Die künftige Last der/s modernen Architektur/Städtebaus?

  • Das Alexa ist ein gutes Beispiel. Die Verfechter des reduzierenden Bauens verteufeln es, die Menschen lieben es.


    Woher weißt Du das? Nur weil viele drin sind, heißt das doch nicht, dass die meisten dieses hässliche Ding schön finden. Das Gesundbrunnencenter (finde ich besser als das Alexa) ist z.B. auch immer voll... Geschmack ist nicht immer der Eigene ;)


    Und zum Thema Bauhaus und Verzierungen: Massenware war der Historismus, wie schon oben richtig beschrieben. Ein Teil des Bauhauses lief natürlich auch darauf hinaus, Massenware in dem Sinne zu machen, dass es einfach hergestellt werden konnte, dabei jedoch nach wie vor auch individuell geplant werden konnte und handwerklich und planungstechnisch hochwertig war. Kein figürlicher Kitsch, sondern hochwertig auf Funktion ausgerichtet. Nicht das schlechteste, wenn man dabei dennoch grundlegende gestalterische Elemente beachtet. Die guten Bahausentwürfe sind ja hochästhetisch. In der heutigen Zeit kann sich aber ja dann letztendlich doch keiner mehr derartiges leisten, genausowenig wie man sich heute noch extrem prunkvolle Bauten hierzulande leistet. In dieser von Kompromissen behafteten Zeit ist es schwierig und es wird immer schwieriger, qualitätvolle Architektur an sinnvollen Standorten zu bauen.

  • Woher weißt Du das? Nur weil viele drin sind, heißt das doch nicht, dass die meisten dieses hässliche Ding schön finden. Das Gesundbrunnencenter (finde ich besser als das Alexa) ist z.B. auch immer voll... Geschmack ist nicht immer der Eigene ;)


    Wenn ich mit Bekannten über Architektur spreche und auf EKZ komme, dann ist das Alexa das einzige, das immer wieder erwähnt wird und dabei auch ausschließlich positiv. Repräsentativ ist das freilich nicht, aber hier in Nürnbegr gibt es nichts annähernd vergleichbares, und auch in Berlin sind die anderen EKZ oft nicht erwähnenswert. Also Beobachtungen aus meinem persönlichen Umfeld.


    In dieser von Kompromissen behafteten Zeit ist es schwierig und es wird immer schwieriger, qualitätvolle Architektur an sinnvollen Standorten zu bauen.


    Womit wir beim eigentlichen Thema wären. Diesen Satz würde ich mal verwegener Weise als Allgemeinfloskel bezeichnen, denn wir leben ja nicht wirklich in wirtschaftlich sehr schwierigen Zeiten. Ich würde eher meinen, Architektur ist uns heute weniger wert als je zuvor, insbesondere bei Gebäuden, die notwendigerweise keine Repräsentationsaufgaben übernehmen sollen, selbst wenn sie an prominenten Standorten entstehen. Aktuelles Beispiel hier.

  • das Alexa das einzige, das immer wieder erwähnt wird und dabei auch ausschließlich positiv. (...) Also Beobachtungen aus meinem persönlichen Umfeld.


    Das finde ich interessant. Bei mir war es bislang immer umgekehrt, ich habe noch keinen getroffen, der das Alexa nicht als Bausünde tituliert hätte. Aber einig können wir uns darin sein, dass es mal etwas anderes ist :D (die anderen EKZ fallen idR weder positiv noch negativ auf).



    Diesen Satz würde ich mal verwegener Weise als Allgemeinfloskel bezeichnen, denn wir leben ja nicht wirklich in wirtschaftlich sehr schwierigen Zeiten. [/URL].


    Ich glaube, da meinen wir ähnliches. Somit ist meine Allgemeinfloskel vielleicht nicht allgemein gemeint, sondern nur so formuliert, entschuldigung. Und tatsächlich will jeder gute Architektur, aber nicht zu dem Preis - und auch nicht anstatt von Grünflächen oder ähnlichem. Insofern, ja, gute Architektur ist den Leuten zu teuer, obwohl sie es besser fänden, auch mal etwas abseits vom Einheitsbrei vorgesetzt zu bekommen. Aber werden dann tatsächlich mal große Summen investiert deswegen, ist der Aufschrei in der Bevölkerung oft groß, teils zu Recht. Investoren hingegen wollen idR noch nicht einmal gute Architektur, weil es viel zu sehr auf kurzfristige Rendite ankommt.

  • In einer gemeinsam verfassten Kölner Erklärung, rechnen Architekten, Experten und Städteplaner mit dem modernen Städtebau ab und fordern eine Reform der Lehre und des Städtebaus.
    Letztendlich geht es darum, sich wieder mehr am traditionellen Städtebau zu orientieren, ohne diesen zu kopieren.


    Sehr interessante Entwicklung - hier findet ihr dazu ein Radiointerview mit dem Frankfurter Architekten Christoph Mäckler.


    http://www.deutschlandfunk.de/…ml?dram:article_id=288908

  • Die einstürzende Moderne

    Die Welt veröffentlichte vor einer Woche aus dem Anlass einer Ausstellung einen Text über die Experimente der Nachkriegsmoderne, die dort als "die teuerste Bauepoche der Geschichte" bezeichnet wurde. Einige Entwürfe hätten bereits bei der Abgabe das Stigma der Gestrigkeit, die verwirklichten seien von den Bewohnern nie verstanden. Die Planstadt Marl wird von der Natur zurückerobert. Ferner werden noch die Bauwerke des Mülheimer Forums und der Ruhr-Uni Bochum verulkt. Leider fehlen dem Artikel Positivbeispiele gelungener Stadtreparatur.

  • Farbenentzug

    Die Badische Zeitung veröffentlichte heute einen Artikel über die nächsten Trinationalen Architekturtage mit Architekten aus Frankreich, Deutschland und der Schweiz - dem Thema der Farbe gewidmete. Der Artikel erwähnt, dass die Farblichkeit in der Moderne bisher galt und auch jetzt gilt als "verpönt" - ein Mies van de Rohe habe die Verwendung einzig der weißen Farbe angeordnet. So habe das Thema "in Fachkreisen für Erstaunen" gesorgt - anscheinend können sich manche Fachleute überhaupt nicht vorstellen, wieso denn von der Sensorischen Deprivation abgesehen werden sollte (vielleicht ist eine Klage der Amnesty International vor dem Menschenrechte-Tribunal anhängig?). Dennoch sei laut Artikel die Farbaskese auf dem Rückzug - gerne hätte ich das auch auf den Neubauten gesehen, bisher bleibt sie eher die Regel als die Ausnahme.


    BTW: Falls jemandem nicht gefallen sollte, dass ich den Farbenentzug strikt nach der Definition als eine Form der Sensorischen Deprivation sehe - an der TU Dresden wird die Architekturpsychologie ernsthaft untersucht, darunter die Erscheinungen der Deprivation wie auch die große Bedeutung der Farbgebung (u.a. Seite 20).

  • Die Misere moderner Architektur

    Ganz im Sinn vieler Architektur-Interessierter und einiger Architekten (so etwa Stefan Forster) ist ein Artikel von Rainer Haubrich aus der WELT vom 7.11.14. Der Text stellt teilweise überspitzt die Qualität moderner Architektur in Frage. Passender Aufhänger: "Wer braucht die Wellblechhütten, die sich Avantgarde nennen? [...] Wer menschenfreundlich bauen will, sollte aufhören, alles neu zu denken." Man hat beim Lesen das Gefühl, beim Autor hätte sich einiger Frust angestaut. Eine selektive Zusammenfassung:


    Thesen

    • Die dichten, gemischten, ornamentreichen Stadtviertel von vor 1900 sind heute die attraktivsten Quartiere jeder Metropole


    • Schlechte Architektur vor dem 20. Jahrhundert? Nicht vorhanden. Höchstens unwirtschaftliche Bauten (Pyramiden) und überreich dekorierte (Barock, später Historismus)


    • Mit Einführung der Materialien Beton, Stahl und Glas sowie dem Gestaltungsmerkmal Flachdach setzt ein Umbruch ein, ab dem schlechte Architektur überhaupt zu existieren beginnt


    • Ausgerechnet zwischen 1960 und 1980 entstanden die unwirtlichsten Stadtteile, obwohl das Wohl der Bürger im Vordergrund stehen sollte, die Moderne endlich eine menschenfreundlichere Welt für alle bauen wollte


    • Mit "zwei, drei von solchen Häusern [der Moderne]" ruiniert man "jedes noch halbwegs intakte Straßenbild"


    • Zitat des Architekturpublizisten Wolfgang Pehnt von 1983: "Mit all seinem Aufwand an Erfindungskraft und materiellen Mitteln hat es das 20. Jahrhundert nicht erreicht, der Welt, in der wir leben, eine menschenfreundlichere Gestalt zu geben"


    • Den Jargon der aktuellen Architekturpublizistik bewertet er mit den Worten Albert Einsteins, der sich zu einem konkreten Text über den angeblichen Zusammenhang zwischen Kubismus, einer neuen Raumauffassung und der Relativitätstheorie geäußert hatte: "Es ist einfach Klug-Scheißerei ohne jede vernünftige Basis"


    Vergleiche

    • Gefängnisse vom Ende des 19. Jahrhunderts waren so gut gebaut, dass man sie heute erfolgreich zu attraktiven Wohnungen umwandeln kann. Aktuelle Luxusapartments sehen hingegen aus wie Gefängnisse


    • Dass mit Preisen ausgezeichnete Gebäude keine 20 Jahre nach ihrer Errichtung abgebrochen ("in die Luft gesprengt") werden, gab es bisher nur bei Sozialbausiedlungen der Nachkriegsmoderne


    • Gegenüberstellung zweier Bücher: Niklas Maak "Wohnkomplex - warum wir andere Häuser brauchen", propagiert weitere Umbrüche, weitere Neuerungen, ist anscheinend aber mehr Ideen und Theorien fasziniert als von elementaren Wohnbedürfnissen. Sein Beispiel des Einfamlienhauses in Tokio vn Sou Fujimoto bezeichnet er als Kopfgeburt und Humbug


    • Das Buch des Bauhistorikers Wolgang Sonne bezeichnet er als "Gegengift zur Misere der zeitgenössischen Architektur". Es setzt auf die Fortentwicklung des traditionsorientierten Städtebau des 20. Jahrhunderts, der lange als "reaktionär abgelehnt oder totgeschwiegen wurde". Sie hält am "Ideal von Urbanität und Dichte, am Muster aus Straßenfluchten und Plätzen" fest, und sie nimmt "Rücksicht auf lokale Bautraditionen"


    Weiteres

    • Das Bauhaus in Dessau erweist sich als unpraktisch: im Winter kalt, im Sommer heiß, durch das Flachdach dringt immer wieder Wasser


    • Die wirklichen Glanzlichter des 20. Jahrhunderts wie bspw. die Berliner Philharmonie und die Entwürfe von Corbusier und Ronchamp bilden einen verschwindend kleinen Anteil an den ansonsten "ärmlichen Kisten", "schematischer Stapelware", "bröckelndem Beton"
  • Wie macht man eine Stadt schön?

    Seit 1905 wurde keine schöne Stadt mehr gebaut, heißt es in einem Video. Es gibt keine hübschen Plätze mehr. Wir verabscheuen Neubauten und wollen, dass alte Architektur wiederhergestellt wird. Aber warum? Wieso schaffen wir es, schöne Konsumgüter zu bauen, aber keine schönen Städte? Wieso sind es immer die alten Städte und Stadtteile, die sich schön anfühlen, und nicht die, die in der letzten Zeit gebaut wurden? Diesen Fragen geht das toll animierte Erklärbärvideo auf den Grund. Es erklärt, was wir an den paar schönen Städten lieben, die wir auf der Welt haben, und was den Rest so mittelmäßig bis hässlich macht. Die Antworten sind so einfach, dass wiederum die Frage aufkommt, warum wir uns so dagegen wehren, in schönen Städten zu leben?


    Hier das Video (in Englisch): https://youtu.be/Hy4QjmKzF1c


    Und hier mein Blogpost dazu (aus Nürnberger Sicht) http://www.sugarraybanister.de…acht-staedte-schoen-video


    Und nun die Frage: Was machen wir, damit die Städte wieder schöner werden?

  • Wunderbar. Dieses Bild kann man gar nicht oft genug all den Zweiflern und Apologeten des realsozialistischen Städtebaus vor die Nase halten.


    Das ist grundsätzlich richtig, aber da gibt es viel schlimmere Dinge die angerichtet wurden. Ost und West nehmen sich da nicht viel ... die Hintergründe waren aber andere.


    So war in Ostberlin z.B. geplant den Prenzlauer Berg flächig abzureissen aber das Geld war nicht vorhanden und Zerstörung von Wohnraum ging schon mal gar nicht.


    Im Westen Deutschlands war das Geld vorhanden, aber (zumindest ab den 80ern) mehr Respekt vor der historischen Bebauung.


    Ergebnis: In beiden Teilen Deutschlands wurde nach dem Krieg in etwa gleichermaßen Bausünden begangen!


    Nun geht es darum in Deutschland den Schaden der Bausünden zu minimieren ... wirklich aber alles wieder in ein Lot zu bringen wird gar nicht möglich sein.
    Die Oberkatastrophe ist m.E. die Gegend vom MEP und RF ... das wieder hinzubekommen wird sehr schwierig da die ganze Struktur ziemlich kompliziert zu händeln ist. Da ist nicht mal Geld das Hauptproblem ...


    In z.B. Stuttgart wäre eine wirklich Stadtreparatur einfacher aber wohl zu teuer:
    - Den Marktplatz inkl. Rathaus historisch wieder aufbauen
    - Flächenabriss zwischen Theodor-Heuss-Str., Paulinenbrücke und Hauptstädter Str. südwestlich des Marktplatzes und rekonstruktion von Leitbauten und Neubau dazu passender Gebäude.
    => Dann wäre das meiste schon mal behoben ...


    PS: Diese "Rotmelderei" nur wegen Beiträgen die nicht der eigenen Meinung entsprechen ist schon ein ziemlich erbärmliches Zeugnis einer eigenen Argumentations- und Hilflosigkeit.


    Ich habe hier noch nie einen Beitrag "rot" gemeldet, sondern argumentiert ...


    Aber das ist offensichtlich eine Plage die nicht nur mich betrifft :Nieder:

  • Und nun die Frage: Was machen wir, damit die Städte wieder schöner werden?


    Weit mehr Aufmerksamkeit muss wieder der Fassadenkunst gewidmet werden, die die Bauten einmalig und wiedererkennbar macht. Es muss nicht mal viel kosten, oft reicht eine witzige Idee. Hier unter #3 sieht man das alte Haus Kammerzell in Straßburg - die reiche Fassadenkunst macht es zum einen der Wahrzeichen der Stadt. Unter #10 reichen Malereien, um Blicke anzuziehen - die auf dem fritten Foto dürfte relativ neu sein, dennoch macht das Haus einmalig. Unter #11 ist das Dekor eindeutig neu - und hat bestimmt nicht besonders viel gekostet. Es erfüllt dennoch die Funktion, auf das Gebäude aufmerksam zu machen.


    Vor und kurz nach dem Krieg gab es öfters Kunst auf den Fassaden der Moderne, später leider seltener - einige Beispiele im Düsseldorfer Stadtbild siehe hier unter #196, #197, #200, #205, #210.

  • ^ Wer hat gesagt, dass Kunst edle Materialien und Motive bedeuten muss? (Wie marmorne Götter etwa - ach ja, das gab es bereits.) Die Mischung mit einfachen Materialien in der Architektur ist ebenso nicht unüblich, zum Beispiel Frank Gehry. Es gibt auch verschiedene Ansichten, wer was für Kunst halten mag - Hauptsache, etwas kommt auf die Fassade, was sie wiedererkennbar und einmalig macht.


    BTW: Wie zuletzt hier berichtet, künftig soll bis zu 2% der Baukosten der Düsseldorfer öffentlichen Bauten in Kunst fliessen - hoffentlich auch in öffentlich sichtbare Fassadenkunst. Andere Städte, Bundesländer und Privatinvestoren könnten gerne folgen.

  • "Fassadenkunst" ist gut, wenn denn die Gebäude denn wenigstens noch Fassaden bekämen. Oder wer nennt bitte soetwas oder dieses hier eine Fassade? Ohne Fassade keine Architektur, das ist nur primitive Konstruktion. Ob man nun aber allein mit Farbe schon etwas ansprechendes hinbekommt, oder ob es wirklich Marmorfiguren, Dachreiter und Stuck braucht, das ist die Frage, um die es bei Architetur u.a. gehen muss.

  • "Zerstörer deutscher Städte"

    ^ Diese Frage muss man individuell, je nach dem Kontext und den möglichen Entwürfen, beantworten.


    Kürzlich las ich dieses Feuilleton in 'Die Welt', welches auch online verfügbar ist - hier wird das Zerstören der deutschen Altstädte als bewusste Tat mancher Architekten dargestellt. Diese sollte eine "neue Gesellschaft" und gar einen "neuen Menschen" bilden - was übrigens bekanntlich das Bestreben etlicher totalitären Regimes ist (sonst geht man lieber auf die Bedürfnisse der vorhandenen Menschheit ein). Die im Artikel gefallene Formulierung über Kästen mit wirr versetzten Fenstern finde ich genauso köstlich wie auf einen Großteil der laufenden Architekturproduktion zutreffend - bis auf wirre Fensterversetzungen haben die meisten Berufsangehörigen gestalterisch nichts mehr drauf?

  • Zitat

    "Zerstörer deutscher Städte"
    ^ Diese Frage muss man individuell, je nach dem Kontext und den möglichen Entwürfen, beantworten.


    Richtig! Daher ist der Beitrag in "Die Welt" viel zu undifferenziert! Wie oft habe ich hier schon darauf hingewiesen, dass viele Altstädte im Historismus zerstört wurden und nicht durch angeblich moderne Architekten nach dem Weltkrieg.....

    Zitat

    bis auf wirre Fensterversetzungen haben die meisten Berufsangehörigen gestalterisch nichts mehr drauf?


    Warum Bau-Lcfr studierst du nicht selber Architektur, um es besser zu machen? Wenn es für dich so leicht ist über moderne Architektur zu hetzen, warum entwirfst DU nicht einfach? Der Beruf Architekt ist weder Gottgegeben noch wird er verrerbt! Jeder in Deutschland kann diesen Beruf studieren bzw. ergreifen! Also: MACHE ES EINFACH BESSER! Und höre endlich auf mit dem ständigen kritisieren!

  • Der erste Satz mit dem Pfeil bezieht sich auf den letzten Satz des Vorbeitrags:


    Ob man nun aber allein mit Farbe schon etwas ansprechendes hinbekommt, oder ob es wirklich Marmorfiguren, Dachreiter und Stuck braucht, das ist die Frage, um die es bei Architetur u.a. gehen muss.


    Manchmal würde etwas Farbe reichen, manchmal liegt die Messlatte höher - überall weiß-grauer Putz und eine Fensterversetzung mal nach links und mal nach rechts reicht eindeutig nicht als die Regel aus. Ich darf kritisieren ohne selber zu entwerfen genauso, wie der im Artikel erwähnte Architekturzeitschriftsredakteur es ohne Praxis tun darf - mir verbleibt jedoch der Anstand zu erkennen, dass ein Wettbewerb zum passenden Ergänzen eines Altstadt-Gebiets ernst genommen werden sollte - es möglichst zu sabotieren ist keinesfalls "fein". Ich habe auch etwas ganz verwandtes studiert und abgeschlossen, ohne dass ich davon leben muss. Nirgends steht geschrieben, dass nur praktizierende Architekten eine Meinung haben dürfen.


    Interessant finde ich die Feststellungen am Ende des zweiten Absatzes - die ersten Bruch-Entwürfe für die bombardierte Lübecker Altstadt gab es gar nicht erst nach dem Kriegsende, sondern "noch unter den Nazis", wie der Artikel behauptet. Etwas später wird die Legende erwähnt, die Zerstörung sollte "Reinigungsritual von der Nazivergangenheit" sein, mit der u.a. eine Hamburger Ausstellung aufräumte - sie kann es erst recht nicht sein, wenn sie bereits in dieser Zeit geplant war (ohne dass man es vor dem Kriegsende umsetzen konnte).


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    Wenn Beispiele gewünscht sind, wie man es besser machen könnte - vor wenigen Tagen habe ich das Museum für moderne Kunst im stark umgebauten Madrider Kloster fotografiert. Das Mauerwerk ist sichtbar neu, doch es kommt ohne wirre Fensterversetzungen aus, die Fenster (auch die runden mit Kreuzen) folgen in vereinfachter Form der Tradition. Die paar Ergänzungen aus Glas und Stahl reichen als Zeichen unserer Zeit völlig aus:







    Ein anderes Beispiel aus der Madrider Altstadt hier unter #23 - eine Kneipe mit Wandmalerei auf der Fassade und anderer modernen Kunst. In Deutschland wird öfters erzählt, plumpe Weißputz-Fassade in einer Altstadt sei "dezent" oder "zurückhaltend", aber das ist sie nicht - sie wirkt nur geradezu schreiend simpel und plump.

  • Wie zuletzt hier berichtet, künftig soll bis zu 2% der Baukosten der Düsseldorfer öffentlichen Bauten in Kunst fliessen - hoffentlich auch in öffentlich sichtbare Fassadenkunst. Andere Städte, Bundesländer und Privatinvestoren könnten gerne folgen.


    Die 2% sind bzw. waren in anderen Bundesländern seit Jahrzehnten Usus.


    In Baden-Württemberg beispielsweise seit 1955, wobei die ursprüngliche Einschränkung reine Zweckbauten auszunehmen stets mißachtet und die 2% auch immer voll ausgeschöpft wurden, gerne mit Direktvergabe an gewisse Künstler. Beim Bund gilt ein entsprechender Beschluss ähnlicher Art seit 1950.
    In den meisten Bundesländern - und auch beim Bund selbst - findet daher gerade in den letzten Jahren aus Kosten- und Transparenzgründen eine Beschränkung dieser recht großzügigen Regelungen statt - oft auf 0,5-1,5%, abgestuft nach Umfang des Bauwerks und ähnlichem, und mit zwangsweiser Ausschreibung der Kunstbeschaffung.

  • Für Kunst am Bau auf dem Papier 2% des Bauvolumens ausgeben zu müssen, oder sei es auch nur 0,5 - 1,5 % ist das Eine. Denn bei den massiv steigenden Baukosten heutzutage, die vorallem durch nicht sichtbare Maßnahmen entstehen, wie dem Brandschutz, Umweltschutz, Wärmeschutz, Barrierefreiheit usw. dürfte netto ja doch ein erkleckliches Sümmchen übrig bleiben, das man für einen Künstler ausgeben könnte. Also hier dürfte das Problem meines Erachtens nicht liegen.
    Das andere ist eher die Begrifflichkeit dahinter: Ich vermute das Problem eher dort zu finden, wo der Entwurfsverfasser unter "rhytmisch-organisch angeordneten Fensterachsen und Balkonen", "gezielten Brüchen mit der historischen Nachbarschaft", oder "modernen Kontrasten zum Bestand" schon die Kunstfertigkeit seines Handwerks versteht, während sich der Laie unter Kunst am Bau doch eher etwas anderes vorstellt. Und gerade bei Architektur ist die Meinung des Laien durchaus zu berücksichtigen, denn wir alle müssen sie ertragen. Dass sich die akademische Architektur bzw. Städtebau durchaus entfemdet von der Erwartungshaltung der herrschenden Meinung in der Bevölkerung liegt unter anderem hieran. Und dazu kommt, dass auch in den Altstadtteilen unserer durchmodernisierten Städte kaum auf Komfort verzichtet werden muss. Der Katalysator des "modernen Wohnens" hat die Menschen sicher bis in die 60'er Jahre noch leicht aus ihren Kohleofenbeheizten, Bleiverrohrten und verbastelten Altbauwohnungen heraus gelockt, aber worauf muss denn der Einwohner Prenzlbergs, Schwabings oder Eppendorfs heutzutage noch verzichten?