Lehrter Stadtquartier & Hauptbahnhof Umfeld

  • Ich kann nicht nachvollziehen, dass man sich einen Hauptbahnhof als isoliert stehend vorstellen oder wünschen kann. Im Gegenteil. Das ist so, als würde man sich ein Haus ohne Doch oder ein Auto ohne Reifen vorstellen. Städtebaulich ist es in der europäischen Stadt eine konstituierendes Element, dass Hauptbahnhöfe Mittelpunkte von urbaner Verdichtung sind. Es ist obendrein wirtschaftlicher wie ökologischer Irrsinn nicht in direkter Nähe zu einem solchen Verkehrsknoten Handel und Wandel in grosser Dichte anzusiedeln. Anderes Beispiel: Selbst einfache Gemüter haben begriffen, dass zu einem Flughafen heutzutage Hotels, Konferenzzentren, Flächen für hochwertige, mobilitäts-sensible Dienstleistungen etc etc etc gehören. Je mehr davon fussläufig erreichbar ist, umso besser. Nichts anders gilt für einen Bahnhof. Daher finde ich die Planung um den Berliner Hauptbahnhof nicht sachgerecht. Weder unter wirtschaftlichen, noch städtebaulichen, noch ökologischen Aspekten (Entfernungen verursachen CO2 Footprints etc etc). Es ist in jeder Beziehung Kompaktheit, Verdichtung und Nähe angezeigt. Berlin hat sich für Wuppertal mitten in der Stadt entschieden: Mittelstädtische Verhältnisse in der Großstadt.

  • Ich sehe es wie intro.Der Platz südlich des Hbf braucht überhaupt keine Fassung,er funktioniert so viel besser.Der Umfeldflair südlich des Berliner Hbf ist IMHO das Beste,was ich je in einer Bahnhofsumgebung erlebt habe.Absolut entspannend,grosszügig,wird sehr gut von Flaneuren und Freizeitsportlern angenommen.Von Ödniss keine Spur,entspanntes Treiben bis tief in die Nacht.


    Auf den Baufeldern sind Flaneure und Sportler? Kann ich mir kaum vorstellen. Und wenn die Bauten da sind, sind die Flaneure auf einmal weg, obwohl in den geplanten Bauten Cafes und Geschäfte geplant sind?


    Und was heißt "funktioniert besser"? Inwiefern funktioniert es da besser?

  • der bahnhof steht doch gar nicht (mehr) isoliert. die leute tun immer so als stünde er einsam auf irgendeinem feld in brandenburg.
    aber er ist mitten in der stadt. und seine umgebung bietet eigentlich viel raum für entwicklung und neue städtebauliche denkansätze (wunschdenken, letzteres).


    es ging (mir) hier in erster linie um die vorplätze (und das anschließende, imho zu dicht geplante lehrter quartier).
    wenn ich mir alte fotos früherer großbahnhöfe anschaue, sind die vorplätze meistens unbebaut, auch heutzutage ist es in den meisten städten noch so.
    und wenn wir schon über die städtebauliche einordnung von bahnhöfen
    sprechen, sollte man auch nicht außer acht lassen, dass sie immer schon auch repräsentationsbauten waren und sind, die man nicht verstecken, sondern
    zeigen will. ihre funktion hat sich jedoch im laufe der zeit verändert, große bahnhöfe sind inzwischen selbst multifunktionale, urbane zentren.


    Daher finde ich die Planung um den Berliner Hauptbahnhof nicht sachgerecht.


    wieso, die planung ist doch im sinne von verdichtung. nur das nutzungskonzept ist bisher etwas einseitig (hotelstadt), auch wenn nun eine leichte umorientierung hin zu mehr büros angedacht ist.


    ich finde, an diesem ort wäre weniger mehr. auflockern das ganze konzept, mehr aufenthaltsfläche zwischen den bauten, drei statt fünf klötzchen im lehrter quartier täten es auch, kein kubus auf dem südlichen vorplatz, kein hochhaus auf dem nördlichen.
    dadurch ist der bahnhof keinesfalls isoliert (europacity!). :)



    ps: zu einem bahnhof gehört auch eine vernünftige pkw- bzw. taxivorfahrt. ;)

  • Auf den Baufeldern sind Flaneure und Sportler? Kann ich mir kaum vorstellen.


    natürlich nicht auf den baufeldern. ;) (aber wären die zäune nicht, würden die freiflächen sicher schnell von menschen bevölkert und für verschiedenste aktivitäten genutzt.)


    ich denke, der kommentar von kleist will darauf hinaus, dass es am hbf mit der urbanität bereits jetzt funktioniert und für "leben" nicht zwingend dichte bebauung und kommerz nötig ist.

  • Ihr habt ja alle recht. ;)


    Man kann durchaus von Einöde reden, wenn man die noch nicht entwickelten Flächen um den Hbf und speziell das Gebiet nördlich davon (zukünftige Europacity) betrachtet. Das ist aber nun mal so, denn ein komplett neuer großer Zentralbahnhof kann nur in einer weitgehend unbebauten Gegend entstehen. Und das ganze wird ja auch peu a peu bebaut und entwickelt.


    Genauso stimmt es, dass die Gegend dennoch belebt ist, zumindest im Sommer. Kleists Fotos zeigen das ganz gut. Die Fußgängerbrücke zwischen Hbf und Kanzleramt gleicht dann oft einer Ameisenstraße, Richtung Lehrter Straße ziehen Heerscharen meinst jüngerer Touris ihre Rollkoffer über die Bürgersteige, auf den Uferpromenaden sieht man Unmengen an Joggern und Flaneuren, bei gutem Wetter sind die Strandbars voll... Da ist schon ganz gut was los. Im Winter ist es naturgemäß ruhiger und leerer.


    Sicher müssen die meisten Bahnfahrer vom/zum Hbf erst mal an oder abreisen (und die Anbindung halte ich nach wie vor für stark verbesserungswürdig), aber das gilt auch für den Bahnhof Zoo oder zentralere Bahnhöfe in anderen Städten. Auch in München wohnen die wenigsten am dortigen Hbf. Und wer in Moabit Ost oder an der Scharnhorststr. wohnt, läuft auch schon mal zu Fuß zum Hbf.


    Insofern stört es mich gar nicht mehr so stark, dass dort vorwiegend Hotels und Büros entstehen. Die leeren Baufelder können so nicht bleiben, finde ich - auch nicht, wenn man sie zu dauerhaften Rasenflächen umgestaltet. Eine allzu große Isolation des Hbf sehe ich aber inzwischen nicht mehr. Ärgerlich ist eher, dass es bisher mäßige bis langweilige Architektur ist, die da gebaut wird. Auch wenn ich den Total-Turm ganz okay finde.


    Ich denke, der Washington- und Europaplatz werden auch nach Fertigstellung sämtlicher Neubauten groß genug sein, dass sie großzügig wirken und der Hbf weiterhin seine optische Wirkung entfalten kann. ich wünsche mir nur eine etwas anspruchsvollere Architektur für diese Neubauten, als es beim Meininger oder Intercityhotel der Fall ist.


    Ich bin jedenfalls sehr gespannt, wie das Umfeld des Hbf in 5 oder 10 Jahren aussieht!


  • jetzt bekommt das intercity hotel seine fassade. habe ich erst auf den zweiten blick gesehen, denn die fassade hebt sich farblich kaum ab vom beton des rohbaus ;)

  • Steigenberger Hotel am Hbf

    Neben dem schon weit fortgeschrittenen Intercity-Hotel wurde inzwischen auch der Bau des Steigenberger Hotels in Angriff genommen (vorne rechts, wo das Bohrgerät steht - direkt hinter Billy Talent):






    Fassadenmontage am Intercity-Hotel:


  • Ein Blick auf die neu entstehende Hotel-Skyline ;)



    Beim Steigenberger ist die Baugrube größtenteils ausgehoben, stellenweise ist sogar schon die Bodenplatte gegossen:


  • @ Mikey: "skyline" ist wohl etwas übertrieben, es entstehen rel. belanglose investorenklötze. da wird doch eine gute möglichkeit verschenkt, etwas anständiges, schönes, interessantes rund um den bahnhof zu erschaffen...

  • ^ Die Frage ist, wie lange man dann noch mit den Brachen hätte leben müssen. Anständiges, Schön und Interessant wäre vermutlich um einiges teurer als die jetzt dort entstehenden doch recht kostengünstigen Bauten.

  • @ Betonkopf: Na aber, auf so ein Ensemble wäre Frankfurt doch neidisch! ;)


    Im Ernst: Über Intercity und Meiniger brauch man nicht viele Worte verlieren, meines Erachtens hat aber immerhin der Steigenberger-Entwurf ein wenig Substanz. Er erinnert mich entfernt an den Scandic-Neubau am Potsdamer Platz, nur mit versetzten Fenstern.

  • @ dasebln: naja da magst du durchaus recht haben, aber für ein quartier, das genau gegenüber der "schaltzentrale" eines ach so wichtigen landes liegt, wäre ein bischen mehr stil und glanz nicht verkehrt - nur ein bischen.
    ich will ja nun nicht marmor, stahl und glas an jeder ecke, aber andere länder schaffen es doch auch, durch interessante, einfallsreiche architektur gerade solch wichtige bezirke hervorzuheben, schließlich sprechen wir hier nicht von nem neubaugebiet in königswusterhausen.
    was gab es nicht alles für hochtrabende pläne, für tolle entwürfe, glitzernde glaskuben, verwinkelte, verschobene, mit hochwertigen fassaden versehene gebäude...und was wird gebaut?
    ein meininger, das wie ein sanierter plattenbau aussieht, ich geb zu, das steigenberger wird evtl. ganz nett.
    manchmal hab ich den eindruck, das der bahnhof als nonplusultra gilt und alles drum herum einfach nur noch durchschnittlicher karton sein darf.
    der neubau der charité wurde hier kritisiert, weil er dann doch zu banal wurde, ähnliches hab ich übers BMBF gehört und auch über den geplanten neubau am humboldthafen gelesen. brachen will keiner, aber ein bischen mehr kreativität wäre dennoch toll...und soll doch bitte keiner sagen, das geld dafür würde fehlen.

  • ^ Das Geld fehlt aber ....


    ... für richtig anspruchsvolle Architektur. Gerade bei den Ministerien finde ich das schade, da es sich hierbei tatsächlich um representative Bauten par excellence handelt, was für Hotels nur ausnahmsweise gilt.


    Aber so schlecht wird es glaube ich gar nicht.


    Der Tour Total ist recht gelungen, der geplante KSP-Bau und das Steigenberger werden gut und die Ministerien sicher zumindest passabel. Durch Fluss, Humboldhafen und Bahnhof wird es am Ende schon sehr ansehnlich.
    Wrklich frustrierend ist die chaotische Landschaft im Spreebogen (aber das hatten wir ja schonmal).

  • ^^ Ich sehe das nicht so schlimm. Es handelt sich hier einfach um Bauten die einen kurzfristigen Bedarf stillen und nach einiger Zeit (~10-20a) verschwinden, weil es entweder den Bedarf nicht mehr gibt oder weil sie durch andere Bauten ersetzt werden, die gesagten Bedarf besser erfüllen. Nur ein paar wenige Gebäude werden wohl aus dieser Epoch noch in 100 oder sogar 200 Jahren stehen.

  • Prima

    Mit dieser Argumentation bauen wir zukünftig nur noch zweckmäßig - bravo genau das ist mir ein Dorn im Auge.


    Mir will doch keiner Sagen, das er bei den Vorschlägen zur EuropaCity das Gefühl hat, wow - Super hier entsteht öffentlicher Raum den man gerne aufsucht weil die Architektur so spanned ist.


    08/15 wird in Deutschland gebaut - 00/15 also ich finde es eine Schande und bin sehr traurig das es nichtmal in der Hauptstadt für nötig gehalten wird neue Impulse in Sachen Architektur zu setzen.


    Und Endlich diese unsägliche 60´-80´er Jahre quadratisch, praktisch gut - Architektur aufzugeben.


    Das will doch keine sehen, schon gar keine Touristen und in Deutschland brauch ich dafür auch nicht nach Berlin zu kommen, da steht oder entsteht ja nahezu die gleiche/austauschbare Architektur in München, Hamburg oder Köln. (wenn man die Neubauprojekte vergleicht - denkt man das sind immer die gleichen Architekten)


    Ich glaube mit Konstenargumenten wird man ganzen Generationen danach ziemlich ungerecht.


    Vorallem habt Ihr mal darüber nachgedacht wie die Kästen nach 20 Jahren aussehen ?? Oh Gott mir graust es schon vor den grauen, schäppigen angerosteten Kästen.

  • ^


    Mal ganz davon abgesehen, dass "schöne" bzw. "ansehnliche" Architektur im ganz starken Maße subjektiv geprägt ist und von einer Vielzahl von Variablen abhängt, würde ich in der Diskussion ein paar Schritte zurückgehen und dann beobachtet man hier am Hauptbahnhof schlicht die Kräfte, die den Immobilienmarkt zur Zeit beherrschen.


    Warum sollte ich als Projektentwickler hochwertigsten Büroraum erstellen, wenn ich mit einer max. Miete von 20 €/m² kalkulieren muss und keine/kaum Mieter vor Baubeginn finde, da in der gesamten Stadt noch genügend Flächen zur Verfügung stehen? Selbst das bedeutet ja nicht, dass jegliche Bautätigkeit im Bürosektor ausgeschlossen ist - siehe "Humboldt Eins", wo man anscheinend PWC für gewinnen konnte. Nur sind das halt Verlagerungen innerhalb der Stadt.


    (Fast) einziger Lichtblick bleiben die staatlichen Bauprojekte. Gerade in der Gegend gibt es mit dem BMBF-Neubau und der Lüders-Erweiterung doch Beispiele, die über reine 08/15-Funktionsbauten hinausgehen. Das der Wille nach mehr architektonischer Qualität - in welcher Form auch immer - da ist, ist meines Erachtens nicht zu bestreiten. Nur ist die Einforderung eben dieser mit dem Argument "ist doch Bundeshauptstadt, hier muss was schickes entstehen" kaum zu rechtfertigen.


    Ergänzung: Ich weiß, dass es ein bisschen einfach ist, mit den Kosten zu argumentieren, dass ist gerade in Berlin immer so ein Totschlagargument, wenn hohe Ansprüche auf eine schwache Marktlage treffen - aber gleich alles pauschal zu verdammen oder in den Himmel zu loben bringt die Stadt(entwicklung) auch nicht weiter. Von daher muss man, ganz pragmatisch, mit den Ressourcen arbeiten, die einem gerade zur Verfügung stehen. So viel von meiner Seite. ;-)

  • alexsb73: Du hast den Sinn meiner Aussage nicht verstanden, vielleicht war ich nicht deutlich genug. Was ich meinte, ist dass die Stadtlandschaft sich normalerweise ständig ändert und dass viele Gebäude die heutzutage entstehen, früher oder später wieder abgerissen werden. Auf diese Weise sammeln sich nach und nach die Gebäude aus verschiedenen Epochen an, üblicherweise weil sie als erhaltenswert betrachtet werden, während der unterdurchschnittliche Kram kommt und geht.