Stadtgespräch Berlin

  • Vielleicht würde es auch manchen Bewohnern schon helfen, wenn ihre Wohnung nicht aus der Förderung fällt und plötzlich keine Sozialwohnung mehr ist. Nach meiner Kenntnis war Berlin vor langer Zeit dazu übergegangen, einmal geförderte Wohnungen nicht erneut zu fördern, sondern nach den 15 Jahren Sozialstatus in den freien Markt zu entlassen. Ein Irrsinn in meinen Augen! Und die Bewohner können sich die neue, höhere Miete dann nicht mehr leisten und sind auf der Suche nach einer neuen Sozialwohnung. So kann man natürlich auch Nachfrage generieren...

  • Also 10.000 Euro in dieser Lage kann weder mit der Komplexität oder dem Luxus der Bauausführung noch mit dem Wohnungsmangel in Berlin begründet werden. Ich denke eher, dass der Investor eben versucht, so viel wie irgend möglich aus dem Markt herauszupressen. Bei 5 - 6000 Euro würde man sagen o.k. der will halt auch was verdienen, aber 10.000 Euro sind hierfür einfach "unverschämt" und Wucher und steigert meiner Meinung nach unverhältnismäßig und unsozial ausschließlich den Gewinn des Investors.


    Und auch der Wohnungsmangel kann in Berlin nicht soo groß sein, wenn gleichzeitig gebaut wird, aber die Bevölkerung doch nicht so sehr wächst (0-Wachstum in 2020). Ein Problem ist vielmehr – und da müssen wir uns alle an die Nase fassen – dass einfach die qm-Zahl pro Bewohner so sehr steigt. Z. B. lebte in meinem WBM-Haus in Mitte genau eine Familie in einer Vierzimmerwohnung mit 93 qm. In den anderen maximal Paare. Und vor allem ältere Paare würden auch in eine günstigere kleinere Wohnung (im Kiez) ziehen. Aber so etwas regelt eben nicht der Markt, sondern eine intelligente und soziale Wohnungspolitik.


    Und bauen, bauen, bauen klingt zwar gut, aber wo? Alle sind doch gegen Nachverdichtung oder größere Bauvorhaben in der Nachbarschaft. Egal ob in Friedrichshain oder in Biesdorf, egal ob auf dem Tempelhofer Feld, in Kleingartenanlagen oder am Pferdesportpark Karlshorst. Überall Gegenwind gegen Bauen.

  • Ein Umzug nach Karow, Helle Mitte oder gleich Wildau ist für viele eben mit einem deutlichen Rückgang an Lebensqualität verbunden.

    Dass man einer solchen Zäsur im eigenen Leben nicht freudstrahlend entgegenmarschiert kann ich gut nachvollziehen - ein wahrgenommenes Anrecht erkenne ich daraus nicht.

    Kannst du das mal näher ausführen inwiefern sich hier die Lebensqualität "deutlich" verschlechtert? Karow ist vielleicht nicht Dubai - aber auch nicht Afghanistan oder hab' ich was verpasst? Es soll sogar Leute gehen die ein Plätzchen "im Grünen" schätzen (in den 70ern war das ja der Traum der damaligen Hipster)...

  • Das vermeintliche Vorrecht der einkommensstarken Gesellschaftsschicht in den Innenstadtbezirken zu wohnen, führt in der letzten Konsequenz zur Verödung der selben. Das wäre nicht mehr mein Berlin. Ich kann die Marktlemminge, die so etwas probagieren, absolut nicht verstehen. Es ist gut, dass die Berliner bei der Wahl anders entschieden haben.

  • Das vermeintliche Vorrecht der einkommensstarken Gesellschaftsschicht in den Innenstadtbezirken zu wohnen, führt in der letzten Konsequenz zur Verödung der selben. Das wäre nicht mehr mein Berlin. Ich kann die Marktlemminge, die so etwas probagieren, absolut nicht verstehen. Es ist gut, dass die Berliner bei der Wahl anders entschieden haben.

    Berlin Mitte ist weit davon entfernt ein "Reichen Ghetto" zu sein. In Alt-Glienicke wohnen proportional mehr "Reiche" als in Mitte...

  • Aber irgendwie kann das doch nicht sein.

    Ich staune auch, weil ja der Trend eigentlich vom Mehrkind-Haushalt zum Paar- oder Single-Haushalt geht – sprich mehr Platz pro Person. Mögliche gegenläufige Trends:


    1. Die Bevölkerung wächst schneller als der Wohnraum.

    2. Die Wohnfläche im Neubau sinkt seit Jahren; niemand, der sich 800.000 Euro leisten kann, hätte 2011 eine 80 qm-Wohnung gekauft. Vor allem wurden in letzter Zeit haufenweise sogenannter Studentenwohnungen gebaut – also (möblierte) Mini-Apartments mit 18 oder 20 qm.

    3. In der Innenstadt sind die Mieten so hoch, dass größere Wohnungen beim Mieterwechsel häufig an WGs gehen – und da gilt dann oft eine Person pro Zimmer; Wohn-, Ess- und Arbeitszimmer gibt es nicht.

    4. Schließlich ist ein Durchschnitt, der auf dem arithmetischen Mittel basiert, nicht immer aussagekräftig, weil er Ausreißer nach oben bzw. unten überproportional bewertet. Wenn also viele kleine Wohnungen dazugekommen sind, sinkt der Durchschnitt "für alle", auch wenn sich für 90 Prozent der Leute gar nichts verändert hat (Erläuterung hier).

  • ^Ich denke das ist eine Art "Nachrutsch-Effekt". Es gibt und gab wahnsinnig viel WGs in Berlin - dadurch wohnen bereits relativ viele Menschen auf engem Raum, weil sie nur ein Zimmer mieten. Hauptsache mal den Fuß in der Tür haben und "Abenteuer". Wenn das Studium dann abgeschlossen ist und die Freundin keine Lust mehr auf WG-hopping hat, dann sollte man mal eine eigene Wohnung finden. Und genau da fängt dann das Problem an - es gibt nämlich kaum welche...


    Wobei: Corona hat eine große Atempause verschafft, die allerdings nicht so genutzt wurde wie man hätte können (siehe Verweis auf das Tempelhofer Feld). Trotzdem werden dieses Jahr wieder tausende Wohnungen fertig und es wird weiter die Tendenz geben, dass vor allem Familien die Schnauze voll haben und nach Brandenburg ziehen. Verstärkt wird das durch den Trend zu Home Office. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass sich eine Blase bildet und die Wohnungen in der Innenstadt Berlins deutlich überbewertet sind. Hinzu kommt der allgemeine demographische Trend. Dieser ist aber unglaublich schwer einzuschätzen, da die Regierung hier ständig nachjustiert und abschwächt durch massive Migration.

  • Kannst du das mal näher ausführen inwiefern sich hier die Lebensqualität "deutlich" verschlechtert? Karow ist vielleicht nicht Dubai - aber auch nicht Afghanistan oder hab' ich was verpasst? Es soll sogar Leute gehen die ein Plätzchen "im Grünen" schätzen (in den 70ern war das ja der Traum der damaligen Hipster)...

    Von der Komplexität der menschlichen Psyche und auch dem Phänomen der subjektiven Wahrnehmung hast Du offensichtlich absolut keinen Schimmer, wie mir scheint. Anders kann ich mir einen derart undifferenzierten und unreflektierten Käse nicht erklären.

  • Ganz ehrlich, diese Feindbilder sind doch völliger Quatsch.

    Wieviele Marktradikale kennst Du denn, also ich kenne keinen. Was ist ein Marktradikaler überhaupt. Bei dir wahrscheinlich jeder der nicht für den Enteignungsentscheid gestimmt hat.


    Berlin Mitte ist kein homogenen Gebilde. Und wenn Du mal mit offnenen Augen durch die Stadt läufst, dann hat Berlin nicht das Problem der Reichengetthos sondern der Armenghettos. In den noch so gentrifizierten Ecken, selbst in der Linienstrasse oder am Gendarmenmarkt, gibt es immer noch viele Plattenbauten oder andere staatliche Wohnungen. Dort ist nach wie vor eine gewaltige Mischung vorhanden und die wird sich auch nicht großartig ändern.


    Dagegen hat die Linke immer bewusst darauf geachtet dass typische sozialistische Viertel wie Fischerinsel, die Gegend um den Platz der Vereinten Nationen und rund um den Alexanderplatz oder die nördliche Leipziger auf keinen Fall gentrifiziert werden. Dort wäre es wesentlich wichtiger auch mal private Bauten zuzulassen aber das ist wohl nicht gewünscht. Das sehe ich als wesentlich problematischer an.


    In Deutschland und noch viel mehr in Berlin gibt es keinen Marktradikalismus, das ist einfach so und diese Kampfbegriffe helfen nicht weiter. Klar es gibt ein paar schwarze Schafe, aber wir sind eine ziemlich sozialisierte Gesellschaft mit entsprechender Verfassung und Gesetzen, die mit reinen Kapitalismus herzlich wenig zu tun hat.

  • Kannst du das mal näher ausführen inwiefern sich hier die Lebensqualität "deutlich" verschlechtert? Karow ist vielleicht nicht Dubai - aber auch nicht Afghanistan oder hab' ich was verpasst? Es soll sogar Leute gehen die ein Plätzchen "im Grünen" schätzen (in den 70ern war das ja der Traum der damaligen Hipster)...

    Ganz wichtig und vorab: Ich sagte "Vieler" - nicht "Aller"! Oder willst du absprechen, dass jemand den Schritt nach "draußen" als Verlust von Lebensqualität empfinden kann?


    Sicher zieht es ebenfalls viele raus ins Grüne - das ist jedoch in der Regel ein bewusster Schritt. Niemand wird durch hohe Mieten aus der Innenstadt ins Dorfidyll im Oderbruch vertrieben.


    Wenn man unter Lebensqualität all jene Segen von Urbanität und Dichte versteht - eine große Auswahl und Dichte an fußläufig erreicharen kulturellen und gastronomischen Einrichtungen, gestalterische Vielfalt im Umfeld - die gefühlte Lebendigkeit einer höheren Bevölkerungsdichte und jede dieser kleinen Stadtpartikel, die das Leben interessanter gestalten können, dann reduziert sich die Lebensqualität schon spürbar je weiter man sich vom Zentrum entfernt.


    Die steigenden Mieten in der Innenstadt entspringen ja zum größten Teil genau dieser Logik - die Leute wollen in der Innenstadt wohnen... so schlecht kann es da doch nicht sein ;)

  • Mhm, hab ich jetzt auch gesehen. Aber irgendwie kann das doch nicht sein. Wohin verschwinden denn die gebauten Wohnungen bei konstanter Bevölkerungszahl?

    Gute Frage! - Einerseits werden jährlich viele Wohnungen vom Mark genommen - gleichzeitig werden viele Wohnungen verkauft, ohne dass sich die Eigentümer je als Einwohner anmelden - Zweitwohnungen, Spekulationsobjekte etc...


    Zudem kehrt sich der Trend seit der Bevölkerungsstagnation ja ganz zaghaft um.


    In 5 Jahren können diese Werte schon wieder ganz anders aussehen.

  • Oh man. Als ob die Platten bzw. die Bewohner in der Linie nicht unter Druck stehen würden. Ganz ehrlich. Du hast keine Ahnung von der derzeitigen Situation.

    Marktradikale finden sich gerne in der FDP wieder. Und hier im Forum. In diesem Sinne: Freie Fahrt für freie Bürger.

  • Wenn man unter Lebensqualität all jene Segen von Urbanität und Dichte versteht - eine große Auswahl und Dichte an fußläufig erreicharen kulturellen und gastronomischen Einrichtungen, gestalterische Vielfalt im Umfeld - die gefühlte Lebendigkeit einer höheren Bevölkerungsdichte und jede dieser kleinen Stadtpartikel, die das Leben interessanter gestalten können, dann reduziert sich die Lebensqualität schon spürbar je weiter man sich vom Zentrum entfernt.

    Das hast du gut geschildert. Aber eigentlich auch gleich die Antwort mitgeliefert, denn es handelt sich eindeutig um Luxusfaktoren. Noch dazu (bis auf das fußläufig) Dinge die man durch eine kurze Anreise auch als Vorortbewohner gleichermaßen genießen kann.


    Und wenn Berlin mal eine Stadtentwicklungspolitik der urbanen Dichte anstreben würde (kostet nämlich nicht mehr sondern sogar weniger) , wäre es in Königs–Wusterhausen auch nicht so langweilig…


    Auf Spandauers Geblubber gehe ich jetzt mal nicht ein, ich finde ein Mindestmaß an Niveau sollte man bei einer Diskussion schon einhalten können. Mal ganz abgesehen von den an den Haaren herbeigezogenen Argumenten. Wir siedeln ja keine 80jährigen Menschen nach Kansas um, wir sprechen hier lediglich von dem (traurigen) Umstand, dass die Neuvermietungen (unter anderem aufgrund fehlendem Neubau, ich kann es nicht oft genug wiederholen), in den Innenstädten rasant ansteigen.

  • Marktradikale finden sich gerne in der FDP wieder. Und hier im Forum. In diesem Sinne: Freie Fahrt für freie Bürger.

    Als (Wohnungs-)Marktradikale würde ich im Nachhinein den RotRotGrünen Senat bezeichnen, der die letzten fünf Jahre dieser Stadt nichts als Unglück, Missgeschick und Pleiten zugefügt hat. Ich habe den Senat selber damals gewählt, und war zudem in Hoffnung, dass sie die Wohnungsfrage mit Mörtelhandschuhen anpacken und endlich ein Wohnungsbau im großen Stil erfolgt. Also unschuldig bin ich nicht, jedoch kann ich mich korrigieren.


    Sie sollten die Ideologie-Brille mal abnehmen und Politik nicht nach ihren Versprechungen, sondern nach ihrem Ergebnis bewerten.


    RotRotGrün hinterließ eine Stadt deren Grundpreise nochmals ordentlich explodiert sind, das Verhältnis Mieter/Vermieter zu großen Teilen vergiftet ist, der Wohnungsbau war an der Zahl nicht mal ein Wassertropfen auf dem glühenden Stein. Und was hat die Propaganda-Show des Senats nun dem jenigen mit wenig Geld gebracht, dem man vorgibt schützen zu wollen gebracht? Genau Nichts, weil man das anscheinend entweder gar nicht will oder nicht kann. Für jeden Immobilieneigentümer wäre eine weitere Legislatur RotRotGrün nur ein Segen, für die meisten Mieter ein Fluch. Im Übrigen beim Verkehr siehts genau so aus, nur Ankündigungen, nichts Brauchbares.


    Am besten finde ich jedoch, dass diese sich als unfähig erwiesene Konstellation nun auch weiterregieren will, ungeachtet einer sehr zweifelhaften und unsauberen Wahl. Man will halt in guter alter Besitzstandsbewahrung seine Pfründe behalten und wenn die Demokratie dabei Schaden nimmt, scheiß egal, wir wollen in guter marktradikaler Tradition absahnen. Ich finde es persönlich schade nach fünf Jahren so einen Befund ausstellen zu müssen.

  • Am besten finde ich jedoch, dass diese sich als unfähig erwiesene Konstellation nun auch weiterregieren will, ungeachtet einer sehr zweifelhaften und unsauberen Wahl. Man will halt in guter alter Besitzstandsbewahrung seine Pfründe behalten und wenn die Demokratie dabei Schaden nimmt, scheiß egal, wir wollen in guter marktradikaler Tradition absahnen. Ich finde es persönlich schade nach fünf Jahren so einen Befund ausstellen zu müssen.

    Die Bevölkerung hat dieser Konstellation bei der Wahl wieder zu einer Mehrheit verholfen. Was soll dieses demokratieverächtliche Palaver? Unregelmäßigkeiten gab es bei der Wahl nur auf der Bezirksebene und in wenigen Wahllokalen.

  • Aber eigentlich auch gleich die Antwort mitgeliefert, denn es handelt sich eindeutig um Luxusfaktoren. Noch dazu (bis auf das fußläufig) Dinge die man durch eine kurze Anreise auch als Vorortbewohner gleichermaßen genießen kann.

    Schwierig - Ich verstehe deine Argumentation, möchte jedoch widersprechen.


    Klar - Wartenberg ist S-Bahn-technisch gut angebunden, aber es macht eben einen gewaltigen Unterschied ob ich, wie hier in Mitte in 10 Minuten an der Oranienstraße oder in 20 Minuten zum Fuß Simon-Dach-Kiez bin oder ob ich, wenn ich abends mal ausgehen möchte (und es nicht das Le Prom sein soll :)) eine Anreise von, Fußwege inklusive, 45 Minuten einrechnen muss um dann abschließend in den Genuss zu kommen nachts gefühlt allein durch Wartenberg zu schlendern - mag bei mir vielleicht noch gehen - meiner Frau würde ich es nicht empfehlen.


    Sicherlich unterscheidet sich dabei jedermanns Empfinden - Auf den genannten Umstand verzichten zu wollen, würde zumindest ich persönlich nicht als Luxus empfinden. Ist es überlebswichtig? Sicher nicht - aber ich finde auch nicht, dass das "unser" Anspruch sein sollte.


    Deiner Ausführung bezüglich des gestörten Verhältnisses von Städtebau und Dichte in Berlin stimme ich jedoch vollkommen zu!

  • Was völlig verdrängt wird, ist die Tatsache, dass die Migration nach Berlin den Wohnungsmarkt von unten her aufrollt.
    "Wir haben Platz"? theoretisch, ja.
    Über alles wird geredet: die hemmenden Bauvorschriften, die zögerlichen Investoren, die Traufhöhe usw. -aber dass es allein in Berlin 16.000 ausreisepflichtige abgelehnte Asylbewerber gibt? - nix ist.