Gute Reko - böse Reko (Grundsatzdebatte)

  • Als Beispiel möchte ich gern die polische Hauptstadt Warschau anführen, die unmittelbar nach dem Krieg den gesamten Bereich des Marktplatzes wieder originalgetreu aufgebaut hat. Und heute freuen sich alle über diesen schönen Platz und keiner hat das Gefühl, er würde durch ein Disneyland laufen.

    Arnold Bartetzky hat sich mit Rekonstruktionen in Osteuropa auseinandergesetzt. In seinem Aufsatz "Gebaute Geschichtsfiktionen" kommt Bartetzky zu dem Schluss, dass in Warschau zwar ein Ausschnitt der Geschichte rekonstruiert, ein anderer aber konsequent vernichtet wurde. Was rekonstruktionswürdig war entschieden Funktionäre.


    Eigentlich wiederaufbaufähige historische Bausubstanz. die aber politisch nicht ins Bild passte, wurde abgerissen und diente als Baumaterial bei der Rekonstruktion von Gebäuden, die die Funktionäre als "nationales Erbe" eingestuft hatten.


    Bartetzky stellt weiter fest, dass der rekonstruktive Wiederaufbau von Warschau und Danzig im Einklang mit dem stalinschen "Nationalen Bautraditionsparadigma" und damit auch der Architektur des "Sozialistischen Realismus" stand. Der Wiederaufbau der Warschauer Innenstadt sei ein politisches Meisterstück des kommunistischen Regimes gewesen. Nach Stalins Tod war dann nicht mehr die "nationale Tradition" sondern die "internationale Moderne" Leitbild von Architektur und Städtebau in Polen geworden.

  • Dann ändere ich pflichtbewusst meine Aussage:

    Als Beispiel möchte ich gern die polnische Hauptstadt Warschau anführen, die fast unmittelbar nach dem Krieg nahezu den gesamten Bereich des Marktplatzes wieder annähernd originalgetreu aufgebaut hat.


    So besser?


    Entscheidend für mich ist der Fakt, dass man als Besucher dort das Gefühl hat, durch eine echte Altstadt zu spazieren und eben nicht durch ein Disneyland mit Pappwänden. Und so etwas vermisse ich in meiner Heimatstadt Berlin.

  • als Besucher dort das Gefühl hat, durch eine echte Altstadt zu spazieren

    Es ist aber halt nur ein Gefühl "als ob".


    Polen scheint mir da auch kein besonders gutes Vorbild zu sein. Der Kampf gegen die "Germanisierung" nimmt gerade wieder Fahrt auf.


    Hier mal ein älterer Artikel aus der WELT, in dem auch der sozialistische Wiederaufbau Danzigs, verbrämt mit rekonstruierten Fassaden, erwähnt wird.

  • ^ In Polen wird gerne auf slawische Spuren in Städten wie Breslau oder Danzig hingewiesen, daher wurden die Altstädte nie als "Germanisierung" empfunden. Mit Akzenten wie das Preußische Königliche Schloß in Breslau (der alte barocke Teil beherbergt das Historische Museum der Stadt, Überbleibsel des klassizistischen Teils das Theatermuseum) hat man keine Probleme.


    Es müssen nicht immer ganze Altstädte sein. In Utrecht wurden untere Geschosse eines 90-Meter-Wohnhochhauses mit einer historischen Fassade versehen - das Ergebnis wirkt mE vielbesser als wenn es eine x-beliebige wäre.