Leipzig: Umgang mit Bauerbe

  • ^ Danke für das Foto. Beim Fassadenmaterial handelt es sich um roten Kratzputz, wie er wohl bereits beim Bau des Gebäudes verwendet wurde. Hier ist m.E. nichts teilsaniert, hier fehlt auch kein Türmchen. Es handelt sich schlicht um ein vorgründerzeitliches Gebäude. Und das kommt eben im Gegensatz zum Pomp des Historismus der vorvergangenen Jahrhundertwende viel schlicher daher. Wer gegenteiliges Fotomaterial hat - immer her damit :)

  • Wahrscheinlich habt ihr Recht. Aber es gefällt mir trotzdem nicht, vor allem wegen der Dachlandschaft. Da gibt es schönere Vorgründerzeitler. Kann mir nicht vorstellen, dass das oben schon immer so glatt war. M.E. hätte man einen Abschluß schaffen können, ähnlich wie der Schmuck um die Fenster herum, wie es auch bei ähnlichen Gebäuden der Fall ist. Das die Fassade original einfach so ausläuft, kann ich mir überhaupt nicht vorstellen.


    Mit teilsaniert meinte ich aber nur, weil es noch nicht ganz fertig ist.

  • ^ Es gibt schönere vorgründerzeitliche Wohnhäuser? Wieviele fallen dir denn ein? Wohlgemerkt, wir sprechen hier nicht von Barock, Renaissance o.Ä., sondern dediziert von der Mitte des 19. Jh. Ich bin kein Architekturhistoriker, aber die klassizistischen Wohngebäude dieser Ära fallen zumindest in Leipzig durch ausgesprochene Schlichtheit auf, gerade im Vergleich zu späteren Historismusbauten der Gründerzeit. In diesem Zusammenhang erscheint mir der obere Fassadenabschluss mit den Rundfenstern (Fachbegriff?) ein weitverbreitetes Merkmal zu sein. Wenn das jemand anders sieht, lasse ich mich liebend gern eines besseren belehren - bloße Sehgewohnheit ist mir da aber zu wenig ;)

  • Vielleicht kann uns dies hier weiterhelfen. Über die google-Bildersuche bin ich auf 2 historische Aufnahmen vom Johannisplatz gestoßen. M.E. erkennt man hier auch den Prager Biertunnel.


    http://www.deutsche-schutzgebi…g%20Johannisplatz%20+.jpg


    Das rötliche Gebäude in der rechten Reihe (nicht das im Vordergrund, sondern das nächste höhere Gebäude) müsste der Biertunnel sein. Erkennt man auch am "Turm".


    http://www.heimatsammlung.ch/t…ter/04_02/leipzig_252.jpg


    Auch hier erkennt man das Gebäude am rechten Rand.


    Gut, viel erkennt man natürlich nicht, aber man sieht schon Unterschiede zur jetzigen Sanierung. Die Eckgestaltung entspricht nicht dem Vorbild.

  • ^ Ganz ehrlich: mir fehlen die spirituellen Kräfte, um auf diesen Bildern am rechten Seitenrand explizit den Prager Biertunnel mit Türmchen identifizieren zu können. Aber selbst wenn wir annehmen, bei der Erhöhung im Bild handle es sich um den Biertunnel, sieht mir das doch wie eine relativ ähnliche Eckerhöhung aus - ein Türmchen vermag ich da beim besten Willen nicht zu erkennen. Wenn aber jemand noch ein Bild auftreiben kann, auf dem man das Haus direkt erkennt - immer her damit.

  • Ich habe im Bildindex doch ein Foto gefunden, undatiert, aber vor dem 2. Weltkrieg: klick. Die Eckerhöhung sieht der heutigen sehr ähnlich, scheint aber nur eine flache Mauer gewesen zu sein (im Gegensatz zum heutigen Zimmer mit Fenster), was dafür sprechen würde, dass es sich bei der Erhöhung auf den vorher gezeigten Aufnahmen um den Biertunnel handelt. Über den jeweils äußeren Fensterreihen scheint es weiterhin eine ähnliche Erhöhung gegeben zu haben, was dem Gebäude mehr Struktur gab. Ingesamt würde ich aber als minimale Anpassung bezeichnen, bei der Sanierung des Gebäudes fehlt nichts Grundlegendes.

  • Beim ersten Bild vom Gärtner einfach auf die Schienen rechts im Bild achten, die zur Nürnberger Straße führen. Dann müsste man das Gebäude finden.

  • Die "flache Mauer", über die ihr spekuliert, ist die Attika, die für den Klassizismus und auch für den Spätklassizismus geradezu typisch war und dezidiert den Dachansatz verdecken sollte, - wie man auf den Bildern sieht, hatte das Dach früher auch eine sehr geringe Neigung. Der wesentliche Unterschied dürfte sein, dass es jetzt offenkundig ein Staffelgeschoss gibt, daher das zusätzliche Fenster im "Turm". Insofern ist es also doch nicht ganz original. Ich würde mal abwarten, welcher Eindruck sich ergibt, wenn der Fassadenanstrich fertig ist und man das Traufgesims nach Gerüstabbau richtig erkennen kann. Auf jeden Fall ist Pragers Biertunnel ein Hingucker mit seiner knalligen Farbe. Die sehr schlichte Einfassung der Fenster entspricht denke ich definitiv dem Originalzustand, seht euch mal ähnlich alte Häuser z.B. im Waldstraßenviertel an. Völlig daneben ist der Schriftzug, warum hat man den nicht auf die Brüstung aufgesetzt, sieht besser aus und ist wirkungsvoller.

  • Hach ja, die Fachbegriffe :) Danke für die profunde Ergänzung. Laut Wikipedia dürfte es sich dann bei den Rundfenstern als Halbgeschoss über dem Kranz- bzw. Traufgesims auch um eine Attika handeln, nur eben um eine andere Form.

  • ^ Prager Bierttunnel:
    Da heute der obere Teil nicht mehr von Gerüsten verdeckt ist, konnte ich mir ein genaueres Bild machen.


    Man hat als Abschluß der Fassade schon die typische Stuckleiste angebracht, ungefähr auf mittlerer Höhe des Turmfensters. Somit endet diese Stuckleiste aber jeweils links und rechts des Fensters, was nicht gerade passend wirkt. Man hätte denke ich auf dieses Turmzimmer verzichten sollen und die klassische helle Attika nachgestalten sollen. Vor allem deswegen, weil das Gebäude von allen Seiten sehr frei einsehbar ist. Schade drum. Für meinen Geschmack schmälert es die Qualität der eigentlich guten Sanierung.

  • Ihr ABV Leipzig-Nord berichtet aus dessen Revier. Ich bitte die Anmutung der Photos zu entschuldigen, aber die letzten Tage herrschte explizit November-grau. Sehen Sie die Bilder eher unter deren dokumentarischer Funktion!


    Hinten die S-Bahnh, links die Landsberger Straße inclusive Tram - trotzdem wird jetzt das Eckhaus zur Magdeburger Straße saniert. Ich liebe diese Stadt!



    In der Krokerstraße wird dieses Haus von LIMES LEIPZIG saniert. Es gehört zu einem Ensemble von noch drei unsanierten Gebäuden ähnlicher Art. @ Cowboy: nachgründerzeitlich?




    Die DGG-AG hat ihr Projekt Breitenfelder- Ecke Hölderlinstraße begonnen:



    In der Stauffenbergstraße saniert die Kling-Groupe diesen singulären und noch etwas abschreckenden dunklen Kasten:


    Das Projekt "Kaiser-Gärten" der LICON dürfte weitgehend bekannt sein und befindet sich in der Zielgeraden. Gegenüber in einem noch größeren Areal zwischen Viertelsweg, Hans-Oster-, Olbricht- und Tresckowstraße finden wir eine Mischung aus größeren und kleineren Backsteingebäuden nebst Zusätzen aus der Zeit nach dem WKII. Inzwischen wird auch dort fleißig gearbeitet. Interessant ist die Frage, was aus den vielen einstöckigen Backsteingebäuden wird:









    Zusatz: die ROTEN Backsteingebäude gehören zu den Kaisergärten. Der eher abschreckende DDR-Plattenbauist das ehemalige "Stabsgebäude" und soll laut diverser Zeitungsartikel der letzten Monde saniert und terassenförmig umgebaut werden.

  • ...kommt sofort! Zunächst jedoch zu Vergleichszwecken der Zustand Anfang 2009.


    So sah es heute aus. Nicht nur die Gesimse und die sparsam dekorierten Einfassungen der Fenster wurden rekonstruiert, auch das Dach hat wieder seine ursprüngliche Anmutung mit den schmalen Gauben, sogar die Balkonbrüstungen wurden in historischer Gestalt wiederhergestellt. Schön auch, dass die beiden kleinen Ladengeschäfte, für die es hier bestimmt bald Mieter gibt, erhalten wurden.


    Hier eine weitere erfreuliche Nachricht: die Friedrich-Ebert-Straße 86 ist in Sanierung, an dieser geschundenen Ecke hätte man nicht unbedingt darauf gewettet.


    Auf der gegenüberliegenden Seite wurden bekanntermaßen in den vergangenen Jahren mehrere, zum Teil bereits mit kommunalen Mitteln gesicherte Vorgründerzeitler sowie das groteske ("Märchen"-)Haus Nr. 81a/b abgerissen. Auch die hätten sicherlich gerettet werden können. Zu der geplanten Straßenverbreiterung ist es nie gekommen. Auch der Verlust des Henriette-Goldschmidt-Hauses weiter südlich in derselben Straße war vor diesem Hintergrund ein sinnloser Akt. Hier die beiden letzten Überlebenden der Westseite, auch die dürftem vor 1880 erbaut sein, von hinten. Ihre Perspektive auf der abgeräumten Straßenseite ist nunmehr fraglich. Der Blick zeigt die verödete Hofseite.


    Fotos von mir.

  • Weiter geht es mit Neuigkeiten aus dem Leipziger Westen. Ich habe schon mehrfach von der Merseburger Straße 36 und 38 berichtet, die beiden Wohngebäude aus der Epoche des Historismus wurden bis vor kurzem denkmalgerecht saniert. Hier nun die Bilder zum Vergleich. Nummer 34, rechts im Bild angeschnitten, fehlt leider noch. Die Mietpreisvorstellungen sind ganz robust.



    Die Helmholtzstraße 33 wurde bereits im Januar entrüstet. Noch scheinen alle Wohnungen frei zu sein.


    Fast komplett saniert ist die Endersstraße, die bis auf ein paar Lücken im westlichen Teil komplett erhalten ist. Kürzlich fertiggestellt, Nr. 23...


    ...56...


    ...und 58.


    Die beiden letzteren noch mal im Kontext. Die Sanierung erfolgte durch die L-Konzept (Exposée).


    Dieses recht stereotype und eher dem Jugendstil zuzuordnende Gebäude grenzt an ein "grünes Gleis" und wird gerade entrümpelt.


    Vor geraumer Zeit zeigte der inzwischen verschollene Forum-User LEgende dieses Bild vom LVB-Haus am Straßenbahnhof Angerbrücke ("Sieht ja grauenhaft verlottert aus.").


    Das muss jemand bei der LVB gelesen haben. Inzwischen ist man der Fassade zuleibe gerückt.


    Mein Sanierungswunsch in Altlindenau für 2010 - das Eckhaus Demmeringstraße/Angerstraße (31/33). Das Haus ist gerade im Angebot, für die doch recht abenteuerliche Preisvorstellung von 139.000 Euro.


    Soweit nicht anders angegeben, Fotos von mir.

    Einmal editiert, zuletzt von Lipsius () aus folgendem Grund: Hausnummern korrigiert

  • Ehrlich beeindruckend was und vorallem wie in Leipzig rekonstruiert wird. :daumen: Da könnten sich einige andere deutsche Städte mal ne Scheibe von Abschneiden!
    Diese vorher/nachher Fotos sind klasse!

  • Ja, vielen Dank an die fleißigen Fotografen. Das macht den Thread schön anschaulich. Mein Eindruck ist, dass derzeit in Lindenau rund um den Straßenbahnhof (heißt es inoffiziell nicht auch Luppe-Viertel?) allerhand passiert bzw. schon passiert ist.


    Auch dieses prächtige Reformstilgebäude soll wohl wieder in Angriff genommen werden.

    Foto: Cowboy

  • Vielen Dank für die Bilder und Informationen aus dem Leipziger Westen. Als "Eingeheirateter" möchte ich da mal an- und fortsetzen. Ursprünglich wollte ich daraus einen Foto-Rundgang wie für das Nachbarviertel zwischen Merseburger Str., Lützner Str. und S-Bahn machen ( http://www.deutsches-architekt…d.php?p=246737#post246737 ), aber hier paßt es gerade besser.


    Zu den beiden von Lipsius gezeigten Häusern Angerstraße 31 und 33 - hier mal die gleiche Ansicht im Winter: http://www.flickr.com/photos/3…in/set-72157612532304752/ - erlaube ich mir, in diesem Thread direkt auf das Immobilienangebot zu verlinken, denn da sind auch Angaben zum Zustand und die Grundrisse dabei:
    http://www.immowelt.de/Immobil…139284C98AF27D9247790E871
    Vielleicht findet sich ja so der Prinz, der uns den Wunsch erfüllt und Dornröschen wachküsst ;-). Es sind zwei Häuser mit insgesamt ca. 1.100,00 m² Wohnfläche, insofern ist der gewünschte Kaufpreis von 139.000,00 € nicht völlig unrealistisch, sondern entspricht ziemlich genau dem, was man hier in Lindenau mittlerweile auf den Tisch legen muss.


    Ein weiteres schönes Haus mit leichten Bauschäden steht nur eine Ecke weiter an der Einmündung der Roßmarktstraße, die Angerstraße 41:


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    Hier gab es am 11.02.2010 eine Zwangsversteigerung (Aktenzeichen:452 K 1975/05). Es war bereits der dritte oder vierte Termin, bei dem aus Gründen der §§ 74a und 85a ZVG der Zuschlag nicht mehr versagt werden konnte. Es dürfte also mit einiger Wahrscheinlichkeit den Besitzer gewechselt haben. Leider konnte ich nicht verfolgen, wie die Sache ausgegangen ist. Zumindest dürfte aber irgendwie wieder Bewegung reinkommen.


    Gleich schräg gegenüber steht die Roßmarktstraße 3, ein weiteres schönes Haus mit Handlungsbedarf (leider nur ein völlig unbrauchbar finsteres Foto).


    Und noch ein klein wenig die Angerstraße weiter hinter drei Häuser am Stück, Angerstraße 47 (LWB - http://lwb-immobilienangebote.de/pdf/aw_anger_47.pdf), Angerstraße 49 a und 49 b (?). In einem vom dreien war neulich eine Besichtigung mit mehreren Leuten, was ich mal als kleines Hoffnungszeichen deute.


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    Eine Ecke weiter Richtung Westen von Lipsius´ Sanierungswunsch 2010 steht ein Haus Henricistraße 23, dass bei früherer Rettung genau hätte leuchten können wie sein Nachbarhaus und Pendant. Mittlerweile düfte es wesentlich schwerer fallen, das Haus zu retten, denn es gibt massive Nässeschäden, Deckendurchbrüche und Schwammbefall, die im Hof schon von außen zu erkennen sind.
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    Im Großen und Ganzen waren das schon die unsanierten Gebäude in dieser Ecke von Altlindenau. Ein besonders wichtiges Gebäude ist in meinen Augen jedoch noch das Biedermeier-Häuschen Angerstraße 11 ( http://www.deutsches-architekt…rum/showthread.php?t=8766 ).


    Umso problematischer halte ich das Festhalten der Stadtverwaltung und mehrerer Stadträte und Stadträtinnen an den Planungen für das Kaufland am Lindenauer Markt ( http://www.deutsches-architekt…rum/showthread.php?t=8921 ) . Es wurde etwa von Dr. Frank Dietze zugegeben, dass mit dem EKZ der Verkehr in der Angerstraße wie auch in der Erich-Köhn-Straße "ein wenig" zunehmen wird, um vom Kaufland nach Westen und Nordwesten zu gelangen. Beide seien aber keine Anliegerstraßen, sondern Zubringer- bzw. Verbindungsstraßen und dafür ausgelegt, künftig mehr MIV aufzunehmen. Das dürften dann auch unmittelbaren Einfluß auf das Schicksal der gezeigten Häuser haben.