Flughafen Berlin Brandenburg „Willy Brandt“

  • Ich war mal kurze Zeit Teil der LH Flugsteuerung - Revenue Management - habe daher einen (etwas veralteten) Einblick in die Materie:


    Ohne Berlin als internationales LH Reiseziel hätte es damals keine ca. jeweils 15 Verbindungen nach/von FRA/MUC gegeben. Das Angebot wäre der damals nahenden 4h Bahnverbindung München - Berlin und bestehenden 4h Frankfurt-Verbindung nicht mehr ebenbürtig. Ohne stündliche Verbindung verliert man langfristig gegenüber der Bahn. Die Befürchtung war damals, dass man mit den schwindenden Berlin-Zubringerverkehr bei internationalen BER-Direktverbindungen die stündlichen Verbindungen mit dann vllt 30-40% Auslastung nicht mehr halten könne.


    Der Deutschlandverkehr der LH war und wird sicher auch heute ein reines Zuschussgeschäft sein. Damit verdient man kein Geld, sondern füttert nur die eigene profitable Landstrecke und wenige profitable Europa-Strecken.

  • Zur Wahrheit gehört eben auch, dass die Lufthansa bei den Innerdeutschen Flügen teilweise fast ein Monopol besitzt, damit u.a. gerne Zubringerflüge macht und dazu eben ihre bestehende Infrastruktur am liebsten immer weiter wachsen lässt und entsprechend weiter ausbaut. Dass hier kein Zusammenhang zur zögerlichen Vergabe von Landerechten besteht (und dann entsprechenden Darstellungen nur halbherzig widerlegt werden), halte ich daher nicht für plausibel


    Wenn es noch stimmt, was Artec zur Rentabilität innerdeutscher Flüge berichtet, ist es ja kein Wunder, dass es außer LH niemanden gibt, der so was anbietet. Dafür braucht man anscheinend mit den profitablen Langstrecken eine interne Quersubventionierung, die natürlich LH leichter leisten kann; du nennst es halt Monopol, auch gut, Dass LH gegenüber dem Verkehrsminister oder auf EU-Ebene für diese ihre Interessen eintritt, ist aus Sicht des Unternehmens m.E. völlig ok. Sie wären ziemlich beknackt, wenn sie das nicht täten, wer sonst würde es tun? Emirates, AirFranceKLM, BA und alle anderen sind auch nur ihrem eigenen Interesse verpflichtet, ohne sich um Berlin oder sonst wen zu kümmern.


    Die Vergabe von Landerechten ist nicht zögerlich. Wie das Beispiel Katar zeigt, sind Landesrechte das Ergebnis eines wechselseitigen Gebens und Nehmens; und wie wir gelesen haben, hängt es im Fall VAE/Emirates am Geben. Offensichtlich waren Direktverbindungen nach Berlin den Scheichs in Dubai nicht so wichtig, dass sie dafür z.B. die Beteiligung von EU-Staatsbürgern und -firmen an ihren Airlines zulassen würden oder EU-Standards bei den Passagierrechten, Entschädigungsregeln und weiß nicht was akzeptieren wollten. Auch gut, aber dann gibts eben keine Landerechte in Berlin. Soll man für - ich hätte fast geschrieben: das arme - Berlin das völkerrechtliche Prinzip der Gegenseitigkeit opfern? Sollte man nicht, finde ich, will sagen, es hängt eben mehr dran als ein paar ersparte Umstiege in FRA oder MUC.

  • Bis auf die angekündigte Route Berlin-Washington von United sowie die Verbindungen der neuen Airline Norse nach LA und NY gab es alle anderen derzeit bekannten Verbindungen bereits vor Covid.

    Das gilt übrigens auch für die in wenigen Tagen hinzukommende/i.e. zurückkehrende Verbindung Berlin-Peking.


    Insgesamt gibt es dann kurzfristig bald 2 Langstrecken in die USA (evtl. mittelfristig 3, je nachdem ob Washington wie angekündigt kommt). Dabei wird NY sogar täglich und doppelt bedient und LA erstmals wieder seit 2017 sowie immerhin 3 mal pro Woche. In umgekehrter Richtung gibt es je eine Direktverbindung nach Singapur, eine nach Peking sowie noch eine nach Doha, wenn man das mit knapp 6 Stunden als echte Langstrecke zählt. Vietnam wäre mE eine gerade für die vietnamesisch-stämmige Community sehr erfreuliche zusätzliche Verbindung. Übrigens steht in dem von Dir verlinkten Artikel, dass die erst seit Februar in Europa operierende Bamboo nach Frankfurt-Hanoi und London-Hanoi so bald wie möglich eine zweite Strecke nach Frankfurt aufnimmt und dazu "direkte Flüge nach Berlin und München prüft/studiert" (also im Plural). Ebenfalls wird ausgeführt, wie die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Vietnam und England durch Direktverbindungen profitieren.


    tunnelklick Genau das hat sich ja durch das Quasi-Monopol ein Stück weit geändert: Die Lufthansa hat einige Verbindungen weitgehend für sich und wo immer möglich, die Preise entsprechend angezogen. Wo sie auf Konkurrenzangebote trifft, betreibt sie teilweise umgekehrt Dumping, um diese möglichst klein zu halten/ ggf. loszuwerden. So wird es zumindest in diversen Quellen berichtet. Mir persönlich fehlt da natürlich die genaue Übersicht in mögliche Margen/Quersubventionierungen. Dass Langstrecken besonders profitabel sind, ist dagegen wohl relativ sicher. Vor allem bringen sie oft positive Begleiteffekte.


    @all: Übrigens stieß ich jetzt beim Recherchieren auf einen ganz interessanten Artikel der FAZ (Neue Langstreckenflüge: Fernweh stillen ab Berlin) - leider zu einem großen Teil hinter einer Paywall. In der Einleitung steht sinngemäß drin, dass die Billigflieger evtl. auf der Langstrecke eine Renaissance erleben könnten. Das sei eine lukrative Nische. NORSE habe neben Oslo und London/Gatwick nun eine dritte Basis in Berlin. Schade, dass man bei der FAZ nicht nur für einzelne Artikel zahlen kann. Vielleicht wären noch spannende weitere Entwicklungen beschrieben worden. Scheint danach auch u.a. noch um Scoot zu gehen, die ja als Billig-Airline aus Singapur eine Langstrecke nach Berlin anbieten. Aber man scheint da ja womöglich noch mehr Potential zu sehen.


    Und laut diesem Artikel kehrt im Mai 2023 nicht nur voraussichtlich Delta Airlines zurück und bedient als dann dritte Airline Berlin-NY (ebenso wie NORSE am JFK-Airport, während Delta Newark nutzt): Ebenfalls im Mai 2023 plant United wohl tatsächlich die Aufnahme von Flügen nach Washington, während Doha schon ab kommenden September bis zu 2x täglich angeflogen werden soll. Das sollte dann mW langstreckentechnisch wieder etwa auf dem Level von vor der Pandemie liegen. Von (in jüngerer Vergangenheit) einstmals ab Berlin angebotenen Strecken fehlen da mE nur noch Toronto/Kanada und Miami/USA.

  • ^ Genau. Bamboo existiert übrigens bereits seit 2017 hat aber den Betrieb erst 2019 aufgenommen. Frankfurt wird seit Februar angesteuert: FRA heißt neue Airline im Linienverkehr willkommen: Erstflug der Bamboo Airways nach Hanoi
    Meine Vermutung ist, dass sie sich zu gegebener Zeit entweder für München oder Berlin entscheiden werden und für eine weitere Expansion noch bestellte Langstreckenflugzeuge benötigen, da aktuell erst drei 787 eingeflottet wurden.


    Es bleibt auf jeden Fall spannend und ich denke, dass Berlin mittelfristig noch die ein oder andere neue Langstreckendestination dazugewinnen wird.

  • [...] Offensichtlich waren Direktverbindungen nach Berlin den Scheichs in Dubai nicht so wichtig, dass sie dafür z.B. die Beteiligung von EU-Staatsbürgern und -firmen an ihren Airlines zulassen würden oder EU-Standards bei den Passagierrechten, Entschädigungsregeln und weiß nicht was akzeptieren wollten. Auch gut, aber dann gibts eben keine Landerechte in Berlin. [...]


    Emirates möchte gerne nach Berlin (und Stuttgart) fliegen und dürfte es auch, müsste dafür allerdings eines der vier anderen deutschen Ziele (Frankfurt, München, Düsseldorf oder Hamburg) aufgeben. So ist es im Luftverkehrsabkommen zwischen den VAE und Deutschland geregelt (Q). Offensichtlich sieht Emirates in Berlin also nicht so viel Potential wie an den anderen Standorten.