Frankfurter Stadtgespräch

  • jan85


    Meinst Du nicht, dass es müssig ist, sich auf die anonym abgegebenen Beitragsbewertungen öffentlich zu beziehen? Nach meiner (kurzen) Erfahrung tendieren einige Leute zu unfreundlichen und mitunter dummen Abstrafungen von Beiträgen, die nicht ihrem Geschmack (oder ihren politischen Ansichten) entsprechen. Anonym kann man wunderbar Vorurteile abreagieren. Man kann diese Kommentare aber auch ignorieren.

  • Omnio: da gebe ich Dir 100% recht. Frankfurt/M. wird den Umzug von Suhrkamp verkraften. Dieses Neidgezettere von einigen hier in Rhein-Main ist unerträglich. Fast alle großen Unternehmen wie Wella etc. sind erst nach dem Krieg ins Rhein-Main gekommen und hatten vorher ihren Sitz im Osten. Berlin hat indessen jahrelang die Nachteile der Teilung verkraften müssen. Das nun kleinere Unternehmen ins kulturell lebhaftere Berlin ziehen ist absolut nachvollziehbar und sollte nicht Gegenstand einer kleinkarierten Diskussion sein.

  • ^ Es geht nicht um Neid, sondern man ärgert sich über unfaires Verhalten: Berlin nimmt hessische Transferzahlungen, um damit hessische Firmen wegzukaufen.
    Die kulturelle Vielfalt reicht nämlich offensichtlich nicht alleine, um Firmen anzulocken...


    Ps.: bitte jetzt keine Argumente mehr aus der DDR, von Bismarck oder von Hannibal (der andere mit den Elefanten ;-)

  • Es geht nicht um Neid (worauf auch, Suhrkamp ist ja schon Frankfurt) sondern um gekränkten Stolz. Wenn ein Unternehmen eine Stadt mit dem Hinweis verlässt, das ein anderer Standort möglicherweise geeigneter oder hübscher ist, dann ist das immer eine Zurückweisung. Die verlassene Stadt reagiert dann in der Regel mit brennender Eifersucht, die sich in Verwünschungen der verschmähten Liebe und Hass auf den Konkurrenten entlädt.


    Wenn dem Suhrkamp Verlag die baldige Pleite vorhergesagt oder die sofortige Abschaffung des Länderfinanzausgleichs gefordert wird, dann sind das genau dieselben Emotionsausbrüche, die das Ende einer gescheiterten Liebesbeziehung begleiten. Bei allen Firmenumzügen, die ich bisher verfolgen durfte, war die Bevölkerung der verlassenen Stadt nie der Meinung, dass es für das Unternehmen an seinem künftigen Standort einen echten Wettbewerbsvorteil geben könne. Stattdessen galt das Management des Unternehmens als desto verblödeter und die Belegschaft als desto klüger, je stärker sie für bzw. gegen einen Umzug argumentierten.


    Wer in so eine Debatte sachlich und ausgleichend eingreift, muss damit rechnen angefeindet zu werden, weil eben jenes überhaupt nicht erwünscht ist. Es geht nur darum, die Emotionen rauszulassen, nicht darum die Lage zu analysieren. Sonst wäre schon früher aufgefallen, dass beide Städte dem Verlag geldwerte Angebote gemacht haben. Während es von Seiten Berlins natürlich vollkommen unfair ist, ein Unternehmen bei der Suche nach einer geeigneten Ruine zu unterstützen, ist es von Seiten Frankfurts nur recht und billig ungefragt mit renovierten Immobilien und Erbpachtverträgen zu werben. Schließlich gehört das Unternehmen nicht seinen Gesellschaftern sondern der Stadt, die es nicht ziehen lassen will.


    Eines muss man jedoch neidlos anerkennen, die FAZ ist eine so gründlich recherchierende Zeitung, wie es sonst keine gibt.
    Wie wär's liebe FAZ? Ich bin sicher Martin Barry würde über seine Domain mit sich reden lassen.

  • Reich-Ranicki sagte einmal das die FAZ der einzige Grund gewesen sei warum er nach Frankfurt/M. ging. Hätte die Zeitung woanders ihren Sitz, wäre er dahin gegangen.


    Unterm Strich haben wir es doch mit einer Neiddebatte zu tun. Denn mit Sicherheit hat nicht nur das Geld die Entscheidung vorangetrieben, sondern das kulturelle Umfeld von Berlin. Hätte z.B. die Wirtschaftsförderung von Halle, Hagen oder Hameln mit Geldern gelockt, wäre Suhrkamp vermutlich nicht der Versuchung erlegen...

  • Unsauber argumentierst vor allem Du, Guderian. Denn den betriebswirtschaftlichen Nutzen des Umzuges hat niemand bestritten. Und die vermeintliche und echte Strahlkraft Berlins wird zumindest von meiner Seite auch garantiert nicht bestritten! Streitpunkt allein ist hier die Vorgehensweise des Berliner Senats und der Länderfinanzausgleich (LFA). Denn von allen beteiligten Seiten unbestritten ist


    a.) dass Berlin auf Suhrkamp zugegangen ist, erstmals vor 3 Jahren (und nicht umgekehrt)


    b.) Berlin mit Subventionen wirbt, namentlich Gebäude und Übernahme der Umzugskosten


    c.) Berlin dieses Angebot (indirekt) aus Mitteln des LFA finanziert


    d.) Berlin ohne den LFA und Bundeszuschüsse pleite wäre und praktisch gar keine nennenswerte Kultur mehr besäße


    Damit bestreite ich nicht die Vorteile und Anziehungspunkte, die Berlin sicher auch besitzt. Es geht mir einzig darum, die unfaire -in Deutschland sagt man auch gerne "unsoziale" - Vorgehensweise der Berliner Regierung. Dieses System, bei dem sich deutsche Länder gegenseitig mit Steuergeldern und nicht mit Standortvorteilen Unternehmen abwerben, anstatt sich echte Wettbewerbsvorteile zu erarbeiten, wird uns irgendwann auch international teuer zu stehen kommen.

  • garcia
    Unsauber argumentierst vor allem Du, Guderian. Denn den betriebswirtschaftlichen Nutzen des Umzuges hat niemand bestritten.
    Aber den Standortvorteil hat jemand bestritten und das warst du selbst. Zitat: "Im Falle Suhrkamp fiel die Entscheidung mit Nichten aufgrund echter Wettbewerbsvorteile des einen Standortes gegenüber des anderen." Und sie (die Entscheidung) tat es eben doch!


    Und die vermeintliche und echte Strahlkraft Berlins wird zumindest von meiner Seite auch garantiert nicht bestritten!
    Du bestreitest aber, dass daraus ein finanzieller Vorteil für kulturschaffende Unternehmen wie Suhrkamp entsteht. Denn du behauptest, die Entscheidung fiel mit Nichten aufgrund von Strahlkraft / Sogwirkung, sondern aufgrund von Immobilien / Finanzierung. Die sagst im Prinzip: Kultur gibt es, Kultur hat aber für kulturschaffende Unternehmen keine wirtschaftliche Bedeutung.


    a.) dass Berlin auf Suhrkamp zugegangen ist, erstmals vor 3 Jahren (und nicht umgekehrt)
    Richtig. Was ist daran verkehrt? Ich sag es ohne scheu: Berlin freut sich über jedes Unternehmen, das kommen möchte. Diese Einladung richtet sich dezidiert an alle Unternehmen auf der ganzen Welt. Unfair, nicht wahr?


    b.) Berlin mit Subventionen wirbt, namentlich Gebäude und Übernahme der Umzugskosten
    Aber wenn Suhrkamp in Frankfurt bleiben würde, dann brauchte es weder ein neues Gebäude noch hätte es Umzugskosten. Es entsteht also kein direkter Gewinn für das Unternehmen, außer dass es nach dem Umzug an einem Standort ist, den das Management für geeigneter hält.


    c.) Berlin dieses Angebot (indirekt) aus Mitteln des LFA finanziert
    Das heißt also, Bundesländer die Mittel erhalten, dürfen keine Standortpolitik betreiben. Dummerweise steht davon nichts im Gesetzbuch.


    d.) Berlin ohne den LFA und Bundeszuschüsse pleite wäre und praktisch gar keine nennenswerte Kultur mehr besäße
    Das ist der kapitalistische Ansatz, nach dem das Bild in einem Museum den höchsten Wert hat, für das bei der Anschaffung am meisten gezahlt wurde. Echte d.h. nennenswerte Kultur funktioniert anders. Tatsächlich wird Berlin kulturell immer ärmer, je mehr verfallene Industriebrachen verschwinden und je mehr teure Galerien aufmachen. Ironischer Weise ist Berlin für Kulturschaffende je anziehender je ärmer es ist. Arm und Sexy, das ist kein Widerspruch.


    Dieses System, bei dem sich deutsche Länder gegenseitig mit Steuergeldern und nicht mit Standortvorteilen Unternehmen abwerben, anstatt sich echte Wettbewerbsvorteile zu erarbeiten, wird uns irgendwann auch international teuer zu stehen kommen.
    An dem Punkt gebe ich dir sogar recht. Aber du verkennst die Konsequenzen deiner Argumentation. Wenn das föderalistische System scheitert, werden alle Verlage, alle Labels, alle Studios und Sender sich in einer maximal zwei Städten sammeln. Frankfurt gehört nicht dazu.


    P.S.: Jedenfalls findet meine These anklang, dass es sich im Kern um eine gestörte Liebesbeziehung handelt. :Colgate:


    Stellen Sie sich vor, Sie haben einen guten Freund, der in Not geraten ist. Viele Jahre haben Sie ihn unterstützt, haben ihm Geld gespendet, ... Aber dann spannt Ihnen der Freund Ihre Frau aus - nicht zuletzt, indem er ihr teure Geschenke macht.

  • ^
    Guderian auf Laternenfang im Frankfurt Forum...


    Zitat:
    Wenn das föderalistische System scheitert, werden alle Verlage, alle Labels, alle Studios und Sender sich in einer maximal zwei Städten sammeln. Frankfurt gehört nicht dazu.

    Diese Einschätzung teile ich. Frankfurt hat aber bereits jetzt das große Problem, dass das Land der Stadt nicht die politische Position einräumt, die sie als einziges funktionales Zentrum des Rhein-Main Ballungsraumes haben müsste, um ihre Standortvorteile wirklich nutzen und damit auch neue gewinnen zu können. So kanibalisieren sich Teile der Region erst einmal nach Kräften selbst. Dass die Bundeshauptstadt langfristig davon nur profitieren kann mag einleuchten, wie man dies bewertet steht dagegen auf einem anderen Blatt.


    Die Einsicht der Deutschen in die Notwendigkeit der Zentalisierung von Infrastruktur in Ballungsräumen ist wünschenswert und könnte durch den vielbeschworenen demographschen Wandel begünstigt werden. Dennoch sind wir von einer bundesweiten Konsolidierung der Verhältnisse einfach viel zu weit entfernt, um das Vertrocknen funktionaler Ballungsraumzentren (und zu denen gehört Frankfurt nun definitiv) in Kauf nehmen zu können - Chancen für ein 40 mio. Berlin sehe ich jedenfalls auch langfristig nicht.
    Dass man Frankfurt leider in einiger Hinischt seine Bedeutung nicht ansieht, dürfte im Bezug auf die kulturelle Dimension sehr wahrscheinlich ein Standortnachteil sein, dass es nicht das politische Zentrum Hessens ist, ist definitiv einer - die Folgen dieses Problems werden allerdings (leider) nur Wiesbaden zu mildern sein, in Berlin jedenfalls nicht.

  • Ob gekränkter Stolz im Spiel ist, lässt sich abschliessend schwer beurteilen. Es herrscht wohl viel eher Enttäuschung und ein bisschen Ratlosigkeit, aber ein Dauerzustand wird daraus auch sicher nicht. Wahr ist nämlich auch, dass Frankfurt auch oft Gewinner und somit andere auch Verlierer des Städtewettbewerbes sind. Die vielleicht wichtigste Entscheidung für Frankfurt in Jahrzehnten, war der Gewinn der EZB. Dadurch sind unzählige Synergie-Effekte für die Stadt entstanden. Sollte es beispielsweise eine zentralisierte Bankenaufsicht für die Euro-Zone geben oder die Bafin konsolidiert werden, steht Frankfurt sicher ganz oben auf der Liste (und dann reden wir bei Steuern und Prestige ohnehin über ganz andere Dimensionen).


    Der springende Punkt bei Suhrkamp ist: Dieser Verlag ist kein gewöhnliches XYZ Unternehmen, sondern ein Stück Frankfurter Kulturgut. Dass dies nicht nur auf Verständnis und Wohlwollen trifft, ist doch mehr als verständlich. Eine Art Übereinkommen zu finden damit sich Städte bei kulturell wichtigen Institutionen nicht gegenseitig schädigen, wäre denkbar. Eines ist klar: Das kulturell erstarkte Berlin würde auch ohne das Abwerben von kleinen Verlagsunternehmen wohl genügend andere Möglichkeiten finden zu wachsen. Beispielsweise dürfte der neue Flughafen BBI viele positive Nebeneffekte für Berlin mit sich bringen oder auch das eiserne Spar-Konzept von Theo Sarrazin der Stadt auf Sicht eher helfen als schädigen.

  • @ Agamemnon
    Bisher sind es (erst/schon) vier rote Lampignons. Was könnte Frankfurt als funktionales Zentrum von Rhein-Main eigentlich noch hinzugewinnen? Abgesehen von den peinlichen Politikern aus Wiesbaden ist doch schon fast alles vor Ort. Ich sehe jedenfalls nicht, wie die Bedeutung Frankfurts durch den Föderalismus künstlich geschmälert wird. Das eigentliche Problem ist doch, wir konkurrieren mit einer weltgrößten Volkswirtschaft, die nur einen Börsenplatz pro Kontinent und eine Metropole pro Ozean kennt. Selbst als führender nationaler Finanzplatz ist Frankfurt in Europa abgehängt. Auch ohne EZB dominiert London den Finanzmarkt und London ist ein Zwerg neben New York.


    Es gibt im Nachwende-Deutschland eine weit verbreitete Verherrlichung der angeblichen Vorzüge des Dezentralismus. Aber dadurch geht auch effektiv Wirtschaftskraft verloren. An die 100 Filmstädte in Europa produzieren nicht soviel, wie die eine Stadt Los Angeles. Budweiser USA (jetzt InBev Belgien) produziert schon allein mehr Hektoliter Bier als alle deutschen Brauereien zusammen. Und so kann man die Liste ewig weiter führen. Fakt ist, die deutschen Landsmannschaften schließen sich nicht freiwillig zu größeren effizienteren Strukturen zusammen. Daran wird auch der demographische Wandel nichts ändern. Solange man Hessen, Saarländer, Brandenburger etc. nach ihrer Meinung fragt, wird es nie zu Länderfusionen kommen. Die von Badenern und Württembergern war die Ausnahme von der Regel.


    Die Germanen mögen einfach keine Veränderungen und halten noch Jahrhunderte nachdem Freistaaten und Hansestädte obsolet geworden sind daran fest. Der Anpassungsdruck wird ignoriert und so gut es eben geht weg subventioniert. Einsicht in die Notwendigkeit ist das Letzte, was man von einem Deutschen erwarten darf. Deswegen kann man den Versuch, sich als Veränderer beliebt zu machen, gleich aufgeben. Ob Verlegerin, Bürgermeister oder Forist, sie alle hatten nie die Spur einer Chance, bei dieser Sache mit einer positiven Bewertung davon zu kommen. Das wissen auch alle, weshalb sich die Gescholtenen erst gar nicht um das Geschrei scheren und dadurch noch charakterloser wirken.


    Der einzige Ausweg aus dem deutschen Dilemma sind diktatorische Ansagen ohne lange Debatten. Schröderische Basta-Politik in monarchischer Pose. Das war den Deutschen, mit ihren vielen Duodezfürstentümern, früher auch schon mal klar, deswegen waren Bismarck, Reichseinigung und Kaiser seinerzeit auch sehr beliebt. Mal sehen, wie lange das Volk diesmal braucht, bis es erkennt, dass man Bremen nicht entschulden, sondern nur abschaffen, kann. Ich wette die Erkenntnis kommt erst lange nachdem irgend ein charakterloses Schwein Tatsachen geschaffen hat.

  • @ Agamemnon
    ...Der einzige Ausweg aus dem deutschen Dilemma sind diktatorische Ansagen ohne lange Debatten. ...


    Du hast Recht: Schlage vor, wir vereinen alle Bundesländer (also ganz Deutschland) zu einem "Groß-BERLIN"! Tolle Idee.:lach:


    Übrigends, daß London gegenüber New York finanzmarkttechnisch ein Zwerg ist, ist schlichtweg falsch, ohne das hier jetzt ausgiebig mit Zahlen und Fakten belegen zu wollen/müssen. Glaub`s einfach!

  • Die Wetterau ist die Welt

    Im Literaturteil der "Zeit" fragt sich der Frankfurter Schriftsteller und Suhrkamp-Autor Andreas Meier, was sein Verlag in Berlin will. Er kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Mentalität kosmopolitischer Berliner und provinzieller Wetterauer, die in einem bäuerlich geprägten Apfelweinlandstrich nördlich von Frankfurt leben, in der völligen Orientierungslosigkeit ähnelt, wenn sie die jeweils ihr vertraute Heimat verlassen müssten.


    Die Bedeutung des Suhrkamp-Umzugs nach Berlin ist für Meier schwer auszumachen. Solange er die alten Frankfurter Mitarbeiter des Verlags, der fest mit der Frankfurter und westdeutschen Nachkriegsgeschichte verwurzelt ist, sieht, wird sich wohl nicht viel ändern. Erst wenn der letzte Mitarbeiter aus der Frankfurter Verlagszentrale verschwunden ist, und es spätestens dann auch kein "Damals" mehr geben wird, könnte sich das ändern.


    http://www.zeit.de/2009/08/KA-Mittelstueck-Suhrkamp?page=1

  • Guderian, Du hast doch den Kommentar der FTD selbst gelesen. Meine Thesen finden sich darin wieder. Nur von Liebsbeziehung steht da nichts... Vielmehr geht es um Charakterlosigkeit!
    Selbst der Verlag gibt mehr oder weniger offen zu, dass ein Umzug aurgrund des finanziellen Gewinns und der gesichtswahrenden Möglichkeit von Änderungskündigungen an Stelle betríebsbedingter Kündigungen erfolgt (guckst du hier ). Kulturelle Standortvorteile haben Berlin als Alternative interessant gemacht, aber ausreichender Grund zum Umzug wären sie nicht gewesen (allein schon weil dem Verlag das Geld fehlt)!
    Denn während sich Berlin in irgendeiner Form an den Gebäudekosten beteiligt, kann der Verlag in Frankfurt sein Gebäude verkaufen. Daraus ergibt sich ein direkter finanzieller Vorteil für den Verlag! Dieses Geld braucht von Frau Unseld zum Freikauf von ungeliebten Minderheitsaktionären und für den notwendigen Sozialplan.


    Und meine Aussage unter c.) heißt tatsächlich, dass Bundesländer die Mittel aus dem LFA erhalten, anderen Bundesländern nicht direkt Unternehmen abwerben dürfen. Denn auch wenn es nicht im Gesetz steht, ist das "charakterlos". Standortpolitik im Sinne von Infrastruktur etc. sollen sie natürlich betreiben. Und wenn dann ein Unternehmen von sich aus, wie beispielsweise der VDA, die Entscheidung zum Umzug fällt und die damit verbundenen Kosten auch selbst trägt, dann habe ich nicht dagegen.


    Du hast meine letzte Aussage nicht begriffen. Die Konsequenz eines föderalistischen Systems in dem sich die Länder gegenseitig mit Steuern subventionieren und auch gegenseitig mit Steuergeldern die Unternehmen abwerben, ist für alle negativ! Echter (Wettbewerbs-)Föderalismus ist hingegen für alle förderlich (siehe Schweiz).


    In Sachen Finanzplatz liegst Du übrigens ebenfalls falsch. New York macht sich ernsthaft Gedanken darüber, seinen Status als erster Finanzplatz der Welt an London zu verlieren. Selbst der GoldmanSachs Chef hat schon mal in Interview erwähnt, dass sein Nachfolger womöglich in London sitzen könnte. Wall Street ist aufgrund der größe der US-Wirtschaft so bedeutend, London aber ist der wahre internationale Finanzplatz.
    Frankfurt hätte im Zuge der Finanzkrise übrigens theoretisch gute Chancen wieder ein Stück weit Anschluss zu finden, auch wenn es niemals so groß wie London würde. Aber da hier Politik in Berlin und nicht am lokalen Finanzplatz gemacht wird, fehlt Bezug zu den notwendigen Reformen.

  • @ garcia
    Guderian, Du hast doch den Kommentar der FTD selbst gelesen. Meine Thesen finden sich darin wieder.
    Aber du verteidigst diese Thesen nicht ausreichend, sondern stellst sie nur als Hypothesen auf.


    Selbst der Verlag gibt mehr oder weniger offen zu, dass ein Umzug aufgrund des finanziellen Gewinns [...] erfolgt (guckst du hier).
    Das sind Spekulationen einer Zeitung, kein Interview mit dem Unternehmen. Die Position des Verlages liest du hier.
    Berlin knüpfe als Hauptstadt wieder da an, wo es nach 1945 zum Aufhören gezwungen wurde, erklärte die Verlegerin [...] Die Lage politisiert sich bis tief hinein ins kulturelle Leben, da muss Suhrkamp vor Ort sein." Wie einst in den sechziger Jahren Frankfurt sei heute "eben das Labor in Berlin". [...] Eine Sparmaßnahme sei der Umzug jedenfalls nicht, sagte Unseld-Berkéwicz.


    Kulturelle Standortvorteile haben Berlin als Alternative interessant gemacht, aber ausreichender Grund zum Umzug wären sie nicht gewesen (allein schon weil dem Verlag das Geld fehlt)!
    Kein Problem, Umzüge nach Berlin sind immer kostenlos. Man ist ja hilfsbereit, auch ohne LFA Mittel. Woher weist du, dass dem Verlag Geld fehlt, wenn dieser seinen Gewinn gar nicht veröffentlicht?


    Dieses Geld braucht von Frau Unseld zum Freikauf von ungeliebten Minderheitsaktionären und für den notwendigen Sozialplan.
    Wozu einen Sozialplan, allen Mitarbeitern wurde angeboten, mitzukommen und ihren Job zu behalten! Die Geschäftsführung redet also mit ihrem Betriebsrat, ein ganz normaler Vorgang. Das Joachim Unseld seine Anteile am Unternehmen verkaufen wollen könnte, ist reine Spekulation. Deswegen hat die FAZ hinter diesen Absatz auch ein "?"-Zeichen gesetzt und zitiert die sogenannten "Kenner" nicht namentlich.


    Und meine Aussage unter c.) heißt tatsächlich, dass Bundesländer die Mittel aus dem LFA erhalten, anderen Bundesländern nicht direkt Unternehmen abwerben dürfen.
    Unter dieser Prämisse verwandelt sich der LFA von einer Finanzhilfe in ein Instrument um eine dauerhafte sklavische Abhängigkeit der Nehmerländer zu erreichen. Der Regierende Bürgermeister von Berlin beweist um so mehr Charakter, wenn er sich dagegen auflehnt. Diese deine Sicht ist aber nicht die Sicht des Länderfinanzausgleichs, auch nicht indirekt oder moralisch. Ziel des Länderfinanzausgleiches (nach Art. 107 Abs.2 Satz 1 GG) ist es, dass „die unterschiedliche Finanzkraft der Länder angemessen ausgeglichen“ wird. Wenn also Nehmerländer ebenso Standortpolitik betreiben können wie Geberländer, dann ist damit das Ziel des LFA erreicht.


    Und wenn dann ein Unternehmen von sich aus, ... , die Entscheidung zum Umzug fällt und die damit verbundenen Kosten auch selbst trägt, dann habe ich nichts dagegen.
    Wie gnädig von dir, denn Suhrkamp will den Umzug von sich aus, nur die Mitarbeiter wollen ihn nicht. Und wenn die Geberländer den Nehmerländern finanzielle Umzugsbeihilfen (etwa durch günstige Immobilien) verbieten wollen, dieses Recht für sich selbst aber uneingeschränkt in Anspruch nehmen, dann ist das eine elende Heuchelei und wirklich charakterlos.


    Die Konsequenz eines föderalistischen Systems in dem sich die Länder gegenseitig mit Steuern subventionieren und auch gegenseitig mit Steuergeldern die Unternehmen abwerben, ist für alle negativ!
    Richtig. Aber verstehst du auch, dass die Abschaffung des föderalen Systems sehr gut für München und Berlin wäre und für alle anderen Städte (ja auch für Frankfurt) das Ende ihrer Ambitionen bedeuten würde? Frankfurt ist von sechs deutschen Verlagsstädten die Kleinste. Was würde wohl passieren, wenn es in Deutschland echten Wettbewerb ohne Buchpreisbindung gäbe? Die Zahl der Verlage würde sich schlagartig reduzieren, auf eine Handvoll von Superverlagen, die alle in derselben Straße sitzen würden. Frankfurt könnte sich dann vielleicht Hoffnung machen, noch mehr Landesbanken und Sparkassen anzuziehen, aber in allen anderen Branchen würde es abgehängt.


    Echter (Wettbewerbs-)Föderalismus ist hingegen für alle förderlich (siehe Schweiz).
    Die Schweiz ist als Steuerhinterziehungsparadies ein schlechtes Beispiel, genau wie die London Stock Exchange. Deren Zusammenschluss mit der Borsa Italiana hab ich irgendwie verpasst. Als ich mich zuletzt darum gekümmert habe, hieß es noch, die LSE wäre selbst ein Übernahmekandidat.


    Frankfurt hätte ... gute Chancen ... , auch wenn es niemals so groß wie London würde. Aber da hier Politik in Berlin und nicht am lokalen Finanzplatz gemacht wird, ...
    Frage: Ist die Konsequenz daraus, das die Politik nach Frankfurt oder das die Börse nach Berlin kommen müsste? Oder sollen wir uns damit abfinden, dass es Deutschland niemals schaffen wird.

  • Ich habe wenig Lust mich noch viel länger mit Dir darüber zu unterhalten, deswegen kurz in Stichpunkten:


    - Dass der Verlag derzeit finanziell nicht auf Rosen gebettet ist, ist altbekannt. Dazu gab es in der Vergangenheit ausreichend Berichte.


    - Der Minderheitsaktionär ist die Medienholding Winterthur AG, er soll ausbezahlt werden, aber das Geld fehlte bisher


    - Ein Sozialplan ist nach deutschem Gesetz nötig, weil es zu Kündigungen kommen wird (das war geplant und vom Betriebsrat so auch verkündet)


    - Andere Städte, insbesondere in den Geberländern, betreiben nicht diese Art der "Standortwerbung" wie sie in Berlin verfolgt wird, d.h. es gibt keine Zuschüsse etc.


    - Es geht nicht um sklavische Abhängigkeit, nur darum dass Firmen nicht mit finanziellen Anreizen geworben werden


    - Die Konsequenz sind keinerlei Umzüge, sondern die Tatsache, dass die führenden Finanzplätze der Welt durch entsprechende steuerliche und gesetzliche Rahmengebung von ihren nationalen Regierungen unterstützt werden


    - Die Abschaffung des föderalen Systems wäre schon verfassungsrechtlich unmöglich! Davon abgesehen, würde letztlich allein Berlin profitieren. Das ist unbestritten.


    - Die Schweiz profitiert nicht allein von ihren niedrigen Steuersätzen, denn einige Kantone haben deutlich höhere Steuern.

  • - Dass der Verlag derzeit finanziell nicht auf Rosen gebettet ist, ist altbekannt. Dazu gab es in der Vergangenheit ausreichend Berichte.
    Vielleicht geht es noch etwas vager? Um was für Rosen handelt es sich? Wie viele Rosen kostet ein Umzugswagen?


    - Der Minderheitsaktionär ist die Medienholding Winterthur AG, er soll ausbezahlt werden, aber das Geld fehlte bisher.
    Und wo ist der Beleg, dass dies der Grund für den Umzug ist? Sind alle Geschichten, die plausibel klingen auch sogleich wahr?


    - Ein Sozialplan ist nach deutschem Gesetz nötig, weil es zu Kündigungen kommen wird (das war geplant und vom Betriebsrat so auch verkündet)
    Den Bekanntmachungen des Betriebsrat glaubst du, aber denen der Verlegerin glaubst du nicht. Das ist selektive Wahrnehmung.


    - Andere Städte, insbesondere in den Geberländern, betreiben nicht diese Art der "Standortwerbung" wie sie in Berlin verfolgt wird, d.h. es gibt keine Zuschüsse etc.
    Wie gesagt, Frankfurt hat dem Suhrkamp Verlag selbst Immobilien und deren kostenlose Renovierung angeboten. Wenn andere Städte und Bundesländer keine Wirtschaftsförderung betreiben, sind sie ein bisschen blöd. Dresden und Leipzig fördern noch viel stärker als Berlin. Der einzige Unterschied zu Berlin ist vielleicht, dass Berlin bei kleineren Unternehmen aber dafür häufiger erfolgreich ist, als andere.


    - Es geht nicht um sklavische Abhängigkeit, nur darum dass Firmen nicht mit finanziellen Anreizen geworben werden.
    Das sind doch Synonyme. In dem Moment, wo man einem einzelnen Bundesland verbietet, seine Finanzen nach eigenen Vorlieben einzusetzen, ist es praktisch eine Kolonie der anderen Bundesländer geworden.


    - Die Konsequenz sind keinerlei Umzüge, sondern die Tatsache, dass die führenden Finanzplätze der Welt durch entsprechende steuerliche und gesetzliche Rahmengebung von ihren nationalen Regierungen unterstützt werden.
    Die Frankfurter Banken haben dieses Jahr ein 500 Milliarden Rettungspaket erhalten und du fragst ernstlich nach zusätzlichen Steuererleichterungen? Also Chuzpe hast du! Die einzige Möglichkeit mit London und New York mitzuhalten, ist wenn sich in Zukunft wieder eine deutsche Stadt findet, die Wirtschaft, Finanzen und Politik in sich vereint. Das Rennen zwischen München, Frankfurt und Berlin ist eröffnet. Gut möglich, dass am Ende alle drei gegen London verlieren.


    - Die Abschaffung des föderalen Systems wäre schon verfassungsrechtlich unmöglich! Davon abgesehen, würde letztlich allein Berlin profitieren. Das ist unbestritten.
    Man muss den Föderalismus nicht abschaffen, sondern nur Regeln einführen, die total Subventionen von Flughäfen und Messegeländen etc. verbieten und ebenso verdeckte Subventionen durch staatliche Unternehmen, sowie die politische Bevorzugung einzelner Unternehmen. (Letzteres hat das Land Bayern groß gemacht.) Diese Gesetze würden dann aber für alle Bundesländer gelten, nicht nur für die, in denen man selbst gerade nicht wohnt.


    - Die Schweiz profitiert nicht allein von ihren niedrigen Steuersätzen, denn einige Kantone haben deutlich höhere Steuern.
    Und leiden deswegen unter der Flucht von Steuerzahlern. Der Wettbewerbsföderalismus in der Schweiz funktioniert nur deswegen so gut, weil die Schweiz das Geldwäschezentrum der Welt ist. Untereinander gibt es im Schweizer Föderalismus genauso Gewinner und Verlierer. Wettbewerb ist nie gut für alle, sondern immer nur für die Besten.

  • Mensch, Guderian, altes Haus!! Du im Frankfurter Forum?? Das wurde aber auch Zeit!:rcain:


    Das sind doch Synonyme. In dem Moment, wo man einem einzelnen Bundesland verbietet, seine Finanzen nach eigenen Vorlieben einzusetzen, ist es praktisch eine Kolonie der anderen Bundesländer geworden!!!
    Schliesst das auch ein, dass Hessen nicht dazu gezwungen wird, seine Mittel so einzusetzen, dass seine eigenen Unternehmen nicht von anderen Bundesländern wegsubventioniert werden?



    Die Frankfurter Banken haben dieses Jahr ein 500 Milliarden Rettungspaket erhalten und du fragst ernstlich nach zusätzlichen Steuererleichterungen? Also Chuzpe hast du!
    Chuzpe? Geballte Sachkompetenz habe ich dir (nicht persönlich, sondern als Berliner) an anderer Stelle schon bescheinigt, und ich kann mich nur nochmal wiederholen :lach:




    Die einzige Möglichkeit mit London und New York mitzuhalten, ist wenn sich in Zukunft wieder eine deutsche Stadt findet, die Wirtschaft, Finanzen und Politik in sich vereint. Das Rennen zwischen München, Frankfurt und Berlin ist eröffnet. Gut möglich, dass am Ende alle drei gegen London verlieren.


    Ich zitiere:Sind alle Geschichten, die plausibel klingen auch sogleich wahr?


    In New York vereinigt sich ungefähr soviel Politik, wie in Berlin Wirtschaft und Finanzen. Wenn hier ein innerdeutsches Rennen eröffnet wäre, dann zwischen München und Frankfurt.
    Die blöde Mär, dass jede Branche sich in einer Stadt vereinigen müsse, damit Deutschland konkurrenzfähig bleibt, und dass diese Stadt natürlich immer nur Berlin heissen kann, reizt auf die Dauer nur noch zum Gähnen.


    Ich zitiere nochmals: Du verteidigst diese Thesen nicht ausreichend, sondern stellst sie nur als Hypothesen auf.




    Man muss den Föderalismus nicht abschaffen, sondern nur Regeln einführen, die total Subventionen von Flughäfen und Messegeländen etc. verbieten und ebenso verdeckte Subventionen durch staatliche Unternehmen, sowie die politische Bevorzugung einzelner Unternehmen.


    Echt? Kein BBI, kein ICC, keine Berlinale, die Bahn darf nach Hamburg ziehen, wann sie will..usw.......???

  • Guderian


    Echt, nur die Frankfurter Banken haben ein Rettungspaket von 500Mrd. erhalten?
    Ich dachte das Geld geht überwiegend an Banken die nicht in Frankfurt sitzen wie z.B. HRE, West LB, BayernLB, HSH Nordbank, IKB und höchstwahrscheinlich auch LBBW und Postbank.


    Soweit ich weiß beziehen Frankfurter Banken wie die Helaba, DZ Bank, Deutsche Bank oder Metzler Bank keine SoFFin Gelder.
    Ja, richtig, die Commerzbank bekommt Einlagen aus dem Fonds, aber das zahlt die Bank auch mit hoher Verzinsung zurück. Die Commerzbank ist ja acuh nur durch die Dresdner Bank Übernahme vor Ausbruch der Finanzkrise ins schlingern geraten. Wäre uns eine Dresdner Bank unter chinesischer Führung wegen innerdeutschen Eifersüchteleien etwa lieber gewesen?


    Ach ja, da war ja noch die Berliner Landesbank, die hat sich bereits vor Jahren schon verzockt, weil jede Provinzbankler vor lauter Komplexen meint, mit den großen Geschäftsbanken mithalten zu müssen. So haben wir föderalen Kleinkrieg in Deutschland anstatt ein paar internationale wettbewerbsfähige Banken zu formen.

  • Der Bericht der Sueddeutschen Zeitung im Jahr 2007 hat die Situation zu den Finanzen Suhrkamps recht deutlich geschildert. Beim Verlag heißt es offiziell man schreibe schwarze Zahlen. Allerdings, so die Sueddeutsche, ist in der Branche bekannt, dass trotz operativer Verluste schwarze Zahlen ausgewiesen werden können, wenn man einiges Tafelsilber in der Hinterhand hat. Die "Branchenkenner" auf die sich die Zeitung beruft, haben sich hierbei um die Zukunft Suhrkamps ausdrücklich sorgen gemacht. Vielleicht wendet sich das Blatt für Suhrkamp in Berlin ja zum Positiven, das neue Uwe Tellkamp Buch "Der Turm" ist ja schonmal zu einer Art Lebensversicherung geworden.


    Zu den Banken: Hier kann ich mich nur meinem Vorredner anschliessen. Die krassesten Aussetzer deutscher Banken stammen bisher viel eher aus München (BayLaBa, Hypo Real Estate), Dresden (Sachsen LB) und Düsseldorf (WestLB, IKB). Natürlich können die Banken in Frankfurt ihre Hände auch nicht in Unschuld waschen, aber es fällt schon auf, dass man (bisher) schwerwiegende Fehler größtenteils vermeiden konnte.