MITTE - Westend quo vadis?

  • Zitat

    Entstehen sollen außerdem 200 PKW Stellplätze. Bei der ersten Planung waren sah 62 Stellplätze vorgesehen.


    Zitat

    Zudem hat das DAI auf dem Areal nahe der Jahrhunderthalle ein zweites Baugrundstück erworben, auf dem eine weitere Stellplatzanlage – zusätzlich zu den Parkplätzen direkt neben dem Neubau – errichtet werden wird. „Durch die zusätzliche Stellplatzanlage können wir unseren Seminarteilnehmern größtmöglichen Komfort bei der Anreise bieten.


    Und auch hier wieder, ähnlich wie bei den krass überdimensionierten Vonovia-Parkplätzen meine Frage:


    HALLO VERKEHRSWENDE? IST DA WER!?


    Diese beiden Projekte befinden sich 2(!) bzw. 4 Stationen Stadtbahn (die Tunnelstrecke davon vor wenigen Jahren mit massivem Finanzaufwand durch die Bochumer Innenstadt gegraben) vom Hbf entfernt. Wieso werden hier so großzügig Pkw-Stellplätze ausgewiesen?
    Ich finde es enttäuschend dass selbst bei innenstadtnahen Konversionsprojekten offensichtlich aller Lippenbekenntnisse zum Trotz weiter am Dogma der autogerechten Stadt festgehalten wird. Nachhaltige und klimaneutrale Stadtentwicklung sieht anders aus.

  • ^^
    Das sehe ich ein wenig anders. In meinen Augen hat eine Kommune dafuer Sorge zu tragen, dass bei einem privaten Bauvorhaben ausreichend Parkplaetze ausgewiesen werden. Tut sie das nicht, kommen vermutlich nur marginal weniger Menschen mit privatem PKW, jedoch parken die verbleibenden Fahrzeuge im oeffentlichen Raum, mit entsprechend negativen Konsequenzen (etwa Verkehr durch Parkraumsuche) fuer die lokal ansaessige Bevölkerung.


    Eine erfolgreiche Verkehrswende findet sicherlich auch nicht darueber statt, Parkraum künstlich zu verknappen. Eher schon findet sie statt ueber einen Ausbau des OEPNV und der Radwege. Mit entsprechend attraktiven Angeboten kann eine Verschiebung von Individualverkehr auf oeffentlichen Nahverkehr dann ganz automatisch und ohne ideologischen Zwang stattfinden.


    Und nein, der Ausbau einiger Stadtbahnstationen in Bochum kann momentan definitiv nicht als Argument dienen, das Auto stehen zu lassen. Die zuleitenden Verkehrsmittel sind im gesamten Ruhrgebiet naemlich voellig unzureichend. Auf vielen wichtigen Strecken bestehen nach jahrelangen Stilllegungsoffensiven naemlich schlicht gar keine Verbindungen mehr. Auf den bestehenden Verbindungen besteht meist ein schlechter Takt mit langen Umstiegszeiten, von den voellig ueberfuellten und verspaeteten Zuegen gar nicht zu sprechen.


    Und ja, ich weiss wovon ich spreche, weil ich kein Auto besitze und alles ueber OEPNV und Rad bewaeltige. Das faengt an bei der Jobsuche - selbst wenn man in nahegelegene Ruhrgebietsstaedte pendelt ist man mit dem OEPNV meist peinlich lange unterwegs. Geht weiter bei der Freizeitplanung am Wochenende mit laecherlich ausgeduenntem Takt und nicht konkurrenzfaehigen Fahrtdauern. Und findet seine Kroenung in lebensgefaehrlich schlecht ausgebauten Radwegen direkt in Bochum. Hier sollte Verkehrswende anfangen, wenn sie mich fragen.

  • ich bin da auf der Seite von Urbanist: Zwischen ein relativ dicht besideltes Wohngebiet und einen Park (!), noch dazu fast auf Sichtweite des Rathauses, 2 Minuten Fußweg von einer Parkpalette mit 339 Parkplätze, die ausserhalb der Veranstaltungen in der Jahrhunderthalle praktisch nicht genutzt wirden siedelt man ein Gewerbegebiet an, dass nur aus Büros besteht (also auch in ganz anderer Dichte möglich wäre), aber Fläche verbraucht, als sei man auf der grünen Wiese.


    Und die Argumentation, dass man die Autoinfrastruktur verbessern muss, weil der ÖPNV nicht funktioniert, könnte rückwärtsgewandter (und ruhrgebitstypischer) kaum sein. Es wird sich nichts ändern, solange man als Autofahrer genug Privilegien geniesst, um zu wissen, solange man seine private Blechkiste nicht verlässt, wird man von den Investoren und den Kommunen hofiert. Sobald man aber aussteigt, ist man Verkehrsteilnehmer zweiter oder dritter Klasse. Das ist irgendwie auch ideologischer Zwang...
    Dieses "mehr-desselben" (Mehr Spuren, mehr Parkplätze) mag zwar kurzfristig helfen, verhindert aber langfristig, dass man endlich das tut, was vor zwanzig Jahren hätte tun müssen: Repariert endlich den ÖPNV, verdorri! Und zwar vorgestern!


    Übrigens: Das Fehlen von Parkplätzen lädt sehr wohl dazu ein, den ÖPNV zu benutzen. Wenn ich mein Ziel mit Öffies gut erreichen kann, dort aber keinen Parkplatz finde, benutze ich eben gut angebundene Park & Ride-Möglichkeiten, wenn ich nicht die ganze Strecke mit den Öffies zurücklegen kann. Und jeder Kilometer weniger Autofahrt ist ein Gewinn für die Stadt. Und jeder Nutzer des ÖPNVs, und sei es nur auf einer Teilstrecke, erhöht den politischen Druck, die Verkehrswende voran zu treiben.



    Ja. Das kostet Geld. Aber das Geld das Problem ist, weigere ich mich mit Blick auf den BVWP und dessen Segnungen für das Ruhrgebiet mit z.T. absurd teuren Autobahnverbreiterungen mittlerweile zu glauben. Aber es geht ja nicht anders, der ÖPNV kann es ja nicht leisten: Statt Verkehrswende also Teufelskreis (treffender Teufelsspirale).


    Es ist absurd: Der Himmel blau, die Städte grün, die Industrieüberbleibsel auf Hochglanz poliert und zu spannenden Hot Spots der Hochkultur gemacht. Aber das Ruhrgebiet wird seinen Ruf, hässlich zu sein, nicht los. Wieso bloß?
    Joni Mitchell sang es vor 49 Jahren: "They paved paradies and put up a parking lot".


    Und einer der wenigen Standortvorteile, die Bochum hat, sind Flächen. Wenn man aber ebenerdig 200 Parkplätze pflastern kann, zeugt das jedoch nur davon, dass hier etwas verramscht wird, was eigentlich Filetstücke hätten sein können und müssen: Wir werden über kurz oder lang (eher ersteres) diesen Standortvorteil verlieren, wenn wir 700 m vom Rathaus entfernt zulassen, dass die Fläche zum Parken die überbaute Fläche übersteigt.

  • Vielen Dank für Eure Antworten.
    Ich glaube es ist tatsächlich so, dass für eine echte Verkehrswende die Pull- und die Push-Faktoren gleichermaßen adressiert werden müssen.
    Das heißt natürlich eine deutliche Verbesserung des ÖPNV (ich hab selbst mal ein Jahrzehnt in Bochum gelebt und bin nur mit den Öffentlichen im Ruhrgebiet unterwegs gewesen und weiß daher wovon knallo spricht, Fahrrad fahren hab ich gar nicht erst in Erwägung gezogen) durch Taktverdichtungen und neue Strecken, und das heißt auch der Aufbau einer Radinfrastruktur die aus mehr als nur dem RS 1 besteht (schönes Projekt, aber ohne brauchbare Zulauf- und Verteilernetze beinah wertlos).


    Die Erfahrungen aus den Niederlanden, Kopenhagen oder auch Wien lehren aber auch dass der Gebrauchswert von Autos eingeschränkt werden muß um Leute aus diesen heraus zu holen. Das bedeutet Durchfahrtsperren und Einbahnsysteme in Innenstädten und Wohngebieten für PKW (schöne Beispiele in Groningen/NL und Houten/NL, auch der Wiener Verkehrsplaner Hermann Knoflacher befürwortet "künstliche Staus" als Tool um Autonutzung in der Stadt unbequem und vor allem zeitraubend zu machen), und es bedeutet vor allem die Verknappung und heftige Bepreisung von Parkraum. Autos stehen 23 Stunden am Tag, und diesen Platz bekommen sie in Deutschland weitgehend kostenlos und besonders im Ruhrgebiet geradezu auf dem Silbertablett serviert.


    Die Umverteilung der Flächen weg vom Automobil hin zu Fußgängern, Radfahrenden und ÖPNV ist ein wesentlicher Schlüssel zur Verkehrswende.


    Ich glaube dass vor allem im Ruhrgebiet die Verkehrswende auch ein Mentalitätsproblem zu sein scheint. "Verkehr" heißt hier immer "Autoverkehr" (geht ja auch schön aus dem DAI-Statement hervor, wo im Zusammenhang mit den Parkplätzen von einer "bequemen Anreise" die Rede ist, so als ob es ein Naturgesetz sei dass diese natürlich per PKW erfolgt).
    Wer kein Auto benutzt ist irgendwie nicht ganz Ernst zu nehmen, das hab ich auch immer so empfunden.
    In Sachen Autojunkietum kann man das Ruhrgebiet beinah mit einer deutschen Rustbelt-Version von Los Angeles vergleichen (dazu passt auch der verschwenderische Umgang mit Fläche), nur dass das originale LA mittlerweile recht viel in ÖPNV und sogar Radwege investiert.