Die künftige Last der/s modernen Architektur/Städtebaus?

  • Und es wird gezeigt dass anhand der Touristenzahlen deutlich wird was die Menschen wirklich lieben. Und da liegt Görlitz vor Eisenhüttenstadt, Braunschweig vor Wolfsburg und Amsterdam vor Rotterdam.


    Wenn man etwa das Beispiel des Dombereichs in Pisa analysieren möchte - die Anziehungskraft kommt mE nicht vom Städtebau, sondern - von der Berümtheit des Schiefen Turms abgesehen - von der üppig gestalteten Architektur. Sicher, der Rest der Altstadt hat intime Plätze und Gassen.
    Ähnlich wie ein Campus wurde etwa der Rathausbereich in Marl angeordnet, in den 1960er Jahren war er mal bekannt, die Ufer des benachbarten Sees sind bei schönem Wetter gut besucht - doch die internationale Anziehungskraft hat sich nicht entwickelt.


    Ich werde jetzt nicht nach den Links suchen, doch seit mehreren Jahren redet man über die Rückkehr in die Cities in den größten Metropolen. In Köln eher sichtbare als in Wolfsburg - die Stadt hat übrigens nicht 987 Tsd. EW, sondern weit über eine Million - bei den neuesten Planungen geht man von über 1,2 Mio. in ungefähr zwei Dekaden aus.
    Es gab auch Veröffentlichungen, nach den EFHs in tiefer Provinz immer schwieriger zu verkaufen sind.

  • Zudem verweist er mal wieder auf den Widerspruch dass Architekten zwar eifrig modern planen selber aber nur zu gerne in ihren sanierten Altbauten wohnen. Und es wird gezeigt dass anhand der Touristenzahlen deutlich wird was die Menschen wirklich lieben. Und da liegt Görlitz vor Eisenhüttenstadt, Braunschweig vor Wolfsburg und Amsterdam vor Rotterdam.


    Der Artikel ist einer der dümmsten die ich je zu diesem Thema gelesen habe.


    Es ist faktisch erstmal richtig, jedoch irreführend, denn Braunschweig ist doppelt so groß wie Wolfsburg. Hier mal die offiziellen übernachtungs- und Einwohnerzahlen von Deutschland Braunschweig und Wolfsburg:



    Quelle: unterschiedliche Zeitungsartikel, eigene Darstellung


    Ja, richtig, Wolfsburg hat überdurchschnittlich viele Übernachtungsgäste, und Braunschweig ist eher Underperformer. Das ist einfach schlechte Recherche! Übrigens hat Berlin auch vier mal so viele Touristen wie Rothenburg ob der Tauber, was sicher kein Beweis für die Schönheit Berlins ist.


    Selbst Architekten machen es so. Die meisten verlassen ihre heimische Altbauwohnung im Sommer ja auch nicht, um sie gegen eine Bauhaus-Kiste oder eine zeitgenössische Kreation einzutauschen. Sie haben irgendwo auf dem Land ein altes Anwesen oder einen Bauernhof oder eine Scheune – alles liebevoll restauriert. Abends fährt man ins nächste Dorf, wo man am schönen Marktplatz mit der schönen Steinkirche unter Platanen sitzt.


    Es ist schade, dass der Eindruck entsteht, auf der einen Seite stünden Architekten mit ihren Bausünden, auf der anderen Seite alle anderen, die doch nur schöne Dinge sehen wollen und von den Werken der Architekten belästigt würden. Wer setzt sich denn für den Erhalt von Bausubstanz und Baukultur ein? Ich mache das seit Jahren massiv und werde hauptsächlich von anderen Architekten unterstützt. Es mangelt sicher auch nicht an Architekten, die kompetent Denkmale erhalten können, leider stößt die Einstellung, Dinge zu erhalten bei den meisten Bauherren auf deutlichen Widerspruch. Denkmalschutz scheint eher ein Architektenhobby zu sein, als eine von der gesamten Gesellschaft wahrgenommene Aufgabe. Wenn ich durch die Straßen einer beliebigen Großstadt gehe und mal schaue, wer den zur Zeit massiv Baukultur zerstört, dann sind das nicht Architekten, sondern ganz normale Hauseigentümer die ihre Entscheidungen ohne Architekten, aber mit viel "Beratung" aus Baumarkt und Handwerkerschaft fällen.


    Ach ja: Ich wohne als Architekt auch in einer Altbauwohnung. Der Vermieter wollte die Jugendstilfassade dämmen. Wer war dagegen? Die drei Architekten- und Designer-Haushalte. Wem war es wieder mal scheiß egal? Allen anderen.

  • Ich werde jetzt nicht nach den Links suchen, doch seit mehreren Jahren redet man über die Rückkehr in die Cities in den größten Metropolen.


    Fakten! Fakten! Fakten!


    Die Ergebnisse des Zensus 2011 sind so wie sie sind. Köln hat 1.000.500 Einwohner, davon leben 987.000 in Gebäuden. So steht es in meiner Tabelle. Die Zahlen stammen aus dem Zensus 2011 und wurden vom Amt für Stadtentwicklung und Statistik der Stadt Köln in ihren "Kölner Statistische Nachrichten" (03.2013) so bestätigt. Sollten Dir andere informationen vorliegen, wende dich bitte an jenes Amt zur Berichtigung.


    Richtig man redet über die Rückkehr in die Großstädte ganz allgemein. Entscheidend ist aber eben was man als Stadt bezeichnet! Statistisch gesehen sind das natürlich alle Bereiche innerhalb der Stadtgrenzen, also auch Stadtteile, die gemeinhin nicht städtisch geprägt sind. Das ist alles zählt zur "Rückkehr in die Metropolen". Die einzige Typologie die in der vergangenen Dekade in Deutschland in der Anzahl gewachsen ist, ist das (freistehende) Einfamilienhaus. Die Quelle ist klar als statistisches Bundesamt gekennzeichnet.


    Das wir in der letzten Dekade überwiegend Einfamilienhäuser gebaut haben, ist nicht nur eine zukünftige Last des Städtebaus, sondern hat zu der Wohnungsknappheit von heute geführt. Das kann man auch ändern und in vielen Städten wird es auch gemacht, aber nicht radikal genug. Neue Einfamilienhausgebiete am Stadtrand sollten überhaupt nicht mehr ausgewiesen werden. Das ist im übrigen unter Architekten weitestgehender Konsens und das auch schon länger.

  • Geht so:
    Es leben offensichtlich mehr Menschen in Deutschland
    1. in freistehenden Häusern, welche
    2. die Mehrzahl aller Gebäude bilden, und
    3. lebt die Mehrzahl in Einfamilienhäusern, welche entweder freistehend oder einseitig angebaut sind.


    Nach deiner eingebundenen Tabelle leben von 78 Mio. Menschen 19,8 Mio in einem FEH - also weiterhin etwa 20% und weitere 8,8 Mio in einem freistehenden Zweifamilienhaus.
    Die restlichen 12,7 Millionen, die in einem freistehenden Haus wohnen, wohnen in einem freistehenden Mehrfamilienhaus - dazu zählt auch ein freistehender Wohnblock mit 100 Wohnungen und einem Eingang.


    Also lebt weiterhin die Mehrheit der Deutschen, nämlich 78 Millionen minus den 28,6 von oben, das sind also 50 Mio. oder knapp zwei Drittel, in Häusern, die entweder Raum für mehrere Familien bieten oder als Reihenhäuser ansatzweise platzsparend und urban aneinandergereiht sind.


    Bilde doch einfach mal selbst die Summen über die Bewohner der flächenverbrachenden Sprawl-Gebäudetypen mit einer oder zwei Wohneinheiten (FEH, EF-DHH) und ziehe sie von den Menschen in "freistehenden" Gebäuden ab.


    Für Köln sieht das so aus:

    Code
    1. Köln gesamt 986942
    2. FEH 41285
    3. EF-DHH 35611
    4. FZFH 17107
    5. EFRH* 93670
    6. ZFRH* 11772
    7. sonstige 63325
    8. Rest 724172


    Der gesamte Rest wohnt in Gebäuden, die Platz für mehr als zwei Familien bieten und dabei in der Masse auch noch dicht aneinander gebaut sind. Letzteres trifft auch auf die weiteren gut 100000 Menschen zu, die in den oben noch aufgeführten Reihenhäusern wohnen - das macht aus den knapp 75% chon fast 85% - also 17 von 20 Kölnern wohnen mit mehr als einer weiteren Familie Wand-an-Wand.


    Die Rechnung nach Personen bestätigt also die Aussage nach Wohneinheiten, mit dem Unterschied, dass der Faktor für die Anzahl Personen je Wohneinheit eingerechnet werden könnte, der ggf. bei ländlichen Bereichen oder kleinvolumigen Neubausiedlungen etwas höher ist als im dichter bebauten Städtischen Raum mit mehr Einpersonenhaushalten - der aber tatsächlich nichts am Gesamtergebnis ändert.

  • Bilde doch einfach mal selbst die Summen über die Bewohner der flächenverbrachenden Sprawl-Gebäudetypen mit einer oder zwei Wohneinheiten (FEH, EF-DHH) und ziehe sie von den Menschen in "freistehenden" Gebäuden ab.


    Weiß nicht, ob ich das richtig verstanden habe. 40.437.483 Menschen!?


    Mir ist schon klar, dass es bei unterschiedlichen Städten, unterschiedliche Anteile an Typologien gibt. Dass der Anteil an Geschosswohnen mit zunehmender Große einer Stadt steigt und auch in verdichteten Agglomerationen besonders hoch ist, ist ja nichts neues. Ich habe in meine Tabelle die als Standort angegebenen Orte der Diskutanten gewählt. Das ist Köln, aber auch Luckau.


    Ich bleibe trotzdem dabei: Im Allgemeinen ist der Zuzug in die Großstädte durch das Aufbrauchen der Leerstandsreserven und neubau von Wohnungen in wenig verdichteter Form zu erklären. Wohnbau im Geschosswohnbaubereich hat es in der letzten Dekade nicht kaum gegeben, da können unsere Städte auch nicht gewachsen sein. Steh ich hier auf dem Schlauch?

  • Zudem verweist er mal wieder auf den Widerspruch dass Architekten zwar eifrig modern planen selber aber nur zu gerne in ihren sanierten Altbauten wohnen. Und es wird gezeigt dass anhand der Touristenzahlen deutlich wird was die Menschen wirklich lieben. Und da liegt Görlitz vor Eisenhüttenstadt, Braunschweig vor Wolfsburg und Amsterdam vor Rotterdam.


    Dümmlicher Artikel, die meisten Urlauber gehen in die Sonne und schlafen da ohne Probleme in Betonierten Bettenhochburgen. Die Architektur ist ihnen dahingehend scheißegal. Klar geht man mal wenn das Reiseland sowas hat einen Tag in ein Altstadtviertel. Überwiegend will man sich aber erholen und schaut sich auch lieber die Natur an oder nimmt an Sportlichen Freizeitaktivitäten teil.


    Es ist wieder einmal ein lahmes Reko-Fraktion Argument was a) nur die Jetztzeit mit einbezieht und b)frühere Ansichten Ignoriert. Auch die ständige Verklärung von "Vormoderne Architektur" ist lächerlich. Die Architektur hat sich Konstruktiv auch im 20.Jahrhundert weniger weit bewegt als man ihr andichtet. Neue Materialien erlaubten nur bekannten Konstruktionsprinzipien einen Dimensionssprung und Neue Investitionsmittel ließen so etwas in die Mitte der Gesellschaft ankommen, natürlich mit Reduzierten Gestaltungen. Man hat nun einmal in der Wiederaufbau-Phase auch Großwohnsiedlungen gebraucht. Aber wer hätte den Ökonomischen Aufwand einer Aufwendigen Gestaltung tragen sollen? Das ist doch ein blödsinniger Zielkonflikt der gerne Ignoriert wird. Tatsächlich hängen die meistens Reko-Leute den Amenmärchen der Moderne und ihre angebliche Progressivität im Überwinden nach. Die Moderne als gesamtes hat seit dem 19ten Jahrhundert den Ton angegeben, Architekten sind nur ihrer Forderungen nachgekommen und haben es hinterher Theoretisierend ausgekleidet. Aber erfunden und verursacht haben sie wenig bis gar nichts. Sie waren nur Begleiter und Helfer. Daher wohl auch der insgeheime Wunsch der Reko-Leute eine veraltete Gesellschaftsmodell damit zurückzugewinnen.:nono:

  • In der FAZ hat Architekt Christoph Mäckler versucht, die Ursache des Scheiterns des modernen Städtebaus sowie den derzeit überall zu beobachtenden (Klarenbach bleibt wohl hier die Ausnahme :D) Wiederaufbau von alten Häusern und Quartieren zu erklären.


    Nach Ansicht von Mäckler hat die Moderne europaweit nicht einen einzigen Platzraum hervorgebracht, der in seiner stadträumlichen Qualität mit dem Place des Vosges, der Piazza Navona oder mit dem wiedererrichteten Rathausplatz der Stadt Frankfurt vergleichbar wäre.


    Als eine Ursache nennt Mäckler den Bebauungsplan: Am Beginn einer Quartiersplanung steht die technische Planungen (Verkehrstechnik, Trassenbreite von Straßen, Abbiegespuren etc.), statt den architektonisch stadträumlichen Charakter der Straße an den Anfang des Entwurfes eines Stadtquartiers zu stellen. Man stellt Häuser in mathematischen Verhältniszahlen von Gebäude- zu Grundstücksgröße zusammen, ohne Straßen und Plätze mit räumlich erlebbaren Proportionen als öffentliche Stadträume zu entwerfen.


    Der Bebauungsplan hat nach Ansicht Mäcklers die Qualität des Kochrezeptes einer köstlichen Speise, in dem zwar alle Zutaten aufgezählt werden, in dem aber der Kochvorgang nicht erläutert wird: Er ist ein Instrument planungstheoretischen Handelns, ohne dass daraus ein Stück europäischen Stadtraumes erwüchse.


    Die Verantwortlichen würden zumeist aneinander vorbei planen. Architekten entwerfen Einzelbauten in Form, Farbe und Material, so als gäbe es keinen Stadtraum, in den sie sich einzufügen hätten. Stadtplaner setzen vor allem Planungsprozesse auf, statt Stadträume zu entwickeln und zu zeichnen. Verkehrsplaner errechnen Verkehrsströme und legen Verkehrstrassen fest, statt Stadtstraßen zu planen.


    http://www.faz.net/aktuell/feu…auungsplans-14414241.html

  • ... natürlich mit Reduzierten Gestaltungen. Man hat nun einmal in der Wiederaufbau-Phase auch Großwohnsiedlungen gebraucht. Aber wer hätte den Ökonomischen Aufwand einer Aufwendigen Gestaltung tragen sollen? ...


    Es ist nicht mehr kurz nach dem Krieg und die Gestaltung muss nicht zwingend besonders aufwändig sein - Barock war da eine Ausnahme. Die Praxis in Deutschland ist meistens, dass weiß-grau verputzt wird - niemand kann behaupten, verschiedene Farben und etwas Fantasie würden mehr kosten.


    So oft wird Rotterdam als Beispiel einer Stadt der Moderne vorgebracht - in der Innenstadt gibt es einige wenige historischen Bauten, die die Bombardierung überlebten oder wiederaufgebaut wurden - nicht viele, aber auch nicht weniger als in Duisburg oder Bochum. Die Bauten werden aber ordentlich gestaltet, da ist weit mehr als bloß Weiß-grau-Putz wie in Deutschland drin.
    Mir fiel auf, dass die Rolle des Tradition-Zeigen in Rotterdam alte Schiffe übernommen haben, die auf etlichen innenstädtischen Kanälen stationiert wurden - einige wenigen kann man hier unter #30 sehen, es gibt aber noch weit, weit mehr. Nun ja, die Niederländer denken halt maritimer - ein Haus auf dem Wasser ist dort normal.


    Hier kann man u.a. unter #263, #268, #269 einige Beispiele der modernen Fassadenkunst der Nachkriegszeit in Düsseldorf sehen, hier Arbeit an Wandmosaiken in der Essener Fußgängerzone - sonst wurde die Wand immer wieder beschmiert.

  • Eine Klärung der Funktion des geplanten Gebäudes und dessen Bedeutung für die alltägliche Praxis scheint wirklich nötig zu sein - ist doch architektut nicht l'art pour l'art


    Tja, da sehen wir eben nicht "eye to eye", um eine andere fremdsprachliche Floskel zu bemühen. Sie betrachten Architektur als eine Summe von Funktionen - eben eine Stadtstruktur (?) - ich als bildende Kunst. Wissen Sie, wo eine der ältesten und angesehendsten Architekturfakultäten Europas angesiedelt ist? An der Wiener Akademie der bildenden Künste (gegründet 1692), nicht an der Technischen Universität.


    Nein. Ginge es nur um Funktionen bzw. "form follows function" so radikal zu Ende gedacht, wie es viele Verfechter der "Architektur der Moderne des 20. Jahrhunderts" gerne hätten, dann bräuchten wir keine Architekten als bildende Künstler mehr auszubilden, sondern nur noch Bauingenieure. Die Form ergibt sich dann ja eh aus der Funktion.


    Und selbstverständlich ist Architektur materialisierter Raum, wie Sie es beschreiben. Oder das, wo wir uns fast unser ganzes Leben bewegen. Natur ist in unserem Alltag längst in den Hintergrund gerückt. Und funktionale Zwänge zB in der Industrie gibt es genug. Natürlich sollte Architektur wo es nur geht "l'art pour l'art" sein. Höchstens über das was und wie kann man streiten - oder studiert Whywolf_Larry etwa nicht Architektur, weil er sich einer bildenden Kunst widmen sondern "Funktionsräume" schaffen will? Sozusagen die Fusion aus deutschem Beamten und deutschem Ingenieur. Nein, I beg to differ.


    Je konkreter es um die Realisierung des Gebäudes und das Betriebskonzept irgendeiner Nutzung und deren insitutioneller Verankerung gehen wird - um so deutlicher werden die Schwächen des Primats der Stadtbildrekonstruktion deutlich werden, denke ich... [FONT=&quot][/FONT]


    Bitte erläutern Sie das von Ihnen attestierte Primat der Stadtbildrekonstruktion? Wie ist das Verhältnis in Berlin zwischen Vorhaben der Stadtbildrekonstruktion und absolutem Wildwuchs (ich rede gar nicht nur von zeitgenössischer Architektur, sondern davon, die heutige Inkompetenz ein, wie auch immer geartetes, abgestimmtes Stadtbild zu komponieren, Bauhaus konnte das z. B. in seinen Anfängen auch noch!)? Aus dem Bauch heraus vielleicht 1:10.000 ? Und eine Vollreko in den letzten Jahrzehnten fällt mir überhaupt nicht ein. Wenn, dann waren es immer halbgare Kompromisse sog. "kritischer Rekonstruktionen". Ich suche das "Primat der Stadtbildrekonstruktion", kann es aber nirgendwo erblicken!


    Und wenn eine Reko es ermöglicht, sofern man sich nicht "aus Prinzip" (=ideologisch) dagegen sträubt, eine Reko mit beliebiger, zeitgenössischer Nutzung zu kombinieren, dann die alte Bauakademie. Es handelt sich bereits um einen Flachdachwürfel mit Rasterfassade und modularem Innenraum mit einem Stützenraster, der entsprechend extrem flexibel in seiner Einteilung (und Neueinteilung) durch Trockenmauern wäre. Neueste Wolkenkratzergeschosse werden auch nicht anders errichtet und genutzt.


    Die Reko ergibt quasi keinerlei Limitierungen oder Vorfestlegungen bzgl. der späteren Nutzung. Da wird ein Problem herbei geredet, das gar nicht existiert, um es folgerichtig mit dem Fazit ablehnen zu können, dass Rekos ja eh immer eine schlechte Idee seien. Sozusagen die gekränkte Eitelkeit der zeitgenössischen Architekten, die ja noch nie verstehen konnten, was für ein Problem das Gros der Bevölkerung eigentlich immer mit ihrem Purismus hat. Das lese zumindest ich aus den fast durchgehend ablehnenden Äußerungen aus dem Architektur-Establishment und dem Feuilleton. Umgekehrt kenne ich keinen architekturinteressierten Laien aus dem "real life", der keinen Gefallen an einer Reko der Bauakademie findet bzw. nicht schon ungeduldig darauf wartet, wann wenn endlich die Fototapete durch ein richtiges Gebäude ersetzt wird. In der Stadtgesellschaft herrscht größtenteils doch Unverständnis darüber, in welchen Debatten sich da kapriziert wird. Und zumindest bei einem öffentlichen Bauprojekt, finanziert durch Steuergeld, sollte das eine Rolle spielen. Die Berliner wollen die Reko.


    Dabei ist das hier ja kein oberbayerisches Barockkloster. Es ist ein verdammt funktionales Backsteingebäude, hat ja nicht einmal eine Putzfassade, das extrem multifunktional ist. Wenn soviel historische Nüchternheit schon unzumutbar sein soll und weiter purifiziert werden muss, um das Go der Architektur-Intelligentia zu erhalten, dann können wir es in der Tat auch gleich lassen.

    2 Mal editiert, zuletzt von Pumpernickel ()

  • Ich bin nicht ideologisch gegen Rekonstruktionen an sich, wenn sie gut begründet und plausibel sind. Es gibt da ein Streuungsfeld auch bei bisherigen Projekten - was genau auch von dem architekten in dem Beitrag diskutiert wird: Zum Beispiel der Wiederaufbau der Frauenkirche ist relativ kongruent, weil die ursprüngliche Funktion (für die der Bau mal gebaut wurde) auch der Nutzung jetzt fast 1 zu 1 entspricht. Der Palast Barberini war schon immer ein sammelsurium an Funktionen - und die jetzige Nutzung entspricht eher dem anspruch der äußeren Hülle. Das Humboldtforum ist (wie in dem Beitrag erwähnt) schon kritischer zu beurteilen - da dort jetzt irgendwelche Funktionen reingestopft werden, ohne das die Räume ideal dafür sind, nur um die Reproduktion des Stadtschlosses zu legitimieren. Noch schwieriger wird es meines Erachtens bei der Bauakademie die historischen konstruktiven inneren Strukturen und heutige Nutzungsansprüche in Übereinstimmung zu bringen...

  • ... Das Humboldtforum ist (wie in dem Beitrag erwähnt) schon kritischer zu beurteilen - da dort jetzt irgendwelche Funktionen reingestopft werden, ohne das die Räume ideal dafür sind, nur um die Reproduktion des Stadtschlosses zu legitimieren....


    Wie im Schloss-Forum bereits geschrieben - im vergleichbaren Warschauer Schloss wurden auch die Innenräume rekonstruiert, die dienen jetzt als Museum - eine wesentlich bessere Lösung. Ähnlich im Teil des Breslauer Königsschlosses - zu den Puppen mit historischer Bekleidung siehe hier.


    Ein Negativbeispiel - ein kurz nach der Wende in die Altstadt hineingequetschtes EKZ neben einer Kathedrale, mit Naturstein+Glas konnte es noch den an Plattenbauten gewohnten Menschen gefallen. Mit Vollverglasung wird es nur noch schlimmer - mit dieser Architektursprache kann man an diesem Ort kein vernünftiges Ergebnis erzielen. Einige Fassaden-Rekonstruktionen, u.U. mit Glasabschnitten dazwischen, würden hingegen interessant wirken.

  • Ein kleiner elitärer Kreis aus Künstlern, Architekten und Städtebauern


    Sie meinen Hedgefondmanager, Investoren und Bauingenieure. Die bauen 80%der Gebäude in Deutschland, geben also auch den "Stil" vor, also das Originäre. Im übrigen war es schon immer so, nur haben sich die Arbeitsmethodiken und Materialien verändert.


    An Architekten wie Antoni Gaudi und Frank Gehry sollte man sich orientieren,


    Ahja einen "Kreis elitärer Künstler" kritisieren aber die Elitärsten "Pseudo-Architekten" des Universums loben. Ich glaube eher ihnen fehlt die Selbstreflexion und deswegen fällt Ihnen ihr Mangel an Argumenten nicht auf.


    Gebaut werden sollte was gefällt. Und da darf es in einem demokratischen und freien Land keine Tabus geben.


    Aha und einen Satz später gilt das nicht für DDR-Bauten, die man polemisieren darf, im Kontrast zu Nazi-Gebäuden die man nicht, aufgrund der German Angst, polemisieren darf, weil es ja nur Gebäude sind. Was denn nun?

  • Natürlich kann man das, was da jetzt entsteht, als "schön" bezeichnen - wenn konventionelle Architekturtypologien der europäischen Kunstgeschichte "Schönheit" ausmachen... Ich finde jedoch auch andere Typologien "schön" - ich bin da nicht so festgelegt. Kritisch finde ich es, wenn es um die Restauration einer "heilen Welt" geht, in der ich möglichst ungestört bin. Kontrast, Infragestellung und Widerspruch (in diesem Kontext wabert ja der Vorschlag des "Zweifels" durch die Gründungsintendanz eingebracht in der Diskussion umher) sind viel fruchtbarter, als Selbstbestätigung. Das gilt auch für Architektur. - Wie gesagt - das das Humboldtforum jetzt in dieser Form gebaut wurde, ist wohl Ausdruck einer Rückwärtssehnsucht bestimmter Teile unserer Gesellschaft - das ist auch ok. Schwierig finde ich es jedoch, wie religös dieser Glaube an das Stadtbild von 1939 propagiert wird und wie es wie ein Sakrileg von den Reko-Jüngern behandelt wird, wenn man eine andere Meinung vertritt. Eine sachliche Diskussion erscheint mir (und da bin ich gesern wieder bestätigt worden) aussichtlos. Leider wird ja von manchen dieser Akteure die Gestaltungshoheit über die gesamte Berliner Mitte beansprucht - die nach diesem Leitbild bereinigt werden soll (ich erinnere mich lebhaft an die Diskurse zur Gestaltung des rathausforums, wo ich die Diskussions- und Mobilisierungsstrategien dieser Akteure persönlich verfolgen konnte). Schade finde ich aber, dass andere Belange und andere Sichtweisen von vielen dieser Akteure weggewischt werden. Leider eskaliert dadurch immer der Diskurs und alle Fronten verhärten sich (notgedrungen) - weil es dann nur noch um Sieg oder Niederlage geht, nicht um den Kompromiss. Daher finde ich das geplante Patchwork im Umfeld des Humboldtforums viel ehrlicher als die Rückkehr in einer Zeitmaschine für das Gesamte Umfeld in das Jahr 1939.

  • Ich wüsste nicht, das jemand auf den Zustand von 1939 beharrt - warum sollte man auf diesen rekurrieren? In Potsdam beispielsweise sprach die Gestaltungssatzung in Fällen von Rekonstruktion stets von der Fassung der "höchsten künstlerischen Ausprägung". Da kommen wir der Sache schon eher nahe.


    Es geht jedoch hier nicht um Patchwork oder heile Welt - das ist genauso idelogisch, Stadtstruktur, wie Du es deinen Gegner vorwirfst. Die polymorphe Stadt ist nicht mehr rückgängig zu machen. Es geht darum einzelne Orte konsistent zu gestalten und nichtdas ganze Zentrum mit der gleichen Soße aus Alt und (vermeindlich) Neu zu überziehen.


    Es sollte vielmehr Orte historischer und Orte moderner Architektur im Zentrum geben. Wenn - wie jetzt - beide Fraktion versuchen die jeweils andere Architektur zu diskreditieren kommt eben in beiden Fällen Mist raus.


  • Aha und einen Satz später gilt das nicht für DDR-Bauten, die man polemisieren darf, im Kontrast zu Nazi-Gebäuden die man nicht, aufgrund der German Angst, polemisieren darf, weil es ja nur Gebäude sind. Was denn nun?


    Der Unterschied zwischen DDR- und Nazi-Architektur ist dabei wohl der ausschlaggebende Punkt.


    DDR-Architektur (nach dem Sozialistischen Klassizismus) sieht im ganz großen Regelfall einfach aus wie billigste Zweckbauten, die besseren Gebäude sehen aus wie schlecht aufgehübschte Zweckbauten, die wenigen Perlen der DDR-Architektur sind auch nur im Kontext ihrer Entstehungszeit als attraktiv zu betrachten, dummerweise waren diese Entstehungszeiten die geschmacklich schlimmsten Zeiten.


    Nazi-Architektur wirkt eben immer wie bei den Römern aus Asterix & Obelix, ein wenig geschmacklos kopiert, übertrieben großkotzig, wertig und massiv, aber irgendwie spricht es trotzdem an.


    Beim Stadtschloss und der Umgebung handelt es sich aber um:

    – einen reparierten, nun wieder geschlossenen Platz mit historischer Architektur.


    – die Reparatur des Endpunkts der Sichtachse von Unter den Linden, die im hinteren Bereich ab Charlottenstraße mit Humboldt-Universität und Bebelplatz ebenfalls von historischer Bebauung geprägt ist.


    Somit ergibt sich ein kleines aber feines Ensemble, in dem man das alte Zentrum Berlin ein wenig erleben kann. Dort einem modernen Bau den Vorzug gegenüber einer Fassaden-Rekonstruktion zu geben, das wäre nun wirklich die Verschwendung einer einzigartigen Chance gewesen. Das Schloss an sich sehe ich als einen recht belanglosen Bau an, der in seinen Proportionen eher missglückt ist. Ohne das vorhandene Umfeld, wäre er eine Rekonstruktion nicht wert gewesen.


    Beim Kommandantenhaus sieht man doch wunderbar, wie gut das funktioniert. Die meisten jüngeren Berliner wissen doch gar nicht, dass das auch eine Rekonstruktion ist. Wenn auch noch die Bauakademie kommt, dann ist das ein sehr schönes und in sich stimmiges kleines Gebiet. Deswegen stört mich auch die Einheitswippe an diesem Ort.
    Die Stella-Fassade war so betrachtet auch eine sehr dumme Idee, denn die einmalige Chance eine recht große Spreeseite vom Bode-Museum über Dom und Schloss bis zum Zeughaus fast in ihrer früherer Form erleben zu können, die wurde dadurch vertan.


    Sonst halte ich von Rekonstruktionen auch nicht viel. Ganze Viertel wiederaufzubauen, wie z.  B. Prinzipalmarkt in Münster, finde ich zwar vereinzelt nicht schlimm, aber auch nicht erstrebenswert. Jetzt in Berlin gleich noch ein ganzes Vorkriegsviertel rekonstruieren zu wollen, wie einige das fordern, das halte ich für vollkommenen sentimentalen Quatsch.

  • Sie meinen Hedgefondmanager, Investoren und Bauingenieure. Die bauen 80%der Gebäude in Deutschland, geben also auch den "Stil" vor, also das Originäre. Im übrigen war es schon immer so, nur haben sich die Arbeitsmethodiken und Materialien verändert.


    Seit wann darf jeder Invenstor bauen was er will? Schließlich gibt es Gestaltungssatzungen, Wettbewerbe und Gestaltungsgremien, die sehr großen Einfluss haben.



    Ahja einen "Kreis elitärer Künstler" kritisieren aber die Elitärsten "Pseudo-Architekten" des Universums loben. Ich glaube eher ihnen fehlt die Selbstreflexion und deswegen fällt Ihnen ihr Mangel an Argumenten nicht auf.



    Das Gehry und Gaudi Pseudo-Architekten sind, ist mir neu. Vielleicht könnten sie das näher erläutern. Jedenfalls haben diese Herren ernshaft versucht Neues zu kreieren.



    Aha und einen Satz später gilt das nicht für DDR-Bauten, die man polemisieren darf, im Kontrast zu Nazi-Gebäuden die man nicht, aufgrund der German Angst, polemisieren darf, weil es ja nur Gebäude sind. Was denn nun?


    Genau das ist es doch. Rekos werden polemisiert, aber Nazibauten und DDR-Bauten nicht. Dabei könnte man da genauso oder vielleicht sogar extremer polemisieren. Weg mit der Polemik und lasst die Ästhetik entscheiden.

  • Es sollte vielmehr Orte historischer und Orte moderner Architektur im Zentrum geben. Wenn - wie jetzt - beide Fraktion versuchen die jeweils andere Architektur zu diskreditieren kommt eben in beiden Fällen Mist raus.


    Ich finde es interessante, wenn EIN Ort unterschiedliche Ebenen aufweißt und nicht zur "guten Stube" gestaltet wird - diese architektonische Zonierung der Stadt in unterschiedliche "historische" Viertel finde ich nicht gut, sondern die historische Komplexität eines Ortes mit immer neuen Layern weiterzuentwickeln...

  • ... wenn konventionelle Architekturtypologien der europäischen Kunstgeschichte "Schönheit" ausmachen... Ich finde jedoch auch andere Typologien "schön" ...


    Es kommt auf den konkreten Entwurf an. Kürzlich gefiel mir auf Anhieb das neue Kinogebäude in Arnheim mit Verklinkerung in verschiedenen Farben, Gastronomie im EG und einem etwas niedrigeren Teil ähnlicher Höhe wie die älteren Bauten auf dem dritten Foto - auf dem Weg aus der nahen Altstadt. Vergleichen wir die Gestaltung mit halbwegs neuem Kinobau in Düsseldorf-Lörick - zwei Glaswände, ein wenig Stahlkonstruktion, der Rest bloß mit Weißputz. Der erste Entwurf würde selbst inmitten der Altstadt nicht so sehr stören, der in Lörick wirkt hoffnungslos plump und billig (oder dieses Duisburger Multikino - nicht besser). Es sind ungefähr 100 Km Luftlinie zwischen den beiden Bauten.


    Ich nehme an, die Postings darüber sind aus dem Potsdamer Altstadt-Thread rausgeflogen. Es gibt durchaus Bauten der Moderne in altstädtischen Bereichen, die als Bereicherung angesehen werden können, etwa das Hamburger Chilehaus wurde zum Weltkulturerbe. Es gibt neben den Rekos ein paar interessante Entwürfe im Frankfurter Dom-Römer-Bereich sowie Alt-Sachsenhausen.
    Das aber wenn man überhaupt sich um einen Stil, eine Expression bemüht - die häufigere Praxis ist heutzutage, möglichst plumpe und gesichtslose Kubatur, für die die Moderne als bequeme Rechtfertigung herhalten soll. Man muss nicht etwas älteres 1:1 kopieren, aber sich um einen individuellen interessanten Entwurf bemühen - auf jeden Fall.

  • Aus dem Berliner Parlaments- und Regierungsviertel kursieren derzeit verstärkt solche Bilder im Netz. Einige Gebäude (Reichstag, Paul-Löbe-Haus) haben offensichtlich vor den heutigen Regenmassen kapituliert.