Leipziger Kaffeeklatsch (plaudern, träumen, ankündigen)

  • @ DaveLE


    Ich schätze mal das der Großteil der Forumsgemeinde nichts dagegen hätte, wenn die Platte irgendwann gerade aus den repräsentativen Ecken verschwindet.
    Und dennoch muss man da genauer hinschauen. Ich hatte nie mit diesen fatalen Folgen die z.B. der Fall der Brühl Scheiben hatte, gerechnet. Die ganze nördliche Innenstadt ist verwaist, etablierte Geschäfte die es fast 10 Jahre gab (z.b. die Jeans Factory) mussten ihr Geschäft aufgeben weil die Kundenströme aufgrund der fehlenden Urbanität plötzlich komplett weggebrochen sind. Will sagen, wenn es keine gute Nachfolgelösung gibt kann der Grundsatz >egal was kommt, erstmal Platte weg< nicht gelten.

  • Dazu ist gerade im Basler Birkhäuser Verlag ein interessantes Buch erschienen. Michael Braum und Christian Welzbacher haben den Band „Nachkriegsmoderne in Deutschland- Eine Epoche weiterdenken“ herausgegeben.



    Verschiedene Autoren setzen sich in diesem Buches zwar für den Erhalt der Bauten der Moderne ein, setzen sich aber auch sehr kritisch mit den Problemen dieser Bauphase auseinander.


    Als ein Problem der Moderne wird die Aufweitung der Stadträume angesprochen. Freiräume zwischen den Bauten waren als Kommunikationsflächen gedacht, das hat aber nicht zwingend so funktioniert, wie es sich die Planer oder Bürokraten gedacht hatten. Diese Kommunikationsflächen wurden später beschönigend als „Abstandsgrün“ bezeichnet. Dieter Hoffmann-Axthelm setzt Abstandsgrün gleich mit Verwahrlosung. Abstandsgrün sei „unbrauchbar“, zwingt die Bewohner Wege zu gehen, die sie eigentlich nicht gehen wollen, hat keinen gesellschaftlichen Nutzen.



    Das Problem sind nicht unbedingt die Gebäude sondern vielmehr der Maßstabssprung besonders bei der Verkehrsinfrastruktur und den Stadträumen.



    Auch Leipzig kommt vor. Der Abriss der Wohnscheiben am Brühl wird bedauert, die Neubauten von Behet Bonzio und Lin sowie der Umbau des Unihochhauses als „Aktualisierung des modernen Formenkanons“ gefeiert.


    Ganz scheinen die Autoren jedoch nicht in der Materie zu stecken. Christian Welzbacher meint festgestellt zu haben, dass in Leipzig intakte Gründerzeitviertel leer laufen, während Häuschen am Stadtrand entstehen würden.



    Dieter Hoffmann-Axthelm stellt fest, dass die Frage ist, was die Politik will. Die Ursache für die Misere seien die großen Wohnungsbaugesellschaften, die so mächtig sind, dass sie die Stadtentwicklung beherrschen würden. Für Halle/Saale konstatiert Dieter Hoffmann-Axthelm: „Wir machen ein bisschen Halle-Neustadt. Und wir machen ein bisschen Halle-Altstadt. – Dann geht…beides den Bach hinunter, bis man beides abreißen kann“.




    Im gleichen Verlag ist übrigens auch das Buch „Rekonstruktionen in Deutschland –Positionen zu einem umstrittenen Thema“ erschienen.

  • Was man natürlich auch sehr gut bei der "Residenz am Zoo" sehen kann. Dort steht ein Riegel verloren auf einem ganzen Quartier und erzeugt somit natürlich überhaupt keinen befriedigenden Stadtraum. http://maps.google.de/maps?q=r….003002,0.006813&t=h&z=17


    Am meisten stört mich persönlich aber der Riegel an der Reichsstraße, der aufgrund seiner Formgebung nix anderes kann als im Straßenraum "rumzustehen" und somit kein Gefühl der innenstadttypischen Aufenthaltsqualität erzeugt.
    http://maps.google.de/maps?q=r….001501,0.003406&t=h&z=18


    Kann natürlich auch eine subjektive Wahrnehmung sein aber für mich ist das die Größte Schwäche der (DDR) Moderne, die Austauschbarkeit und die Ignoranz der historisch gewachsenen Strukturen.

  • Kann natürlich auch eine subjektive Wahrnehmung sein aber für mich ist das die Größte Schwäche der (DDR) Moderne, die Austauschbarkeit und die Ignoranz der historisch gewachsenen Strukturen.


    ganz richtig - der staedtebau in er DDR war darauf ausgerichtet alte strukturen zu "brechen". das war maxime und geplant. da hatte man aber noch glueck in leipzig da es, bis auf ausnahmen, keine flaechenzerstoerung durch den 2. weltkrieg gab. andere staedte traf es bekanntlich schlimmer - dresden, chemnitz, frankfurt/oder.


    man muss aber auch sagen dass es nicht nur in der DDR passierte. koeln, dortmund, essen sind andere beispiele. aber es gibt auch faelle in der ohne kriegseinwirkung gezielt abgerissen wurde - paris, mailand, lissabon

  • Ich glaub, hier nehmen sich Ost und West insgesamt wirklich nicht viel, wenngleich in Westdeutschland im Nachhinein noch ne Menge mehr zerstört wurde, wie in der Mangelwirtschaft. Was die DDR aber wirklich ganz schlecht konnte (evt. auch nicht wollte) war um die Ecke zu bauen. Von den Bauten der späten 80er mal abgesehen (Kolonnadenviertel z.B.) wurden nahezu keine Eckgebäude errichtet.

  • Wenn ich es mal ganz zugespitzt sagen darf: Die Architektur hat in der DDR keine echten eigenen Ideen verwirklicht. Ein wesentliches Kennzeichen der Moderne – zuerst im Westen und später auch im Osten- ist die Maßstablosigkeit und das Primat der Verkehrsplanung. Die moderne Stadt wurde im Westen schon gebaut, als im Osten noch stalinistischen Barock gepflegt wurde. Irgendwie kupferte man in der DDR immer bei anderen ab. Erst offiziell bei den Russen, dann eher verschämt im Westen und zuletzt pervertierte man die Bauhausideen in Form der Wohnungsbauserie 70.



    Wenn wir aber bei Leipzig bleiben, kann man wirklich nur feststellen: Leipzig hat verdammt viel Glück gehabt. Wenn hedges meint, dass es im WKII in Leipzig keine Flächenzerstörungen gegeben hat, darf man wohl besonders den Stadtplanern und Architekten, die in Leipzig bis ca. 1960 gewirkt haben, gratulieren.:daumen:


    Mit dem Wiederaufbau des Hauptbahnhofs, der Alten Börse, des Alten Rathauses, der Waage usw, dem Neubau des Messehofs (erbaut 1949/50!), der Oper, des Theatergebäudes in der Bosestraße, des Messehauses am Markt usw. scheint den damaligen Verantwortlichen im Leipziger Rathaus doch eine einfühlsame Stadtreparatur gelungen zu sein. Am eher schlichten Wohnhaus „Goldene Fahne“, Burgstraße 4 wurde sogar ein erhalten gebliebener Renaissancetreppenturm integriert. Selbst die im „Stalinbarock“ errichteten Wohnhäuser am Rossplatz passen sich – mit Abstrichen- in den Stadtraum ein.


    Erst als die Moderne mit ihren Ideen von Luft und Weite, Trennung aller Nutzungen und vor allem einer optimalen Verkehrserschließung der Städte auch von Leipzig Besitz ergriff, wurden die Straßen großzügig ausgebaut bzw. oder sollten es noch. Glücklicherweise sind Leipzig Verkehrsprojekte wie die Hallenser Hochstraße oder überbreite Schneisen wie die Petersburger Straße in Dresden erspart geblieben.


    Alles in Allem ist hier eine differenziertere Sicht gefragt. Pauschalurteile sind da doch zu einfach.

  • Stiftung gegen Brachflächen gegründet


    Die Landesdirektion Leipzig hat die Stiftung "Ecken wecken" genehmigt, sie stammt von einem Stifterpaar. Sie wollen sich mit Brachflächen auseinander setzen. Erstes Projekt ist ein Bauspielplatz an der Markranstädter Straße Ecke Klingenstraße.


    >> http://www.stiftung-ecken-wecken.de/


    >> auch die LIZ schreibt dazu > http://www.l-iz.de/Politik/Eng…n-reaktiviert-werden.html

  • Architekturpreis der Stadt Leipzig 2009


    Am Freitag wird wieder der zweijährliche Architekturpreis der Stadt Leipzig vergeben. Zur Wahl stehen 27 Objekte, die zwischen 2006 und 2009 fertiggestellt wurden. Dabei handelt es sich sowohl um Bauten als auch städtebauliche oder innenarchitektonische Maßnahmen. Im Vergleich zum Archtekturpreis 2007 ist der Anteil von Bildungs- und Sozialbauten gestiegen, zurückgegangen ist der Anteil an Eigenheimprojekten im Segment der Stadthäuser, die damals noch stark vertreten waren.


    Ich muss sagen, auch wenn keine Superhighlights dabei sind (die kommen erst in den nächsten Jahren mit Neuem Augusteum + Paulinerkirche, Anbau Deutsche Bücherei, Katharinum) ist die Qualität doch durchgehend hoch. M.E. kann sich das fast alles sehen lassen. Meine persönlichen Favoriten sin die Gewürzmühle Lindenau, Karstadt sowie der Mediencampus Villa Ida.

  • ^ Ja, deine drei Favoriten sind nicht zu verachten, aber für mich persönlich ist der Umbau und die Sanierung des Ariowitsch-Hauses zum jüdischen Kulturzentrum der absolute Favorit. Ich glaube, dieses Gebäude wird es - verdient - unter die ersten drei Plätze schaffen.


    ...auch wenn keine Superhighlights dabei sind (die kommen erst in den nächsten Jahren mit Neuem Augusteum + Paulinerkirche, Anbau Deutsche Bücherei, Katharinum)


    ...und die Höfe am Brühl, wenn es nicht wieder zum Verzug kommt. Deine drei Beispiele klingen aber schon jetzt sehr preisverdächtig.


    Welche Favoriten haben andere User?

  • Welche Favoriten haben andere User? > In der heutigen LVZ sind alle 27 Objekte vorgestellt. Auf den verlinkten Link von DaseBLN auch, daher sage ich mal die Nummer von der LVZ-Galerie an: 1, 3, 4, 7, 9, 11, 12, 14, 16 (ja.. sieht nicht schlecht aus :D), 19, 20, 23, 24. Wenn ich mich für einen 1. Platz entscheiden müsste, würde mir dies schwer fallen. Daher würde ich ganz spontan den grünen Anbau der Franz-Mehring-Schule nehmen.

  • ^ Yup, das hat die LVZ verbacken. Was den Ariowitsch-Bau betrifft, so entfaltet der m.E. seine Wirkung haupsächlich im Inneren, da aber richtig. Bei manchen Objekten fragt man sich wirklich, was diese eigentlich für den Architekturpreis qualifiziert, grundsätzlich handelt es sich aber wie gesagt doch um ziemlich hochwertige Bauten. Schade, dass es offenbar keine Kategorisierung gibt, das würde sicherlich weitere landschaftsgestalterische sowie innenarchitektonische Einreichungen anziehen.

  • Die Gewürzmühle Leipzig-Lindenau sieht schick aus. Wo ist die genau zu finden?



    Der Campus an der Universitätsstraße/Moritzbastei von Behet Bonzio und Lin und der Stadtteilpark Rabet stehen bei mir ganz oben auf der Liste der Besten.

  • Das ehemalige Altenheim (Max-Ariowitsch-Stiftung) lasse ich nicht so richtig gelten, dass gab es ja schon als ganz eigenständigen Bau, die Innengestaltung kann ich ehrlich gesagt nicht beurteilen. Die Fakultäts/Instituts- und Klinikgebäude sind fast durch die Bank weg ziemlich einfaltslos in der äußeren Anmutung, lediglich das Frauenhofer Institut sieht frisch aus. Bei dem Mediencampus gefällt mir die stadträumliche Einordnung sehr, hier passen Dimensionierung und Proportionen mal ausgesprochen gut in den Kontext. Mein Favorit ist der Karstadtbau, allerdings nur von außen, der Springbrunnen im Inneren ist ja totaler Nepp, außerdem finde ich nicht gut, dass die Gründerzeitgebäude am Neumarkt entkernt und zweckentfremdet wurden, die Lösung in der Petersstraße ist aber in der Tat sensationell.

  • ^ Das Ariowitsch-Haus ist für mich deshalb der Favorit, weil bei diesem Gebäude Denkmalpflege und moderne Nutzungsanforderungen wunderbar in Einklang gebracht wurden. Beim Karstadt-Neubau trifft dies sicher genauso zu, aber eine kulturelle Nutzung im Rahmen eines vergleichsweise kleinen Bauprojekts, ziehe ich einer kommerziellen im Rahmen eines großen Projekts, wenn es um die Vergabe eines städtischen Architekturpreises geht, dann doch vor.

  • Mit verlaub, Cowboy, die von dir angesprochenen Aspekte werden die Jury nicht wirklich interessieren. Es geht vielmehr darum, ein besonderes Einzelgebäude auszuzeichnen. Der Buschfunk hat schon vor einigen Tagen verlauten lassen, dass der HTWK-Neubau Mediencampus die Nase sehr weit vorne hat.

  • And the winner is...

    Der Buschfunk hat recht behalten. Der diesjährige Gewinner des Architekturpreises der Stadt Leipzig ist der erst kürzlich fertiggestellte Mediencampus in der Karl-Liebknecht-Straße. Die Jury lobte vor allem die städtebauliche Einbindung des Ensembles als wichtiges Bindemitglied zwischen den Solitärbauten der Hochschule und der städtischen Blockrandbebauung. Die markante Ecksituation des Quaders mit der großzügigen Ausparung der unteren zwei Etagen in der Gustav-Freytag-Str. wurde ebenso lobend erwähnt.



    Hochschulbibliothek und Medienzentrum der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK). Architekt: Lèon Wohlhage (Berlin)

    Foto: Cowboy


    Ausführliche Informationen über die Preisträger, die Begründungen und die Zusammensetzung der Jury findet ihr hier.

  • Selbstverständlich keine Referenz - aber BILD hat auch etwas zu sagen zum Leipziger Architekturpreis. Anhand des Preisträgers in der Fregestraße fragt sich die "Zeitung", ob dies Leipzigs schönstes Haus sein solle, und stellt fest: "Aufregend sieht anders aus". Wir erwarten natürlich keine fundierte Architekturkritik, lesen aber dennoch ein paar Details. Nur zur Dokumentation ...
    http://www.bild.de/BILD/region…hoenstes-haus-werden.html

  • ^ Die Prämisse ist natürlich, wie von der Bild gewohnt, eine falsche. Es wurde ja nicht das hübscheste Haus Leipzigs gewählt, sondern qualitätvolle Architektur der letzten 3 Jahre ausgezeichnet. Die Begründung ("[...]Doch ist die Fassade niemals Dekor[...]") lässt mich allerdings vermuten, dass das Katharinum es in zwei Jahren wohl recht schwer haben wird. Nun ja, der Eggeraat-Bau ist wahrscheinlich eh schon gesetzt, so er denn bis 2011 fertiggestellt wird :lach: Um es trotzdem noch einmal festzuhalten: schön, dass sich die Stadt einen solchen Preis leistet. Die LVZ schlug im Übrigen in einem Kommentar vor, einen Preis für Nachwuchsarchitekten zu vergeben, da die Gewinnträchtigen Gebäude dann doch oft von etablierten Büros gebaut werden. Die Kollegen mit ihrer Gewürzmühle fanden zumindest ja schon einmal lobende Erwähnung.


    Die Lizzy berichtet im Übrigen ebenfalls und mit Videobeitrag über das Thema.