Stadtgespräch Berlin

  • Mal sehen, ob Berlin das wirklich hinkriegt. In dem verlinkten Artikel wird ein grüner Bauexperte zitiert, die Übernahme von Typenbauten aus anderen Bundesländern, wie sie die CDU fordert, halte er allerdings für „schwierig“. In den Bundesländern gälten bislang unterschiedliche Standards, etwa im Bereich Barrierefreiheit. Das würde ja dazu führen, dass sich alle Investoren auf dem niedrigsten Level einpendeln. Als ob Berlin ein besonderes Level hätte!


    Wenn Berlin nicht die in anderen Bundesländern erteilten Typengenehmigungen zulässt, können sie es auch bleiben lassen, weil der Vereinfachungszweck dann nicht erreicht wird. Das wäre dann so ähnlich, wie wenn man in Berlin andernorts zertifizierte Bauprodukte nicht verbauen dürfte, z.B. eine F-30-Gipskartonplatte in Berlin gesondert zertifizieren müsste. Ende 2019 wurde von der Bauministerkonferenz die Fortschreibung der Musterbauordnung beschlossen, als § 72a die Typengenehmigung aufzunehmen. In der Regel übernehmen die Länder dann die Regelungen der MBO in ihr Landesrecht. Alle Bundesländer haben sie entsprechend der MBO schon, in Hessen ist sie im Geschäftsgang; überall gilt, dass die Genehmigungen aus anderen Ländern gültig sind, fehlt nur noch Berlin; wäre echt ein Witz....

  • Hoffen wir mal, dass Berlin seine Bedenken ausräumen kann. Es ist wirklich schwer zu vermitteln, weshalb selbst bei copy-paste-Architektur jedes Bundesland sein eigenes Süppchen kocht. Generell wirkt das Prozedere nach außen hin deutlich zu zäh und kompliziert, was aber auch an der Infrastruktur und Personalsituation der Behörden liegen kann.

  • Habe mal den aktuellen Stand der Musterbauordnung gegoogelt:


    1)Für bauliche Anlagen, die in derselben Ausführung an mehreren Stellen errichtet werden sollen, wird auf Antrag durch (nach Landesrecht zuständige Behörde) eine Typengenehmigung erteilt, wenn die baulichen Anlagen oder Teile von baulichen Anlagen den Anforderungen nach diesem Gesetz oder aufgrund dieses Gesetzes erlassenen Vorschriften entsprechen.

    2)Eine Typengenehmigung kann auch für bauliche Anlagen erteilt werden, die in unterschiedlicher Ausführung, aber nach einem bestimmten System und aus bestimmten Bauteilen an mehreren Stellen errichtet werden sollen; in der Typengenehmigung ist die zulässige Veränderbarkeit festzulegen. 3Für Fliegende Bauten wird eine Typengenehmigung nicht erteilt.(2) Die Typengenehmigung gilt fünf Jahre. Die Frist kann auf Antrag jeweils bis zu fünf Jahren verlängert werden; § 73 Absatz 2 Satz 2 gilt entsprechend.

    3) Typengenehmigungen anderer Länder gelten auch im Land ... (kraft gesetzlicherRegelung oder auf Grund Entscheidung durch Verwaltungsakt).


    Nach meiner bescheidenen juristischen Kenntnis ist nicht die Übernahme der Vorschriften aus der MBO in die LBO des Landes Berlin das Problem, das wird schon passieren. Es wird vielmehr an 3) liegen. Erst mit einem Verwaltungsakt wird entschieden, ob die Typgenehmigung auch im Land Berlin gilt. Das Land Berlin hat sich mit der Erzielung weitgehender Barrierefreiheit im Neubau sehr hohe Ziele gesetzt. Wenn ein bundesweit zur Ausführung kommender Typenbau dem nicht entspricht, kann es schwierig werden.

  • ^ Ich wüsste nicht inwiefern sich die Berliner Regelungen zum behindertengerechten Bauen im Neubau von denen anderer Bundesländer unterscheiden und höhere Anforderung stellen. Höhere Anforderungen gibt es tatsächlich bei Änderungen im Bestand (§ 51 Abs. 2 BerlBO), wo jedoch das Institut der Typengenehmigung ohnehin nicht in Betracht kommt; sie kommt nur bei Errichtung (= Neubau) in Frage (siehe § 72a Abs. 1 SAatz 1 MBO).

  • Nicht die Anforderungen und Regelungen des barrierefreien Bauens ändern sich. Es gibt in Berlin wohl eine Vorgabe, dass Neubauten grundsätzlich barrierefrei sein müssen. Das ist ein Unterschied zu anderen Bundesländern. Damit könnte ein Typenbau, der diese Anforderungen nicht erfüllt, nicht zugelassen werden. M. W. ist diese grundsätzliche Forderung des barrierefreien Bauens eine berliner Besonderheit. Kann mich aber auch irren.

  • Ich kann bei dieser Thematik sehr gern mehr Licht ins Dunkel des komplexen Bauordnungsrechts bringen.

    Bousset hat zunächst recht damit, dass das Thema der Barrierefreiheit in Berlin (bezogen auf Wohnungsbau) komplett anders geregelt wird, als das in den anderen Bundesländern der Fall ist. Insofern muss ich Tunnelklick enttäuschen, denn Berlin agiert hier wirklich auf einem anderen Level. Ob nun qualitativ besser oder schlechter, möchte ich nicht beurteilen.

    Während in vielen Bundesländern die DIN 18040-2 Barrierefreies Bauen für Wohnungen durch die Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen (VVTB) bauordnungsrechtlich eingeführt wurde und die Einhaltung der darin getätigten Anforderungen im Wohnungsneubau Pflicht ist, spielt diese Norm im Berliner Raum bei aktuellen Neubauvorhaben keine Rolle mehr. Hier gilt seit dem 1. Januar 2020 die Barrierefreies Wohnen Verordnung (BWV Bln), deren Inhalt fortan beachtet und im Zuge von Baugenehmigungsverfahren natürlich auch nachgewiesen werden muss.


    Korrigieren muss ich Bousset jedoch bezüglich seiner Aussage, dass Neubauten in Berlin grundsätzlich barrierefrei sein müssen. Im Wohnungsbau hängt das einerseits von der Anzahl der geplanten Wohnungen und andererseits von ggfs. notwendigen Aufzügen ab. Im §50 der Berliner Bauordnung werden die Voraussetzungen eindeutig formuliert. Bei mehr als zwei Wohnungen und der Notwendigkeit eines Aufzugs, den man ab mehr als vier oberirdischen Geschossen vorhalten muss, müssen 50 % aller Wohnungen barrierefrei ausgeführt werden. Ist ein Aufzug nicht erforderlich, aber sind dennoch mehr als zwei Wohnungen im Neubau geplant, müssen die Wohnungen eines Geschosses barrierefrei ausgeführt werden. Im EFH-Bau kann der Bauherr natürlich selbst entscheiden, ob er ein barrierefreies Objekt geplant und umgesetzt haben möchte oder nicht.


    In Bezug auf die Typenbau - Diskussion können die unterschiedlichen Regelungen durchaus ein Problem darstellen, obwohl ich vermute, dass die Typenbauten letztlich wohl eher dem Einfamilienhausbau zugute kommen werden, weil die Anforderungen in dieser Sparte geringer ausfallen. Für den wesentlich wichtigeren Mehrgeschosswohnungsbau, den wir in Berlin dringend benötigen, wird der Typenbau nur dann sinnvoll genutzt werden können, wenn die Typenbauten in Berlin genehmigt und umgesetzt würden.

    Bundeslandübergreifend wird soetwas, unter anderem wegen anderer Standards im Bereich der Barrierefreiheit, nicht funktionieren.

  • Die Senatsverwaltung für Gesundheit hat eine Studie zum Zusammenhang zwischen der COVID-19-Inzidenz anderen Faktoren veröffentlicht, bei der auch die Beziehung zum Wohnumfeld untersucht wurde. Demnach konnten die Forscher einen Zusammenhang zwischen beiden Faktoren nachweisen: Je dichter ein Bezirk besiedelt ist, umso höher ist die COVID-19-Inzidenz. Je mehr Erholungs- und Freiflächen vorhanden sind, umso geringer ist die COVID-19-Inzidenz. Insgesamt sind die Inzidenzen in Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln besonders hoch, während sie in Treptow-Köpenick, Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg besonders niedrig sind.

    https://www.berlin.de/sen/gesu…kurz-informiert/#Corona20

    https://www.tagesspiegel.de/be…mehr-corona/26893664.html

  • Während in vielen Bundesländern die DIN 18040-2 Barrierefreies Bauen für Wohnungen durch die Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen (VVTB) bauordnungsrechtlich eingeführt wurde und die Einhaltung der darin getätigten Anforderungen im Wohnungsneubau Pflicht ist, spielt diese Norm im Berliner Raum bei aktuellen Neubauvorhaben keine Rolle mehr. Hier gilt seit dem 1. Januar 2020 die Barrierefreies Wohnen Verordnung (BWV Bln), deren Inhalt fortan beachtet und im Zuge von Baugenehmigungsverfahren natürlich auch nachgewiesen werden muss.


    Nenn mir einen einzigen Punkt aus der BWV Bln, der nicht auch in der DIN 18040-2 geregelt ist, die Berliner Regelung ist nur anders gegliedert. Es gibt sogar Punkte, bei denen die Berliner BWV hinter die DIN zurückfällt. Ein Teil der Berliner Regeln betrifft Anforderungen an Bauprodukte, die nicht Gegenstand der Typengenehmigung sind, z.B. Briefkastenanlagen, Klingelboards. Die Annahme, Berlin agiere diesbezüglich auf einem anderen Level, finde ich durch nichts belegt; wollte ich unsachlich werden, würde ich sagen, Augenwischerei. Ich würde behaupten, wer die Vorgaben der DIN erfüllt, hat keine Probleme mit der BWV Bln.

    Wer's nachlesen will:

    BWV Berlin

    DIN 18040-2

  • Beim Befolgen einer Norm wie der DIN 18040-2 gilt die Vermutungswirkung, dass man alles richtig gemacht hat. Abweichungen sind beim Nachweis gleicher Sicherheit möglich. Da muss man sich dann aber sehr sicher sein. Ein Bauherr könnte sich nicht darauf berufen, dass die BWV eine DIN aushebelt und deshalb ein geringerer Standard möglich wäre.

  • tunnelklick:

    Bezüglich der Inhalte der DIN und der Verordnung hast du sicherlich recht. Es würde mich auch wundern, wenn es hier große Abweichungen gäbe. Im Kern geht es in beiden Dokumenten darum, die heutzutage geforderte Quantität an barrierefreien Wohnungen in angemessener Qualität umzusetzen. Über die dafür notwendigen Anforderungen besteht seit Langem Einigkeit.

    Beachtet werden muss jedoch (und darauf mache ich hier aufmerksam), dass die Bundesländer mithilfe der Verwaltungsvorschriften Technische Baubestimmungen frei entscheiden können, in welcher Form sie die allgemeinen Anforderungen an bauliche Anlagen und Bauprodukte konkretisieren.

    Und bei einer Typenbau-Genehmigung darf durchaus hinterfragt werden, ob diese die Anforderungen aller Länder bauordnungsrechtlich erfüllt.

    Dabei geht es mir nicht um den Inhalt der Rechtsgrundlagen, sondern um den Nachweis der jeweils bundeslandbezogen eingeführten Regel im Zuge eines Baugenehmigungsverfahrens.


    Ich mache es nochmal konkret für das Thema der Barrierefreiheit deutlich:

    Gemäß § 3 BauO Bln sind bauliche Anlagen so anzuordnen, zu errichten, zu ändern und instand zu halten, dass die öffentliche Sicherheit und Ordnung, insbesondere Leben, Gesundheit und die natürlichen Lebensgrundlagen, nicht gefährdet werden. Dazu gehören u.a. die Nutzungssicherheit und die Barrierefreiheit, für deren Gewährleistung das Land Berlin die Barrierefreies Wohnen Verordnung bauordnungsrechtlich eingeführt hat.

    Die Berliner Bauverfahrensverordnung, die die einzureichenden Unterlagen für ein Bauantragsverfahren definiert, verlangt, dass in der Baubeschreibung die Maßnahmen des barrierefreien Bauens konkret zu beschreiben sind. Dafür gibt es ein spezielles Formular, das als Grundlage für diese Beschreibung genutzt werden kann und das auf die Verordnung verweist. Die barrierefreien Wohnungen müssen zudem in den Grundrissen kenntlich gemacht werden.


    Wird nun zum Beispiel ein fünfgeschossiger Typenbau in Hamburg genehmigt, wird dort die Barrierefreiheit nach Hamburger Bauordnung und deren VV TB nachgewiesen. Da in Hamburg die Hürden jedoch geringer sind als in Berlin und eine andere Technische Regel als Grundlage dient, bildet eine eventuell erteilte Baugenehmigung nicht die Anforderungen ab, die sie in Berlin erfüllen müsste. Somit könne dieser Typenbau in Berlin nicht gebaut werden, außer er würde hier unter Berliner Bedingungen in einem erneuten Antragsverfahren geprüft und genehmigt werden.


    Das ist zumindest mein Verständnis der Sachlage.


    Bousset:

    Ich hoffe, dass ich deinen Text richtig verstanden habe. Hier muss man ganz klar unterscheiden zwischen dem Bauordnungsrecht als öffentliches Recht und dem Zivilrecht. Der Berliner Bauordnungsbehörde gegenüber kann es keine Aushebelung der DIN geben, denn die DIN 18040-2 ist in Berlin nicht eingeführt. Andersherum kann man sich in keinem anderen Bundesland auf die Verordnung beziehen, da diese dort nicht eingeführt ist. Auch hier möchte ich nochmal erwähnen, dass es bezüglich der Typenbau-Genehmigung nicht um die Inhalte geht, sondern rein um den Nachweis der jeweiligen technischen Regel gegenüber der Behörde.

    Der Typenbau selbst müsste am Ende wohl einen sehr hohen Standard vorweisen, um die vielen unterschiedlichen Anforderungen in den einzelnen Bundesländern erfüllen zu können.

  • Demnach konnten die Forscher einen Zusammenhang zwischen beiden Faktoren nachweisen: Je dichter ein Bezirk besiedelt ist, umso höher ist die COVID-19-Inzidenz.

    Dafür führen die ernsthaft eine Studie durch?! Um herauszufinden, ob mehr Menschen auf gleichem Raum mehr Ansteckungsgefahr bedeuten?! :rolleyes:

  • ^ Bisschen weniger Ressentiment ginge vielleicht auch? Dass nicht-kommerzielle, nicht staatlich geförderte Kunst nur noch in solchen Gebäuden Platz findet, könnte man ja auch mal als Problem betrachten, statt die Akteure mit Hass und Verachtung zu überziehen (ähnlich: Rechenzentrum Potsdam). Ich bin gar nicht für den Erhalt des Gebäudes – ich halte es für wenig attraktive Dutzendware. Aber wenn ich sowas lese, bin ich geneigt, meine Meinung zu ändern. Platz für publikumsreiche Ketten-Gastro, Ketten-Boutiquen, Ketten-Entertainment und Touri-Shops gibt es in Berlin schon genug.


    Mod: Bezieht sich hierauf da in anderen Thread OT.

  • Das Ressentiment ging wenn überhaupt gegen die Architektur von der nun keine Erlösung zu Gunsten des Projektes erwartbar scheint. Hass kann ich keinen ausmachen.

    Die Theatertruppe hab ich lediglich als exclusiv bezeichnet. Ich gehe stark davon aus dass hier mindestens städtische finanzielle Beihilfen fließen - ansonsten sollte das Theaterprojekt spätestens mit dem für die Kultur verhängnisvollen Lockdown sowieso am Ende sein.


    Das man sich hier aufgrund der großzügigen räumlichen Möglichkeiten entfaltet hat ist absolut nachvollziehbar und mit Sicherheit die vornehmste Nachnutzung


    Äußerlichkeiten am Bau sind für kreative Arbeit im Innenbereich erst einmal nachrangig - nun wird jedoch ein ganzes Stadtviertel drumherumkomponiert.


    Ein Bau, der bisher völlig losgelöst von einem anspruchsvollen städtebaulichen Rahmen als reiner Zweck und Arbeitsraum existierte und in Maß und Gestalt sich weiterhin gegen jede gelungene Adoption durchs emporwachsende Quartier sträuben wird.

    Das ist für mein Verständnis unverhältnismäßig und es mutet absurd an an diesem Bau festzuhalten.


    Und ja auch ich bin kein Freund von, mit peinlich hässlichem Tinnef angefüllten Souvenirstationen und Kettenrundumvollversorgung - Ist aber hier auch sicher nicht angedacht.

  • Architektenkind: In diesem Fall ist die Kunst staatlich gefördert - und ein Spass für ganz ganz wenige Menschen. 180.000 Besucher im Jahr - das ist nicht viel. Nix für "Normalos". Im Gegenteil - die finden in Mitte immer weniger für sich. Solche Projekte sind sogar wichtige Gentrifizierungs-Treiber. Sie sorgen für Brot, Spiele und Girlanden für die Mitte-Privilegierten - egal ob Hipster oder Dritt-Wohnungsbesitzer. Das ist meines Erachtens nun mal das Wesen von Metropolen. Es sind gerade die "linken" / "progressiven" Projekte, die das bewirken was sie verhindern wollen. Die Belebung von Innenstädten wird ein wachendes Problem - das ist nichts Neues mehr. Ich halte es aber für schlauer, das mit einer Regulierung der Erdgeschosszonen zu erzielen - statt mit staatlicher Subvention von Einzelprojekten. Selbst die private Signa schlägt vor, dass Entwickler zukünftig 20% der Erdgeschosszonen umsonst oder ganz billig vergeben sollten. Das würde auch dem Klosterviertel gut tun. Dann müssten solche Initiativen auch nicht so krampfhaft am Status Quo festhalten - und helfen, Entwicklung zu verhindern.

  • Oranien


    Was sind das für verdrehte Zahlen und Argumente? Mit 180.000 Besuchern im Jahr - angeblich "nicht viel" - wäre der "Theaterdiscounter", wenn es denn irgendetwas mit der Realität zu tun hätte, eines der am stärksten frequentierten Theater-, Opern- oder Konzerthäuser der Stadt. Das "Gorki", die "Volksbühne" & das "Schlosspark Theater" haben unter 90.000 Besucher im Jahr, "Schaubühne" & "Berliner Ensemble" um die 130.000, selbst das "Konzerthaus" hat nur etwa 150.000. Der Theaterdiscounter nutzt nur ein Stockwerk in dem DDR-Bau und hat maximal 150 Sitzplätze. Besucher hat er etwa 6500 im Jahr.


    Was die Förderung angeht, so hat der TD meines Wissens 15 Jahre ohne jede Zuwendung überlebt und ist dann vor drei Jahren in die Konzeptförderung des Landes aufgenommen worden. Die verwendeten Mittel sind dabei überschaubar. Was diese Förderung oder die bloße Existenz eines freien Theaters in Mitte mit "Nix für Normalos" oder "Gentrifizierung" zu tun haben soll, bleibt zudem offen. Es sei denn, man zieht aus seiner Vulgärgentrizifierungstheorie den Schluss, dass man sich nun aber bitte vollständig dem Neoliberalismus hinzugeben und jeder um sein eigenes Überleben zu kämpfen habe. Und inwiefern bitte verhindern - wie Sie so schön despektierlich sagen - "solche Initiativen" die Entwicklung. Der TD ist Mieter einer Etage in dem Objekt und weder Eigentümer noch Investor. Und die Lage ist auch alles andere als dauerhaft stabil, was übrigens auch im Gutachten der Konzeptförderung bedacht wurde. Dort lautet es: "Die Immobiliensituation am Standort des Theaterdiscounters im Planungsgebiet Molkenmarkt in der Klosterstraße 44 in Berlin-Mitte ist, wie in anderen ähnlich gelagerten Fällen, angespannt (überteuerte Gewerbemiete) aber nicht hoffnungslos. Derzeit ist die Zukunft des Theaterdiscounters dort im Förderzeitraum 2020 bis 23 gesichert. Zugleich muss der Theaterdiscounter wie auch das 'Verlin' von Constanza Macras / Dorky Park in demselben Gebäude mit der Situation zurechtkommen, dass das Haus im Besitz privater Investoren ist und zum Stadtentwicklungsgebiet Molkenmarkt gehört."


    Theater-, Opern- & Konzerthäuser brauchen ebenso wie Museen und Bildungseinrichtungen Förderung, Festivals egal welcher Stilrichtung ob im Radialsystem für "Neue Musik" oder im Berghain während der "Club Transmediale" für elektronische Musik beziehen ebenso wie die Berliner Clubszene öffentliche Gelder. Die freie Theaterszene in Berlin ist sehr überschaubar, dabei aber von größter Bedeutung auch für die Schauspielschulen, Film- & Fernsehhochschulen. Im TD finden etwa die Abschlussproduktionen der Studierenden der Universität der Künste und der Ernst-Busch-Hochschule statt.

  • HarrySeidler: Du bestätigst damit meine Argumentation. Alle diese Institutionen sind für wenige Privilegierte. Die Nutzungszahlen sind im Verhältnis zur Stadt eine Hinterkomma-Stelle. Sie haben mit der Lebensrealität von 90% der Berliner nichts zu tun. Sie machen das Leben einer kleinen Minderheit für viel staatliches Geld noch angenehmer. Die Zahl, die ich zitierte, stammt von TD - als Anzahl der Menschen, die sie pro Jahr erreichen. Als Eigenangabe wird dieser Zahl in Wirklichkeit kaum grösser sein - eher kleiner. All die Zahlen, die auch Du nennst, sind winzig. Denn da stecken ja die "Afficionados" drin - mit Mehrfachbesuchen. Diese Sorte Kultursubventionen ist von Wenigen für Wenige. Da kann man machen. Ich mags das auch als Bereicherung meins Lebens. Man soll aber nicht so tun als wäre es "sozial".

  • ^ Streiche "Privilegierte", ersetze es durch "Interessierte" – dann können wir drüber reden. Eine Karte kostet im TD 15 Euro. Das ist wohl kaum der Oberschicht vorbehalten. Für mich sind solche Institutionen (ebenso wie Boulevard-Bühnen, Varietés, Ballsäle, Clubs oder Programmkinos) kleine Stücke im großen Puzzle, das sich Vielfalt der Hauptstadtkultur nennt. Wenn Du mit dem Argument der Masse an deren Existenzberechtigung herangehst, bleibt am Ende kaum eine übrig.


    Und von "sozial" hat hier niemand gesprochen außer Dir – ebenso wenig von "Gentrifizierung". Die spielt, anders als im Gründerzeitgürtel, an diesem Standort keine Rolle. Es sei denn, Du willst behaupten, die im Klosterviertel zu bauenden Wohnungen würden teurer, weil sich in der Nähe der olle Kasten mit dem TD darin befindet.

  • Alle diese Institutionen sind für wenige Privilegierte.

    Es gibt zwei Verwendungen des Begriffs "Privileg". Die erste, historische, ist "Privileg" als Rechtsbegriff der Standes- und Feudalgesellschaft, der verliehene Sonderrechte wie Adelsprivilegien bezeichnet. Das kann hier nicht gemeint sein. Die zweite, übertragene, meint Vorteile, die Personen allein aufgrund ihres sozialen Status oder ihrer ökonomischen Möglichkeiten zukommen, also andersherum ausschließend sind (Bsp.: Eton College). Das kann aber auch nicht gemeint sein, da die Kulturförderung ja gerade dafür sorgt, sozialen und ökonomischen Ausschluss zu vermeiden.

  • Architektenkind Ja, genau das behaupte ich. Privilegiert sein ist eine Mischung aus Geld und Bildung. Viele würden sagen: Plus Rasse und Geschlecht. Und ja: Diese Sorte Initiativen sind (leider, kann man sagen) die Gentrifzierungstreiber schlechthin. Pioniere eines sozialen Wandels zulasten der Normalos. Das ist so einmal um die Welt, Man schaue sich nur London oder New York an. Aber in Berlin gibt man sich da, meines Erachtens, gern sozialromantisch - und will nicht sehen, dass - zum Beispiel in Mitte - längst diesselben Prozesse greifen. Dem wird sich auch das Klosterviertel nicht entziehen. Wenn es dauerhaft gelingt, die Mieten niedrig zu halten, ist übrigens auch das eine unfaire Subvention für die dann dort wohnenden Privilegierten. Für 6 Euro mitten in der Stadt. Da würde ich mir als Jemand, der/die dasselbe in Spandau zahlt, veräppelt vorkommen.

  • HarrySeidler: Ich behaupte auch da das genaue Gegenteil: Diese Subventionen verbilligen den Zugang von Privilegierten. Mehr nicht. Die Wirkung in die Gesamtbevölkerung geht gegen Null. Nicht nur in Berlin.