Haus an der Fürstenstraße 108.000 Euro zu wollen ist Wahnsinn.

  • Wo wir gerade bei der GGG sind: Elfgeschosser sollen fallen (Freie Presse). Die GGG plant, 2010 mehrere Elfgeschosser mit insgesamt 480 Wohnungen in den Stadtteilen Markersdorf und Morgenleite abzureißen. Selbst die Freie Presse zweifelt an der GGG-Bemerkung, damit den Rückbau im früheren Heckertgebiet im Wesentlichen abzuschließen. Auf Fragen, aus denen man Rückschlüsse auf die tatsächlichen Leerstände im gerade vom Stadtrat als besonders erhaltenswert eingestuften Neubaugebiet ziehen könnte, spart sich der GGG-Sprecher lieber eine Antwort. Die Investition von zwei Millionen Euro in die Plattenbauten im Heckert halte ich vorm Hintergrund der Faktenlage für rausgeschmissenes Geld.

  • Neuer Anlauf für das Experimentelle Karree

    Vor etwa einem Jahr diskutierten wir hier eine Weile über die Reba84 und das "experimentelle Karree" an der Reitbahnstraße ( http://www.deutsches-architekt…wthread.php?t=7751&page=6 ). Danach herrschte weitestgehend Schweigen im Walde, sowohl hier im Forum als auch in Chemnitz selbst. Heute trudelte nun eine sehr lange und nicht ganz fehlerfreie Pressemitteilung bei mir ein, die ich, da ich sie sonst noch nirgendwo in voller Länge zum Verlinken gefunden habe und sie als Diskussionsansatz sicherlich interessant ist, hier einstellen möchte. Noch zur Erklärung, die Überschrift bezieht sich in leichter Selbstüberschätzung auf das Hamburger Gängeviertel ( http://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%A4ngeviertel ), das nach der Besetzung durch Künstler und Künstlerinnen eigentlich durch die Stadt Hamburg vom dem niederländischen Investor Hanzevast zurückgekauft werden sollte. Dazu ausführlich unter http://www.gaengeviertel.info/ , hier aber nun zurück nach Chemnitz:


    ExKa kommt.
    Das Gängeviertel von Chemnitz startet nun doch.


    Chemnitz. Das aufgrund von Eigentümerkonflikten umstrittene Experimentelle Karree, das zwischen Universitätscampus und Innenstadt liegt, startet nun doch. Das Konzept wurde bereits vor 1 1/2 Jahren zusammen mit dem Stadtplanungsamt entwickelt und wurde mit einem Stadtratsbeschluss (http://www.chemnitz.de/chemnit…esse_stadtrat_b261108.asp) im November 2008 von kommunaler Seite gestärkt. Entgegen dieses Beschlusses, besiegelte jedoch die städtische Wohnungsgesellschaft GGG, der die Liegenschaften gehören, und die Keilholz GmbH, welche Anrainer ist, im Mai 2009 eine gegenseitige Sanierungsvereinbarung. Bereits dieser Vorgang löste im Stadtrat eine Welle von Anfragen an die Stadtverwaltung aus (u.a. http://www.gruene-chemnitz.de/…2009/Entwicklung_EXKA.pdf), wobei der Eindruck entstand, dass Stadtratsbeschlüsse bewusst verunmöglicht wurden. In Zeiten von Stadtschrumpfung und Verödung ganzer Stadträume, ist dieses bewusste Ausbremsen des letzten Häufleins Kreativer zugunsten kurzfristiger, ökonomischer Handlungsziele ein gesamtstädtisches Fiasko.


    Chemnitz - das hässliche Entlein im sächsischen Städtedreieck. Ein Drittel der Bevölkerung ist seit 1990 abgewandert bzw. wurde nie geboren, ist also um diesen Anteil geschrumpft. Seit Jahren werden jedoch die Bemühungen torpediert, die ein angenehmes Leben in der Stadt sichern könnten. Stadtumbau als Chance - und jetzt kommt das experimentelle Karree als Hoffnung einer ganzen Generation Dagebliebener.
    Das ambitionierte Projekt, das vorsieht in den leer stehenden Gebäuden zwischen Gustav-Freytag-Strasse, Fritz-Reuter-Strasse und Reitbahnstrasse ein selbstverwaltetes Kultur-, Kommunikations-, und Generationenzentrum zu etablieren, ist ein Teil der Stadtdiskurse, die im letzten Jahr entscheidend waren. Ob die Initiative "chemnitz-zieht-weg", das Manifest der Henry-van-de Felde Gesellschaft (http://www.urbanes-chemnitz.de, Revisited/Bibliothek/ Manifest), die Etablierung eines Kuratoriums für Stadtgestaltung (http://www.chemnitz.de/chemnit…oher=1&jahr=2009&monat=11)
    oder letztlich die Bewerbung zur Stadt der Wissenschaft 2011 (http://www.chemnitz.de/chemnit…nschaft_vorgeschichte.asp), überall war man sich einig: Die Stadt hat ungenutzte Freiräume, die zum Vorteil aller kreativ genutzt werden sollten. Andere Städte wie Leipzig machen es vor: Trotz wesentlich schlechterem Arbeitsmarkt, ist die subjektiv empfundene Lebensqualität höher, da eine lebendige, weltoffene und bunte Atmosphäre vorgefunden wird.


    Reset legal.


    Da es dem Verein "Experimentelles Karree e.V." mittlerweile aufgrund eines konstruierten Sachzwangs unmöglich erscheint, trotz des jahrelangen Leerstands und der offensichtlich fehlenden Vermarktungschancen der Reitbahnstrasse 80 und 82, diese legal nutzen zu können, soll nun ausgehend von der Reitbahnstrasse 84, in dem bereits das Wohn- und Kulturprojekt REBA84 aktiv ist, die verfahrene Situation positiv gewendet werden: Die Akteure beginnen einfach mit dem, was sie können, und was die beschränkten Räumlichkeiten zulassen.
    Neben der Volksküche am Donnerstagabend, gibt es einen zweiwöchig stattfindenden Sonntagsbrunch, eine wöchentliche kostenfreie Fahrradselbsthilfewerkstatt, eine Galerie für Autofahrer (http://gif-gif.blogspot.com/20…er-gallery-in-window.html), ein Kinoprojekt ( http://de-de.facebook.com/peop…inematico/100000365147037) eine Druckwerkstatt, und einen Umsonstladen. Weitere Projekte sind angedacht, wenn die Nutzung der angrenzenden, leer stehenden Gebäude, vom städtischen Eigentümer ermöglicht wird. Zur Einbindung neuer Akteure, für Öffentlichkeitsarbeit und für die Koordination der Arbeit des ExKa e.V. sind bereits vor einem Jahr EFRE-Mittel (Europäische Förderung für regionale Entwicklung) beantragt worden, die, leider, zuletzt scheinbar der einzige Grund gewesen sind, sich städtischerseits mit dem Projekt noch zu beschäftigen. Diese Mittel werden jedoch nicht mehr auf die Reitbahnstrasse 80-82 bezogen, da die GGG diese Häuser nicht freigeben möchte, sondern auf die Reitbahnstrasse 84, die einen zeitlich unbefristeten Mietvertrag mit der GGG hat.


    Die defizitäre Stadt


    Das Experimentelle Karree – ein urbanes Abenteuer in einer defizitären Stadt.
    In den innenstadtnahen Bereichen von Chemnitz droht eine umfassende Versteppung: Abriss und das Fehlen von städtischem Leben prägen das Bild der demographisch mit am härtesten getroffenen Stadt Ostdeutschlands.
    Die Phänomene der historisch einmaligen Schrumpfung ganzer Stadtgefüge werden dabei in die Chance eines Stadtumbaus von Unten umgewertet. Die infrastrukturellen Nachteile und das Ausdünnen der Bevölkerung sollen sich in diesem Sinne zu einem Gewinn von Freiheiten und Experimentierräumen wandeln.
    Entgegen dem zunehmenden Zerfall des Stadtzusammenhanges und dem damit entstehenden Eindruck, dass die Peripherie überall zu sein scheint, möchte das Experimentelle Karree die Kräfte bündeln und einen Ort der Gegensätze schaffen, an dem alle Generationen und Bevölkerungsgruppen teilhaben können. Der Ansatz der Selbstorganisation verhindert dabei, dass die Strukturen, einmal verflüssigt, nicht allzu schnell wieder im gewohnten Sinne erstarren können.
    Ohne Institutionen wird Stadtteilarbeit und die Entwicklung einer kulturellen und sozialen Infrastruktur verwirklicht. Die Stadt sollte dabei hauptsächlich in der Position der Zulassenden und Gewährenden auftreten müssen.
    Diese Orientierung auf die Selbstheilungskräfte der Stadt, die in der Bevölkerung selbst als Potenzial verborgen sind, lässt allein den Stadtumbauprozess erträglich erscheinen. Von funktionstragenden Eliten ausgeführt, entsteht bei den Leid tragenden Bewohnern dabei bisher der Eindruck der Entmündigung und der fehlenden Einbeziehung.
    Die Gewöhnung städtischer Institutionen an die Tatsache, dass es in der Stadt Chemnitz keine fordernde Zivilgesellschaft gibt, wird in Form des ExKa´s eine Absage erteilt. Die Erkenntnis muss lauten: Hier meldet sich die letzte geburtenstarke Generation zu Wort, um die gescheiterten Anläufe der letzten Jahre endlich zu einem eindrucksvollem Ergebnis zu geleiten. Nach ihr wird es im Zweifelsfall keine mehr tun können.


    Zum Weiterlesen:


    Die fehlende Aufenthaltsqualität von Chemnitz ist seit Jahren der Ausgangspunkt für das Verlassen der Stadt, die zu dem ohnehin omnipräsenten Arbeitsmarktproblem erschwerend hinzutritt. Unter den temporär engagierten Eliten gilt die Stadt als ein Ort, an den man strafversetzt wird. Das geistige Leben wird durch ebenjene folgerichtig kaum geprägt.
    Über Chemnitz wurde in den letzten Jahren in der bundesweiten Presse aufgrund des Neuaufbaus der Innenstadt oft positiv berichtet. Diese Berichterstattung erfährt seit ungefähr fünf Jahren immer öfter eine Korrektur. Dabei steht nunmehr die defizitäre Umsetzung des Stadtumbaus im Fordergrund. Innovative Konzepte kommen aus den prosperierenden „schrumpfenden“ Städten wie Leipzig, nicht jedoch aus Chemnitz, in der man die überfällige Infrastruktur immer noch als zwischenzeitliche Schandflecke bewertet. Die Konzepte der wachsenden Stadt wirken hier anachronistisch unvermittelt fort.
    Die Wächterhäuser in Leipzig sind als symbolisch wichtigste Projekte der Nachnutzung in Ostdeutschland zu bewerten. Die Hoffnungen, die umliegenden Quartiere damit beleben und aufwerten zu können, scheinen bestätigt zu werden. Die Devise des Gewähren-lassens führt in Leipzig zwar nur zu marginalen gentrification-phänomenen, ist für die Stadt trotzdem eine kleine Hoffnung für die Zukunft. Diese nicht von den Akteuren in den Häusern intendierten Aufwertungserscheinungen werden in Chemnitz gar nicht erst erkannt. Hier beherrscht die Angst vor den „Connewitzer Verhältnissen“ das öffentliche Bild. Die subkulturellen Ansätze (und von nirgendwo anders kommen die basisgeleiteten Stadtumbaustrategien) werden hinsichtlich des demographischen Kollaps hin zur „Herrschaft der Alten“ bereits seit Jahren ins Leere laufen gelassen.
    Im Jahre 2005 wurde beispielsweise die Wiederbelebung des Brühls, eines innerstädtischen Altbauviertels, das zu grossen Teilen leersteht, auf die Tagesordnung gehoben. Es wurde jedoch der (städtischen) kommunalen Wohnungsgenossenschaft GGG überlassen, diesen „Kiez“ aus der Taufe zu heben, was erwartungsgemäss aufgrund der Inkommensurabilität der Vorstellungen misslang. Das Problem besteht in der nachträglichen Bewertung darin, dass die Stadt nicht verstanden hat, dass sie in der Verpflichtung steht, alle Barrieren, die dem verbliebenen Häuflein Zivil- und Geistesgesellschaft im Wege stehen, mit Schwung nieder zu reissen.
    Einer kritischen Masse von Menschen wurde dieses Trauerspiel derart zuwieder, dass sie am 20.6.2007 in der unmittelbaren Nähe zur Innenstadt eine Hausbesetzung durchführten. Dem voraus gegangen war das legale Engagement auf dem Brühl und mit verschiedenen Privatiers, das kein Ergebnis zeitigte.
    Diese Hausbesetzung währte zwei Wochen und mündete in die legale Nutzung der Reitbahnstrasse 84, die nunmehr die erste Säule des experimentellen Karrees darstellt.
    Diese Tatsache unterscheidet den neuerlichen Anlauf von den Vorherigen: Bisher wurde der Wunsch nach mehr „Urbanität“ nur von aussen, z.B. in der Studentenschaft, als bittendes Seufzen Richtung Stadt geschickt, diesmal wird er von bereits lokalisierten Akteuren artikuliert. Der Stadtrat Ulf Kallscheidt formulierte, dass die Idee eines Kiezes in Chemnitz damit so weit gereift ist, wie noch nie zuvor.
    Das ExKa umfasst ein weites Ideenspektrum: neben dem Wohn- und Kulturprojekt Reitbahnstrasse 84 mit Konzerten, Volksküche und Umsonstladen, soll ein Club, eine Bar, ein Wohnzimmerkino, eine Bibliothek, eine Druckwerkstatt, Ateliers und ein Caritas-Treffpunkt integriert werden. Besonders publikumswirksam wird der Stadtteilgarten sein: Dies ist die repräsentative Spielwiese auch für alle Anwohner, die die Entwicklung bisher äusserst skeptisch betrachten.
    Das Experimentelle Karree macht seinen Namen vor allem im Kontext der unabsehbaren Schrumpfung und der erstarrten und verkrusteten Reaktion darauf Ehre. Das Experiment liegt gerade darin, in einer von Partizipation entwöhnten und Segregation gezeichneten Stadt, den Stadtumbau von unten zu wagen. Bei näherer Betrachtung gibt es hier nichts mehr zu verlieren.


    http://www.exka.org
    email: experimentelles-karree@web.de