Das alte Frankfurt im Bild

  • In Post #20 ist auf der Postkarte mit dem Neuen Rathaus mit Rathaustürmen im Vordergrund rechts ein Palais zu sehen, dass auch heute noch dort steht. Es erinnert mich ein wenig an das Turn-und-Taxis-Palais. Interessant, dass sowas heute fast unbemerkt in der Bethmann-Straße steht, die ja in den kommenden Jahren von der Stadt aufgewertet werden soll.


    Weiß jemand um was für ein Gebäude es sich dabei handelt und wie es heute genutzt wird, bzw. wer der Eigentümer ist?

  • Das ist der Bethmannhof (Baseler Hof). Genutzt als Sitz der Bethmann-Bank, einige Fusionen später heißt sie nun Delbrück Bethmann Maffei, und wohl auch deren Eigentum. Fotos und weitere Info hier.

  • Anekdote am Rande: das an der Bethmann-Bank zu sehende Fresko, das einen Strauß zeigt, ist wirklich alt (18. Jahrhundert). Es stammt von dem später barockisierten, danach benannten Eckhaus "Vogel Strauß" (Buchgasse 15), in dem Luther 1521 auf seiner Reise nach Worms einkehrte. Es wurde 1896 im Rahmen des Rathausneubaus abgerissen, als man die damalige "Paulsgasse" einseitig verbreiterte und zur "Bethmannstraße" umwidmete. Es ist damit der einzige erhaltene Rest der echten Frankfurter Lutherherberge - im Gegensatz zum viel bekannteren Haus Luthereck am Domplatz, in dem Luther nachweislich nie gewesen ist!

  • Bevor ich loszieh, noch mal ein kleines Schmankerl am Abend ;)


    Albert-Schumann-Theater (aka Schumanntheater) am Bahnhofsplatz Frankfurt (Wiki-Artikel)



    [Bild anklicken zum Vergrößern! - Quelle: Zeno.org, gemeinfrei]



    Man mag es kaum glauben: Die Fassaden dieses prächtigen Jugendstilbaus überlebten die Wirren des 2. WK, "lediglich" den Saal hatte es erwischt. Es gibt sogar ein Farbfoto, welches das Meisterwerk fast noch im Ursprungszustand zeigt (aus einem Beitrag von Schmittchen).
    Unnötig zu erwähnen, dass man der Stadt mit dem vermeidbaren Abriss anno 1960 einen wohl irreversiblen Schaden hinzugefügt hat (wobei eine Rekonstruktion hier durchaus vorstellbar wäre - ein repräsentativer Bau vor einem repräsentativen Hauptbahnhof).


    Das Theater (und somit die verschont gebliebenen Restaurants) wurde im Anschluss von den Amerikanern als Club genutzt.
    Heute steht dort eine grottenlangweilige Bürokiste :nono: (das graue Etwas rechts des DZ-Turms, Foto von Philipp Groß)



    Und wehe mir verpasst wieder jemand die rote Laterne dafür!
    Etwas Sinn für Ästhetik sollte selbst in einem Architekturforum gestattet sein ;)



    Edith, die Gute: Danke für den Hinweis!

  • Immer wieder schön, das Schumanntheater...


    Das Farbfoto muss allerdings aus den 30ern sein, es zeigt das Theater also fast im Urzustand. Hier ist ein Foto des Gebäudes nach dem Krieg zu sehen... Wie man sieht, praktisch keine äußerlichen Schäden...

  • Die Messlatte an der sich alle Entwürfe werden messen lassen müssen ist auf jeden Fall diese:



    Im obigen Bild das Stollwerck-Haus zwischen Großer Bockenheimer Straße (die heutzutage durch einen Nachkriegsbau eine Sackgasse ist) und Goethestraße, am linken Bildrand beginnen die Parzellen des jetzt aktuellen Projektes. Der Altbau ganz rechts steht heute noch an dieser Stelle.

    Gesamte Häuserzeile zwischen Goethe- und Junghofstraße. Das Gebäude mit der niedrigsten Traufhöhe dürfte die Französisch-reformierte Kirche sein. Der Altbau ganz links ist ebenfalls noch erhalten.


    Ich hoffe mal RMA hat nichts dagegen dass ich seine Scans hier einstelle. Wenn doch gib Bescheid, und ich nehm sie wieder raus.

  • Vielen Dank für die Bilder. Die habe ich noch nie gesehen. Ich habe Tränen in den Augen. Wie kann man denn eine Platzfolge in 60 Jahren so verunstalten. Es zeigt sich auch, dass die wenigen erhaltenen Originalbauten in Frankfurt viel gewinnen würden, wenn die Originaldächer wieder rekonstruiert werden würden. Schön zu shen beim Lehman (jetzt: Nomura) Haus und der Deutschen Bank. Außerdem sollte die Stadt dazu übergehen, zentrale Gebäude mit Fernwirkung, wie die oben gezeigten Eckhäuser wieder zu rekonstruieren.


    PS: Prof. Mäckler muss es halt wieder richten :-)

  • Wirft man einen Blick zurück in die Vergangenheit und nimmt dies als Messlatte, so wird man zwangsläufig nur enttäuscht werden.
    Hier noch eine Ansicht aus dem Jahr 1899. So prunkvoll werden wir den Platz (die Plätze) wohl leider nie mehr erleben.



    Bild: Alte Fotopostkarte (Urheberechte abgelaufen)

  • ^^ (bezieht sich auf Franks Rekonstruktionsforderung)


    Absolut. Das Stollwerck-Haus ist einsame Spitzenklasse. Man braucht ja nicht die ganze Häuserzeile rekonstruieren (nicht jedes alte Haus ist auch gleich ein schönes Haus), aber einzelne Prachtexemplare wie dieses sollten auch außerhalb des Dom-Römer-Areals wieder aufgebaut werden. Genau solche Gebäude an großen Plätzen braucht es in Frankfurt, um endlich den immer noch weit verbreiteten Ruf einer hässlichen Nachkriegsstadt loszuwerden. Ich kann mir kaum ein Gebäude vorstellen, das zu diesem Zweck besser geeignet wäre, als dieses.


    Übrigens interessant: auch damals hatte man schon das Bedürfnis, sich "international" und "modern" auszudrücken: "Novelty House" als Aufschrift ist auch nicht viel besser als "MyZeil"... ;)

  • Es tut mir leid, hier wieder die gründerzeitselige Runde sprengen zu müssen (oder zu wollen?): Gerade die Gebäude, die sich vor dem Krieg an der fraglichen Stelle befunden haben, waren zwar hübsch, doch schon damals für den Platz mindestens ein Stockwerk zu niedrig.


    Heute ist es von der Gebäudemasse her schon deutlich passender und homogener - so homogen übrigens, dass auch eine einzige Fassade über die ganze Länge (so sie denn wirklich hochwertig ist) kein großer Schaden wäre - Allerdings würde ich eine gewisse Kleinteiligkeit dort ebenfalls sehr begrüßen.


    Zu den hübschen Scans: Eben war ich mal wieder auf der unglaublich interessanten Seite www.aufbau-ffm.de unterwegs: Es ist schon erstaunlich, dass auch Gebäude, die heute einen heftigen Brechreiz auslösen, schön fotografiert in schwarz/weiß, einfach klasse rüberkommen. Was ich damit sagen möchte: Auch vor dem Krieg war in einer Großstadt wie Frankfurt nicht alles "eitel Sonnenschein". Daher bin ich sehr dafür, Postkartenmotive nicht als Maßstab heranzuziehen!

  • Öhm, die oben zu sehenden Häuser waren mit wenigen Ausnahmen so mit die höchsten kaiserzeitlichen Bauten, die es in Frankfurt gab. Mit einem Stockwerk mehr hätte der Goetheplatz ausgesehen wie ein Mini-Manhattan. In der Stilabfolge hatten die klassizistischen Häuser in Frankfurt meist ein Stockwerk mehr als die höchsten Barockhäuser, die Gründerzeitler dann eben ein Stockwerk mehr als die klassizistischen Häuser, durch Einhaltung dieser Grundregel bot sich ein recht ausgewogenes Stadtbild trotz Gebäuden, die oft mehrere hundert Jahre auseinander lagen.


    Mir ist klar, dass Rekos an dieser Stelle utopisch sind, aber zumindest ein Zitat oder eine Erinnerung an die wirklich historisch wie architektonisch bedeutende französisch-reformierte Kirche (bedenkt man, dass Frankfurt sein gesamtes einst so reiches Louis-seize-Erbe im Krieg eingebüsst hat) wäre doch wünschenswert. Eine weitere ebenfalls durchaus realisierbare Möglichkeit wäre, die Große Bockenheimer Straße wieder zu öffnen. Und einen tollen Kopfbau zwischen eben diese und die Goethestraße stellen, jetzt mal dahingestellt, ob historisch oder modern, meine Meinung kennt ihr. ;)

  • Zur historischen Gestaltung des Goetheplatzes habe ich drei interessante Postkarten gefunden. Sie zeigen u.a., dass der Goetheplatz früher viel schmaler war, da noch eine weitere - heute nicht mehr vorhandene - Häuserzeile daraufstand. Goethe selbst blickte anscheinend in die entgegengesetzte Richtung wie heute. Die Baumanpflanzung war wohl so ähnlich wie zum jetzigen Zeitpunkt. Interessant finde ich auch die Baustelle auf der dritten Postkarte.





    Die drei Abbildungen stammen von Fotopostkarten. Die Urheberrechte sind abgelaufen.

  • Die Häuserzeile am Goetheplatz war die einstige Töpfengasse. Diese wäre jetzt beim Bau des Parkhauses fast wieder erstanden. Man hatte dies zumindest im Vorfeld erwogen. Hierzu hätte man das Parkhaus an dieser Stelle allerdings anders auslegen müssen, damit die zusätzliche Last der Häuser keine Probleme gemacht hätte. Leider ist man von dieser reizvollen Idee wieder abgekommen. Da daraufhin das Parkhaus an dieser Stelle nicht verstärkt wurde, ist diese Chance auf ewig vertan.


    Die Baustelle auf der letzten Ansicht zeigt das gerade abgebrochene Theater, welches früher an dieser Stelle war. Der Rathenauplatz hieß bis dahin auch Theaterplatz, während der spätere Theaterplatz - der heutige Willy Brandt Platz - bis dahin "Am Schauspielhaus" hieß und erst später umbenannt wurde.

  • Wie es auch in diesem Film wieder deutlich wird und was die Ursachen der Probleme so mancher früheren und heutigen Zeitgenossen mit der Altstadt sind, waren die zuletzt so ärmlichen und auch zum Teil bemitleidenswerten Verhältnisse in den alten Gassen. Nur diese Bilder hat man meist vor Augen, wenn man an die frühere Altstadt denkt, zumal nur in schwarz weiß zu sehen.

    Diese problembeladene Einstellung fand und findet sich vornehmlich im Frankfurter Magistrat und der städtischen Beamtenschaft in langer Traditionsfolge, wie aus der jüngeren Geschichte, mit Beginn schon weit vor dem ersten Weltkrieg, hervorgeht.
    Man schämte sich einfach im Magistrat für dieses Quartier direkt vor der Nase. Dieses Denken ist tief verwurzelt im "Römer". Deshalb gab es auch nach den Zerstörungen von 1944 keinen Willen in den traditionellen Schichten der Stadtführung, hier irgendetwas wieder aufzubauen, ausgenommen eben einige "herausragende" Objekte und das eigene Rathaus.

    Die Altstadt wurde von diesen zuletzt ärmlichen Bewohnern nicht erbaut sondern nur noch genutzt. Die Stadt hatte nicht die Kraft, den Willen und die Weitsicht das Quartier zu unterstützen und technisch aufzuwerten. Stattdessen wurden von Amts wegen schon vor 1944 große Straßenschneisen in die Altstadt geschlagen.

    Von ganz wesentlicher Bedeutung für die heutigen Wiederaufbauvorhaben ist aber das Bewusstsein, dass die Häuser in ihrer Entstehungszeit bis etwa zur Gründerzeit von den eher wohlhabenden Bürgern bewohnt waren und somit die ersten Adressen im alten Frankfurt waren. Ohne die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg durch die Bomben wäre trotz allem auch heute noch wesentliches davon erhalten.

    Dementsprechend ist das Quartier auch heute in seiner Qualität und Bedeutung einzuordnen.


    Postet von RKWF am 20.01.2010 im DAF Strang "Das alte Frankfurt" direkt hinter Schmittchen #59

  • Darf ich deinen Beitrag so interpretieren, dass es den Nostalgie-Effekt, der von diesen und anderen kuscheligen, pittoresken Schwarzweiß-Aufnahmen auf die Debatte ausstrahlt, gar nicht gibt?
    Und dass wir z.B. die Braubachstraße auch wieder mit Altstadt überbauen sollten?

  • Ich fand einen Kommentar in dem TV-Beitrag interessant: Die Leute in den Bildern leben meist nicht mehr, die Betriebe gibt es nicht mehr, die Lebensumstände sind ganz anders. Trotzdem lösen diese Bilder etwas aus, das man mit Nostalgie beschreiben kann. Ich will nicht den Zustand in den Bildern zurück, aber durch die Neubebauung des Altsadt Areals wird zumindest in einem kleinen Teil die Frankfurter Wurzeln wieder erlebbar.
    Das hat wohl eher was mit Identität zu tun.