Karl-Marx-Allee/Frankfurter Allee

  • Die gründerzeitlichen Mietskasernen - die ja den Standardtypus gründerzeitlicher Architketur darstellen und sicher 90% aller erhaltenen Bauten dieser Epoche stellen, auch das erste sind, was jedem bei "Gründerzeitarchitektur" in den Sinn kommt - zeigen die entsetzliche Geistesarmut und Geschmacklosigkeit dieser Zeit natürlich am Krassesten, aber ich kann nicht umhin, die architektonische Epoche insgesamt, auch in ihrern qualitätvolleren Solitärbauten, als eine Art einzige stilistische Entgleisung zu betrachten. Es dürfte keine andere Epoche gegeben haben, die so überhaupt nichts Eigenes zu sagen hatte und sich ausschließlich mittels eklektizistischen, wahllosen Zusammenschmeißens von aus dem Kontext gerissenen pittoresken Einzelelementen vergangener Epochen ausdrückte, und das noch dazu fast ausnahmslos nicht einmal in Form gelungener, stilreiner Kopien, sondern in der protzigsten, aufgeblasensten, hohlsten und geschmacklosesten denkbaren Form. Alles in allem aber ein passender Ausdruck für eine Gesellschaft, deren typische Repräsentanten der Finanzspekulant und der reaktionäre Kleinbürger waren.



    Solche Beschimpfungsorgien, mit der ihnen innewohnenden Selbsterhöhung, sind schon schwer zu ertragen. Auch wenn sie entfernt an Thomas Bernhard erinnern (allerdings fehlt hier die ironische Brechung).
    Wenn die Leistungen einer ganzen Epoche und damit natürlich auch ihre erhelblichen Hinterlassenschaften in allen deutschen Städten, die dazu noch heute sehr beliebt sind, abgeurteilt werden, zeugt dass von erheblicher Arroganz. Das trifft Berlin natürlich insbeondere und als ganzes und entspricht dem Denken, dass zur Folge hatte, dass in Ost wie West nach dem Krieg im großen Stil Stadtzerstörung begangen wurde, die heute sicher die meisten Berliner bedauern.


    Natürlich waren die gründerzeitlichen Mietskasernen Massenware. Es bestand nicht der Anspruch Baukunstwerke zu schaffen und der spekulative Wert stand beim Bau im Vordergrund. Um so erstaunlicher ist es, dass auf diese Weise dauerhaft lebendige, beliebte und sogar schöne Stadtquartiere geschaffen worden sind. Am besten kann man das heute im schönen Prenzlauer Berg um den Kollwitzplatz betrachten, einem alten Arbeiterbezirk. Aber natürlich auch in allen anderen Bezirken des wilhelminischen Gürtels. Wahrscheinlich entspringt die Wut gegen die Gründerzeit der Hilflosigkeit gegenüber der heutigen Architektur, der so etwas nicht gelingen mag (siehe Dubai, Peking, Singapore etc...).

  • ^Komischerweise wohnen in fast allen deutschen Städten die Menschen am liebsten in sanierten Altbauten aus der Gründerzeit. Das muss ein Virus sein, der bis heute nicht zur Strecke gebracht wurde!

  • ^
    das mag wahrscheinlich stimmen.
    aber man muss doch hinzufügen das dieser umstand erst durch sehr kostspielige qualitätssteigerungen in der wohnqualität der häuser ermöglicht wurde. der heute recht gefragte prenzlauer berg war lange alles andere als eine angenehme wohngegend. ob zur kaiserzeit oder während der DDR.
    zentral gelegene viertel der "moderne" sind inzwischen zumindest in berlin übrigens ähnlich gefragt (man denke z.b. an teile des hansaviertel)


    meiner meinung sind es nicht per se "die gründerzeitler" welche begehrt sind. sie stehen einfach nur zentral und haben durch modernisierung und auflockerung eine aufwertung erfahren. ausserdem passt ihre kleinteiligkeit zu der derzeit vorherrschenden definition des "urbanen". und sie haben inzwischen die würde des alten. sowas schafft atmosphäre die man nicht eben mal hinrekonstruiert oder entwirft.


    die platten südostlich und südlich des alex sind nicht unbedingt mein ding. aber sie sind im grunde gründerzeitler des sozialismus. sie haben ihre daseinberechtigung und bieten recht attraktiven wohnraum (aufzüge, ausblicke, zentralheizung, usw.). sie sollten meines erachtens gepfelgt werden. eine geschickte ergänzung durch nahversorgungseinrichtugnen in gut gemachten pavillons fände ich gut.


    d.

  • Dexter: das sehe ich nicht ganz so.
    - Die "Gründerzeitler" bieten die Chance auf Urbanität durch Kleinteiligkeit und Dichte, wie sie das Hansaviertel und die "Gründerzeitler des Sozialismus" niemals bieten werden/können - egal wo sie stehen. Die (teilweise) zentrale Lage der Gründerzeitler ist notwendige aber nicht hinreichende Bedingung für das, was sie heute "leisten" und warum sie so beliebt sind.


    - Auch das Thema "notwendige, teure Qaulitätssteigerungen" sehe ich anders. Berlin ist da durch Zwischenkriegsarmut und die darauffolgenden 2 Diktaturen ein schlechtes Beispiel (Verfall, Investitionsstau). Paris oder Mailand sind eher frei von solchen Verzerrungen. Und es zeigt sich: Jede Epoche, von Barock bis Moderne, braucht einfach kontinuierliche Investitionen um den aktuellen Standards zu entsprechen. Das gilt für das Hansaviertel (Gasbrenner und Wärmedämung) ebenso wie für das Nicolaihaus. Gründerzeitler sind weder im Positiven noch im Negativen eine Ausnahme.


    - Dass das Hansaviertel fast voll vermietet ist, sagt nichts über seine Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich zu Gründerzeitlern. Dazu sind Wohnungen in zentraler Lage (und bezahlbare erst recht) einfach viel zu knapp. Ich würde aber einen ziemlich hohen Betrag wetten, dass die Hansaviertel-Türme bis auf die oberen Etagen komplett leer stehen würden, wenn man den Bewohnern zu gleichen Bedingungen ein paar Meter weiter eine Wohnung in einem intakten Gründerzeitler-Strassenzug anbieten würde (auch die Görlitzer kommen da mal an ;-))

  • ^^
    Zu dem Zeitpunkt als die Hochhäuser neu waren, waren sie beliebter als die Altbauwohnungen da sie eine modernere Ausstattung boten. Auch Heute gibt es sicherlich sehr viele Menschen die eine aktuelle Neubauwohnung einer renovierten Gründerzeitwohnung vorziehen würden. Im Prenzlauer Berg wurden ja in letzter Zeit wieder recht viele errichtet. Da bekommt man recht gute Trittschalldämmung, bodentiefe Fenster, Fußbodenheizung usw.


    Das besondere Merkmal der Altbauwohnungen sind die höheren Räume. Die werden heute aus Kostengründen nur noch selten gebaut und wurden ja auch in Altbauwohnungen in der Vergangenheit oft abgehängt da sie ja neben den höheren Baukosten auch höhere Unterhaltskosten verursachen.


    Ein Industrieloft mit großen Raumhöhen ist ja auch ohne verzierte Fassade attraktiv.


    Ich würde aber einen ziemlich hohen Betrag wetten, dass die Hansaviertel-Türme bis auf die oberen Etagen komplett leer stehen würden, wenn man den Bewohnern zu gleichen Bedingungen ein paar Meter weiter eine Wohnung in einem intakten Gründerzeitler-Strassenzug anbieten würde (auch die Görlitzer kommen da mal an ;-))


    Da bin ich mir nicht sicher. Wenn man mal in so einer Wohnung mit freier Aussicht auf den Tiergarten gewohnt hat ist es gar nicht so leicht sich wieder an Straßenniveau und Nachbarn die einem in die Fenster sehen können zu gewöhnen. Vermutlich sind auch die Unterhaltskosten im Hansaviertel niedriger als in vergleichbar großen Vorkriegswohnungen und daher die Bedingungen niemals gleich. Einigen ist ein reservierter privater Parkplatz wichtiger als alles andere. Naja.

  • Die "Gründerzeitler" bieten die Chance auf Urbanität durch Kleinteiligkeit und Dichte, wie sie das Hansaviertel und die "Gründerzeitler des Sozialismus" niemals bieten werden/können

    der hochverdichte, "historisch-perspektivische" (achsen, fassaden, hierarchien, schmuckplätze) Städtebau des 19. Jahrunderts wurde zu Beginn des 20 Jahrunderts bereits als gescheitert betrachtet. und die nicht aus ideologischen sondern aus rein praktischen gründen. warum? weil die quantitative dichte den anforderungen moderner metropolen im weg stand. die städte wurden schlichtweg zu groß um sich ein solches klein klein auf zunehmend mehr quadratkilometern zu leisten.


    dieser städtebau entsprach schon bald nicht mehr den produktions- reproduktionsbedingungen kaptialistischer (westen) und staatskapitalisitscher (osten) gesellschaften. dieser umstand erklÄrt warum beide "systeme" auf die gleichen lösungen setzten.



    der städtebau der "moderne" (abstrakt, wenig "fassade", weniger hierarchisch) versuchte abhilfe zu schaffen und tat dies. den anforderungen einer nun mobileren (Auto), reicheren (wohlfahrsstaat) und gesünderen (hygiene usw.) gesellschaft wurde rechnung getragen.
    nun wurde ein immenser sprung in wohnqualität für die breite der gesellschaft erreicht. und die entsprang auch den etablierten kapitalistischen/staatskapitalistischen wirtschaftskreisläufen. daher sprach ich auch von "gründerzeitler".


    die engführung des begriffs "urban" auf die großstadt des 19. Jahrhunderts ist anachronistisch. nicht aus ideologischen gründen, aus rein wirtschaftlichen.
    nur der umstand das sich mit den altbauten heute wieder VIEL geld verdienen läst verdeckt zur zeit diese erkenntnis. das ganze ist kein modell für die breite masse.
    die durchgentrifizierten altstädte von paris und mailand bestätigen meine these eher. das sind heute wohnorte der lokalen, nationalen und internationalen eliten.


    d.

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    das mag wahrscheinlich stimmen.
    aber muss doch hinzufügen das dieser umstand erst durch sehr kostspielige qualitätssteigerungen in der wohnqualität der häuser ermöglicht wurde..


    Das ist aber wenig überraschend und hat nichts mit den Gebäuden selbst zu tun. Schließlich mussten auch Plattenbauten die vlt erst 30 Jahre alt sind saniert werden um weiter angenommen zu werden. Es gibt Gebäude die man in den 90ern erneuerte und heute wieder ein Fall für Sanierung sind. Offen verlaufende Heizungsrohre oder Kabelkanäle an den Wänden tut sich heute keiner mehr an der es nicht muss. Die bei Betonwänden nach innen zu verlegen ist logischerweise aufwändiger als bei klassischen Bauweisen.

  • sorry, aber heizungsrohre oder kabelkanäle meine ich nicht wenn ich von einem sprung in der wohnqualität spreche.


    die aufteilung der altbauten entsprach in ihrer ursprünglichen gestalt so gar nicht dem privatheits- umd komfortbedürfnis heutiger generationen.
    die wohnung im "plattenbau" (und anderen nachkriegsbauten) tut dies durchaus. denn jeder wohnungsinhaber (ob single oder familie) hat sein eigenes bad, seine küche, sein schlafzimmer, sein wohnzimmer usw.


    das dies inzwischen als "normal" empfunden wird liegt an den früchten des modernen städtebaus in dem der "plattenbau" eine wichtige rolle gespielt hat. Dabei ging es vor allem darum, funktionierende, alle mit einbeziehende wirtschaftskreisläufe zu etablieren. räume der privaten erhohlung (der reproduktion) sind da ganz wesentlich.


    d.


    Nicht vergessen: in diesem Thread geht es um die KMA und ihre Umgebung. Off-Topic gerade was ihr momentan diskutiert bitte hier rein. Danke.
    Bato

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    Wahrscheinlich ist im Moment kein Bedarf vorhanden? Meiner Meinung nach sollte man sich eh erstmal auf den Alex konzentrieren. Ich bin mir sicher, daß dieser eine Leuchtturmfunktion inne hat, d.h. wenn es dort endlich weitergeht, geht es auch in der Umgebung richtig los. Aber auch nur, wenn der Bedarf vorhanden ist.

  • Die von Mattsid gepostete Grafik ist nicht mehr aktuell, sondern zeigt den Stand der Planung von 1999. Die Wiederherstellung der Landsberger Allee ist mittlerweile ebenso vom Tisch wie die Bebauungen an der Holzmarktstraße oder der Blumenstraße.
    Die Grafik zeigt immerhin ganz gut, in welchem Maß der Städtebau der Moderne an Akzeptanz gewonnen hat.

  • Also ich muss jetzt echt mal dieses Areal verteidigen. Auch wenn ich eine ganze Zeit lang immer für die Verdichtung sämtlicher Gebiete in Berlin war hat sich bei mir doch der Blick geändert. Ich entwickle echt ein großes Interesse an den Plattenbausiedlungen und ich denke das hat was mit der zunehmenden Distanz zu der Zeit zu tun. Je länger das ganze zurück liegt so spannender wirds doch irgendwie. Ich glaube auch um ehrlich zu sein nicht mehr daran dass man in Zukunft so großzügig verdichtet. Erstens sind diese Areale in der inneren Stadt ein wichtiges Zeugnis der sozialistischen Einheitsarchitektur (wo jetzt wieder welche sagen könnten davon gibt es noch genug) Aber dazu muss ich sagen in DEM Ausmaß und mit der Vorbildsfunktion und in der Kombination mit der Prachtvollen Karl-Marx-Allee gibt es die nicht ein zweites mal. Ich finde das schon ziemlich beeindruckend. Zweitens hat eine zunehmende Verdichtung die Folge dass die Leute Platz doch wieder mehr zu schätzen wissen. Mir geht es jedenfalls so, ich kann die Nachkriegsarchitektur mit ihrem Drang zum freien Raum immer mehr nachvollziehen.


    Sollte es jemals zu einem dringenden Platzmangel in Berlin kommen kann man diese Gebiete immernoch in Anspruch nehmen. Dann hoffentlich mit einem guten Konzept.

  • Die von Mattsid gepostete Grafik ist nicht mehr aktuell, sondern zeigt den Stand der Planung von 1999. Die Wiederherstellung der Landsberger Allee ist mittlerweile ebenso vom Tisch wie die Bebauungen an der Holzmarktstraße oder der Blumenstraße.
    Die Grafik zeigt immerhin ganz gut, in welchem Maß der Städtebau der Moderne an Akzeptanz gewonnen hat.


    Hier mal der aktuelle (?) Planungsstand von 2010:



    Wenn ich das richtig sehe, Bebauung:


    Blumenstraße - nay
    Holzmarktstraße - yay
    Landsberger Allee - nay

  • Wunderknabe
    Die aktuellen Planungen für das Gebiet wurden während einer Bürgerversammlung am 19.12.2011 in der Kongresshalle vorgestellt, diese wurden hier im Forum in der Rubrik "Sanierung von Plattenbauten" diskutiert.


    Und da ist es tatsächlich so, dass die Wiederherstellung der Landsberger Allee und der Blumenstraße ebenso vom Tisch sind wie die Bebauungen an der Holzmarktstraße (Nordseite) und im Bereich Blumenstraße.


    Diskussionen gibt es über Bebauungen an der Schillingstraße (anstelle der Ladenpavillons) und im Bereich Berolinastraße (anstelle des Nahversorgungszentrums). Weiterhin sind zweigeschossige Pavillons im westlichen Bereich der Karl-Marx-Allee geplant, analog den schon existierenden Pavillons. Diese Pavillons waren bereits 1960 geplant.


    Während der Bürgerversammlung wurde auch ein Faltblatt mit den entsprechenden Planungen verteilt, ich denke, dieses Faltblatt wird auch jetzt noch beim Bezirksamt Mitte erhältlich sein.


    Hier gibt es noch einen Artikel der Berliner Zeitung zu dem Thema:


    http://www.berliner-zeitung.de…ts,10809148,11341598.html

  • Gut zu wissen, obwohl ich es schade finde dass man nun dort so wenig verändern wird.


    Die Planungen sahen ja überwiegend Ergänzungen vor und keine Abrisse.


    Schade dass aus welchen Gründen auch immer diese Viertel weiterhin unter ihren Möglichkeiten bleiben werden.


  • Hier gibt es noch einen Artikel der Berliner Zeitung zu dem Thema:


    http://www.berliner-zeitung.de…ts,10809148,11341598.html


    Auch wenn der Artikel schon etwas älter ist, finde ich ja eine Stelle besonders lustig: "Gebaut werden darf auch hinter dem Rathaus Mitte an der Berolinastraße, der kleine Supermarkt wird abgerissen. Ursprünglich wollte dort ein Investor 14 Etagen in die Höhe. ,Das schlimmste konnten wir aber verhindern`, sagt Stadtplanungsamtschefin Kristina Laduch."


    Die schlimmen 14 Etagen in die Höhe konnten sie also verhindern... Ist nicht das Rathaus Mitte auch ziemlich genau 14 Etagen hoch? Scheint mir eher als wollten sich die Mitarbeiter ihre schöne Aussicht nicht verbauen lassen.

  • So, nach längerer Urlaubspause mal wieder ein Beitrag von mir ;)


    Der Anlass ist leider weniger erfreulich. Bei der Sanierung einiger der Zuckerbäckerbauten an der Karl-Marx-Allee wurde offenbar gepfuscht. Für die Außenfassade wurden Keramikfliesen verwendet die hierfür jedoch gar nicht zugelassen sind. Das Ergebnis ist vor Ort ersichtlich - Platten fallen teilweise ab und Netze sollen vor fallenden Fliesen schützen.


    In dem TS-Artikel wird befürchtet, dass die einst prachtvollen Fassaden auf Jahre hinaus hinter Netzen und Gerüsten verschwinden könnten. Eine zweite durchgreifende Sanierung in gut zehn Jahren könnte die Eigentümer dem Vernehmen nach überfordern. Geld sei zu wenig vorhanden.


    Traurig, traurig...


    Artikel Tagesspiegel

  • Da in diesem Thread auch über die Karl-Marx-Allee diskutiert wurde, will ich meinen Beitrag mal hier einstellen.


    Gestern fand in der Kongresshalle am Alexanderplatz das 9. Hermann-Henselmann-Kolloquim zum Thema "Koevolution der Moderne - Karl-Marx-Allee / Interbau 1957" statt. Bei der Veranstaltung ging es vor allem um den Antrag des Landes Berlin, die Karl-Marx-Allee und die Interbau 1957 auf die UNESCO-Welterbeliste setzen zu lassen. Auf dem Kolloqium sollte vor allem über das weitere Vorgehen diskutiert werden.


    Zu Beginn der Veranstaltung wurde der Berliner Nominierungsvorschlag von Matthias Rudolph vom Bürgerverein Hansaviertel, Thomas Flierl von der Hermann-Henselmann-Stiftung und Dagmar Tille von der Senatverwaltung für Stadtentwicklung vorgestellt. Demnach ist das Prozedere so, dass der Antrag vom Senat 2012 beschlossen wurde. Derzeit wird der Antrag von der Kultusministerkonferenz geprüft, diese will bis Mitte 2014 über ihn entscheiden. Anschließend gelangt der Antrag auf die Tentativliste für das UNESCO-Welterbe. Die endgültige Entscheidung der UNESCO könnte dann in 15 bis 20 Jahren erfolgen.


    Auf diesen Einstieg folgten eine Reihe von Fachvorträge, die sich mit der Bedeutung der Nachkriegsmoderne in sowohl in Ost- wie in West-Berlin beschäftigten. Andreas Butter vom IRS Erkner referierte über die wenig bekannte erste Nachkriegsmoderne in Ost-Berlin, Wolfgang Pehnt besprach die Bedeutung der Interbau 1957, Irma Leinauer trug ihre Forschungsergebnisse zum Wohngebiet Karl-Marx-Allee, 2. Bauabschnitt, vor. Weitere Vorträge behandelten das Kulturforum (Gabi Dolff-Bonekämper), die Botschaftsgebäude (Kerstin Wittmann-Englert), den Vergleich von ICC und Palast der Republik (Annette Menting) und Bürgerbeteiligungsverfahren (Harald Bodenschatz). In diesen Vorträgen wurde deutlich, dass Berlin wie kaum eine andere Metropole in Europa über einen hochkarätigen Schatz an Gebäuden der Nachkriegsmoderne verfügt. Vor allem die Tatsache, dass beide Stadthälften die Schaufenster des Ostens bzw. des Westens waren, hatte zur Folge, dass in beiden Stadthälften besonders qualitätvolle Gebäude und Ensembles entstanden. Teilweise lieferten sich beide Systeme einen architektonischen Wettbewerb, der zu einer außergewöhnlichen Qualität führte. Harald Bodenschatz zog in seinem Vortrag Parallelen zu den 1970er Jahren, als das Europäische Jahr des Denkmalschutzes 1975 zum Ausgangspunkt für eine Neubewertung der Altbausubstanz wurde. Der Welterbeantrag könnte die gleiche Entwicklung in Bezug auf die Nachkriegsmoderne anstoßen.


    Der nächste Block diskutierten Politiker, Experten aus der Verwaltung und betroffene Bürger konkrete Probleme des Welterbeantrages. Bei diesen Beiträgen wurde deutlich, dass für einen erfolgreichen Welterbeantrag noch viele Aufgaben zu erledigen sind. Besonders interessant war der Beitrag der Leiterin des Stadtplanungsamtes Mitte, Kristina Laduch, zum Wohngebiet Karl-Marx-Allee 2. Bauabschnitt. Sie führte aus, dass es zur Zeit einen massiven Druck von Investoren auf dieses Gebiet geben würde, die dort Neubauten errichten wollen. Das Bezirksamt Mitte versucht diesen Druck mithilfe von Veränderungssperren aufzufangen, allerdings wäre dies keine Dauerlösung. Daher wäre es nötig, das ganz Gebiet als Denkmalbereich auszuweisen. Manfred Kühne von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung berichtete von Auseinandersetzungen über die Sanierung der Fahrbahnen und Fußwege. Früher hätte es Pläne gegeben, den Querschnitt der Straße komplett zu verändern, diese Planungen wären mit Rücksicht auf den Welterbeantrag aufgeben worden. Anwohner der Karl-Marx-Allee und des Hansaviertels berichteten übereinstimmend von der Vernachlässigung der öffentlichen Freiflächen in beiden Gebieten. Klaus Lingenauer vom Landesdenkmalamt machte deutlich, dass das Land Berlin viel zu wenig Geld für die Pflege seiner Freiflächen ausgeben würde und dass die Gartendenkmalpfleger daher oft mit "dem Rücken an der Wand" stünden.


    Die künftigen Aufgaben standen auch im Mittelpunkt der Abschlussdiskussion, die von Volker Hassemer von der Stiftung Zukunft Berlin geleitet wurde. In dieser Debatte waren sich die Teilnehmer Jörg Haspel (Landesdenkmalamt), Ellen Haußdörfer (SPD), Stefan Evers (CDU), Katrin Lompscher (Die Linke) und Thomas Flierl einig, dass der Welterbeantrag eine große Chance für Berlin wäre. Vor allem würde er die Chance bieten, die von Teilen der Bevölkerung noch immer wenig wertgeschätzte Nachkriegsmoderne populärer zu machen. Einig waren sich die Diskutanten aber auch in der Frage, dass für einen Erfolg des Antrages noch viel zu tun wäre. In der Diskussion, an der sich auch das Publikum beteiligte, kristallisierten sich vor allem folgende Aufgaben heraus: Die rechtlichen Instrumente für den Schutz von Ensembles der Nachkriegsmoderne müssen wesentlich verbessert werden. Beispielsweise müsste das Wohngebiet Karl-Marx-Allee 2. Bauabschnitt dringend als Denkmalbereich ausgewiesen werden. Auch über die Bebauung des Alexanderplatzes, der ja in der Pufferzone des Welterbegebietes liegen würde, müsste neu diskutiert werden. Dann müssten die Gelder für den Erhalt der Bausubstanz und vor allem der Freiflächen aufgestockt werden. Und zu alledem müssten mehr Gelder für Forschungen und Publikationen zur Nachkriegsmoderne bereitgestellt werden. Kleinere Meinungsverschiedenheiten gab es zu der Frage, wie weit der Welterbebereich ausgelegt werden sollte. Stefan Evers äußerte die Idee, dass auch das Rathausforum in die Welterbedebatte einbezogen werden könnte, Thomas Flierl und Jörg Haspel warnten dagegen vor einer Überdehnung des Welterbeantrages.


    Insgesamt hat die rund 12-stündige Veranstaltung eine geballte Ladung an Informationen geboten. Alles in allem denke ich, dass sie einen wichtigen Auftakt zu einer längst fälligen Diskussion geleistet hat.