Die künftige Last der/s modernen Architektur/Städtebaus?

  • ^ Jahrhundertelang hatte jedes Bürgerhaus und jedes Dorfhaus Verzierungen - man kann nur schlecht behaupten, diese wären ein Symbol elitärer Herrschaft. Eher ein recht verbreitetes Bedürfnis.


    Vielleicht war der Bonner Kanzlerbungalow bieder gestaltet, der frühen Nachkriegszeit entsprechend, doch die Säulen mit Bäumen des jetzigen Bundeskanzleramts sind nichts als (sehr aufwändige, der Repräsentation dienende) Verzierung - und die Skulptur davor ebenso. Mein Foto vom vorletzten Wochenende:



  • Ich brauche Aufklärung: Weshalb ist die "Wiedergewinnung historischer Stadtstruktur" so schön? - 1) Weil das 20. Jahrhundert vergessen werden soll oder 2) weil die Modernisierung der Gesellschaft / die "Moderne" vergessen werden soll?


    Warum ist die Reproduktion, Collagierung und Immitation historischer Architekturen so schön? - 1) Weil sie grundlegende "Wahrheiten" der Architektur respektiert oder 2) Weil sie unseren kulturellen Imaginationen eher entspricht oder 3) Weil sie Projektionsfläche einer "Identität" sein kann, die es womöglich so nie gab?


    Damit alle was von der Debatte haben aus dem Potsdam Historische Mitte Diskussionsthread hierher verschoben.
    Bato

  • Schönheit liegt im Auge des Betrachters

    Ich brauche Aufklärung: Weshalb ist die "Wiedergewinnung historischer Stadtstruktur" so schön?


    Schönheit ist eine ästhetische Kategorie und damit rein subjektiv. Da gibt es also nichts zu erklären.


    Ich würde Sie ja auch nicht fragen, warum sie es schön finden, einen Wackeldackel auf der Hutablage spazieren zu fahren (wenn Sie das täten). ;)


    Eine seit zwei Jahrzehnten stabile Mehrheit der Potsdamer scheint die Wiederherstellung des historischen Stadtgrundrisses "schön" zu finden, und dann ist das eben so.

  • Nein, dass ist natürlich Unsinn.


    Es geht bei traditioneller Architektur nicht um subjektive Schönheit sondern um die Variation und stetige Modernisierung von Schönheitsmaßstäben, die seit 2.500 Jahren (Perikles) gelten und neben der Architektur noch in vielen anderen Kunstrichtungen Gültigkeit haben. Der Themenkreis von der Fibunaccischraube über Leonarno bis zum Goldenen Schnitt ist hier mehrfach diskutiert worden. Diese Modernisierung, also Weiterentwicklung der Architektur reichte bis in den Zweiten Weltkrieg hinein, war also sozusagen evolutionäre Moderne. Teile des Bauhauses , die innerhalb der zeitgenössischen Architektur der 20er bis 40er Jahre nie mehr als eine bedeutende Minderheit waren, haben dann die revolutionäre Moderne ausgerufen. Heute beansprucht dieser Teil der Architekturgeschichte irriger Weise die Mehrheitsfraktion gewesen zu sein und nennt sich "klassische Moderne".


    Im Städtebau verhält sich die Sache etwas anders. Bis zur Mitte des 20. Jahrhundert galt der klassische Städtebau der Athener und Römer, der geschlossene Plätze suchte und diese wie Zimmer auffasste. Man versuchte offene, auftreffende Straßenfluchten zu vermeiden - es sei denn ein bewußter Blick sollte inszeniert werden. Die Kunst wurde an die Ränder gestellt und die "Zimmerwände" dekoriert (David in Florenz u.v.a.m.), Kirchen in die Seitenwände integriert. Den Plätzen als Zimmer fehlten sozusagen nur die Decken.


    In der Gründerzeit änderte sich der Städtebau. Monumente rückten in die Mitte, Straßen werden als offene Achsen auf die Plätze gezogen. Kirchen etc, werden mittig inszeniert. Ein Platz ist kein Zimmer zum Leben mehr sondern nurmehr Repräsentationsraum. Bei diesem gründerzeitlichen Städtebau ist die Entwicklung lange geblieben, es gab nur architektonische Modernisierung. Ein Großteil der Kunst wanderte nun in Museen, die von vielen Kunsttheoretikern noch heute als "Kunstgräber" angesehen werden - ist doch Kunst im öff. Raum viel wirkungsvoller.


    Nach dem Zweiten Weltkrieg löste u.a. Scharoun die Chancen nach der "mechansischen Auflockerung" des Bombenkrieges durch das neue Ideal der Landschaft mit eingestreuten Architektursolitären ab. Dies hat sich durch die 50er Jahre gehalten, da Berliner Kulturforum und das Hansaviertel sind Relikte dieser Zeit.


    Spätestens nach 1990 allerdings setzte die Konzentration der Bevölkerung in den Städten wieder ein und so wurde immer klarer, dass die "Architekturlandschaft" durch ihre schlappen Dichtewerte nicht das Zukunftmodell europäischer Städte sein kann (auch nicht mit Hochhäusern). Z. Zt. weisen alle Großprojekte in europäschen Städten wieder Ansätze des gründerzeitlichen Städtebaus auf, der mit zeitgenössischer Architektur kombiniert wird.


    Die "historischen Stradtstrukturen", die in Potsdam gemeint sind, zeichnen sich durch vormodernen Städtebau aus. Ein Beispiel für den Platz als Zimmer ist der Neue Markt. Die Strukturen belege die Fähigkeit des Städtebaus, geschlossene Stadträume zu entwicklen und sind deshalb - jenseits von Architektur - der entscheidende, urbane Qualitätssprung. Der Alte Markt kann auch wieder ein geschlossener Stadtraum werden (wobei die neue Straße "Am Alten Markt" eine schwere Hypothek ist), deshalb sind die versetzt ankommenden Straßen wie die Brauerstraße und die Schließung des Blicks entlang der Schloßstraße durch die Frant dies Einsiedlers so wichtig.

  • Diese Modernisierung, also Weiterentwicklung der Architektur reichte bis in den Zweiten Weltkrieg (..) die Mehrheitsfraktion gewesen zu sein und nennt sich "klassische Moderne".


    Das "Bauhaus" ist keine Architekturstil, bis auf seine etzten drei Jahre existierte kein nennenswerter Architekturkurs an der Schule, es war eine Handwerkskunstschule! Wie dieser Mythos der Architektur zustande kam ist recht nebulös, einen weitaus größeren Einfluss hatte die Kunstgewerbeschule Düsseldorf mit Peter Behrens und vor allem (!) die Preslauer Akademie mit Hans Pölzig. Die Moderne ist auch kein Bruch in der schwankenden Evolution der Architektur, noch ihrer Stilmittel. Du fällst auf die Märchengeschichte der Moderne rein und baust nur eine Antithese dazu. Denn das alles ist nicht neu. Problem nummer 1: Architekten schreiben ihre eigene Geschichte. Bestes Bsp. Georgio Vasari beschreibt in seinem Hauptwerk den ultimativen Renessaincearchitekten und seine Werke.... nur das beide nie Existiert haben, sie sind frei erfunden um ein Ideal darzustellen. Im endeffekt übertüncht jede Zeit die Geschichte mir ihrer eigenen Moderne und transportieren damit nur neue oder wiederentdeckte Fortschrittlichere Technik. Dabei wird Geschichte erfunden um die neuen Ideen an den Mann zu verkaufen.



    Nach dem Zweiten Weltkrieg löste u.a. Scharoun die Chancen nach der "mechansischen Auflockerung" des Bombenkrieges durch das neue Ideal der Landschaft mit eingestreuten Architektursolitären ab. Dies hat sich durch die 50er Jahre gehalten, da Berliner Kulturforum und das Hansaviertel sind Relikte dieser Zeit.


    Quark mit Soße. Mitte des 19ten Jahrhunderts entdeckt man durch die Seuchenkartierung in London und Paris das nicht das Miasma sondern Bakterien die Ursachen für Krankheiten sind. Das setzt sich in den 1890er Jahren dann soweit durch das erste Gesetzte zu "Licht, Luft, Sonne" durchgesetzt werden. Damit setzen erst H-Förmige Blöcke und ab den 1910er Jahren Zeilenblöcke sich durch die bis in die 40er immer größeren Grünraum bekommen. Damit hat dann auch die "Charta von Athen" wenig zu tun. Den Le-Corbusier hat das Dogma der Funktionsgetrennten Stadt zusammen mit der Französischen CIAM Gruppe ASCORTAL herausgegeben und diese unter diesem Namen veröffentlicht. Es hatte mit der Charta die viel Freier,Pluralistischer und Realistischer war eigentlich nichts zu tun. Allerdings hat sich die Idee der Gartenstädte um 1900 erst bei Reichen Schichten durchgesetzt und wurde stück für stück durch neue Gesetzte um Lärmschutz, Arbeitsschutz (plus die evolvierenden "Licht, Luft,Sonne" Gesetze) usw. zu einem Attraktor für darunter liegende Schichten ausgebaut. Die Nukleare Kleinfamilie war geboren. Damit ging recht früh die Idee der Isolierten, Militärisch leicht zu bewältigenden Arbeiterklasse in den Vororten einher, die auch durch bessere Lebensbedingungen keine Kommunisten werden sollten. Schließlich kommen die Nazis welche die Gartenstädte zu Heidi-Dörfer verkleinern aus den vorigen Gründen kombiniert mit ihrer Ideologie des Blut und Bodens sowie der Rassenhygiene. Während des Krieges entwickeln sie auch die Ideen des Luftschutzes. Da es in der Militärtheorie Hindenburgs,der Totale Krieg, darum geht den Gegner Wirtschaftlich zur Kapitulation zu zwingen. Also soll sich die Bevölkerung Mechanisch Auflockern weil dann die Ressourcen die aufgewendet werden diese Gebiete zu erobern bzw. zu Bombardieren enormer ansteigen als bei Dichten Punktzielen. Nachdem Zweiten Weltkrieg, wird durch den Kalten Krieg und die Einführung von Nuklearwaffen, der sehr Nützliche Städtebau der seit dem 1910ern vorangetrieben wird "Entnazifiziert" und mit dem "Bauhaus" als Naziopfer überschrieben. Hinzu kommen bei all diesen Sachen dann noch die Entwicklung der Immobilien-Spekulation seit dem 17.Jahrhundert (Auflösung der Stadtmauern und damit auflockerung der Stadtgrundrisse durch Brandschutz bedingte Auflockerung - totale Überformund) sowie der ewigen Wirtschaftsakkumulation durch Erfindung immer neuer Absatzmärkte um die wachsende Bevölkerung mit Arbeit zu versorgen, sowie die Steuerung deren Bedürfnisse. Z.b. inneffiziente Einfamilienhaussiedlungen, die aber Militärisch, Bodenspekulativ und gesamtwirtschaftlich als Dauerverbaucher wichtig ist um Arbeitsplatzproduktion und "Zufriedenheit" in Einklang zu bringen. Ein Großteil der aus Zeitgeist gesteuerten Architekturgeschichte besteht aus Märchen. Von der Römerzeit bis heute.

  • Die Einlassugen zum Bauhaus sind völlig richtig (vor allem was die Düsseldorfer und Breslauer Schule betrifft), nichtsdestotrotz wird heute gern die Gesamtheit der revolutionären Moderne als "Bauhaus" bezeichnet (obwohl dies nicht stimmt). Dass die abstrakte Moderne nur Stilmittel ist kann ich nicht bestätigen. Sie verläßt in fast allem den 2500 Jahre alten Grundkonsens der Architektur, erlebt jedoch trotzdem immer wieder ihren nächsten Historismus.


    Zur Entwicklung der Scharounschen Architekturlandschaft kann man natürlich viel anderes zitieren. Das macht es jedoch im Kern nicht anders. Hier gern das Zitat komplett:


    "Die 'neue Stadt' – Straßen: Das bisher angewandte Radial- und Ringstraßensystem ist überholt. Zu diesem Straßensystem gehört der Mittelpunkt – Markt und Kirche – der mittelalterlichen Stadt. Die weiträumigen und gleichgewichtigen Wirtschafts- und Wohnflächen der modernen Großstadt verlangen eine ausgeglichene Bedienung. Die Struktur der Stadt verlangt ein neues System des Straßennetzes. – Grundsätzliches: Die mechanische Auflockerung durch Bombenkrieg und Endkampf gibt uns jetzt die Möglichkeit einer großzügigen organischen und funktionellen Erneuerung. Aber seien wir uns bewußt, daß bei der Schaffung der Struktur der neuen Großstadt die geistige Voraussetzung dieselbe Bedeutung wie die Anwendung technischer Mittel haben muß. Uns dessen immer zu entsinnen und bewußt zu bleiben, diene die Kenntnis des Maßes an Erfindung, geistiger Arbeit und seelischer Spannung, die wir aus den Kulturwerken der Vergangenheit gewinnen können. [...] Wir müssen aus den natürlichen Gegebenheiten, aus den sozialen Bedingungen und aus den menschlichen Unterlagen die 'Neue Stadt' bauen."


    Die "Militärtheorie Hindenburgs" hat damit genausowenig zu zun wie die "Rassentheorie der Nazis". Auch hier gilt Larrys Verdikt: Ein Großteil der aus Zeitgeist gesteuerten Architekturgeschichte besteht aus Märchen.

  • nichtsdestotrotz wird heute gern die Gesamtheit der revolutionären Moderne als "Bauhaus" bezeichnet


    Deswegen muss man das ja nicht weiter Pflegen. Ich gehöre zu einer Generation welche nicht unter der Ideologisierungen der Moderne gelebt hatte. Ergo eine vormoderne Subsumierung ist nur Historisch korrekt, als das pluralistisch schwammige "Neue Bauen" zu benennen, nicht das Märchen-Bauhaus.


    Die "Militärtheorie Hindenburgs" hat damit genausowenig zu zun wie die "Rassentheorie der Nazis". Auch hier gilt Larrys Verdikt: Ein Großteil der aus Zeitgeist gesteuerten Architekturgeschichte besteht aus Märchen.


    Doch es ist eine von vielen Einflüssen welche die Mechanisch aufgelockerte Stadt in ihrer Totalität durchgesetzt hatte. Sharoun hat ja auch unter den Nazis gebaut und geplant. Er war aber nur ein kleiner Fisch, es gab genügend andere Planer die dahingehend die Hosen anhatten. Sharouns Konzeption ist da auch nur eines von vielen. Er gehörte vor dem Krieg zur Gläsrernen Kette welche diese Art von Überwindungs-Architektur auch von einem Linken Ansatz herausleiteten, aber alle für das Establishment arbeiteten. So wurde das dann je nach bedarf ausgeschlachtet.
    Letzendlich hat er ja auch schon während des Krieges an Wiederaufbauplänen mitgewirkt, seine Unschuldigkeit ist bis heute unklar. Schließlich sind diese Ideologischen Zitate nicht auf seinen Mist alleine gewachsen. Es gibt wie dargestellt eine lange Entwicklung der Mechanisch aufgelockerten Städte seit dem 1910ern die von verchiedenen Ideologien eingenommen worden ist, aber ebend auch durch diese mitgebildet wurde.


    Kleiner Hinweis : Die Prachtbände von Stimman sind sehr voreingenommen und verkürzend.


    ^ Sehr interessante Aspekte, Whywolf_Larry, danke dafür. Gibt es dazu Literatur, die Du empfehlen kannst?


    Zur allgemeinen Einführung in Archtekturgeschichte und ihrer Fiktionalisierung.
    Andri-Gerber : Metageschichte der Architektur
    Julius-Posener : Vorlesungen zur Einführung in die Architekturgeschichte.
    (ist zwar ein Kind seiner Zeit aber er setzt einen großen Fokus auf die Gesamtheit der Entstehung von Architektur als auch Wirtschaft und Soziologie. Ist also als Grundkonzept sehr brauchbar wenn auch nicht immer in der Geschichtlichen Korrektheit)
    Joseph Rykwert : The Dark Side of the Bauhaus


    NS- gibt inzwischen viel, aber eine gute Einführung.
    Werner Dürth : Deutsche Architekten: Biographische Verflechtungen 1900-1970
    Markus Krajewski : Bauformen des Gewissens

  • Es geht bei traditioneller Architektur nicht um subjektive Schönheit sondern um die Variation und stetige Modernisierung von Schönheitsmaßstäben, die seit 2.500 Jahren (Perikles) gelten und neben der Architektur noch in vielen anderen Kunstrichtungen Gültigkeit haben. [...] Im Städtebau verhält sich die Sache etwas anders.


    @ Konstantin:


    Das ist ja alles richtig, und mit der dargestellten Entwicklung kann ich als interessierter Laie auch etwas anfangen. Aber ob diese sich über Jahrtausende herausgebildeten "Schönheitsmaßstäbe" dann auch von jedem Einzelnen geteilt werden, ist dann doch wieder subjektiv, und lässt sich ergo schlecht in allgemeingültiger Form "erklären", wie das unser Mitforist hier verlangt hat.


    Im Grunde war mein Kommentar auch nur ein ironischer Konter: Viele Gegner der Potsdamer Stadtrekonstruktion scheinen der Meinung zu sein, eine Rückkehr zum für Potsdam maßgebenden Stadtgrundriss, wie er sich vor allem bis Ende des 18. Jh. herausgebildet hat, sei begründungsbedürftig, lehnen es aber gleichzeitig ab, sich für Ihre Verteidigung der grob mit dieser gewachsenen Entwicklung brechenden Eingriffe zu DDR-Zeiten zu rechtfertigen, was ganz offensichtlich ein Wertungswiderspruch ist.



    (Mod: Zitat gekürzt. Für den gesamten Text das blaue Quadrat anklicken.)


    @ Moderatoren:


    Ich respektiere grds. Moderationsentscheidungen, das Zitat hat in der jetzt wiederhergestellten Länge aber schon seinen Sinn (und ist mit zwei Sätzen auch kaum überlang); in der gekürzten Version fehlte der Bezug zum Städtebau. Wenn ich zitiere, dann deshalb, um dem Leser zu zeigen, auf welchen Teil einer Äußerung ich mich genau beziehe. Ein bloßer Verweis auf den Ausgangskommentar "leistet" das nicht.

    2 Mal editiert, zuletzt von Carlo () aus folgendem Grund: Originalzitat wiederhergestellt.

  • Für mich ist einfach die Frage, warum andere Ausdrucksformen von Architektur bzw. andere funktional-strukturelle städtebauliche Zusammenhangskonstruktionen in ihrer jeweiligen zeitlichen Bedingtheit unterschiedlich zu werten sein sollen. Jede Epoche konstruiert ihr eigenes Stadt- bzw. Architekturverständnis. Bereinigungen und Harmonisierungen stehe ich sehr kritisch gegenüber. Ich finde, jede Harmonisierung möchte eine künstliche Eindeutigkeit und einzige Lesart von Stadt bzw. Geschichte durchsetzen, quasi als hegemonialer Akt einer Epoche im Stadtraum. Dabei werden erst durch Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit Stadträume lebendig und interessant.

  • Man darf dabei nur nicht zu oberflächlich vorgehen. Ein Stadtbild wird nicht automatisch vielschichtiger, nur weil ich par Klötzchen oder Hochhäuser reinstreue. Das Stadtbild von Görlitz zeigt die Entwicklung von über 600 Jahrhunderten Architekturgeschichte und ist für mich deutlich "lebendiger und interessanter" als die vom modernen Städtebau maltretierten Orte an denen viel mehr Spuren vernichtet sind.

  • zu #247:


    Schon Hippodamus von Milet hat das um 470 VOR Christus anders gesehen, siehe Plan der Stadt Milet. Das sind in etwa die 2.500 Jahre, die hier immer ins Feld geführt werden.


    Das es eine kontinuierliche Entwicklung von Architektur oder Städtebau über einen längeren Zeitraum gab, hat Whywolf Larry schon widerlegt. Neben der Gartenstadtbewegung kann man auch noch frühere Phasen finden, in denen sogenannte Stadtlandschaften Maßstab für das Baugeschehen waren. Ein gutes Beispiel wäre da noch Schinkel, welcher die Mitte Berlins deutlich stärker durchgrünen und mit Solitären bebauen wollte und teilweise hat.


    Dennoch gibt es im Allgemeinen durchaus gute Argumente für einen Wiederaufbau von Städten, der sich am unzerstörten Zustand orientiert. Ganz frei von Geschmäcklichkeiten kann man festhalten, dass sich die Grundrisse unserer Altstädte über Jahrhunderte immer weiter verändert und angepasst haben. Das wichtigste Argument, ganz losgelöst von Potsdam, ist meines Erachtens aber der Einfluss des Automobils und vorher des öffentlichen Nahverkehrs. Weder die Moderne, noch der Krieg haben unsere Städte so nachhaltig verändert wie der Verkehr. Zuerst die Straßenbahn hat dazu geführt, dass im ersten Drittel des 20. Jhdt die Stadt nicht mehr kontinuierlich weiter gewachsen ist, sondern sie Siedlungen jenseits der Stadtgrenze entwickeln konnte. Massiv wurde dies durch die damalige Regierung zu recht unterstützt um der Bodenspekulation entgegen zu wirken. Zu dieser Zeit waren die Bauformen aber noch nicht so unterschiedlich.


    Das Auto hat dann diese Entwicklung weiter gefördert, endend in dem Einfamilienhausmatsch, den wir heute immer noch planen. Wir bekommen als Stadt-planende einen irrwitzigen Wust an Anforderungen aufgedrückt, der es auch nicht gerade einfacher macht, den Städten wieder die Qualität zu geben, die sie mal hatten. Das fängt bei Stellplatzschlüsseln an und hört bei Anleiterungsprofilen auf.


    Der große Pluspunkt der Städte vor der Mobilisierung der Massen war deren Fokus auf den Fußgänger! Wenn man sich das mal zu Herzen nimmt, dann kommen viele Aspekte, die unsere Städte lebenswert und schön machen von ganz alleine hinterher.

  • Historisch bildete sich das "Radial- und Ringstraßensystem", das dann als überholt betrachtet wird, übrigens nicht "im Mittelalter", sondern in der städtebaulichen Auflockerung des 18ten Jahrhunderts, als Festungen geschleift und insbesondere bei Städten gerne entlang der (Ring-)Mauern durch Ringstraßen und - innenstadtnahe - Grüngürtel ersetzt wurden. Radialstraßensysteme entstanden überwiegend bei Planstädten derselben Zeit.
    Nur dort wo erst um diesen Zeitpunkt neue Befestigungen angelegt wurden - bspw. Köln, ab 1816 - konnte die entstehende Kulturlandschaft erfolgreich der Gründerzeit trotzen. Anderswo wurden insbesondere die innenstadtnahen Grüngürtel durch die Gründerzeit recht radikal erledigt.

  • Im Grunde war mein Kommentar auch nur ein (...) zu rechtfertigen, was ganz offensichtlich ein Wertungswiderspruch ist.


    Nö ist es nicht. Du erliegst nur dem Märchen der Moderne und glaubst das nach dem 18ten Jahrhundert alles ständig überformt wurde, wobei angeblich bis zur Vorkriegszeit alles Harmonisch über die Bühne ging, nur die Böse Nachkriegsmoderne ist dabei so anders. Ist natürlich Blödsinn. Man muss halt jede Zeitschicht als ihre eigene Intentität betrachten. Wenn man das nicht tut müsste man ja alles Vormoderne aufgrund der Rückschrittlichkeit verachten. Wenn man aber eine Zeitschicht aus sich selbst betrachtet versteht man die Bedingungen der Zerstörung und kann das akzeptieren. Erst hinterher kann man dann Vor- und Nachteile gegeneinander abwägen. Eine Fußgänger-Orientierter Städtebau wurde hier ja schon erwähnt. Für diesen braucht man z.b. nicht wieder alles abzureißen und Neu zu bauen, anhand der Umweltthematik auch nicht erstrebenswert. Andere Sachen, auf denen hier meistens Rumgepocht wird ist nur eine Ästhetische Debatte die mit einer Funktionellen und Ideologischen vermengt wird und klar getrennt werden sollte da sie kein Zwangsläufig besseres Ergebniss herbeiführt.

    Man darf dabei nur nicht zu oberflächlich vorgehen. Ein Stadtbild wird nicht automatisch vielschichtiger, (...) "lebendiger und interessanter" als die vom modernen Städtebau maltretierten Orte an denen viel mehr Spuren vernichtet sind.


    Natürlich wird es automatisch vielschichtiger, ob es dann noch Gut oder Schlechter funktioniert ist dann eine andere Frage.
    Andersherum, stell dir mal vor ein Römer würde seine Stadt im Mittelalter sehen und eine Mittelalterliche Mensch dieselbe im Barock. Die würden auch erstmal über die Mastabssprünge und Veränderungen meckern. Der Städtebau hat halt nicht überall nach 600 Jahren Schluss gemacht. Zumal wie gesagt die Totalität der Umwälzungen immer enorm war. Eine enge Mittelalterliche Stadt die in den Barock transformiert wurde hat spätestens in der Gründerzeit kaum noch Authentische Strukturen, meistens ist sie dann der Fremdkörper oder Massiv weitergebaut. Mobilität, Arbeitsweisen und Militärische Schutzgedanken haben Städte schon immer Massiv verwandelt. Man sollte diesen Amenmärchen der Moderne, das man das Rad neue erfunden hat im 20 Jarhundert nicht erliegen. Der Maßstabssprung und die Industrielle Kapazität der Veränderung hat sich lediglich Expotentiell gesteigert. Wenn man für tiefschneidende Strukturelle Veränderungen in einer Mittelalterlichen Stadt noch 150 Jahre gebraucht hat so sind es heute 30 Jahre.


    Historisch bildete sich das "Radial- und Ringstraßensystem", das dann als überholt betrachtet wird, übrigens nicht "im Mittelalter", sondern in der städtebaulichen Auflockerung des 18ten Jahrhunderts,


    Zu Römischen Zeiten wurde Planstädte mit Ausfallstraßen angelegt. Wenn die Stadt keinen Platz mehr bot wurde vor den Stadtmauern gebaut. Sie Siedlungen an den Ausfallstraßen wurden dann nachbefestigt, die sog. Canabae oder Castrum. Später wurden dann die Stadtmauern nachgezogen und dadurch entsteht bereits eine Ring-Radialsytem. Lediglich der Bevölkerungsschwund der Völkerwanderung hat oft zu einem Rückbau der Stadtmauern geführt und diese Schichten wieder ausgelöscht. Sobald es wieder Wachstumsphasen gab wurde das ganze wiederholt und in erneuten Schrumpfungsphasen wie der kleinen Eiszeit nochmals rückgebaut usw. Im Barock tritt lediglich die bewusste Inszenierung und der Fortschritt in der Seriellen Bautechnik ein welcher diese Entwicklung schneller vorantreibt.

  • Bis zur Mitte des 20. Jahrhundert galt der klassische Städtebau der Athener und Römer, der geschlossene Plätze suchte und diese wie Zimmer auffasste.


    Davon gibt es Ausnahmen - erstaunlicherweise wurde im Mittelalter in Pisa der Bereich mit dem Dom, dem Baptisterium und dem Turm wie ein aufgelockerter Campus gestaltet - nicht mal in der Stadtmitte (wie sonst in den umliegenden Städten), sondern am Nordrand der Stadt, gleich neben der Stadtmauer. Meistens wurden dennoch tatsächlich klar umfasste städtische Räume errichtet - meist vor allem deswegen, weil die Befestigungen teuer waren, was den Raum innerhalb dieser knapp und eng machte. Daran haben wir uns dennoch gewohnt, die meisten Leute fühlen sich gut mitten in der urbanen Dichte.

  • Daran haben wir uns dennoch gewohnt, die meisten Leute fühlen sich gut mitten in der urbanen Dichte.


    ... und Wohnen im Einfamilienhaus am Stadtrand oder gleich im Dorf. Mittlerweile bilden freistehende Einfamilienhäuser die Mehrzahl der Gebäude mit Wohnungen in Deutschland. Die Tendenz zum Einfamilienhaus verlangsamt sich, ist aber immernoch da. Wieso ziehen immernoch Menschen in die augelockerte, modernen Siedlungen am Stadtrand, wenn es den seit über 2.500 Jahren eingebrannten Schönheitsidealen widerspricht?


    Ich will das garnicht verteidigen, aber es ist schon auffällig, das die sogenannte "klassische, europäische Stadt", immer mehr verklärt wird, während immer weniger Menschen tatsächlich darin wohnen wollen.

  • Für mich sind das alles irgendwie sehr formalistische Diskussionen. Im Dresdener Neumarktthread hat auch jemand eine sog. Rückkehr zum "ästhetischen Städtebau" gefordert. - Für mich ist dieserart Diskussion wenig tragfähig. Einerseits bedarf es meiner Meinung nach einer vernünftigen Analyse sozialer und räumlicher Prozesse, Funktionen und Strukturen, sowie ein Verständnis für die Bedarfe der Zukunft. Ich bin gegen Dogmen, die als unantastbar erklärt werden sollen. Ich finde es wichtig über Vor- bzw. Nachteile diskutieren zu dürfen. Städtebauliche Elemente/ Strukturen der sog. "europäischen Stadt" werden von manchen als per se die beste Lösung verkauft. Natürlich sind das Formen (Straße, Platz, Parzelle, Solitär, Blockrand) die unter bestimmten Situationen leistungsfähig sind. Aber sie haben auch ihre Grenzen wo es um hybride, vieldeutige, multifunktionale Stadträume geht. Wenn man aktuelle sozialräumliche Prozesse ernst nimmt und nicht nur die strukturellen Lösungen von gestern als ewig fortzuschreibende Reproduktion einer bürgerlichen Stadtgestalt der frühen Neuzeit begreift, ist die Auseinandersetzung mit alternativen Möglichkeiten geradezu geboten, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern. Die favorisierte Stadtgestalt ist wohl auch mit der erwünschten Gesellschaftsgestalt assoziiert. Daher gibts darum wohl auch so leidenschaftliche Diskussionen.

  • ... und Wohnen im Einfamilienhaus am Stadtrand oder gleich im Dorf. Mittlerweile bilden freistehende Einfamilienhäuser die Mehrzahl der Gebäude [/URL]mit Wohnungen in Deutschland.


    Falscher Ansatz. Erstens muss es heißen "noch immer", denn das frei stehende Haus dürfte die Urform darstellen. Und zum anderen ist, wenn Du statt der Gebäude die Wohnungen zählst, das Wohnen im FEH mit knapp 8 Mio der insgesamt gut 40 Mio. Wohnungen (deine Quelle!) der Minderfall.
    Die hohe Gebäudeanzahl mit nur einer Wohnung (fast identisch mit der Anzahl Wohnungen im FEH, DHH mit einer Wohnung oder Reihenhäusern mit nur einer Wohnung) resultiert schlicht daraus, dass man eben für jede dieser Wohnungen ein Gebäude braucht.


    Zählt man nur den m.E. deutlich die Kernstädte repräsentierenden Bereich des Wohnens in Häusern ab drei Wohnungen, kommt man auf gut die Hälfte des gesamten Wohnungsbestands - in nur 18% der Gebäudeanzahl.


    Die Tendenz zum Einfamilienhaus verlangsamt sich, ist aber immernoch da. Wieso ziehen immernoch Menschen in die augelockerte, modernen Siedlungen am Stadtrand, wenn es den seit über 2.500 Jahren eingebrannten Schönheitsidealen widerspricht?


    Ich will das garnicht verteidigen, aber es ist schon auffällig, das die sogenannte "klassische, europäische Stadt", immer mehr verklärt wird, während immer weniger Menschen tatsächlich darin wohnen wollen.


    Das ist leider auch falsch. Die Leute ziehen in die Städt und es wohnen auch immer mehr Menschen in den Städten - nur spiegelt sich das bei einer Betrachtung der Gebäudeanzahl nicht wirklich wieder. Betrachte in deiner sehr guten Quelle die Entwicklung der Anzahl Wohneinheiten statt Häuser und Du siehst den Trend in die Städte.


    Davon abgesehen: Warum heiraten die meisten Männer Frauen, die auch nicht besser aussehen als sie selber, wenn da draußen Models rumlaufen? Weil sie sich diese Variante nicht leisten können. Deshalb wohnen viele Menschen in einer Stadtwohnung, obwohl sie den Traum vom FEH hegen - und wären todunglücklich, wenn sie es plötzlich hätten und sich drum kümmern müssten.

  • Schöner Artikel heute in der Welt mit einem wie ich finde sehr treffenden Kommentar von Herr Haubrich.


    Er skizziert meiner Meinung nach die problematische Entwicklung der Architektur seit Beginn des letzten Jahrhunderts und bringt es treffend auf den Punkt dass sich zeigt was die Menschen wollen wenn man sich vergegenwärtigt was sie sich im Urlaub ansehen. Und das sind eben die Altstädte, Schlösser und Kathedralen der vergangenen Epochen.


    Zudem verweist er mal wieder auf den Widerspruch dass Architekten zwar eifrig modern planen selber aber nur zu gerne in ihren sanierten Altbauten wohnen. Und es wird gezeigt dass anhand der Touristenzahlen deutlich wird was die Menschen wirklich lieben. Und da liegt Görlitz vor Eisenhüttenstadt, Braunschweig vor Wolfsburg und Amsterdam vor Rotterdam.


    Somit mag es den Autor zitierend unzählige Gründe geben warum wir bauen wie wir bauen aber um zu sehen was die Menschen lieben muss man danach schauen wo sie im Sommer hin verreisen. Ein wirklich lohnender Artikel.


    http://m.welt.de/debatte/komme…e-Architektur-meiden.html

  • Falscher Ansatz. Erstens muss es heißen "noch immer", denn das frei stehende Haus dürfte die Urform darstellen. Und zum anderen ist, wenn Du statt der Gebäude die Wohnungen zählst, das Wohnen im FEH mit knapp 8 Mio der insgesamt gut 40 Mio. Wohnungen (deine Quelle!) der Minderfall.


    Geht so:

    © Statistische Ämter des Bundes und der Länder, 2014
    Vervielfältigung und Verbreitung mit Quellenangabe gestattet.


    Genauer so:

    © Statistische Ämter des Bundes und der Länder, 2014
    Vervielfältigung und Verbreitung mit Quellenangabe gestattet.


    Meine Quelle! Die Anzahl der Wohnungen ist der sicher ungeeignetste Maßstab, da Wohnungen unterschiedlich groß sind, im Schnitt deutlich kleiner als freistehende Einfamilienhäuser. Mir erschließt sich auch die Aussagekraft der Anzahl der Wohnungen im Vergleich zur Anzahl an Einfamilienhäusern nicht, da es hier ja um Städtebau geht. Entweder der Bezugsmaßstab ist die Anzahl der Häuser in unseren Dörfern und Städten, weil die Gebäude prägend sind, oder die Anzahl an Menschen die in der jeweiligen Typologie wohnen, da die Menschen durch ihre Wohnungswahl die Stadt und die Wohnform die Menschen sozial und baulich prägt.


    Es leben offensichtlich mehr Menschen in Deutschland
    1. in freistehenden Häusern, welche
    2. die Mehrzahl aller Gebäude bilden, und
    3. lebt die Mehrzahl in Einfamilienhäusern, welche entweder freistehend oder einseitig angebaut sind.


    Und ein weiterer wichtiger Aspekt: Zwar wachsen unsere (Groß-)Städte, das heißt aber nicht, das "städtische" Wohnformen zunehmen! Folgende Grafik veranschaulicht dies:



    Quelle: Bestand an Wohnungen und Wohngebäuden
    Bauabgang von Wohnungen und Wohngebäuden
    Lange Reihen ab 1969 - 2014
    © Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2015
    Vervielfältigung und Verbreitung, auch auszugsweise, mit Quellenangabe gestattet.
    eigene Darstellung der Daten


    Die Anzahl an Wohnungen in Gebäuden mit 3 oder mehr Wohnungen stagniert zwischen 2006 und 2014! Neue Zahlen habe ich nicht, das kann sich etwas geänndert haben. Die Zahl der Einfamilienhäuser steigt weiter und das nur wenig schneller als in der Dekade davor. Das Wachstum der Großstädte basiert kann also auf zwei Dingen basieren:
    1. Eine bessere Belegung der vorhandenen Wohnungen und eine damit einhergehende Verknappung des gefragten Wohnraumes. Das ist auch ganz allgemein zu beobachten.
    2. Das Baugeschehen im Einfamilienhausbau am Stadtrand. Oftmals nicht das, was man als "Städter" als Stadt versteht, aber dennoch innerhalb der Grenzen der Kommune.


    Ist das tatsächlich eine Renaissance der Stadt? Sehe ich nicht und geben die Zahlen und die Realität leider so nicht her. Ich wünschte ja, es wäre anders, aber bis heute machen wir uns unsere Städte und Landschaften durch Einfamilienhausteppiche und die damit einhergehenden Verkehrsschneisen kaputt. Einziger Lichtblick: Die verbrauchten Flächen werden geringer. Trotzdem eine wahnsinnige Last, die wir durch diese Bauart für die zukunft auftürmen.