Potsdam: Wiederaufbau Stadtschloss

  • So überflüssig der Schriftzug an sich auch ist, immerhin verschandelt er in seinem Erscheinungsbild nicht die Fassade, z.B. durch Kontraste. Anders als z.B. die Neonröhren am Alten Rathaus.

  • Der Schriftzug "Ceci ne pas un Chateau" ("Dies ist kein Schloss") an der Fassade gefällt mir dagegen sogar ganz ausgezeichnet, weil er gleich auf vier Ebenen ansetzt: Erstens ist er einfach dekorativ und wirkt optisch auch auf diejenigen, die kein französisch verstehen. Zweitens enthält er eine Information für Passanten: "Dies ist kein Schloss!" (, sondern ein modernes Gebäude, das hinter einer Schlossfassade versteckt ist.) Dadurch wird drittens eine stolze Abgrenzung zu den übrigen Schlössern Potsdams erkennbar, die ja alle auf monarchische Traditionen verweisen: "Dies ist kein Schloss!" (, sondern ein Haus der Demokratie; hier herrscht kein König, hier diskutieren gewählte Abgeordnete.) Und viertens ist da natürlich die ihrerseits beziehungsreiche Anspielung auf René Margrittes Gemälde "Dies ist keine Pfeife", das eine Pfeife zeigt, aber nur das Abbild einer Pfeife ist.
    Der langen Rede kurzer Sinn: Ein derart hübsches und gleichzeitig vielschichtiges Beispiel von "Kunst am Bau" ist mir an öffentlichen Gebäuden schon lange nicht mehr begegnet...


    Ich will hier nicht altklüger klinger, als ich schreibe aber der - hier auf den ersten Blick nachvollziehbare Wohlfallen - hat einige Widersprüche:
    - die Aufschrift ist im Französischen falsch: das Stadschloß war ein "palais", weil innerstädtische gelegen. "Chateaux" sind Schlösser extra muros.
    - die "stolze Abgrenzung" zu anderen Schlössern? Na, da haust ja auch in keinem mehr ein König, die meisten sind museal genutzt. Was müsste denn dann der Marstall an die Fassade schreiben, der heute ein Filmmuseum ist?
    - Magritte hat Bilder von Gegenständen gemalt, u. a. einer Pfeife und hierzu bemerkt. "Ein Bild ist nicht zu verwechseln mit einer Sache, die man berühren kann. Können Sie meine Pfeife stopfen? Natürlich nicht! Sie ist nur eine Darstellung. Hätte ich auf mein Bild geschrieben, dies ist eine Pfeife, so hätte ich gelogen. Das Abbild einer Marmeladenschnitte ist ganz gewiss nichts Essbares." Das Neue Stadtschloss ist aber kein Bild eines Schlosses, es ist real, wie und wo es war (zumindest im Äußeren). Der Vergleich spielt also mit einer Parallele, die es nicht gibt.

  • die Aufschrift ist im Französischen falsch: das Stadschloß war ein "palais", weil innerstädtische gelegen. "Chateaux" sind Schlösser extra muros.


    Doch, es stimmt deswegen genau - es war ja kein Chateau (sondern Palais), was die Schrift auf Französisch gerade behauptet.


    Ich finde es denkbar kindisch, ein Schloss wiederaufzubauen bloß um mit lächerlichen Schriftzügen und Installationen im Innenhof sich davon zu distanzieren. Wenn es aber wie im Kindergarten zugehen muss - könnte man die Garnisonkirche wiederaufbauen und irgenwo im WC eine kleine Tafel auf Latein anbringen, dies sei keine Kirche?


    Solche Distanzierungen habe ich in keinem anderen Land Europas gesehen. Umgekehrt, auf dem Hauptgebäude der Breslauer Uni behauptet eine Tafel auf Polnisch und Englisch, dies sei die ehemalige kaiserliche Residenz der Habsburger. Diesmal stimmt es nicht einmal, von dieser Residenz (wo die Habsburger selten weilten) sind nur wenige Mauerreste übrig geblieben, bautechnisch war es vor der Uni ein Jesuitenkolleg, welches an der Stelle des Palastes errichtet wurde. Dennoch will man so sehr ein Ex-Kaiserschloss haben, wobei nicht mal stört, dass die österreichischen Kaiser mal Polen mit-aufgeteilt haben. Dieses erwachsene Verhältnis zur Geschichte ist in Potsdam und Umgebung nicht zu erwarten?

  • ^*lautlach* Sorum stimmt's natürlich wieder. Aber ich fürchte, die Initiatoren waren so in den Magritte-Bezug verliebt dass alles andere passend gemacht werden musste.


    Das Verhältnis gerade der Kulturelite zur Vergangenheit ist ein abendfüllendes Thema. Richtig ist sicher, dass andere Nationen stets versuchen die Kontinuität zu Vorgängerstaaten zu betonen, da sie durch die Anciennietät die Legitimation des existierenden Staates verstärken. Da greift eben auch der polnische Staat auf die Habsburger zurück.


    Am Stadtschloß kommt sicher noch einer auf die Idee eine Gedenktafle dafür anzuschreiben, dass sich in dem Gebäude die NSDAP-Kreisleitung befand.

  • ^ Nicht der Gesamtstaat, sondern die Breslauer Stadtverwaltung, was keine praktische Rolle spielt, da die deutsche Minderheit in Breslau nur noch verschwindend gering ist. Natürlich gehören die Habsburger nicht zur polnischen Staatstradition, sondern sind 200 Jahre lang Feinde gewesen, gegen die (wie gegen Preußen und Russen) Aufstände zu führen waren - dieser Kampf gehört zum nationalen Ethos. Dennoch ist man froh, etwas Besonderes in der Stadt zu haben, was Touristen interessieren könnte.


    Ein preußisches Königsschloss gibt es ebenso - wenn etliche Webseiten der darin untergebrachten Museen auf Polnisch, Deutsch und Englisch die einstige Rolle als Königsschloss betonen, stimmt es sogar. Trotz aller Aufstände käme keiner auf die Idee zu behaupten, es sei kein Schloss (gewesen). Siehe 'siehe auch' im verlinkten Wikipedia-Artikel - bei den beiden verlinkten Schlössern wird gerne behauptet, es sei bloß ein Forum bzw. 'kein Schloss'.


    Gerne wird auch die Villa gezeigt, in der mal Breschnev übernachtete, obwohl die meisten Lebenden ihn seinerzeit denkbar stark gehasst haben - na und, die Besonderheit bleibt trotzdem interessant. Die Einstellung gilt also keinesfalls nur der eigenen Tradition, sondern sogar der feindlichen.


    In Ravenna sind das Grab und der Palast Theoderichs Hauptsehenswürdigkeiten, obwohl dieser in Italien eigentlich Besatzer war. Der Palast-Rest wurde (glaube ich, man sieht es vor Ort) zum Teil rekonstruiert - ohne irgendwelche Distanzierungsbemühungen wie die hier in Potsdam.

  • ....In Ravenna sind das Grab und der Palast Hauptsehenswürdigkeiten, obwohl dieser in Italien eigentlich Besatzer war. Der Palast-Rest wurde (glaube ich, man sieht es vor Ort) zum Teil rekonstruiert - ohne irgendwelche Distanzierungsbemühungen wie die hier in Potsdam.


    Ich verstehe nicht ganz wozu dieser Vergleich dienen soll? In Potsdam hat keiner irgendjemanden besetzt und die Zerstörung des Schlosses liegt ca. 50 Jahre zurück und nicht 1400 Jahre.
    Ich würde auch die moderne Kunst am Bau nicht unbedingt als Distanzierungen diffamieren. Ein Bisschen Ironie, die ja hier im Forum auch so leidenschaftlich gepflegt wird, wird ja wohl noch erlaubt sein. Ich denke vielmehr, dass der Schriftzug mehr auf die jetzige Nutzung als Landtag eines demokratischen Landes abhebt. In Berlin bemüht man sich ja auch allenthalben zu betonen dass man kein Schloss wiederaufbaut sondern das Humboldt-Forum.

  • ^ Natürlich. Ich war vor einigen Tagen mit chinesischen Gästen dort und hatte den Eindruck, dass gerade diese Magrittesche Ironie als sympathisch-augenzwinkerndes und souverän-selbstironisches Zeichen verstanden wurde.

  • ^ Grundsätzlich sollte das Ziel der Rekonstruktion eines Baudenkmals sein, den Zustand so wiederherzustellen, als ob das Denkmal nie zerstört worden wäre - für die nächsten Generationen, damit diese durch Fehler einer einzigen Generation keinen unwiderbringlichen Verlust erleiden. Wäre das Schloss unzerstört geblieben, hätte das Denkmalamt komische Schriftzüge darauf genehmigt?
    Das Innere hätte übrigens an vielen Stellen originalgetreuer werden können.


    Wieso kann man diese Ironie nicht woanders anwenden, etwa die oft kritisierten Spitzen auf den Dächern irgendwelcher Plattenbauten aufstellen, die dadurch nur gewinnen würden?


    Dass man in China die Idee so toll findet, bezweifle ich. Nie gehört, dass man irgendwo an den Wänden der Verbotenen Stadt das ist kein Kaiserpalast angebracht hätte.

  • Meiner Meinung nach ist der Schriftzug als durchaus aggressiver Akt der Dekonstruktion am gerade Wiedererschaffenen gedacht. Daneben ist Gold auf Altrosa auch wirklich geschmacklos.

  • ^^*brüllendlautlach* Noch nie was von Shanzhai gehört? (Im übrigen: Ich habe nicht von "China" gesprochen, sondern von "meinen chinesischen Gästen". Das ist ein klitzekleiner Unterschied.)


    Und (^) "agressiver Akt der Dekonstruktion"? Das ist jetzt Satire, oder? Sollte es das tatsächlich geben, dass kein noch so kleines, elegantes, ironisches Zeichen ertragen wird, das es wagt, dezent daran zu erinnern, dass es sich bei Rekonstruktionen nun einmal nicht um Originalbauten handelt?

  • ^
    Wenn die Erbauer in selbstironischer Weise diesen Schriftzug angebracht hätten würde ich dir zustimmen. Es ist nun mal aber Tatsache, dass Selbiger wie auch die Pavillons von den Aufbaugegnern aufgezwungen wurden. Somit ist er nicht ironisch gemeint sondern hat ursprünglich nur den Sinn das Gebäude herabzuwürdigen und lächerlich zu machen.
    Aber zum Glück bemerkt das beim Schriftzug im Gegensatz zu den Pavillons kaum einer und verwechselt es mit Selbstironie.
    Deswegen mag ich diese goldenen Letter mittlerweile sehr gerne.

  • ^ Gibt es Belege dafür, dass der Schriftzug "von den Aufbaugegnern aufgezwungen" wurde? Für mich spricht alles dagegen. Das ist doch Kunst am Bau, oder? Wie sollte eine Gruppe ein bestimmtes Kunstwerk aufzwingen? Aber selbst wenn es so wäre (wie gesagt, mir scheint das abwägig): Das bedeutete doch nicht, dass die Künstlerin (Annette Paul) mit ihrem Schriftzug eine Ridikülisierung des Bauwerks beabsichtigt hätte und noch weniger, dass der Betrachter eine solche erkennen müsste. Die Rezeption eines Kunstwerks lässt sich nun einmal nicht kontrollieren. Ich z.B. erkenne in der geistreichen und witzigen Appropriation von Magritte nicht den Hauch einer abschätzigen Geste dem Bau gegenüber.


    Aber dass Rekonstruktionen (denen ich zumeist durchaus wohlwollend gegenüber stehe) hier von einigen offenbar als so sakrosankt angesehen werden, dass schon kleine künstlerisch-ironische Fingerzeige auf ihren Rekonstruktionsstatus als "Herabwürdigungen", "lächerlich machen" und "aggressive Akte" angesehen werden und dass jedes nicht "originalgetreue" Zeichen (so als ob klar wäre, was in einer häufig jahrhundelangen Geschichte DAS authentische Original gewesen wäre) als Zumutung erscheint, beunruhigt mich jetzt doch ein wenig. Das ist ein doch zu krasser Rückfall hinter all dem, was man spätestens durch Dekonstruktion und Postmoderne lernen konnte über die Fragwürdigkeiten eines solchen naiven Authentizitätsverständnisses. Mehr noch: Sollte gerade die offensichtliche Unauthentizität von Rekonstruktionen zu einer Übersteigerung von Authetizitätsbehauptungen führen (so wie es gerade die moderne Entgründung ist, auf deren Grundlage die fanatischsten Fundamentalismen gedeihen)? Erträgt man an offensichtlich unauthentischen Rekonstruktionen jede Infragestellung der Authentizität am allerwenigsten? Das allerdings wäre fast schon ein Argument gegen Rekonstruktionen, an das ich bislang nicht gedacht hatte.

  • ^ Im besonders zerstörten Polen wurden recht viele Rekonstruktionen durchgeführt - u.a. das Warschauer Königsschloss (ohne belustigende Schriften, obwohl in den 1970ern unter der Bruderpartei der SED wiederaufgebaut). Das normale Vorgehen - man verpflichtete die besten verfügbaren Kunsthistoriker und versuchte, ein möglichst plausibles Ergebnis zu erreichen, aber ernsthaft. Wo das Wissen über Details fehlte, versuchte man plausible Lösungen mit dem Allgemeinwissen über passende Epoche zu erreichen - aber nicht bewußt etwas hineinzubauen, was am bereits stehenden Objekt kein Denkmalschützer erlaubt hätte.


    Der Unterschied zwischen der möglichst besten (soweit machbar) Stiltreue und Beliebigkeit - man gibt ein verlorenes Baudenkmal zurück und schafft nicht Disneyland, welches so gerne vorgeworfen wird - sobald man beliebig Belustigungen mischt.

  • ^ Ein "möglichst plausibles Ergebnis" schließt Hinweise auf den Rekonstruktionsstatus ein, nicht aus. Das "Rekonstruiertsein" ist Teil der Geschichte und Wahrheit einer Rekonstruktion. Das Verdecken und Nichtertragen aller Spuren dieses Rekonstruiertseins, und gerade nicht diese Spuren selbst, verwandeln die Rekonstruktion erst eigentlich zu etwas Unwahren.

  • Sehr wahre Worte ElleDeBe, dank dafür! Und anscheinend mal nötig sie hier zu sagen. Die Stellungnahmen einiger hier kommen mir manchmal vor wie Orwellsche Geschichtsklitterung. Eine Rekonstruktion wird doch nicht minderwertig oder lächerlich wenn man darauf hinweist oder wie in diesem Fall ironisierend aber charmant mit Kunst am Bau versieht. Für diese Tendenz so zu tun als gebe es nicht einen Grund für die Zerstörung habe ich rein garkein Verständnis. Kritische Rekonstruktion bedeutet für mich auch die Geschichte anzunehmen so wie sie war und nicht wie ich sie vielleicht gerne gehabt hätte. Wie sollte man sonst aus Geschichte lernen können?

  • Ein "möglichst plausibles Ergebnis" schließt Hinweise auf den Rekonstruktionsstatus ein, nicht aus.


    In den meisten Ländern des Planeten reicht völlig aus, dass es auf den üblichen mehrsprachigen Tafeln mit Erläuterungen erwähnt wird, dass das Objekt wiederaufgebaut wurde.


    Für diese Tendenz so zu tun als gebe es nicht einen Grund für die Zerstörung habe ich rein garkein Verständnis.


    Die hier diskutierte Schrift etwa wurde vor der Zerstörung angebracht und wegen ihr als Grund wurde das Schloss zerstört? Sie gehört doch zum keinen einzigen Zeitpunkt der Geschichte des Schlosses.


    Ich habe noch Verständnis, wenn im Reichstagsgebäude Wandgraffittis sowjetischer Soldaten aus dem Jahr 1945 belassen wurden, weil sie zumindest authentisch sind. Hier wurde völlig beliebig etwas angeklebt, was es vor der Zerstörung so nie gegeben hat.

  • Für diese Tendenz so zu tun als gebe es nicht einen Grund für die Zerstörung habe ich rein garkein Verständnis.


    Welchen Grund für die Zerstörung mag es wohl gegeben haben, dass man ihn besonders würdigen müsste?

  • Gibt es Belege dafür, dass der Schriftzug "von den Aufbaugegnern aufgezwungen" wurde? Für mich spricht alles dagegen. Das ist doch Kunst am Bau, oder? Wie sollte eine Gruppe ein bestimmtes Kunstwerk aufzwingen?


    Aufgezwungen wurde die Kunst, weil sich diejenigen, die sich für den Wiederaufbau engagiert haben diese Kunst nicht wollten (z.B. der Stadtschlossverein und die Bürgerinitiative Mitteschön). PNN
    Die Kunstkommission hat sie als Entgegenkommen für die Gegner durchgesetzt.
    Zudem sind beide Künstler erklärte Gegner der Rekonstruktion.
    Wie gesagt, den Schriftzug mag ich trotzdem gerne, die Pavillons sind aber einfach nur eine Zumutung.


    Und an den Rotbewerter:
    Versteck dich nicht hinter deiner Anonymität. Wenn du zu feige bist deine Argumente offen vorzutragen, dann bring wenigstens in der Bewertung Argumente und keine nichtssagenden niveaulosen Phrasen.